Der Eschbach ist da

Anmerkungen zum Roman »Perry Rhodan. Das größte Abenteuer« von Andreas Eschbach


Andreas Eschbach: Perry Rhodan. Das größte Abenteuer. Fischer Tor Frankfurt/M. 2019. 848 S., 25 Euro. ISBN 978-3596701452. Gibt es auch als Ebook und Hörbuch.


In der Perry-Rhodan-Fanszene war das Erscheinen des Romans von Andreas Eschbach neben dem Jubiläumsband 3000 das Ereignis des beginnenden Jahres 2019. Die Ankündigung im Verlagsprospekt und die Veröffentlichung verschiedener Leseproben hatten schon Wochen vor Erscheinen für Diskussionen gesorgt. Die Frage lautete: Wie kanonisch ist der Roman, das heißt, passen die geschilderten Ereignisse zur offiziellen, durch die Hefte festgelegte Geschichte des Perryversums?

Ganz offensichtlich ist der Roman als Versuch konzipiert worden, die Geschichte des Perryversums mit der der Realwelt zu verbinden und der Fiktion damit mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Versprochen wird »eine phantastische Enthüllungsstory«. So steht es im Verlagsprospekt:

»Nach dem katastrophalen Scheitern der Apollo-Missionen unternehmen die Amerikaner einen letzten verzweifelten Versuch, das Rennen zum Mond zu gewinnen. Der Name des Raumschiffs: Stardust. Der Name des Kommandanten: Perry Rhodan.«

In meiner Besprechung will ich mich (fast) ausschließlich diesem Aspekt widmen: Ist es Andreas Eschbach gelungen, die zwei Welten glaubwürdig zu verbinden, und erfahren wir, warum der erste Mensch auf dem Mond Perry Rhodan heißt und nicht, wie wir alle glauben, Neil Armstrong?

Achtung, Spoilergefahr!

Heft 1 der PERRY RHODAN-Serie mit dem Titel »Unternehmen ›Stardust‹« erschien im September 1961. Gerade einmal drei Menschen waren zu diesem Zeitpunkt im Weltraum gewesen: die Russen Juri Gagarin und German Titow sowie der Amerikaner Alan Shepard. Das Apollo-Programm der Nasa steckte noch in den Kinderschuhen, da ließen Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting alias Clark Darlton schon Perry Rhodan mit der Stardust im Jahr 1971 auf dem Mond landen (wenn man bedenkt, dass dieses Datum bereits im Exposé der Serie vom Februar 1961 – drei Monate vor Gagarins erstem Flug – stand, ist das geradezu erschreckend prophetisch).

Die Serie ist zwar zu Beginn in der nahen Zukunft angesiedelt, dennoch vermieden es die Autoren, die Verhältnisse ihrer Gegenwart einfach fortzuschreiben. Die Welt des Perry Rhodan ist eine andere als unsere. Es gibt zwar noch den Kalten Krieg, den Ost-West-Konflikt und die Gefahr des Atomkriegs, aber die herrschenden Mächte sind außer Amerika der Ostblock und die Asiatische Föderation, und sie heißen nicht nur anderes als Sowjetunion und China, sondern sind quasi Militärdiktaturen (in den ersten Heften tauchen jedenfalls nur Militärs und Geheimdienstler auf, keine Politiker). Die Autoren stellen in ihren Romanen auch keinen Bezug zur Realwelt her: kein Wort etwa über Gagarin oder andere Pioniere der Raumfahrt. Bis auf eine Ausnahme: die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki.

Wie überwindet Andreas Eschbach diese Kluft?
Der Roman lässt sich unter dieser Fragestellung in drei Teile gliedern:
1. Perry Rhodans Jugend und sein ersten Erfahrungen beim Militär
2. Perry Rhodan wird Mitglied eines absoluten geheimen Weltraumprojekts der Air Force.
3. Perry Rhodan fliegt zum Mond.
In jedem dieser Abschnitte verschiebt sich die Perspektive weiter von unserer Realwelt weg hin zur Realität des Perryversums, bis von unserer Welt nichts mehr übrig ist als ein paar Namen.

