Jeder König in seinem eigenen Haus

Ansicht des Emder Hafens von 1810 (Stich von G. A. Lehmann)
Ansicht des Emder Hafens von 1810 (Stich von G. A. Lehmann)

Der Engländer Thomas Hodgskin hat Anfang des 19. Jahrhunderts den Norden Deutschlands besucht und unter dem Titel »Travels in the North of Germany« einen Reisebericht verfasst, der 1820 erschien. Für ein paar Tage war er auch in Ostfriesland. Ich habe darüber vor ein paar Jahren diesen Bericht für die OZ-Beilage »Unser Ostfriesland« geschrieben.

Wohlwollendes Urteil

»Ostfriesland ist nach dem Land Hadeln der am wohlhabensten erscheinende Teil Deutschlands.« Dieses überraschend wohlwollende Urteil über einen gemeinhin als ärmlich und zurückgeblieben angesehenen Landstrich stammt von dem Reiseschriftsteller Thomas Hodgskin. Der Schotte bereiste in den Jahren 1817 bis 1819 größtenteils zu Fuß den Norden Deutschlands und hat darüber ein Buch geschrieben, das 1820 in Edinburgh in zwei Bänden erschien, aber nie ins Deutsche übersetzt wurde: »Travels in the North of Germany«.

Hodgskin war kein Schwärmer, er vertrat utilitaristische und zeitweise antikapitalistische Positionen, seine Reiseberichte beschränkten sich nicht nur auf die Beschreibung von Landschaft, Sehenswürdigkeiten und Geschichte. Er wollte auch den politischen und sozialen Verhältnisse des Landes nachspüren und seinen Lesern vermitteln. So erlaubt sein Buch Einblicke in das Alltagsleben zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Reise führte Hodgskin vom 18. oder 19. bis 23. Juni 1818 durch Ostfriesland. Zuvor war der Schotte in Oldenburg gewesen. Sein Urteil über die Residenzstadt ist nicht gerade schmeichelhaft; sie habe nichts, was einen Aufenthalt lohne. Es gebe kein Theater und keine Universität und nur einen Buchhändler in der Stadt. Das Oldenburger Land sei in Apathie und Unwissenheit versunken.

Ganz anders dagegen Ostfriesland, das Hodgskin wahrscheinlich auf der alten Landstraße von Oldenburg über Remels erreicht. Dort stellt er gleich eine »höhere Kultur« fest: Die Häuser seien größer, sauberer und in einem besseren Zustand als im Oldenburger Land. In dem Haus, in dem er vermutlich in der Gegend von Hesel die erste Nacht verbringt, bewundert der Reisende China-Porzellan in den Schränken und holländische Kacheln an der Feuerstelle. Die Menschen in Ostfriesland, glaubt der Reisende, hätten im Gegensatz zu den Oldenburgern mehr als das Nötigste zum Leben. Er hält sie sogar für stattlicher und besser aussehend, für besser gekleidet und besser ernährt als die Menschen in den meisten anderen Teilen Deutschlands: ein stolzes, aufrechtes Volk, das nur wenige Adlige und keine Unfreien hat, in einem Land, so zitiert Hodgskin einen »respectable merchant of Embden«, einen achtbaren Emder Kaufmann, wo jeder König in seinem eigenen Haus sei.

Kleine Beobachtungen am Rande machen den besonderen Reiz von Hodgskins Bericht aus. Bei seinem Marsch nach Aurich trifft er eine Gruppe von Leuten, die die Straße reparieren. Bis zu 20 Tage im Jahr, erfährt er, könnten Grundstücksbesitzer zur Straßen-Instandsetzung herangezogen werden. Die reichen Bauern würden einen ihrer Bediensteten schicken, aber die weniger Wohlhabenden müssten ihre eigene Arbeit für eine reichlich sinnlose Tätigkeit liegen lassen: Weil es keine Steine gebe, werden die schadhaften Stellen mit Sand aufgefüllt, den schon der nächste Regen zurück in den Graben spüle.

Der »spirit of enterprise«

An den Ostfriesen schätzt Hodgskin den Unternehmergeist (»spirit of enterprise«), mit der an der Verbesserung der Lebensverhältnisse gearbeitet werde, während sich in anderen Landesteilen des Königreichs Hannovers – zu dem Ostfriesland in den Jahren 1815 bis 1866 gehörte – der Fortschritt im Bau von Schafställen erschöpfe. Er lobt vor allem den privat finanzierten Kanalbau zur Kultivierung der Moore. Den herrschenden Geist, die Dinge zum allgemeinen Nutzen selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht auf Herrscher und Regierungen zu verlassen, entdeckt der Schotte auch im Deichbau, in den vielen Windmühlen und in der gedeihlichen Landwirtschaft. Die Not und das Elend gerade in den Moorsiedlungen sieht er allerdings nicht.

