Mal einfach in Afrika nachfragen

Habe ich eigentlich schon mal gesagt, dass das Internet und alles, was damit zusammenhängt, eine tolle Sache ist? Die Welt ist kleiner geworden, die Menschen kommen sich näher (wenn sie wollen), Grenzen werden durchlässig(er).

Der Anlass für diese kleine Jubelarie: Für einen Text, den ich geschrieben habe, möchte ich eine Illustration eines afrikanischen Künstlers verwenden. Noch vor zehn Jahren wäre ich niemals auf so eine Idee gekommen, einmal abgesehen davon, dass ich von der Zeichnung nie etwas erfahren hätte. Jetzt habe ich etwas bei Facebook gestöbert, eine Nachricht mit meinem Anliegen geschrieben, und zehn Minuten später hatte ich eine Telefonnummer in Lagos, Nigeria, und konnte dem Zuständigen eine Whatsapp schicken. Die – positive – Antwort kam prompt. Die ganze Angelegenheit hat mich eine halbe Stunde gekostet.

Erster Preis für afrikanische Science-Fiction

Seit einer Weile verfolge ich die SF-Szene in Afrika. Beim Aké Arts & Books Festival in Abeokuta/Nigeria wurden an diesem Donnerstag (16.11.2017) die Gewinner des Nommo Award für fantastische Literatur bekanntgegeben. Er wird das erste Mal von der African Speculative Fiction Society (ASFS) in vier Kategorien verliehen.

Das sind die Gewinner:

Novel (The Illube Award): Rosewater von Tade Thompson. (Roman)

Novella: Binti von Nnedi Okorafor. (Novelle)

Short Story: Who will Greet You at Home von Lesley Nneka Arimah und The Marriage Plot von  Tendai Huchu. (Kurzgeschichte) – Hier (Arima) und hier (Huchu) kann man die Story online lesen.

Grafic Novel/ComicChimurenga’s Chronic: The Corpse Exhibition and Older Graphic Stories – Chronic no. 3.  (Titelseite)

Über den Preis haben die Mitglieder der African Speculative Fiction Society (ASFS) online abgestimmt. Die ASFS ist eine vor einigen Jahren gegründete Vereinigung von Autoren, Herausgebern und Illustratoren aus Afrika oder von afrikanischer Abstammung mit dem Ziel, phantastische Literatur aus Afrika zu verbreiten.

Mehr Informationen gibt es auf der ASFS-Homepage. Dort gibt es unter anderem eine Liste mit fast 700 SF-Veröffentlichungen afrikanischer Schriftsteller, viele davon zum Online-lesen verlinkt.

»Lagune«: bunte Endzeitstimmung in Lagos

lagune
Tolles Cover von Greg Ruth

Nnedi Okorafor: Lagune
übersetzt von Claudia Kern
Cross Cult/Amigo Grafik, Ludwigsburg 2016
370 Seiten, 18 Euro (E-Book 9,99 Euro)
ISBN 9783864258732

»Lagune« ist ein tolles Buch. Das fängt schon mit dem Umschlagbild von Greg Ruth an. Das Gesicht einer Afrikanerin, das sich in einer Wolke von Tinte oder gefärbtem Wasser aufzulösen oder zu entstehen scheint, ist magisch, genau wie der Roman von Nnedi Okorafor. Die Amerikanerin, Tochter nigerianischer Eltern, vermischt eine First-Contact-Geschichte mit afrikanischen Volksmärchen und Aberglaube und würzt sie mit Sozialkritik.

Der Roman spielt in der nigerianisches Metropole Lagos. Dort am Strand treffen drei Menschen – die Meeresbiologin Adaora, der Rapper Anthony und der Soldat Agu – auf eine Außerirdische, die sie Ayodele nennen. Adaora nimmt alle mit zu sich nach Hause; ihr Haus wird dadurch zum Brennpunkt der Ereignisse. Das Militär, eine Straßengang, eine Transvestitengruppe und eine Gruppe christlicher Fanatiker wollen sich der Außerirdischen bemächtigen und beschwören ein riesiges Chaos herauf. In Lagos kommt Endzeitstimmung auf, es gibt Tote, Plünderungen, Hexenverfolgung. Das Panoptikum, dass Nnedi Okorafor ausbreitet, ist so vielfältig und schrill wie die Stadt, die die eigentliche Hauptrolle in diesem Buch spielt. So bunt wie Lagos, wie die Figuren und die Geschichten ist auch der Stil der Autorin.

Das Meer beziehungsweise die Lagune von Lagos spielen eine große Rolle, ein Schwertfisch, ein Straßenmonster und der Hexenwahn sowie die auch bei uns bekannte Betrugsmasche mit E-Mails aus Nigeria (dort nach dem entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch 419 genannt) ebenso. Mehr wird nicht verraten.

Zum tollen Inhalt gibt’s die passende Ausstattung. Das Buch kommt als stabiles Paperback mit Klappbroschur und erhabener Schrift auf der Vorderseite. Das Titelbild kommt wegen des großen Formats von 13,5 x 20,5 Zentimeter besonders gut zur Geltung. Wie das Titelbild entstand, erzählt Ruth in einem Beitrag für Tor Online. Mehr von Okorafor und Ruth kommt demnächst. Für April kündigt Cross Cult Okorafors Debütroman »Wer fürchtet den Tod« (Originaltitel: »Who Fears Death« von 2010; Gewinner des World Fantasy Award) an.


Weiterführende Links
Internetseite von Nnedi Okorafor
Internetseite von Greg Ruth