Der Junge von Case Mountain

Der umfangreiche erste Teil des Buches ist nichts weiter als ein Coming-of-age-Roman, ein Entwicklungsroman, in dem über die Kindheit, die Jugend und das Erwachsenwerden eines halbwegs normalen amerikanischen Jungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts erzählt wird. Wir erfahren etwas über die Geburt von Perry Rhodan, seine zum Teil aus Deutschland stammenden Familie, sein Leben in der Kleinstadt Manchester in Connecticut, seine Freunde und wie er schließlich, unter dem Einfluss eines Onkels, Pilot bei der Luftwaffe wird. Wie viele Jugendliche seiner Zeit träumt Perry von den Sternen, liest Superman-Comics und bereitet seinen Eltern gelegentlich Sorgen.

Sein bester, nein, einziger Freund ist der Schwarze Leroy Washington, eine Figur, die Autor Kurt Mahr in Band 1177 (»Der Junge von Case Mountain«) eingeführt hat – was Eschbach dazu nötigt, eine ziemlich hanebüchene Episode aus den Romanheften aufzugreifen, als nämlich der zwölf Jahre alte Perry erpresst wird, um seinen oben genannten Onkel, der auf dem künftigen Weltraumbahnhof Cape Canaveral arbeitet, auszuspionieren.

Dann schildert Andreas Eschbach Rhodans Militärlaufbahn, lässt ihn erste Heldentaten als Piloten vollbringen und legt das Fundament für dessen politisch-moralische Grundhaltung – etwa indem er ihn 1956 einen Gottesdienst mit Dr. Martin Luther King in Montgomery, Alabama, besuchen lässt.

Obwohl in einigen Szenen Rhodans künftige kosmische Bestimmung angedeutet wird, spielt die Handlung komplett vor dem Hintergrund unserer realen Welt. Alles, was der junge Rhodan macht, erlebt oder erleidet, hätte ein Amerikaner seines Alters tatsächlich erleben können.

Lesly Pounder tritt auf

Spannend wird es ab Seite 387, als Perry Rhodan und sein Pilotenkollege Ray Wings zu Gast beim Astronauten Jim Lovell sind. Dort öffnet sich endlich die Tür zum Perryversum: »Freunde – ich darf euch General Lesly Pounder vorstellen.«

Pounder ist in der PERRY RHODAN-Serie der Befehlshaber des Nevada Space Ports und der Mann, der Rhodan zum Mond schickt. In Eschbachs Roman ist Pounder zunächst der Kopf eines so geheimen Raumfahrtprojekts, dass nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten – inzwischen ist es John F. Kennedy – davon weiß und die Nasa erst recht nicht. Perry und Ray werden Teil des Projekts Starglider und testen ein neuartiges Fluggerät, das sie in den Weltraum bringen soll. Ziel ist der Mond.

Hier beginnen sich die beiden Welten – unsere Realität und die des Perryversums – zu teilen. Perry Rhodan begegnet Wernher von Braun (auf dem Männerklo im Weißen Haus), den Apollo-Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin, aber weil das Projekt Starglider so supergeheim ist, hat das Perryversum keinen Einfluss auf die Wirklichkeit. Nach den ersten erfolgreichen Testflügen, die Eschbach ausführlich und mit viel Know-how schildert, wird dem Projekt allerdings über Nacht der Geldhahn zugedreht, der Starglider eingemottet, und Perry Rhodan als Pilot in den Vietnamkrieg geschickt.

Als er schließlich aus Vietnam abberufen wird und in die Staaten zurückfliegt, macht Perry einen Zwischenstopp in Paris. Dort verliebt er sich ein wenig in eine junge Französin (es wird ein ganz, ganz bisschen romantisch), hilft während der Studentenunruhen beim Barrikadenbau und prügelt den Vizepolizeichef windelweich. In Paris erscheint ihm wie schon früher in Manchester in einer Art Traumsequenz ein Mann in einem grauen Anzug, der Teletemporarier Ernst Ellert, und klärt ihn ein wenig über seine kosmische Bestimmung auf (was Rhodan allerdings am nächsten Morgen wieder vergessen hat). Danach langweilt sich Rhodan als Versorgungsflieger in South Carolina, und verfolgt gefrustet, weil er nicht dazugehört, die Entwicklung des amerikanischen Raumfahrtprogramms. Dann verschwindet Jim Lovell, mit dem Perry inzwischen befreundet ist, mit Apollo 8 hinterm Mond. Es ist Weihnachten 1968.

