Den kann man so weglesen

»Vakuum« heißt der neue Roman von Phillip P. Peterson. Er ist so, wie seine Fans es erwarten.

Phillip P. Peterson: »Vakuum«. Fischer Tor 2020. 496 S. ISBN: 978-3-596-70074-5

Dicke Schwarten sind nicht so mein Fall, und Phillip P. Petersons neuster Roman »Vakuum« hat mit fast 500 Seiten das Limit schon überschritten. Aber ich war neugierig, wie der Autor das Thema angegangen ist, nachdem ich darüber einen Online-Beitrag der »Galaktischen Buchmesse« gehört hatte, und weil das Buch schon auf dem Stapel »unverlangt eingesandt« lag, habe ich zu lesen angefangen.

Der Hintergrund ist bedrohlich: Nach der Quantenfeldtheorie wäre es jederzeit möglich, dass das Vakuum zerfällt und sich alle Materie auflöst. Peterson hat sich nun ausgemalt, wie es wäre, wenn so etwas tatsächlich passiert, und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern bald, in ein paar Jahren.

Der Roman beginnt wie viele Hollywood-Blockbuster: Eine amerikanische Physikerin, Susan Boyle, macht eine verstörende Entdeckung, dann rast offenbar ein außerirdisches Raumschiff fast mit Lichtgeschwindigkeit durchs Sonnensystem, sendet eine Botschaft, und in Washington tritt ein Krisenstab beim US-Präsidenten zusammen. Im Unterschied zu den Blockbustern wird sofort auf die Warnung der Wissenschaftler gehört, weil alles zusammenzuhängen scheint, und ein unglaubliches Vorhaben in Angriff genommen, größer als das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg: Binnen zwei Jahren soll ein riesiges Raumschiff gebaut werden, damit ein kläglicher Rest des amerikanischen Volkes, 1500 Menschen, rechtzeitig vor dem sich unaufhaltsam mit fast Lichtgeschwindigkeit nähernden Vakuumzerfall und damit vor dem Ende aller Materie fliehen kann.

Ritt auf der Atombombe

Peterson, gelernter Raumfahrtingenieur, hat sich für den Start seines Raumschiffs, das den bezeichnenden Namen »Mayflower« (wie das Auswandererschiff, mit dem die »Pilgerväter« 1620 nach Amerika kamen) trägt, einen Antrieb ausgesucht, der schon in den 1950- und -60er Jahren im sogenannten Orion-Projekt konzipiert wurde: Beim nuklearen Pulsantrieb wird der Vortrieb durch eine rasche Folge kleiner Atombombenexplosionen erzeugt. Der Startplatz liegt übrigens in der berühmt-berüchtigten Area 51 (und auch in der fiktiven Romanwelt gibt es dort keine Ufos).

Ist das Schiff im All, wird es von einem Fusionsantrieb fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, der mit interstellaren Wasserstoff arbeitet und deshalb keinen Treibstoff von der Erde mitnehmen muss. Auch dabei greift Peterson auf Ideen aus den 1960er Jahren zurück, die allerdings noch mehr Gedankenspiel sind als der Ritt auf der Atombombe. Diese Technik gibt es immerhin schon, und man weiß seit Hiroshima leider, dass sie funktioniert.

Phillip P. Peterson beim Medikon im August 2016 in Oldenburg.

Der Roman hat drei Handlungsstränge, von denen sich zwei gelegentlich berühren und überschneiden. Darin begleiten wir Susan Boyle, die ebenso zum weiteren Beratungsstab des Präsidenten gehören wie der amerikanische Astronaut Colin Curtis, der gerade im Begriff war, auf dem Mond zu landen, als wegen des Alien-Raumers die Landung abgeblasen wurde und er zur Erde zurück musste. Diese beiden Hauptprotagonisten sind bei dem eigentlichen Projekt Nebenfiguren, denn sie sind nicht unmittelbar an der Entwicklung und dem Bau des Raumschiffs beteiligt. Sie dienen dem Autor dazu, die moralischen und ethischen Aspekte des Vorhabens anzusprechen. Außerdem müssen sie sich mit privaten Problemen auseinandersetzen: Susan hat eine demente Mutter, die in einem Pflegeheim lebt, und bei Colin, einem ausgemachten Weiberheld, dreht sich alles um die verkorkste Beziehung zu seiner Frau.