Das Auricher Armenhaus im Jahr 2012
Das Auricher Armenhaus im Jahr 2012

In Aurich, der alten Residenzstadt der Cirksena, dessen ehemaliges Schloss nur noch eine Baracke ist, fällt Hodgskin das Armenhaus auf. 42 alte Männer und Frauen sowie Kinder leben dicht gedrängt in einem kleinen Haus, aber alles ist sauber und ordentlich. Die Jüngeren versorgen drei Kühe und tragen so zum Lebensunterhalt der Übrigen bei. Von städtischer oder kirchlicher Seite bekommen die Bewohner nur etwas Geld, um Brot zu kaufen, ansonsten sind sie auf sich gestellt.

Die Sauberkeit ist etwas, das Hodgskin immer wieder ausdrücklich betont, etwa bei der Beschreibung der großen Bauernhöfe. Obwohl alles »unter einem Dach« liege, bestehe kein Mangel an Sauberkeit, der Wohnteil sei vom Stall getrennt und habe einen eigenen Eingang, was, so muss man im Umkehrschluss wegen der ausdrücklichen Erwähnung wohl folgern, Hodgskin nicht überall sonst auf seinen Reisen angetroffen hat.

Angetrunkene Frauen auf dem Treckfahrtskanal

Der Reisende verlässt Aurich mit dem Boot und fährt auf dem Treckfahrtskanal nach Emden. Dabei kommt es zu einer weniger schönen Begegnung, die den Reisenden an die Hafenviertel seiner Heimat erinnert: Auf dem Schiff fahren einige angetrunkene Frauen mit. »Sie sangen, waren ausgelassen und verspotteten jeden Wanderer auf der Straße«, schreibt Hodgskin. Aber, versicherte ihm ein Mitreisender, diese Frauen seien die absolute Ausnahme.

Am Abend kommt das Schiff in Emden an. Emden gilt Hodgskin als ein Beispiel dafür, wie unter den Fürstenhäusern Freiheit und Selbständigkeit und damit wirtschaftliche Potenz verloren gehen. Der Handel sei in den Jahren nach dem Ende der Franzosenherrschaft zurückgegangen. Der Emder Hafen werde immer seichter, und die Regierung in Hannover habe nichts weiter dagegen unternommen, als einen Ingenieur zu ernennen und den einst städtischen Zoll jetzt selbst zu kassieren. Dennoch macht sich Hodgskin keine Sorge um die Zukunft der Stadt: Solange der Hafen noch groß genug sei für ein einziges Schiff, werde der Handel immer bedeutend sein.

Sonntag im calvinistischen Emden: Es wird nicht gearbeitet, die Einwohner gehen zur Kirche und gönnen sich nur das Vergnügen eines Spaziergangs. Bei dieser Gelegenheit mag Hodgskin auch Muße gehabt haben, die Emder und ihre Kleidung genau zu studieren: »Die Einwohner waren größtenteils gut aussehend und sauber gekleidet. Die Kleidung der Frauen bestand im allgemeinen aus einer kurzen weißen oder farbigen Jacke, schwarzem Rock und schwarzer Seidenschürze, einer eng anliegenden weißen Kappe und einem Kragen um den Nacken, während viele der Wohlhabenderen nach der Mode Frankreichs und Englands gekleidet waren. Die älteren Frauen trugen eine ältere Tracht, dessen Hauptbestandteil ein Hut so groß wie ein Schirm war.«

Am 23. Juni verlässt Hodgskin Emden und setzt bei Petkum mit der Fähre ins Rheiderland über. Dort will er den 1752 angelegten preußischen Polder am Dollart (heute Landschaftspolder) besichtigen, der für seine sehr große Fruchtbarkeit berühmt ist. Aber es regnet den ganzen Tag, und so setzt der Reisende in Weener erneut über die Ems und marschiert auf Papenburg zu.

Romantische Begegnung

Auf dem Weg, der größtenteils auf dem Deich entlang führt, hat er zum Abschied noch eine Begegnung der romantischen Art. Eine »lovely looking young woman«, eine liebreizende junge Frau, bietet ihm Begleitung an. Die Unbilden des Wetters sind vergessen: »Und, den Arm um sie legend, um sie besser schützen zu können, dankte ich dem Sturm, dass er eine so hübsche Begleitung gezwungen hatte, Schutz unter meinem Baumwoll-Dach zu suchen.« Nie, schreibt Hodgskin, habe er unter den Frauen auf dem Lande eine auch nur halb so liebenswerte Person getroffen. Traurig setzt er seinen Weg schließlich allein fort, der ihn durch das Emsland in Richtung Osnabrück führen wird.

Quelle: Thomas Hodgskin – Travels in the North of Germany, describing the present state of the social and political institutions, manufactures, commerce, education, arts and manners in that country, especially in the Kingdom of Hannover in two volumes. Edinburgh 1820.

Erstveröffentlichung: Unser Ostfriesland, Beilage der Ostfriesen-Zeitung, Nr. 21 & 22/1997

Eine alte Fassung findet ihr hier als pdf.

Kommentar verfassen