Auf einen Kaffee mit Neil Amstrong

Jetzt wird die Tür zum Perryversum ganz aufgestoßen. Das Apollo-Programm wird gestrichen, General Pounder und seine Leute sind wieder am Zug, aus dem Projekt Starglider wird das Unternehmen Stardust. Perry Rhodan trifft Neil Amstrong auf der Raumstation Freedom I auf einen Kaffee und startet zum Mond. Dort stößt er bekanntlich auf die Arkoniden. Der Rest ist sozusagen Geschichte.

Hier hätte Eschbach den Roman enden lassen können. Tut er ab nicht, sondern er erzählt die Ereignisse der ersten zehn Bände in Kurzform noch einmal und beantwortet dabei die eine oder andere Frage, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Wir erfahren, was aus Leroy Washington geworden ist und dass es auf der Erde Hyperkristalle gibt.

Witzigerweise führt Andreas Eschbach einige Elemente der Realwelt ins Perryversum ein, die in den Heften nicht vorkommen und ihnen zum Teil sogar widersprechen. US-Präsident Richard Nixon, der sowjetische Parteichef Leonid Breshnew und der Führer der Volksrepublik China, Mao Tse-tung, werden erwähnt, Buzz Aldrin wird erster Administrator auf dem Mars, Neil Armstrong geht in die Politik.

Gelungener Übergang

Ich habe den Roman mit einer gewissen Skepsis zu lesen angefangen, vor allem wegen der verschiedenen kursierenden Leseproben, in die ich einen Blick geworfen hatte. Die Skepsis ist verflogen, unter anderem Dank eines sehr unterhaltsamen Vortrags, den Johannes Rüster bei der Jubiläumsveranstaltung zu Band 3000 der PERRY RHODAN-Serie in München über das Buch gehalten hat (hier), aber natürlich in erster Linie wegen des Romans selbst.

Andreas Eschbach gelingen drei Dinge: Er hat den Übergang zwischen unserer Realwelt und dem Perryversum erzählerisch gut in den Griff bekommen, auch wenn er dafür gelegentlich Details des Perryversums zurechtrücken musste. Zudem nimmt er sich viel Zeit, um die Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten zu schildern (während die anderen Figuren deutlich grober gezeichnet sind). Dann passt sich der Roman in Schreibstil, Ausdruck und Figurencharakterisierung gut an den Stil der frühen PERRY RHODAN-Romane an, ohne dabei altmodisch oder altbacken zu wirken. Der Autor hätte den Roman ja auch viel moderner schreiben können. An einigen Stellen, das muss ich anmerken, ist mir der Schreibstil aber doch etwas zu simpel; und die eine oder andere Floskel hätte das Lektorat auch ankreiden sollen.

Am besten unterhalten hat mich der mittlere Teil von dem Zeitpunkt, als Perry von General Pounder ins geheime Projekt Starglider geholt wird, bis zur konkreten Vorbereitung des Mondflugs. Denn das ist die eigentliche Vorgeschichte von »Unternehmen ›Stardust‹«. Das will man als technikaffiner PR-Fan lesen, auch weil es einige Fragen beantwortet, die Scheer & Co. seinerzeit offen ließen.

Die Schilderung von Perrys Kindheit und Jugend ist mir zu breit angelegt. Das hätte ruhig kürzer ausfallen können. Dabei hatte Andreas Eschbach allerdings einen Einfall, der schon bei Johannes Rüsters Vortrag in München für große Heiterkeit sorgte und das Zeug hat, im Perryfandom zum Bonmot zu werden: Rhodans deutscher Opa Alois Roden stammte aus dem oberbayrischen Ort »Scheernsting« – eine witzige Hommage an die Gründungsväter der Serie, Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting.