Geschichte in der Geschichte

Die dritte Handlungsebene ist eine eigene Geschichte in der Geschichte. Er spielt in einem offensichtlich künstlichen Habitat, einem riesigen Hohlzylinder, in dem ein auf ein vortechnisches Niveau zurückgeworfener Stamm von einigen Hundert Menschen lebt. Es ist offensichtlich, dass das mit dem Raumschiffprojekt zusammenhängt, aber wie genau, erfahren wir erst ganz zum Schluss (der genügend Ansätze für eine Fortsetzung bietet).

Gut gefallen hat mir, dass Peterson den erzählerischen Schwerpunkt nicht auf den Bau des Raumschiffs an sich gelegt hat, sondern Susan und Colin und damit soziale und moralische Fragen in den Mittelpunkt stellt. Dabei gelingen ihm sehr eindringliche Schilderungen, in denen der Leser mitfiebern kann. Dramaturgische Höhepunkte des Romans sind für mich die Szene, in der der Präsident und sein Stab über die angemessene Antwort auf einen nordkoreanischen Atombombenangriff auf die USA diskutieren, und die Reaktion des US-Präsidenten auf den Versuch einer Gruppe von Arbeitern, einen Platz an Bord des Generationenschiffs zu erpressen. Allerdings ist die Perspektive des Romans zu sehr auf den »inneren Zirkel« beschränkt. Was draußen in der Welt passiert und wie die Menschheit auf das bevorstehende Ende reagiert, wird nur sporadisch, wenn auch in erschreckender Brutalität, wahrgenommen.

Verdächtig viele (alte) weiße Männer

Was »Vakuum« völlig fehlt, ist Diversität. Das komplette Personal ist wahrscheinlich weiß und nach den Namen zu urteilen von angloamerikanischer Herkunft; alle entscheidenden Figuren sind Männer. Nun müssen die Protagonisten nicht, nur weil es in manchen Kreisen gerade in ist und vehement verlangt wird, unbedingt People of Color und sexuell divers sein, im Rollstuhl sitzen oder tätowiert sein, aber die gesellschaftliche Realität sollte schon erkennbar sein. Jeder, der schon mal eine Übertragung der Nasa verfolgt oder Raumfahrt-Dokus im Fernsehen gesehen hat, weiß, dass bei solchen Projekten ganz viele Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft mitwirken, was man schon an ihren Namen erkennt. Im ganzen Roman kommen – als absolute Nebenfiguren – nur ein ausdrücklich so bezeichneter Afroamerikaner und eine Latina (was ich aus deren Namen, Gonzales, folgere) vor. Das ist beschämend wenig.

Mein Resümee: Ich habe »Vakuum« fast in einem Zug durchgelesen. Der Roman ist keine schwere Kost, sondern bietet technikaffinen SF-Fans locker geschriebene konventionelle und zum Teil fesselnde Unterhaltung in der Tradition eines James P. Hogan oder Gregory Benford und ein bisschen des deutschen Ingenieurromans. Das ist das, was seine Fans von Peterson erwarten.

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Guter Lesestoff von der Elster

In diesem Jahr gab es nur einen SF-Con, den Elstercon in Leipzig. Und damit nur ein Conbuch.

Das Buch zum Elstercon 2020. Das Titelbild ist von Marion Franke.

