Darauf habe ich lange gewartet

Endlich wurde wieder eine Anthologie mit Übersetzungen angloamerikanischen SF-Storys veröffentlicht


Yvonne Tunnat/Chris Witt (Hrsg.)
Ihr Körper, das Schiff. Die besten internationalen Science-Fiction-Geschichten
Übersetzt von Sharyn Wegmann

A7L Books, 2025, 312 Seiten, ISBN 978-3-690-28457-8


Auf eine solche Anthologie habe ich lange gewartet. Mit »Ihr Körper, das Schiff« ist das erste Mal seit mehr als zwanzig Jahren wieder ein Auswahlband mit aktuellen angloamerikanischen Science-Fiction-Kurzgeschichten auf dem deutschen Buchmarkt erschienen.

Die Herausgeberinnen Yvonne Tunnat und Chris Witt haben dafür aus einem Riesenangebot aus zwei Jahren fünfzehn Storys ausgewählt, darunter »Das Jahr ohne Sonnenschein«, mit der Naomi Kritzer 2024 ihren dritten von inzwischen vier Hugo Awards gewonnen hat. Weder von ihr noch von den übrigen Autorinnen und Autoren ist bisher etwas ins Deutsche übersetzt worden; einige von ihnen dürften selbst in der englischsprachigen SF-Szene weitgehend unbekannt sein.

Das Themenspektrum ist groß, es geht um Künstliche Intelligenz, Aliens, Wegwerfandroiden, Klone, ewige Jugend und vieles mehr. Was auffällt: Elf Storys sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, eine sogar aus der ungewöhnlichen Du-Perspektive. Das heißt, es geht neben der eigentlichen Handlung immer auch viel um Persönliches – sei es das schwierige Verhältnis zu den Eltern, die Sorge um einen dementen Vater oder die Trauer um einen Partner. Das ist sicher kein Zufall.

Ob die Anthologie, wie die Titelseite verspricht, tatsächlich »die besten internationalen Science-Fiction-Geschichten« enthält, lassen wir mal dahingestellt. Eine Auswahl ist immer subjektiv und hängt von vielen Umständen ab, und recht machen kann man es ohnehin nicht jedem. Lesenswert sind die Storys allemal.

Es ist das Verdienst des Verlags und der Herausgeberinnen, der Leserschaft einen, wenn auch winzigen Ausschnitt aus der quierligen angloamerikanischen SF-Welt zu zeigen. Deshalb kann ich nur zum Kauf dieser Anthologie raten. Damit sie keine Eintagsfliege bleibt.

Diese Kurzrezension ist zuerst in Ausgabe 100 des Magazins »phantastisch!« erschienen.

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Stille Rebellion im Überwachungsstaat

Die 200. Story des Jahres – »In My Country« von Thomas Ha – hat den Locus Award gewonnen

Im vergangenen Jahr war ich etwas flotter, dieses Mal habe ich die 200. Kurzgeschichte erst am 3. Juni gelesen und nicht schon am 28. April. Es handelt sich um »In My Country« von Thomas Ha (hier lesen), die diesjährige Gewinnerin des Locus Award in der Kategorie Short Story, erschienen im Magazin Clarkesworld, Ausgabe 223 vom April 2025.

Im Unterschied zum vergangenen Jahr, als es mit »Die Pyramide« von Richard DeWitt Miller eine Story von 1937 war, habe ich dieses Mal eine vergleichsweise topaktuelle Story an 200. Stelle gelesen (und im Original, denn es gibt keine Übersetzung und wird wahrscheinlich keine geben). Zwischen beiden Storys liegen 88 Jahre, und man kann sie ehrlicherweise nicht vergleichen. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie jeweils an der gleichen Stelle meiner Lesereihenfolge liegen.

In »In My Country« denkt ein Vater, der in einem totalitären Staat lebt, über seine beiden Kinder nach. Der Sohn wird zu einem subversiven, aber beliebten Schriftsteller, der schließlich in den »far fields« verschwindet, während die Tochter in den Widerstand geht und am Ende bei einem Polizeieinsatz stirbt. Trotz der Verluste und der allgegenwärtigen Überwachung entschließt sich der Vater, das geistige Erbe seiner Kinder zu bewahren.

