»Promet« kommt nicht richtig in Fahrt

TB Cover Promet 1 webChristian Montillon: Aufbruch (Raumschiff Promet. Von Stern zu Stern. Band 1). Blitz-Verlag. ISBN 978-3-89840-344-3. 160 Seiten, 12,95 Euro.

Offenbar weitgehend unbemerkt selbst vom harten Kern des deutschen Science-Fiction-Fandoms hat der Blitz-Verlag mit einem Relaunch der »Raumschiff Promet«-Reihe, eines Klassikers der 70er Jahre, begonnen. Dabei wurde der erste Band, »Aufbruch«, von Christian Montillon geschrieben, immerhin Chefautor der Perry-Rhodan-Serie, des Dauerbrenners der deutschen SF.

»Raumschiff Promet« war 1972 von Kurt Brand an den Start gebracht worden – einer von mehreren gescheiterten Versuchen, Konkurrenz für Perry Rhodan aufzubauen. Nach 65 Folgen war Schluss. Die Romane hatten aber ihre Fans; 25 Jahre später gab es im Blitz-Verlag eine Neuauflage der alten und danach eine Fortsetzung mit neuen Romanen. Nun also ein weiterer Versuch, den »Promet« zum Fliegen zu bekommen.

So richtig geht es aber nicht ab. Der Plot atmet den Geist der 50er Jahre: Der menschenähnliche Außerirdische Arn Borul, Ziehsohn eines genialen Wissenschaftlers, havariert mit seinem Raumschiff in der Nähe des Mondes und wird von Peet Orell, dem Sohn eines stinkreichen Raumschifffabrikanten, und dessen Freunden gerettet, vor der Öffentlichkeit versteckt und aufgepäppelt. Die beiden werden Freunde und erleben an Bord des Raumschiffs »Promet« gemeinsam Abenteuer.

So schlicht wie die Handlung ist Montillons Erzählweise. Dabei kann er es eindeutig besser. Das Team muss noch einige Schippen drauflegen, damit der »Promet« in Fahrt kommt.

(Ostfriesen-Zeitung, 29.11.2013)

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Unbekümmert durch den Krieg der Welten

palmaFélix J. Palma: Die Landkarte des Himmels. Verlag Kindler. ISBN: 978-3-463-40625-1, 896 Seiten, 24,95 Euro.

Science-Fiction aus Spanien: Die gibt es, und was für welche: Da ist erst einmal die sehr lebendige, bildhafte Sprache, die »Die Landkarte des Himmels« von Félix J. Palma über den Durchschnitt selbst der anspruchsvolleren Genre-Literatur hebt. Und dann der einfallsreiche Plot: Im Mittelpunkt der Handlung steht, neben einigen fiktiven Figuren, der Schriftsteller H. G. Wells – und das in dreifacher Ausführung. Dessen Roman »Der Krieg der Welten« wird Wirklichkeit, im Jahr 1898 fallen außerirdische Invasoren über die Erde her und radieren die Menschheit fast aus.
In großen Teilen ist »Die Landkarte des Himmels« eine spannende und gelungene Neuerzählung von Wells‘ Geschichte, ergänzt um einige Wendungen, die stark an Szenen aus der Verfilmung des Romans mit Tom Cruise aus dem Jahr 2005 erinnern. Die 70 Jahre vorher spielende Vorgeschichte bedient sich bei dem Film »Das Ding aus einer anderen Welt«, der eine oder andere SF-Klassiker wird auch noch zitiert, Zeitreisende tauchen auf, eine Prise Steampunk wird einstreut, und hinzu kommt eine zu Tränen rührende Liebesgeschichte. Das Ganze ist in zahlreiche miteinander verwobenen Rück- und Vorblenden verpackt, die vom Leser einiges an Konzentration erforden, weil man in dem Wälzer manche lose Erzählfäden schnell aus dem Auge verlieren kann.
Auch wenn der eine oder andere Anachronismus stört – die Unbekümmertheit, mit der sich Palma bei den literarischen Vorbildern bedient, macht Spaß.

(Ostfriesen-Zeitung, 25.07.2014)

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Skurrile Fälle und originelle Lösungen

tinyGert Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?/Der Samenbankraub. Das Neue Berlin. Je 7,99 Euro. ISBN 978-3-360-50044-1/ISBN 978-3-360-01230-2.

Es bereitet großes Vergnügen, die Timothy-Truckle-Geschichten von Gert Prokop zu lesen. Sie sind flott erzählt, witzig, geistreich und verblüffend. Mehr als 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung in der DDR sind »Wer stiehlt schon Unterschenkel?« und »Der Samenbankraub« im Verlag Neues Berlin als E-Books neu aufgelegt worden.