Der letzte Teil, also die Zeit nach Rhodans Mondlandung, ist zwar weitgehend Nach- und Neuerzählung bekannten Stoffs, sorgt aber dafür, dass der Roman nicht abrupt aufhört, sondern langsam ausklingt und dem Leser signalisiert, dass die Zukunft gerade erst begonnen hat: Der Erzähler weist nämlich darauf hin, dass am 25. Mai 1975 erstmals Menschen das Sonnensystem verlassen haben, als Perry Rhodan und sein Team mit dem Raumschiff Good Hope in das 27 Lichtjahre entfernte Wega-System aufbrechen.

Bereits knapp drei Wochen vor dem offiziellen Erscheinungstermin wurde »der Eschbach« bei der Jubiläumsveranstaltung zum 3000. Band der Serie in München verkauft.

Gerade dieser letzte Teil wendet sich wohl vor allem an die Leser, die vorher noch keinen Kontakt mit Perry Rhodan beziehungsweise der Frühzeit der Serie hatten. Denn auch sie sollen, das war erklärte Absicht, mit diesem Roman angesprochen werden. Wenn man sich ansieht, mit welchem Aufwand der Verlag Fischer Tor den Roman bewirbt, dürfte das gelingen.

»Perry Rhodan. Das größte Abenteuer« ist zwar keine literarische Offenbarung, aber eine sehr unterhaltsame und in weiten Teilen spannende Lektüre. Sowohl eingefleischte Fans als auch Neuleser kommen auf ihre Kosten (die mit 25 Euro für ein gebundenes Buch mit fast 900 Seiten mehr als akzeptabel sind).

Redaktioneller Hinweis: Dieses Rezensionsexemplar ist mir unverlangt vom Verlag zur Verfügung gestellt worden.

Kluge Dialoge, glaubwürdige Figuren

Lothar Englert: Die holländische Brille. Leda-Verlag Leer 2012. 288 S. 9,90 Euro. ISBN 9783939689515

Ich war skeptisch und habe deshalb auch lange gezögert, dieses Buch zu lesen: einen Roman über eine historische Figur und einen besonders wichtigen Zeitabschnitt in der Geschichte Ostfrieslands. Fast alle historischen Romane, die ich gelesen habe, haben mich, gelinde gesagt, enttäuscht. Aber weil ich mich seit langem immer wieder einmal mit David Fabricius beschäftigt habe, kam ich an dieser Lektüre nicht vorbei. Und sie hat sich gelohnt. Continue reading „Kluge Dialoge, glaubwürdige Figuren“

Ein vielversprechendes Erstlingswerk

»Maus und Elefant reisen in den Weltraum« – das Titelbilder. 

Von meiner Enkelin (5) habe ich zum Geburtstag eine selbst ausgedachte und illustrierte Geschichte bekommen (Ghostreiter war meine Tochter, weil das Kind noch nicht schreiben kann) :  »Maus und Elefant reisen in den Weltraum«. Es kommen ein Kugelraumer, Aliens und ein Schatz vor. Und am Ende ein Dino. Für ein Erstlingswerk in dem Alter ist die Geschichte ganz gut gelungen, sogar einen kleinen  Spannungsbogen gibt es. Nur der Schluss ist ein wenig absurd: ein Dino, der Hamster als Haustiere hält und sie am liebsten brät, wo gibt’s denn sowas? Ich werde das Werk gut aufbewahren, und eines Tages bekommt sie es zurück. Mal sehen, wie sich ihre Schriftstellerinnenkarriere sich bis dahin entwickelt hat.

Die erste deutsche SF-Anthologie

H. Bings (Hrsg.)
Lockende Zukunft. Eine utopische Anthologie
Bewin-Verlag Menden, 1957

Den Urlaub habe ich dazu genutzt, die Kurzgeschichtensammlung »Lockende Zukunft« zu lesen, die genauso alt ist wie ich: Sie wurde 1957 von Henry Bings (= Heinz Bingenheimer) im Bewin-Verlag Menden herausgegeben und war die erste Anthologie mit deutschen SF-Kurzgeschichten überhaupt. Ein Meilenstein des Genres also, wenn auch ein angestaubter.

Bevor ich zum Inhaltlichen komme ein paar Fakten: Das Buch im typischen Leihbuch-Stil seiner Zeit – dickes, holzhaltiges Papier, Format 12 x 19 cm, Supronyl-Einband – enthält 35 nur wenige Seiten lange Geschichten von 22 Autoren und zwei Autorinnen. Wer das im Einzelnen ist, hatte ich hier schon mal aufgeführt.

