Gutgläubig, arglos, dreist

Der Preis ist heiß – auf Schnäppchenjagd nach »Unternehmen Stardust«, Heft 1 von PERRY RHODAN

Ein Schnäppchen? Nein, denn es handelt sich bei dem angebotenen Heft um einen Nachdruck.

Weil mir in meiner »Unternehmen Stardust«-Sammlung das Heft 1 der PERRY RHODAN-Serie in der Erstauflage fehlt, beobachte ich den einschlägigen Antiquariatsmarkt, vor allem die Angebote bei Ebay. Es ist erstaunlich, auf wie viel Gutgläubig-, Arglosig- und Dreistigkeit bei Anbietern und Käufern man dabei trifft.

Wer es nicht weiß: PERRY RHODAN ist eine deutsche Science-Fiction-Serie, die seit 1961 ununterbrochen wöchentlich als Heftroman erscheint. Band 1 trägt den Titel »Unternehmen Stardust« und ist im Laufe der Jahrzehnte in mehreren Auflagen und Sonderausgaben auf den Markt gekommen. Das originale Heft 1 (Erscheinungstag 8. September 1961) ist eine Rarität und steht auf der Wunschliste vieler Sammler ganz oben. Entsprechend tief muss man dafür in die Tasche greifen. Im Moment muss man für ein gut erhaltenes Heft mindestens 200 Euro hinlegen, für mindere Qualität entsprechend weniger. Es werden aber auch deutlich höhere Preise verlangt.

Das Originalheft 1 ist von den Nach- und Sonderauflagen auf den ersten Blick leicht zu unterscheiden, selbst wenn es sich nur um ein Vorschaubild auf Ebay handelt. Die Nachauflagen sind als solche auf dem Umschlag gekennzeichnet, Nach- und Sonderauflagen haben zum Teil ein anderes Layout und angepasste Titelbilder (das Motiv ist aber immer gleich und zeigt drei Astronauten in einer Mondlandschaft). Das wird niemand verwechseln.

Der Nachdruck von 1988

Allerdings gibt es einen fast originalgetreuen Nachdruck aus dem Jahr 1988. Diese Faksimileausgabe wird immer wieder mal zu horrenden Preisen feilgeboten – wobei die Frage ist, ob die Anbieter dreist oder ahnungslos und die Käufer ahnungslos und gutgläubig sind. Jüngste Beispiele: In diesem November wurde der Nachdruck als »Perry Rhodan Heft 1 super erhalten!« für 155 Euro bei Ebay angeboten, allerdings nicht verkauft. Für ein ausdrücklich als »!Nachdruck! (1988)« eingestelltes Heft wurden 99,99 Euro von einem Händler mit mehr als 40.000 Bewertungen verlangt. Bekommen hat er den Preis nicht. Denn der Nachdruck ist bei Ebay problemlos für zwei, drei Euro zu bekommen. Das sollte einem erfahrenen Anbieter bekannt sein. Schließlich müssen Händler sich bei ihrer Preisgestaltung an irgendetwas orientieren.

Nun muss nicht jeder unbedingt wissen, dass es diesen Nachdruck gibt, auch wenn man sich bei der Suche schon fragen könnte, warum es so große Preisunterschiede gibt. Aber ich staune immer wie, wie unbedarft viele Leute durchs digitale Leben kommen und wie viele offenbar nicht wissen, wozu Suchmaschinen wie Google da sind. Sonst würden sie zum Beispiel bestimmte Fragen in Facebook-Gruppen oder Foren nicht stellen.

Die überpinselte Erde

Der Nachdruck von 1988 ist ebenfalls recht leicht vom Original zu unterscheiden – was den damaligen Produktionsbedingungen zu verdanken ist. Auf dem Titelbild ist rechts oben die Erde abgebildet. Für den Nachdruck ist in der Vorlage ihr rechter Rand mit weißer Farbe überpinselt worden. Das ist so deutlich, dass es selbst bei einem kleinen Ebay-Vorschaubild auffällt.

So erkennst du den Nachdruck von Heft 1: Die Erde hat einen dicken weißen Rand (links), und auf der Rückseite ist nach »große« ein Riss zu sehen.

Ein weiteres untrügliches Merkmal des Nachdrucks: Auf der Rückseite ist in dem Kasten mit dem Text »Die große Weltraumserie aus dem MOEWIG-VERLAG« nach »große« so etwas wie ein Riss zu erkennen. Wenn die Rückseite bei Ebay abgebildet ist, lässt sich das mithilfe der Vergrößerungsfunktion leicht überprüfen. Der Grund für diesen gedruckten »Riss«: Offenbar hat für den Nachdruck ein beschädigtes Heft als Vorlage gedient. Diese Kenntnisse sind nicht neu und auch nicht von mir entdeckt. Hier hat zum Beispiel Reinhard Peter exzellente Vorarbeit geleistet, dessen Website ohnehin eine Fundgrube für jeden Fan ist.