Fahrenheit 145. Erde im Fieber – eine Anthologie zum Elstercon 2020
Hrsg: Freundeskreis Science Fiction Leipzig | 290 S. | 18 €

Mir war es in diesem Jahr leider nicht möglich, den Elstercon 2020 in Leipzig zu besuchen. Aber ich habe mir wenigsten das Conbuch gegönnt, das wenige Tage nach Ende der Veranstaltung Mitte September im Literaturhaus Leipzig im Briefkasten lag. Meine Erwartungen wurden selbstverständlich erfüllt; es ist wieder ein durchweg hochwertiges und interessantes Produkt geworden und sein Geld wert.

Es gibt eine üppig ausgestattete Mischung aus durchweg lesenswerten Sachartikeln, Autorenporträts, Interviews, Rezensionen und Kurzgeschichten. Im Zentrum des Cons und damit des Buches: der Klimawandel und die Notwendigkeit des Handelns, um die Katastrophe zu verhindern. Das Motto »Fahrenheit 145 – Erde im Fieber« spielt natürlich auf Ray Bradburys Roman »Fahrenheit 451« an und ist, nach Auskunft der Con-Homepage, die Temperatur, bei der menschliches Leben nicht mehr möglich ist: 145° Fahrenheit = 63° Celsius.

Zum Auftakt des Bandes stellt Martin unter dem Titel »Klimawandel undercover« einige Bücher vor, die sich mit dem Klimawandel befassen, aber das Etikett »Climate Fiction« scheuen. Vermutlich hat es damit zu tun, dass Autoren (und Verlage) Sorge haben, dass sie in eine Genre-Schublade gesteckt werden. Na ja, wir wissen schon lange, dass das Label »Science Fiction« auf einem Buch dazu führt, dass es von den Liebhabern sogenannter ernster Literatur, wenn überhaupt, nur mit spitzen Fingern angefasst wird. Wer thematisch passende Lektüre sucht, wird hier aber fündig.

Ein weiterer Sachtext zu einem aktuellen Thema, der aber nix mit Klimawandel zu tun hat, ist von Arnulf Meifert. Es geht um Nazi-Utopien, Ufo-Glaube, Esoterik und Verschwörungstheorien. Es handelt sich um das Vorwort seines offenbar selbstverlegten Buchs »Im Jahre 2000 im Dritten Reich – Was uns an Zukunft erspart blieb und doch noch blühen könnte«. Es ist übrigens nicht der einzige Text, der nicht exklusiv fürs Conbuch verfasst wurde. Aber wen stört’s?

Zu den Autoren, die im Conbuch mit Interviews, Rezensionen, Leseproben ihrer Bücher oder Kurzgeschichten vorgestellt werden, gehören Dietmar Dath, Dirk C. Fleck, Thore D. Hansen, Martha Wells und Bettina Wurche, um nur einige zu nennen.

Im Belletristikteil werden uns Leser Kurzgeschichten von einer Autorin und sechs Autoren sowie drei Gedichte von Erik Simon geboten. Eine Story scheint zu fehlen: Kathleen Weise erscheint unter den Autorenkurzbiografien, aber ich habe das Buch zweimal durchgesehen, und keinen Text von ihr gefunden. Aufgelockert werden die 290 Seiten durch zahlreiche farbigen Grafiken diverser Künstler, die mit Abstand am meisten von Mario Franke. Von ihm ist auch das Covermotiv.

In diesem Jahr ist es mangels Cons ja nicht möglich, einen Vergleich zwischen Conbüchern zu ziehen. Aber wenn es möglich gewesen wäre, wäre das Buch zum Elstercon in Sachen Anspruch und Qualität sicher die Top-Publikation.

Bezogen werden kann das Conbuch über die Homepage des Freundeskreises SF Leipzig, der den Elstercon seit 30 Jahren organisiert.

Everything except time travel

Another great anthology of African speculative fiction, edited by Ivor W. Hartmann. I can just recommend it.


Ivor W. Hartmann (ed.): AfroSFv3. StoryTime Publishing 2018. 233 p. ISBN 978-9198291339.