Timothy Truckle, genannt Tiny, ist ein kleinwüchsiger Privatdetektiv. Er lebt Mitte des 21. Jahrhunderts in einem luxuriösen Appartement in Chicago und arbeitet heimlich für den Widerstand. Während im ersten Band skurrile Fälle und originelle Lösungen im Vordergrund stehen, rücken im »Samenbankraub« die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Vordergrund. Denn die USA haben die Weltgemeinschaft, das »Draußen«, hinter einen undurchdringlichen Energieschirm, die »Isolation«, verbannt. Unterdrückung, Bespitzelung, staatliche Willkür, menschenverachtende Genexperimente und Umweltverschmutzung sind an der Tagesordnung. Es ist offensichtlich, dass das Anspielungen auf die Verhältnisse in der DDR sind, versteckt hinter Kapitalismuskritik.

Erstaunlicherweise hat die staatliche Zensur sich nicht daran gestört. Es zeichnet das Werk Prokops aus, dass wir es noch immer mit Gewinn lesen können, obwohl die DDR längst untergegangen ist.

(ursprünglich erschienen in Ostfriesen-Zeitung, 27.12.2013)

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Roboter, Zeitreise und mehr

nova22Nova. Science-Fiction-Fiction-Magazin. 22. Ausgabe. Nova-Verlag, Bad Zwesten. Paperback. ISSN 1864-2829, 168 Seiten. 9,80 Euro.

Nova heißt eines von zwei regelmäßigen erscheinenden Magazinen, die deutsche Science-Fiction-Kurzgeschichten veröffentlichen. Jetzt gibt es die 22. Ausgabe, eine bunte Mischung aus sieben unterschiedlichen Geschichten, daruner eine Übersetzung, sowie einer Rezension und einigen Nachrufen. Das Spektrum ist breit. Es geht um Zeitreise, um virtuelle Welten, um die ferne Zukunft der Erde. Außerirdische kommen nicht vor, Raumfahrt nur am Rande. So unterschiedlich die Themen, so unterschiedlich ist die Qualität der Beiträge.
Stilistisch und sprachlich ragt »Der mechanische Dybbuk« von Michael Marrak heraus, der dritte Teil eines Novellen-Zyklusses (Teil 1 und 2 erschienen in den vorhergehenden Nova-Ausgaben). Er spielt in einer fernen Zukunft der Erde, in einer Welt, in der Maschinen beseelt und Menschen rar geworden sind. Marrak beweist wieder einmal, warum er zur Crème de la Crème der Science-Fiction in Deutschland gehört.
Die ganze Routine eines alten Hasen merkt man der Geschichte »Credo« von Mike Resnik an. Der Amerikaner lässt den Haushaltsroboter eines Pfarrers die Bibel entdecken: Der Roboter findet seine Seele, der Pfarrer verliert seinen Glauben.
Drei Geschichten überzeugen nicht: »Die silberne Dose No. 2« von Guido Seifert, »Smithie & Archie« von Sami Salamé und »Die Fukushima-Kriege« von Marian Ehret.

(Ostfriesen-Zeitung, 31.01.2014)

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Eine faszinierende Welt im Dauerregen

vilmKarsten Kruschel: VILM1 – Der Regenplanet (220 Seiten, 12,95 Euro); VILM 2 – Die Eingeborenen (226 Seiten, 12,95 Euro); VILM 3 – Das Dickicht (310 Seiten, 12,95 Euro). Wurdack-Verlag.

Die rund 750 Seiten der VILM-Trilogie von Karsten Kruschel lassen sich einfach zusammenfassen: Es ist das Beste, was in den letzten Jahren an deutscher Science-Fiction erschienen ist.

Erstens: Kruschel geht spielerisch mit der Sprache um. Sie ist bildhaft und einfallsreich und immer erzählerisch. Sein Stil ist Lichtjahre entfernt von der klischeebeladenen Ausdrucksweise vieler Genre-Kollegen. Zweitens: Das Szenario ist originell und vielschichtig, der Einfallsreichtum verblüffend, das Personal skurril. Drittens: Kruschel bedient die Erwartungshaltung von SF-Lesern nicht. Seine Protagonisten sind anders als die »Helden«, die sonst auf fremden Planeten stranden. Die drei Romane spielen auf dem Planeten Vilm, auf dem es immer regnet. Benannt ist er nach einem Riesenraumschiff, das dort abstürzt. Die Gestrandeten haben kaum mehr zum Überleben als einen großen Haufen Schrott.

Im klassischen SF-Roman würde nun die fremde Welt erkundet und erobert, oder die Protagonisten müssten ums Überleben kämpfen, bis sie siegen, untergehen oder Hilfe kommt. Aber auf Vilm passen sich die Menschen der Natur an, die zwar deutlich merkwürdiger, aber nicht gefährlicher ist als der Regenwald am Amazonas. Die Kinder der Schiffbrüchigen gehen eine faszinierende geistige Symbiose mit den hundeähnlichen Eingesichtern ein, werden zu einer Person in zwei Körpern und mehr und mehr wahre Geschöpfe des Planeten.

Der hat viele Geheimnisse zu bieten, vor allem das Riesengestrolch. Das ist ein Dickicht, das den Äquator umspannt und Begehrlichkeiten bei den Außervilmischen weckt. Die eigenwilligen Vilmer sind aber gewitzt genug, sich alle vom Hals zu halten. Nur den Leser nicht.

(Ostfriesen-Zeitung, 31.05.2013)

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