Das ist eine sachliche Zusammenfassung, die nichts von der Struktur oder der Stimmung der Story wiedergibt. »In My Country« besticht vor allem durch seine gedankliche Tiefe, die eindrucksvolle Sprache und den modernen Erzählstil. Es wird keine Handlung geschildert, sondern Reflexionen, zum Beispiel über die Frage seiner Kinder, ob es einen König gibt, und Erinnerungen des Erzählers. Dadurch entwickelt die Story einen starken Sog. Ich jedenfalls wollte nicht aufhören zu lesen.

Mit gut sechstausend Wörtern ist sie von mittlerer Länge.

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Die Ideen gehen ihm nicht aus

Uwe Hermann hat einen neuen Sammelband mit seinen Kurzgeschichten veröffentlicht


Uwe Hermann
Mein Mensch und ich
Wagenfeld 2026

gibt’s bei Amazon: Taschenbuch 12,99 €, E-Book 4,99 €


Wieder eine Sammlung mit 16 frischen und gut abgehangenen Kurzgeschichten von Uwe Hermann. Super! »Mein Mensch und ich« ist bereits seine siebte selbst verlegte Storysammlung, und die Ideen gehen ihm nicht aus. Auch wenn ich mich wiederhole (siehe meine Kurzrezi zu »Die Tage nach dem Lärm« auf Amazon): »Die Kurzgeschichten von Uwe Hermann sind das humorvollste, was die deutsche Science-Fiction zu bieten hat.« Fakt! Kein Wunder, dass er zu den beliebtesten SF-Autoren gehört und schon mehrere Preise eingeheimst hat.

Humorvoll heißt aber nicht Klamauk. Fast alle Storys, sechs davon Erstveröffentlichungen, drehen sich um ein ernstes Thema, in diesem Band viele um Roboter und KI, und der Autor stellt die berechtigte Frage: Wer ist hier eigentlich die Krone der Schöpfung? Ein paar Beispiele:

»Die Rückkehr der Dinge« ist die Fortsetzung der mehrfach preisgekrönten Story »Das Internet der Dinge«: ALMA, die adaptive Lebensmittelassistentin, übernimmt die Herrschaft in der vernetzten Küche von Robert Schroeder, dem die Küchengeräte einst das Leben gerettet hatten. Als erstes muss die Mikrowelle dran glauben. Die Angst geht um. Das ruft den Kühlschrank auf den Plan.

In »Doro« trauert ein alter Mann um seine Frau. Er will ihr in den Tod folgen und Selbstmord begehen. Zur Unterstützung schafft er sich einen weiblichen Roboter an, der sich aber weigert, ihm beim Selbstmord zu helfen. Im Gegenteil.

»Der beste Roman aller Zeiten«: Ein Autor verzweifelt, denn nur noch KI-generierte Romane werden verlegt und gelesen. Da greift er zu einem Trick, um den titelgebenden Roman zu veröffentlichen, hat dabei aber die Rechnung ohne seinen Haushaltsroboter gemacht.

In »Der Löwenkönig« wird das Thema der nervenden Werbeanrufe auf die Spitze getrieben. Wenn einem Albert Einstein oder Elvis Presley am Telefon etwas andrehen wollen, ist es hilfreich, auf seine Mutter zu hören. Oder?

Die Titelstory, mit mehr als 50 Seiten die längste im Buch, ist ein origineller, amüsant geschrieben SF-Krimi. Ein selbstgefälliger Ex-Polizist und sein Partner, ein ausrangierter, aber äußerst kompetenter Robocop (der Ich-Erzähler), sollen zehn Leichen finden, die aus der Gerichtsmedizin verschwunden sind – ein insgesamt skurriles Setting, dessen Auflösung mich erzählerisch allerdings nicht überzeugt.

Inhaltlich zum Roboter-Schwerpunkt und technisch zum Thema KI passt das Titelbild. Es ist selbst KI-generiert und zeigt einen verzweifelt dreinsehenden Roboter, der zusammen mit anderem Elektroschrott in einem Mülleimer steckt.

Transparenzhinweis: Ich bin mit Uwe Hermann befreundet und habe das Buch von ihm geschenkt bekommen. Das heißt aber nicht, dass es sich hier um eine Gefälligkeitsbesprechung handelt. Ich meine es ernst.

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