Reinhard Peter berichtet auch von Betrugsfällen: Der Betrüger bietet das Original mit den passenden Abbildungen an, die er sich im Netz besorgt hat, verschickt dann aber den Nachdruck. Es ist also Vorsicht geboten.

Ein „Highlight. Rarität“ für 2950 Euro

Auch für das Originalheft werden gelegentlich astronomische Preise verlangt. Dieser Tage wollte ein Anbieter bei Ebay für ein »Highlight. Rarität« 2950 Euro haben, also mehr als das Zehnfache dessen, was man sonst hinblättern müsste. Was das Besondere an diesem Exemplar ist? Der Erstbesitzer hatte das Heft nicht nur mit seinem Adressstempel , sondern auch mit einem Datumsstempel vom 6. September 1961 versehen. Der Anbieter preist es als »seltenes Belegexemplar« dafür an, »dass die Romane schon vor dem Verkaufsstart am 8.Sept.1961 vom Verlag an vorgemerkte Kunden verschickt wurden«. Mag sein. Aber erstens ist das nicht erstaunlich, weil die Hefte ja nicht am Ersterscheinungstag direkt aus der Druckerei zu den Händlern gebracht wurden, und zweitens könnte der Stempel auch bloß falsch eingestellt gewesen sein.

Am Tag, als die Mauer fiel

Vor 30 Jahren schrieb ein Zettel Geschichte. Dabei war nicht alles so, wie es scheint.

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Der Titel eines Doors-Stückes als Aufforderung an der Berliner Mauer – irgendwann Ende der 1970er Jahre aufgenommen.

Die Frage ist heute (9. November 2019, am 30. Jahrestag) unvermeidlich:

Wo warst du, als die Mauer fiel?

Ich war zu Hause vor dem Fernseher, wie seit Wochen an den Abenden vorher. Denn es war eine spannende Zeit, die alle in Atem hielt.

Wir wohnten in einem alten Haus in Leer zur Miete und hatten zwei kleine Kinder; der Kleine war gerade ein halbes Jahr alt. Wir hatten die Ereignisse in den DDR aufmerksam verfolgt wie wohl jeder andere halbwegs politisch interessierte Mensch in jenen Tagen.

Wie dieser Abend genau gelaufen ist, weiß ich nicht mehr. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Ich habe damals wie heute als Lokalredakteur bei der Ostfriesen-Zeitung gearbeitet. Meinem Artikelarchiv entnehme ich, dass ich mir abends einen Vortrag von Dr. Rolf Bärenfänger über die Ausgrabung des ehemaligen Prämonstratenserklosters Barthe im Heseler Wald angehört habe. Ich werde also die Tagesschau im Ersten und das Heute-Journal im Zweiten an diesem Abend verpasst haben, in denen unter anderem über die Pressekonferenz mit Günter Schabowski und dem ominösen Zettel mit den Regelungen über die Reisefreiheit berichtet wurde.

Robin Lautenbach und der Trenchcoat

Bis zu den Tagesthemen war ich aber wieder zu Hause, denn ich erinnere mich gut an ARD-Reporter Robin Lautenbach, der einsam und allein an einem Grenzübergang stand und auf ausreisende DDR-Bürger wartete, die nicht kamen, während woanders schon die Massen strömten. Ich habe mich daran immer mit einer gewissen Schadenfreude erinnert, weil Fernsehfritzen unter Kollegen für ihre wichtigtuerische Art berüchtigt sind. Da freut es einen halt, wenn denen mal gezeigt wird, dass die Welt sich nicht um sie dreht.

Soweit meine Erinnerung. Bekanntlich trügt die, und so ist es auch in diesem Fall, wie ich anhand einer Internetrecherche feststellte. Die Details in meinem Gedächtnis stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. Robin Lautenbach stand im Trenchcoat vor meinem geistigen Auge, aber tatsächlich trug er einen dunkelblauen Blouson oder Mantel und einen weinroten Pulli, wie dieses Youtube-Video beweist (ab 2:12 min). Außerdem wartete er nicht irgendwo in der Pampa, sondern am Grenzübergang Invalidenstraße und am Brandenburger Tor in Berlin. Möglicherweise gehört der Trenchcoat zu einem anderen Reporter in einem anderen Beitrag Tage später über die Vorkommnisse an der innerdeutschen Grenze. Von Massenandrang konnte zunächst auch keine Rede sein – weder an der Invalidenstraße noch anderswo. Das kam erst später.

