Die SF hat Prag viel zu verdanken

Mehr als Blechspielzeug: Die Roboter sind heute allgegenwärtig.
Mehr als Blechspielzeug: Roboter sind heute allgegenwärtig.

Ich war neulich in Prag. Das ist nicht unbedingt ein Stadt, die man mit Science-Fiction verbindet (wenn es so eine Stadt überhaupt gibt); man fährt dort wegen der historischen Altstadt, der böhmischen Glaskunst oder des preisgünstigen Biers (der halbe Liter für deutlich  unter 1,50 Euro) hin. Dabei hat die SF der tschechischen Hauptstadt viel zu verdanken, auch wenn das nicht offensichtlich ist. Denn in Prag wurde der Roboter erfunden.

Nicht der Roboter als Konzept oder als Gerät, sondern als Wort für ein künstliches Wesen. Der Urheber und die »Geburtsstunde« des Wortes sind bekannt. Der tschechische Schriftsteller Karel Čapek (1890-1938) hat es das erste Mal 1920 für sein Schauspiel »R.U.R.« (Rossumovi Univerzální Roboti, zu Deutsch: Rossums Universalroboter) verwendet. Die Idee dazu hatte sein älterer Bruder Josef (1887-1945), ein Maler und Bildhauer.

In viele Sprachen aufgenommen

31rusty
»Your reflection« von 31rusty

Robot bedeutet im Tschechischen so viel wie Fronarbeit. In dem kapitalismuskritischen Stück geht es um ein Unternehmen, dass billige und rechtlose, künstlich erzeugte Arbeiter, eben die Roboter (nach heutigem Verständnis eher Androiden), einsetzt. Das Wort hat sich danach zuerst als Bezeichnung für einen mechanischen Menschen und dann als Bezeichnung für jede Art von selbstständig arbeitender Maschine in vielen Sprachen der Welt etabliert. Wer des Tschechischen mächtig ist, kann »R.U.R.« hier nachlesen. Eine aktuelle deutsche Fassung gibt es meines Wissens nicht.

Karel Čapek ist in Deutschland vor allem durch sein Buch »Der Krieg mit den Molchen« von 1936 bekanntgeworden, das zu den wichtigsten SF-Romanen gehört und heute immer noch absolut empfehlenswert ist.

Im Prager Stadtbild gibt es nur zufällige Bezüge zu Čapeks Wortschöpfung, dieses literarische Vermächtnis blüht allenfalls im Verborgenen: Da stehen Blechroboter im Schaufenster eines Spielzeugladens, und ein Künstler namens »31rusty« hat eines seiner Werke mit dem mutmaßlichen Titel »Your reflection« und der Aufschrift »Robot« an der Wand des »Hauses zur Minute« neben dem Altstädter Rathaus (das mit der berühmten astronomischen Uhr) hinterlassen.

Der Golem als Restaurantdeko im »U Golema«
Der Golem als Restaurantdeko im »U Golema«

Legende vom Golem

u_golemaDie Erschaffung künstlicher Wesen hat in Prag eine weit zurückreichende Tradition, und mit Sicherheit wurde Čapek davon in irgendeiner Weise beeinflusst. Lange vor Frankensteins ungelenkem Wesen erschufen jüdische Gelehrte, die Rabbis, die Golems. So erzählen es Legenden aus dem Mittelalter. Der Golem war ein aus einem Klumpen Lehm geformtes, stummes Wesen, das mit Hilfe jüdischer Zahlenmystik zum Leben erweckt wurde und für seinen Schöpfer Aufträge zu erledigen hatte.

Der Grabstein von Karel Čapek

Diesem unförmigen Wesen begegnet der Prag-Besucher, wenn er auf dem Weg vom Altstädter Ring, dem zentralen Platz der Altstadt, ins alte jüdische Viertel durch die Maiselstraße kommt. Er steht als Pappmaché- oder Kunststoff-Figur zur Werbung vor dem Restaurant »U Golema«, und im Inneren des Lokals kann man seinem größerem Zwilling begegnen.

Eine geniale zeitgenössische Adaption und Fortschreibung des Golem-Stoffes ist die Kurzgeschichte »Zweiundsiebzig Buchstaben« von Ted Chiang.

Karel Čapek starb 1938. Er wurde auf dem Prominentenfriedhof im Prager Stadtteil Vyšehrad bestattet. Der Tod im Alter von knapp 39 Jahren bewahrte ihn vor dem Schicksal seines Bruders, der 1939 von den Nazis verhaftet und ins KZ geworfen wurde. Josef Čapek starb kurz vor Kriegsende in Bergen-Belsen.Für ihn gibt es eine Inschrift auf einem Grabstein in der Nähe seines Bruders, wo neben vielen anderen auch die beiden bedeutendsten tschechischen Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvořák ihre letzte Ruhe fanden

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