Die ostfriesischen Berge

Der Plytenberg in Leer ist ein künstlicher Hügel.
Der Plytenberg in Leer ist ein künstlicher Hügel.

Auf den ersten Blick ist Ostfriesland vor allem eins: flach. Es gibt dort keine Berge, nicht einmal Hügel oder nur wenige besonders auffällige Höhenunterschiede, zumindest im Vergleich mit anderen Gegenden. Der Ostfriese sieht das ein bisschen anders. Für ihn ist jede kleine Erhöhung ein Berg (auf Plattdeutsch Barg). Davon zeugen zahlreiche Ortsnamen wie Voßbarg (Fuchsberg; westlich von Wiesmoor) oder Siebenbergen (im Nordosten von Leer). Die Namen gehen entweder auf natürliche Sandhügel oder -dünen zurück oder auf prähistorische Grabhügel.

Grabhügel aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit waren in einigen Gegenden Ostfrieslands zahlreich. In Siebenbergen waren es einmal mindestens 52, aber die allermeisten sind inzwischen eingeebnet, eine Folge der Landwirtschaft. Die kläglichen Reste kann man sich in einem kleinen Waldstück nördlich der Siebenberger Straße ansehen. Im Heimatmuseum in Leer ist die Rekonstruktion eines Grabhügels als Modell ausgestellt. Auch die bei der Untersuchung der Siebenberger Grabhügel Anfang des 20. Jahrhunderts ausgegrabenen Fundstücke wie neolithische Glockenbecher werden dort gezeigt.

Eine sandige Gegend

Ostfriesland ist eine sehr sandige Gegend. Das mag man gar nicht für möglich halten angesichts der scheinbar allgegenwärtigen saftig grünen Weiden. Der Sand ist während der letzten Eiszeit abgelagert worden und bildet stellenweise regelrechte Dünenlandschaften. Weil Siedlungen häufig nach landschaftlichen Merkmalen benannt wurden, heißen Ortschaften in Ostfriesland eben Sandhorst oder Voßbarg.

Die höchste natürliche Erhebung auf dem ostfriesischen Festland ist eine solche Sanddüne. Der Kugelberg liegt im Naturschutzgebiet Hollesand in der Gemeinde Uplengen (20 Kilometer nordöstlich von Leer). Er bringt es auf die stattliche Höhe von 18,6 Metern. Die höchste Erhebung von ganz Ostfriesland ist die Walter-Großmann-Düne auf der Insel Norderney, die auf 24,4 Meter über Normalnull kommt. Die würde aber kein Ostfriese als Berg bezeichnen. Auf den Inseln ist eine Düne einfach eine Düne.

Einen guten Eindruck von einer späteiszeitlichen Sanddünenlandschaft – oder was davon übrig ist – bekommt man im Heseler Wald (der eigentlich Heseler Forst heißen müsste, weil es sich um einen künstlich angelegten Wald handelt). Dieses mit 600 Hektar größte zusammenhängende Waldgebiet Ostfrieslands entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf ehemaligen Heideflächen. Die Bäume wurden gepflanzt, um die Verwehung des abgelagerten Flugsandes zu unterbinden. Schon bei der Anfahrt auf der Landesstraße zwischen Hesel und Remels fallen die für Ostfriesland ungewöhnlichen Höhenunterschiede auf. Als Ausgangspunkt für einen Spaziergang bietet sich der Parkplatz am Silbersee an.

Die allerhöchsten Erhebungen in Ostfriesland sind allerdings inzwischen künstlicher Natur: Die renaturierten Mülldeponien in Mittegroßefehn und Breinermoor ragen wie Tafelberge aus der flachen Landschaft.

Ein sagenumwobener Hügel

Nicht ganz so auffällig, dafür aber sagenumwoben ist der neun Meter hohe Plytenberg. Er liegt am westlichen Stadtrand von Leer (am Ende der Plytenbergstraße). Es handelt sich dabei um einen Aussichtsposten, von dem aus die Besatzung der Festung Leerort an der Mündung des Flüsschens Leda in die Ems im 15. und 16. Jahrhundert die Gegend in Richtung Emden überwachte. Die Einheimischen erzählen aber lieber von den zwergenhaften Erdmanntjes, die den im Plytenberg versteckten Schatz von Friesenkönig Radbod bewachen. Eine andere Geschichte handelt davon, dass dort ein Wikingerkönig mit seinem Schiff bestattet wurde. Wer, im übertragenen Sinne, etwas tiefer gräbt, wird feststellen, dass beide Geschichten erst Anfang des 20. Jahrhunderts ausgedacht wurden, als schon lange niemand mehr wusste, wozu der Plytenberg ursprünglich diente.

Wer Ostern in Leer ist, kann am Plytenberg mit etwas Glück altes ostfriesisches Brauchtum erleben: Eiertrüllern und Eierbicken (im alten Blog). Beim Trüllern lassen Kinder ihre hartgekochten Ostereier den Hügel herunterrollen. Gewonnen hat derjenige, dessen Ei am weitesten getrüllert ist, ohne zu zerbrechen. Beim Bicken werden die Eier mit der Spitze gegeneinander geschlagen. Gewonnen hat derjenige, dessen Ei heile bleibt. Er darf das Ei des Gegners verspeisen.

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