Eine Fiktion wird Wirklichkeit

Was mir bisher nicht so bewusst war, ist der Umstand, dass der Mauerfall in der Nacht zum 10. November 1989 »eine von den Medien verbreitete Fiktion« war, die die Massen mobilisierte und dadurch zur Realität wurde, wie es in einem Bericht des Tagesspiegels vom 8. November 2011 heißt. Erst die verkürzende und unzutreffende Berichterstattung in den westdeutschen Medien – Presseagenturen, Hörfunk und Fernsehen – über die Schabowski-Bekanntmachung, die zuvor live im Fernsehen der DDR übertragen worden war, und die hineininterpretierte sofortige Maueröffnung setzten im Laufe des späten Abends – nach den Tagesthemen – die Ostberliner in Bewegung.

Es war zwar in dem Beschluss, den Schabowski verlesen hatte, von Reisefreiheit die Rede. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Grenze einfach aufgemacht werden sollte. Tatsächlich hätten die Leute, die nach West-Berlin oder in die BRD wollten, ein Visum gebraucht (was genau Schabowski dort verkündete, weiß das Bundesarchiv). Aber die Erwartungen waren so hoch, dass die Macht des Faktischen siegte. Noch in der selben Nacht fingen die Leute an, die Mauer zu demolieren. Der Mauerspecht war geboren.

Jetzt kommen sie nach Ostfriesland

Die Maueröffnung war natürlich auch in den Tagen danach das Thema Nummer 1. Ich habe in der darauffolgenden Woche für die OZ einen Bericht darüber geschrieben, wie Kommunen im Landkreis Leer die Auszahlung des Begrüßungsgeldes regeln wollten. Ältere werden sich erinnern, dass jedem DDR-Bürger bei einem Besuch in der Bundesrepublik ein Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark zustand (während wir Westdeutschen umgekehrt in der DDR für jeden Tag dort 25 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 gegen harte D-Mark eintauschen mussten).

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Man rechnete für das zweite Wochenende nach dem Mauerfall (18. und 19. November) mit einem wahren Ansturm aus dem Osten. Postämter, Sparkassen, Banken und Rathäuser hatten extra am Sonnabend und Sonntag geöffnet, um das Begrüßungsgeld auszahlen zu können. In Ostfriesland sah man der Angelegenheit ganz entspannt entgegen. Niemand rechnete damit, dass Trabis gleich geschwaderweise dort einfallen würden. Wie es tatsächlich gewesen ist, weiß ich nicht. Das müsste man in der Ausgabe vom 20. November 1989 nachlesen. Ich hatte offenbar keinen Dienst an jenem Wochenende, sonst hätte ich darüber bestimmt etwas in meinem Unterlagen.

Jahrelang hatte ich auch ein Foto von einem der ersten Trabis, der in Leer gesichtet wurde, und das deshalb in der Ostfriesen-Zeitung abgedruckt wurde, im Schreibtisch, kann es aber nicht mehr finden. Womöglich ist es bei einem meiner Umzüge von einem Büro ins andere abhanden gekommen.

Die Nostalgie in der Science-Fiction

So weit im Osten war ich noch nie bei einem Science-Fiction-Con. Aber Dresden war einen Ausflug wert.

An Ralf P. Krämer fällt zuerst die bunte Krawatte auf. Zu sehen ist eine startende Rakete mit der Aufschrift RPK. »Die hat meine Frau bemalt«, erzählt er, als er mir im Treppenhaus des Palitzsch-Museums in Dresden über den Weg läuft. RPK organisiert seit Jahr und Tag, unterstützt von seiner Familie, den Pentacon, die kleinere der beiden regelmäßigen conventions des Science-Fiction-Fandoms mit DDR-Wurzeln.

Der Mann mit der Krawatte: Ralf P. Krämer

Ralf gehörte 1969 zu den Gründern des legendären Stanislaw-Lem-Clubs Dresden, der wenige Jahre später aus offenbar fadenscheinigen Gründen aufgelöst wurde, was sich als schwerer Schlag für das gesamte SF-Fandom der DDR erwies. Deshalb stand dieser Con (1. bis 3. November) unter dem Motto »50 Jahre Stanislaw-Lem-Club«. So war der gesamte Con von einem Hauch Nostalgie umweht. Dabei hat SF doch was mit der Zukunft zu tun, oder? Leider habe ich ausgerechnet dem sicher spannenden Vortrag von Wolfgang Both, einem weiteren Urgestein des DDR-Fandoms, über diese Zeit am Sonnabendmorgen verpasst, weil ich mich in der Cafeteria des Museums verquatscht hatte.