Einige bekannte Namen

Eine Reihe von Namen ist heute noch (fast) jedem SF-Fan bekannt, womit sich eine Hoffnung erfüllte, die Herausgeber Henry Bings in seinem »Geleitwort« zum Ausdruck brachte, nämlich »daß einige von ihnen befähigt sind, … der kommenden Generation Vorbild im SF-Schrifttum zu werden«.

Zu nennen sind Walter Ernsting alias Clark Darlton und K. H. Scheer, die Begründer der PERRY-RHODAN-Serie, die seinerzeit schon gestandene Profis waren. Der spätere PERRY-RHODAN-Autor Willi Voltz feierte in der Anthologie mit insgesamt gleich neun Geschichten ebenso sein Debüt als Schriftsteller wie Wolfgang Jeschke, dessen Verdienste um die deutsche SF als Autor und Herausgeber kaum zu überschätzen sind, oder Jay Grams (= Jürgen Grasmück, besser bekannt als Dan Shocker), die zuvor nur in Fanzines veröffentlicht hatten. Andere, wie Jürgen Duensing und Ernst H. Richter, dürften nur älteren Fans ein Begriff sein. Schließlich gibt es eine Reihe von »Eintagsfliegen«, von denen man nie wieder etwas gehört beziehungsweise gelesen hat (eine große Hilfe bei der Recherche über die deutsche SF-Szene ist übrigens The Internet Speculative Fiction Database durch die ich sogar erfahren habe, dass mein ersten Leserbrief an die PERRY-RHODAN-Redaktion 1971 in Band 495 erschienen ist; das Heft muss ich mir unbedingt besorgen!).

60 Jahre alt ist die »Lockende Zukunft« – sie stammt also aus einer Epoche der Science-Fiction, als diese nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerade begonnen hatte, in Deutschland richtig Fuß zu fassen. Bings merkte damals an, dass das Genre in Deutschland im Umbruch war und vor der Entscheidung stand, entweder der aktuellen amerikanischen Linie zu folgen oder »den alten deutschen Stil« eines Hans Dominik, Robert Kraft oder Freder von Holk beizubehalten und »möglichst mit SF-Effekten zu modernisieren«.

Es ist keine Patina, sondern Staub

Das Alter merkt man vielen Storys an, und es ist keine Patina, die sie veredelt, sondern der Staub der Jahrzehnte. Wenn man ihn wegpustet, kommt nichts Erwähnenswertes zum Vorschein. Besonders auffällig ist die große Naivität, mit der beschrieben wird, wie Menschen ins Weltall schippern oder Aliens auftauchen. In »Sie kamen zum dritten Mal« von Bernd Müller spazieren zwei Aliens einfach bei einem Biologen auf Terra in die gute Stube und eröffnen ihm beiläufig, dass sie vor Milliarden von Jahren das Leben auf die Erde gebracht haben. Vieles ist behäbig und schnarchig, die erzählerischen Fähigkeiten vieler Autoren reißen einen nicht gerade vom Hocker.

Aber es gibt auch Storys, die einem heute noch berühren und etwas sagen können, etwa »Die andere Welt« von Willi Voltz, in der zwei Astronauten auf einem fremden Planeten landen, aber feststellen müssen, dass es eine zukünfige Erde ist (der »Planet der Affen« lässt grüßen) oder »Der Türmer« von Wolfgang Jeschke, mit dem die Anthologie eröffnet wird (darin erfüllt sich ein Pflanzenwesen seine Sehnsucht nach den Sternen).

Sogar mit der Zeitgeschichte setzte sich die deutsche SF auseinander, zumindest in der Story »Die Ursache« von Heinz-Dieter Reiss. Die oberen Andromedaner glauben nicht, dass auf Planet III im Sonensystem 4712 Leben möglich ist. Agent Li insistiert:

»… sie zerstören alles, was sie aufgebaut haben und werfen Atombomben auf ihre eigenen Städte.«
»Sieh einer an,« sagte ATO-4 erstaunt, »dann sind diese Wesen ja schon ziviliert?! Es wird gut sein, wenn wir sie im Auge behalten.«

Egal, wie man die einzelnen Geschichten auch bewerten mag – das Buch ist eine spannende Lektüre für alle, die auch mal einen Blick über den »Gartenzaun« ihrer Lieblingslektüre werfen und erfahren wollen, wo deren Wurzeln liegen (hm, irgendwie ein schiefes Bild).