Since Zimbabwean writer and editor Ivor W. Hartmann started asking for submissions to AfroSFv4, the fourth anthology of African speculative ficiton it was time for me to read the previous antho AfroSFv3. The edition contains stories from a dozen authors, some of whom I am familiar with like T. Huchu, Wole Talabi, or Mazi Nwonwu because I have been reading African SF for a while. The spectrum of stories spans space opera, biohazard, cyberpunk, first contact, more space opera… everything except time travel.

As is not surprising with an anthology, I do not like all stories equally well. Some plots are not convincing. However, I read the book in one go. My favourite story is »Parental Control« by Mazi Nwonwu. It’s about a 16 year old guy, a legendary virtual gamer, who’s mother is an android and who meets his father for the first time. This raises a lot of questions. Another favourite is »Safari Nyota: A Prologue« by Dilman Dila about a generation spaceship in which android doppelgangers watch over their human originals who sleep in cryotanks until one day a fateful decision has to be made by one of them.

My recommendation: grab this book and shorten the waiting time until AfroSFv4 is published. You will not regret it.

Table of Contents
T. L. Huchu ‘Njuzu’
Cristy Zinn ‘The Girl who stared at Mars’
Mandisi Nkomo ‘The Emo Hunter’
Biram Mboob ‘The Luminal Frontier’
Gabriella Muwanga ‘The Far Side’
Wole Talabi ‘Drift Flux’
Stephen Embleton ‘Journal of a DNA Pirate’
Masimba Musodza ‘The Interplanetary Water Company’
Dilman Dila ‘Safari Nyota’
Mazi Nwonwu ‘Parental Control’
Andrew C. Dakalira ‘Inhabitable’
Mame Bougouma Diene ‘Ogotemmeli’s Song’

To the publisher’s website
Omenana is the only speculative fiction magazine in Africa, co-founded and edited by Mazi Nwonwu
Here’s my blog post about Afro SFv1, the first anthology of African speculative fiction ever

Das war mein Lesejahr 2019

Hinter mir liegen 20 Romane, zehn Anthologien und zehn Sachbücher.

Cover von acht Büchern, die im Text erwähnt werden.

Im vergangenen Jahr habe ich erstaunlicherweise mehr Bücher gelesen als gedacht. Gefühlt hatte ich nämlich viel zu selten Gelegenheit, mich mit einem Buch hinzusetzen. Aber am Ende waren es dann doch 20 Romane, zehn Anthologien und zehn Sachbücher sowie 71 Heftromane (und noch eine ganze Menge nicht dokumentierter Kleinkram in Zeitschriften und online). Das heißt: alle neun Tage ein Buch, alle fünf Tage ein Heftroman.

Bei den Romanen und Anthologie dominierte erwartungsgemäß das phantastische Genre, sprich in erster Linie die Science-Fiction. Den meisten Eindruck haben zwei Romane und eine Anthologie hinterlassen: »Die Optimierer« von Theresa Hannig und »Autonom« von Annalee Newitz (in deutscher Übersetzung) sowie »New Suns. Original speculative fiction by people of color«, herausgegeben von Nisi Shawl. Die Enttäuschung des Jahres – und das einzige Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe – war »NSA« von Andreas Eschbach. Was für ein lebloses Buch! Ganz in Ordnung fand ich dagegen seine Perry-Rhodan-Biografie »Das größte Abenteuer«. Etwas mehr hatte ich mir von Michael Marraks »Der Garten des Uroboros« versprochen, mit dem Vorjahresknaller »Der Kanon mechanischer Seelen« konnte der Roman nicht mithalten, aber das hätte ich wissen können.

