Über SF im Allgemeinen und Zeitreisen im Besonderen

Ich bin ein begeisterter Leser von Sachbüchern (hier gibt es eine Liste von zehn Lieblingssachbüchern). Jetzt habe ich hintereinander gleich zwei Bücher gelesen, in denen es um SF geht – »Invasion der Zukunft« von Hans-Peter Pescke und »Time Travel« von James Gleick.

invastion_der_zukunftHans-Peter von Peschke: Invasion der Zukunft. Die Welten der Science-Fiction. 320 S., Theiss-Verlag, Stuttgart 2016. ISBN 9783806233575

In »Invasion der Zukunft« dreht sich alles um »Die Welten der Science-Fiction« (tatsächlich mit Bindestrich geschrieben). Von Peschke ist Historiker, Journalist und Publizist und ein SF-Fan. Er geht der Frage nach, womit sich SF befasst, was die Themen sind und wie sie behandelt werden. Das Buch ist in zehn Kapitel wie »Technoträume«, »Schöner neuer Mensch« oder »Aufbruch ins All« aufgeteilt, und zu jedem Komplex gibt es eine Fülle von Beispielen aus Büchern, Filmen, Comics und Spielen. Von Peschke überblickt das ganze Medienspektrum und erweist sich dabei als sehr kenntnisreich.

Besonders gefallen hat mir, dass er alle Formen von SF gleich behandelt. Clark Darltons »Planet der Mock« aus der Perry-Rhodan-Reihe steht in dem Kapitel über Begegnung mit Aliens gleichberechtigt neben dem Film »Alien« von Ridley Scott, und in seiner Liste »Legendäre Raumschiff« führt er nicht nur die »USS Enterprise« (Star Trek) und den »Milleniumfalken« (Star Wars), sondern auch die »Orion VII« aus der deutschen Fernsehserie »Raumpatrouille« und die »CREST III« aus der Perry-Rhodan-Reihe auf (auch wenn die meisten PR-Fans hier vielleicht die »SOL« genannt hätten). Perry Rhodan hat er übrigens ein ganzes Kapitel gewidmet (und sagt darin das Ende der Perr-Rhodan-NEO-Serie für Band 150 voraus, wg. sinkender Verkaufsszahlen; das wäre schon bald.).

Mit Urteilen über die literarische/künstlerische Qualität von SF-Werken hält von Peschke sich weitgehend zurück – außer dass er rechtsextreme deutsche »Landser im Weltraum«-Romane als »braunen Schrott« bezeichnet (und stattdessen auf lesbare deutsche Military-SF von Dirk van den Boom, Stefan Burbank und Frank Haubold hinweist).

Das Manko des insgesamt gelungenen Buches ist, dass von Peschke zwar ausführlich die angloamerikanische SF behandelt und auch mit Beispielen aus Deutschland nicht geizt, andere SF-Kulturen (Japan, Osteuropa) jedoch nur streift und den Rest der Welt ganz ignoriert. Dabei gibt es zum Beispiel aus China gute SF, und auch in Afrika hat sich eine vielfältige SF-Szene entwickelt.

time-travelJames Gleick: Time Travel. A History. 352 S., Pantheon Books, 2016. ISBN 978-0307908797 (gibt es auch als E-Book)

James Gleick, ein Jounalist (u. a. New York Times) und vielfach ausgezeichneter Sachbuchautor, erzählt die Geschichte der Zeitreise. Sie begann mit H. G. Wells’ berühmten Buch »Die Zeitmaschine«; Wells ist tatsächlich der Erfinder der Zeitreise. Dass vor ihm niemand auf eine solche Idee kam, sei aber nicht erstaunlich, verrät uns Gleick. Denn erst Ende des 19. Jahrhunderts sei die Vorstellung von der Zeit in dem Sinne, wie wir sie heute habenIn m, entstanden. Vorher sei es unmöglich gewesen, an Zeitreisen zu denken.

So ist das Buch von Gleick zugleich eine kulturgeschichtliche Abhandlung über das Verständnis von Zeit. Er thematisiert nicht nur die typischen Zeit-Reise-Probleme wie das sogenannten Großvater-Paradoxon (Was passiert, wenn ich in die Zeit zurückreise und meinen eigenen Großvater als jungen Mann töte?), sondern dringt auch tief in die Diskussion um die Frage ein, was Zeit denn nun sein könnte und ob es sie überhaupt gibt. Newton kommt zu Wort und Einstein, Aristoteles und Hawking, die Entropie wird ebenso angesprochen wie der Zeitpfeil, es geht um Ursache und Wirkung, um Wurmlöcher und Schrödingers Katze, um ein paar Schlagworte hinzuwerfen. Bei dieser hohen Infomationsdichte und gedanklicher Tiefe hat der Leser manchmal das Gefühl, dass das eigentliche Subjekt des Werkes – die Zeitreise – verloren geht, aber Gleick kommt irgendwie immer auf Wells und seine Nachfolger zurück.

Das Buch verlangt vom Leser neben guten Kenntnissen der englischen Sprache Konzentration, »Time Travel« liest sich nicht einfach weg. Ein Gerüst an naturwissenschaftlichen und philosophischen Grundkenntnissen kann bei der Lektüre nicht schaden. Dafür bekommt man aber Einsichten, die bei populärwissenschaftlichen Büchern für den Massenmarkt nicht zu finden sind.

Website von Hans-Peter von Peschke

Website von James Gleick

Kommentar verfassen