Eine schwere Geburt

Zur Debatte um die Herkunft von Christoph Columbus

In der Frage nach dem Geburtsort von Christoph Columbus gibt es zwei große Lager: das italienische und das iberische. Hinzu kommen einige Außenseiter, die Columbus‘ Herkunft zum Teil sogar aus dem Mittelmeerraum herausnehmen und Spuren bis nach Armenien gefunden haben wollen. Die beiden großen Lager aber sind wiederum stark uneins, und so gibt es gleich ein Dutzend angebliche Geburtsorte in Italien sowie jede Menge in Spanien und Portugal, wobei diese im Unterschied zu Italien auf der iberischen Halbinsel nicht einmal geografisch nahe bei einander liegen.

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Lagern ist, dass sich die Italiener in erster Linie auf Aussagen zeitgenössischer Dokumente stützen, während die Vertreter der spanisch-portugiesischen Herkunft viele ihrer Indizien aus den zahlreichen Unklarheiten, Ungereimtheiten, Widersprüchen und Auffälligkeiten gerade dieser Dokumente ziehen.

In der Kirche S. Stefano in Genua soll Columbus getauft worden sein. Die Ansichtskarte zeigt das Taufbecken.

Die weltweit anerkannteste Theorie geht davon aus, dass Columbus zwischen August und Oktober 1451 in der ligurischen Hafenstadt Genua geboren wurde.

Es existiert einer Reihe von zeitgenössischen Briefen, von Schriftstücken und Notariatsurkunden, die die Beziehung zwischen dem spanischen Admiral Cristobal Colón und dem genuesischen Bankhaus San Giorgio sowie zu einigen Bürgern der Republik Genua belegen. In seinen Testamenten von 1498 und 1506 schreibt der Admiral selbst, er sei in Genua geboren:  „siendo yo nacido en Génoba“. Der Zusammenhang weist auf die ligurische Hafenstadt hin. Außerdem verfügt er, dass einem Angehörigen seines Geschlechts in Genua eine kleine Rente gezahlt werden solle, damit dieser angemessen leben könne. Seinem Sohn Diego empfiehlt Columbus, Geld bei der Banco di San Giorgio anzulegen.

Weitere Urkunden aus der Zeit, bevor Columbus die neue Welt entdeckte, bezeugen, dass ein Cristoforo Colombo als Sohn des Wollwebers Domenico Colombo in Genua gelebt und sich in den Jahren 1478/79 in Lissabon aufgehalten hat; letzteres deckt sich wiederum mit Angaben über das Leben des Admirals Colón. Einige Personen, zu denen Domenico und Cristoforo Colombo in den 1470er Jahren geschäftliche Beziehungen hatten, werden auch im Testament des Admirals genannt.

Es gibt jedoch kein Dokument, das zweifelsfrei und offiziell beglaubigt aussagt, dass es sich bei dem Wollwebersohn Cristoforo und dem spanischen Admiral Cristobal Colón tatsächlich um ein und dieselbe Person handelt. Immerhin, das Staatsarchiv in Genua bewahrt eine Notariatsurkunde vom 11. Oktober 1496 auf, in dem die Brüder Giovanni, Matteo und Amighetto Colombo aus Quinto (heute ein Stadtteil von Genua) als Vettern des spanischen Admirals Cristoforo Colombo bezeichnet werden. Es ist die einzige Urkunde, in denen der Admiral des spanischen Königs (Ammiraglio del re di Spagna) erwähnt wird. Die Existenz dieses Schreibens sagt allerdings nichts über dessen Wahrheitsgehalt aus.

Die Kritiker einer genuesischen Herkunft von Columbus stützen sich in ihrer Argumentation auf die zahlreichen Ungereimtheiten und inhaltliche Kriterien. Es gibt dabei mehrere Ansatzpunkte:

1. Das geografische Argument

Mit Genua muss nicht die unbedingt die ligurische Hafenstadt gemeint sein. Columbus kann sich auch auf das Territorium der Republik Genua und ihr Einflussgebiet bezogen haben. Dazu gehören nicht nur zahlreiche ligurische Städte, sondern auch die Insel Korsika, die vom 13. bis ins 18. Jahrhundert unter genuesischer Herrschaft stand. Außerdem gibt es auf der Insel Mallorca ein Dorf Genova, heute Stadtteil der Inselhauptstadt Palma.

2. Das soziale Argument

Columbus heiratet nur zwei Jahre nach seiner Ankunft in Portugal in ein altes Adelsgeschlecht ein. Sowohl in Portugal als auch wenige Jahre später in Spanien hat er schnell Kontakt zu höchsten höfischen und gesellschaftlichen Kreisen. Das ist mit seiner Herkunft aus einer Wollweberfamilie, die in Genua dem niedrigen Mittelstand angehörte, nicht zu vereinbaren. Auch sein recht hoher Bildungsgrad – er liest klassische lateinische Literatur – deuten auf eine gehobenere Herkunft.

Eine von Columbus selbst gezeichnete Karte der Insel Hispaniola.
3. Das sprachliche Argument

In sämtlichen hinterlassenen Schriften benutzt Columbus die kastilische und gelegentlich die lateinische Sprache. Selbst in seinen Briefen an die genuesische Banco di San Giorgio schreibt er kastilisch. Bei der Benennung neu entdeckter Insel und auffälliger Landmarken in Amerika verwendet Columbus viele Ausdrücke aus dem Kastilischen und dem Katalanischen, aber nie italienische Namen. Auch korsische Namen soll es geben.

4. Das Namensargument

Admiral Colón hat sich selbst nie Colombo genannt. Außerdem ist Colón nicht die spanische bzw. kastilische Form von Colombo.

Viele dieser Einwände sind nicht einfach von der Hand zu weisen. Aber sie lassen sich nicht zu einer schlüssigen Gegenposition vereinen, da sie sich selbst zum Teil widersprechen. Die Einwände werden immer nur als Bruchstücke zu neuen Theorien verbaut, die die Geburt von Columbus an so weit von einander entfernte Orte verlegen wie Calvi auf Korsika, Felanitx auf Mallorca oder Poio in Galizien.

Columbus‘ Zeitgenossen hatten im übrigen keine Zweifel an seiner Herkunft: Sie bezeichneten ihn als Ausländer, als Genuesen oder Ligurier.