Bei den deutschsprachigen Anthologien stehen neben den aktuellen Ausgaben von »Nova« und »Exodus« zwei »Meilensteine« ganz oben auf meiner Favoritenliste: die zweite bundesdeutsche SF-Anthologie »Science Fiction aus Deutschland« von 1974 und die erste DDR-Anthologie »Der Mann vom Anti« von 1975. Sie stammen aus derselben Zeit, sind aber sehr unterschiedlich ausgerichtet: der Westen ausdrücklich gesellschaftskritisch, der Osten eher erzählerisch-literarisch.

An Heftromanen habe ich 51-mal »Perry Rhodan« und 20-mal »Maddrax« konsumiert. Die Qualität war erwartungsgemäß schwankend, es gab gute, mittelmäßige und schlechte Romane. Beide Serien feierten im vergangenen Jahr Jubiläum: PR mit Heft 3000 (»Mythos Erde« von Christian Montillon/Wim Vandemaan), MX mit Nummer 500 (»Zeitbeben« von Sascha Vennemann). Nur gesammelt und auf den Stapel ungelesener Bücher gelegt habe ich die PR-Miniserie SOL.

Bei den Sachbüchern war’s thematisch abwechslungsreicher: Science-Fiction, Raumfahrt, Biologie, Welt- und Regionalgeschichte. Den meisten Spaß und Erkenntnisgewinn hat mir das Buch über »Die Himmelsscheibe von Nebra« von Harald Meller und Kai Michel gebracht: faszinierend zu lesen, wie eine Vielzahl von Indizien zu einem Bild von einem beeindruckenden bronzezeitlichen Reich in Mitteldeutschland zusammengefügt wird. Deutlich weniger überzeugend war »Die Erfindung der Zukunft in der Literatur« von Hans Esselborn über die Geschichte der deutschen Science-Fiction von ihren Anfängen bis heute. Seine Auseinandersetzung etwa mit dem Werk von Dietmar Dath, den viele für den deutschen SF-Schriftsteller der Gegenwart halten, war in weiten Teilen ähnlich schwere Kost wie Daths Werk selbst. Nur angefangen habe ich eine neue Ausgabe von »Der Ursprung der Arten« von Charles Darwin; es ist ein beeindruckendes Buch.

Warten auf »Rosewater«

Vieles ist liegengeblieben. Das neue Jahr habe ich mit einem Stapel ungelesener Bücher (SUB) angefangen, der aus 29 Romanen, acht Anthologien und 15 Sachbüchern sowie einem Dutzend Heftromanen besteht. Und Nachschub hat sich auch schon angekündigt. Mit besonderer Spannung wartet ich auf ein Werk, das ich schon mit Begeisterung im Original gelesen habe: »Rosewater« von Tade Thompson in deutscher Übersetzung. Das Buch hatte der Golkonda-Verlag für November vergangenen Jahres angekündigt, bei Amazon & Co. ist es jetzt für den 17. Januar avisiert. Der Golkonda-Verlag ist ja durch die finanziellen Probleme seines Mutterhauses ins Trudeln geraten, hat die Verlagsleiterin vor die Tür gesetzt und schon das ambitionierte »Science Fiction«-Jahrbuch aus dem Programm geworfen. In ein paar Tagen wissen wir mehr.

Ich habe natürlich inzwischen damit begonnen, meinen SUB abzuarbeiten. »Derolia« von Axel Kruse habe ich beendet. Mal sehen, was ich mir gleich aus dem Regal nehme, um den Rest des Abends lesend zu verbringen.

Dieses Buch ist gefährlich

Heinrich Stöllner schreibt über die Serien in den Utopia- und Terra-Heften – und führt mich in Versuchung.


Heinrich Stöllner: Die Zukunft von gestern. Verlag Dieter von Reeken, 2019. ISBN ISBN 978-3-945807-49-1.


Bücher wie »Die Zukunft von gestern« von Heinrich Stöllner sind eine Gefahr, eine kaum zu widerstehende Versuchung, noch mehr Bücher, die man sonst nicht lesen würde, zu kaufen. Ist mir so gegangen. 