In seinem »Nachwort« wünschte sich der Herausgeber übrigens, »dass dieser ersten deutschen Anthologie bald weitere Ausgaben folgen können«. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Als zweite deutsche SF-Anthologie gilt »Science Fiction aus Deutschland«, herausgegeben von Hans Joachim Alpers und Ronald M. Hahn im Jahr 1974. Als einziger Autor der »Lockenden Zukunft« ist darin Wolfgang Jeschke mit einer Geschichte vertreten.

Dreizehn ist keine Unglückszahl

Die Nummer 13 sollte für mich keine Unglückszahl sein. In der jetzt bei Amazon als E-Book veröffentlichten Anthologie »Gegen unendlich 13« ist eine Kurzgeschichte von mir erschienen, »Kurze Unterbrechung«. Der eine oder andere wird sie kennen, denn sie steht in meiner selbst verlegten Storysammlung »Zeit für die Schicht« von 2016.

Das sollte aber niemanden daran hindern, »GU 13« zu erwerben und zu lesen. Denn es gibt noch zehn andere Storys. Einige Autoren sind mir dem Namen nach bekannt, von anderen habe ich nicht nie gehört oder gar gelesen. Das werde ich jetzt nachholen. Print wird übrigens nachgeliefert.

Von den elf Autoren ist Gert Prokop der bekannteste. Prokop (1932-1994) war einer der profiliertesten SF-Schriftsteller der DDR und vor allem bekannt für seine Storys um den Detektiv Timothy Truckle (meine Rezension). Eine dieser Geschichten, »Null minus unendlich«, steht in »GU 13«. Über eine solche Gesellschaft kann man sich als Hobbyschriftsteller nur freuen. Mit der Prokop-Story und dem letzten Beitrag der Antho, »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop« von Armin Möhle, erweisen die Herausgeber Michael Awe, Andreas Fieberg und Joachim Pack wieder einem älteren deutschen SF-Schriftsteller die Ehre. Ich selbst bin durch »GU 11« das Werk von Carl Grunert (1865-1918) aufmerksam geworden.

Der Waschzettel

Die Herausgeber schreiben:

Die phantastische Literatur erreicht Orte, von denen manch einer nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Diese Erkenntnis wollen wir hiermit erneut auf die Probe stellen, und zwar mit einer gesunden Mischung aus forscher Phantastik und gediegener Science Fiction. Begleiten Sie uns auf einen weiteren Ausflug »gegen unendlich« und lassen Sie sich von unseren Autoren über Grenzen entführen, hinter denen alles möglich scheint. – Das Titelbild stammt von Michael Hutter.

DIE STORYS
Michael J. Awe: »Der Seltsamkeitsladen«
Andreas Fieberg: »5-Minuten-Schicksal«
Fernando Sorrentino: »Schuld hat Dr. Moreau«
Joachim Pack: »Lift!«
Uwe Durst: »Frau Griese«
Norbert Fiks: »Kurze Unterbrechung«
Amya Northcote: »Brikett Bottom«
Ute Dietrich: »Das Eis«
Michael Hutter: »Melchior Grün und das Sternentier«
Ellen Norten: »Der magische Schleier«
Gert Prokop: »Null minus unendlich«
Armin Möhle: »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop«

AUS DEM INHALT
Ein obskurer Laden, in dem nichts gekauft werden kann / Instant Karma auf Causa Prime / Ein nicht ganz menschlicher Schwiegervater in spe / Unterwegs per Anhalter auf Vingart / Eine Wohnung, die sich gegen eine alte Dame wendet / Nebenwirkung eines Cyberanschlags / Verschwinden im Tal des Todes / Eisige Postapokalypse / Intergalaktische Brut / Raffinesse einer Bauchtänzerin / Überbevölkerung und ihre vermeintliche Lösung / Armin Möhle über die SF-Krimis von G. Prokop

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