»Die Zukunft…« ist eine akribisch recherchierte Dokumentation aller Serien, die als Utopia– oder Terra-Heftroman der Verlage Pabel und Moewig zwischen 1953 und 1985 erschienen sind. Als Serien werden Roman-Reihen bezeichnet, bei denen die Handlungen aufeinander aufbauen. Die bekannteste in diesem Literatursegment ist die 1961 im Münchner Moewig-Verlag erstmals erschienene Perry Rhodan-Serie, die es bis heute auf mehr als 3000 Folgen gebracht hat. Außer solchen eigenständigen Serien gab es weitere kürzere, die innerhalb von Heftroman-Reihen auf den Markt kamen.

Utopia und Terra waren die führenden Reihen in Deutschland. Von Utopia erschienen bis 1968 als Utopia SF, Utopia Großband, Utopia Kriminal und Utopia Magazin 850 Hefte, von Terra SF, Terra Sonderband, Terra Extra, Terra Nova und Terra Astra etwa doppelt so viele Hefte, allerdings nicht genau so viele Titel, denn viele Romane, die in Terra SF oder Terra Nova veröffentlicht wurden, erschienen Jahre später in Terra Astra erneut. In den Heftroman-Reihen waren deutsche Autoren stark vertreten, in Terra Nova und Terra Astra vor allem solche aus dem Umfeld der Perry Rhodan-Serie.

Es gibt viel zu entdecken

Wer wann was veröffentlicht hat, kann man in Stöllners 500 Seiten dickem Werk nachlesen, das mit zahlreichen Coverabbildungen illustriert ist. Es ist in drei große Kapitel unterteilt, die sich den deutschsprachigen und den englischsprachigen Autoren sowie den Fernseh- und Filmserien widmen. Es gibt zu jedem der thematisch gegliederten Unterkapitel, in denen mehrere Autoren und deren Serien behandelt werden, eine Einführung mit ausführlichen Inhaltsangaben, Information zur Publikationsgeschichte und einer Bibliografie, in der auch die Nachdrucke aufgelistet sind.

In  »Die Zukunft von gestern« gibt es eine Menge zu entdecken, auch dank des üppigen Anhangs, in der alle im Buch genannten Serien alphabetisch aufgelistet sind.  Das ist eine beeindruckende Arbeit, die jedem Sammler zu empfehlen ist. Dann ist es auch noch gut geschrieben, und man merkt dem Autor die Leidenschaft für das Genre und den Heftroman an. Davon lässt man sich gerne anstecken.

Wer in »Die Zukunft von gestern« stöbert, findet mit Sicherheit etwas, von dem sie/er gar nicht wusste, dass es im Bücherregal noch fehlt.

Ich bin nun kein ausgesprochener Sammler, sondern habe die ausgelesenen Heftromane verschenkt oder sogar weggeschmissen. Einige wenige Hefte habe ich mir inzwischen aus reiner Nostalgie besorgt. Dazu gehört Terra Astra 30, »Die Herrin der Fische« von Hans Kneifel, erschienen 1972. Den Roman las ich, als ich 14 oder 15 war. Dank Söllner weiß ich heute nicht nur, dass der Roman bereits neun Jahre zuvor in der Terra-Reihe erschienen war und zusammen mit zwei anderen Romanen zur Serie »Das Rätsel von Machaon« gehört, sondern auch, dass die Serie 1996 in Buchform als »Das Machaon-Projekt« im Tilsner-Verlag neu herausgegeben wurde – und, zack, hatte ich das Buch bei booklooker.de aufgespürt und bestellt. Jetzt muss ich es nur noch lesen.

Auch einigen anderen Protagonisten meiner frühen SF-Phase wie Earl Dumarest bin ich wieder begegnet, aber sehr viel größer ist die Zahl der Serien, von deren Existenz ich jetzt das erste Mal gehört habe. Vielleicht schlage ich da auch noch mal zu. Wie gesagt, dieses Buch ist eine Versuchung.