Ich saß nämlich bei Ecki, dem wahrscheinlich »dienstältesten« westdeutschen SF-Fan, und Matthew, den unermüdlichen Herausgebern der Confacts. Auf einem alten Compaq-Contura-420c-Notebook kann jeder Teilnehmer etwas über den Con schreiben. Wenn eine Doppelseite vollgeschrieben ist, wird sie ausgedruckt und liegt zum Mitnehmen aus. Von den Confacts sind in Dresden die Nummer 182 bis 184 erschienen. Mein bescheidener, schon am Abend des ersten Tages geschriebener Beitrag lautete: »So weit im Osten bin ich noch nie bei einem Con gewesen, aber es hat sich schon gelohnt. Ein sehr gelungener Auftakt mit Erik Simon und Axel Kruse.« Leider fehlt es an einer Dokumentation dieses einmaligen Projekts. Man kann nur einige ältere Ausgaben auf Eckis Confact-Homepage nachlesen.

Plauderrunde am Confact-Tisch (von links); Ecki, Matthew, Sylvana und Dieter.

Auftakt mit Erik Simon und Axel Kruse

Zurück zum Anfang: Der Pentacon wurde am Freitagabend mit Lesungen von Erik Simon und Axel Kruse eröffnet. Erik ist ein bedeutender Protagonist der DDR-Science-Fiction, als Lektor, Übersetzer und Autor hatte er »einen beachtlichen Einfluß auf die Entwicklung der SF in der DDR ausgeübt« (ich zitiere hier das Lexikon »Die Science-fiction der DDR. Autoren und Werke«, herausgegeben von Erik Simon (!) und Olaf R. Spittel, Verlag das Neue Berlin, 1988). Simon ist ein begnadeter Satiriker, was auch an jenem Abend unverkennbar war. Über Axel Kruse fehlt bisher ein (gedruckter) Lexikoneintrag; als 1980 das bisher einzige westdeutsche SF-Lexikon erschien, war der Essener erst 17 Jahre alt. Axel las Ausschnitte aus seinem jüngsten Roman »Derolia« und den Anfang eines noch unvollendeten Zeitreise-Romans, der alle neugierig machte.

Anschließend saßen wir bei Bier, Wein, Cola oder Kaffee in der Cafeteria zusammen, bis der Tagungsort abgeschlossen wurde. Einige verlegten das gesellige Beisammensein in die Bar des Azimuth-Hotels, in dem viele Con-Teilnehmer untergekommen waren. Dort sah man sich beim Frühstück wieder.

Das Sonnabendprogramm begann mit einer Änderung. Wilko Müller, der für eine Lesung angekündigt war, war verärgert abgereist (dazu hat er einen Facebook-Post geschrieben, den man hier nachlesen kann). Ich will das nicht weiter kommentieren, weil ich davon nichts mitbekommen habe und die Ersaztleute – Karlheinz Steinmüller und Gabriele Behrend – eine gute Vorstellung ablieferten. Auch hier wieder: ein Ost-West-Duo. Danach kam der verpasste Vortrag von Wolfgang Both.

Die DDR existiert weiter – in vielen Alternativwelten

Karlheinz Steinmüller hatte nach der recht frühen Mittagspause, die aber viel Zeit zum Klönen, Fachsimpeln und Essen ließ, einen weiteren Auftritt und erzählte uns in dem erneut sehr vollen Veranstaltungssaal darüber, »Wie die DDR zur Alternativgeschichte wurde«. Steinmüller-Vorträge sind immer sehr informativ und viel zu umfangreich, um hier wiedergeben zu werden. Wir wissen jetzt, was ein jonbar hinge ist, dass der erste Alternativweltroman 1836 erschien und von Napoleons Eroberung der Welt handelte und dass sich alle Alternativ-DDR-Romane um die Wende drehen. Einen Teil des Vortrags kann man im Begleitheft zum Con nachlesen. Steinmüllers Fazit: »Dass die DDR zur Alternativgeschichte wurde, ist das beste, was ihr passieren konnte.«

Danach wurde es feierlich: Der Kurd-Laßwitz-Preis (in sieben Kategorien) und der Deutsche Science-Fiction-Preis (zwei Kategorien) wurden verliehen. Wer ihn wofür bekommen sollte, ist ja schon Wochen vorher hier und dort kommuniziert worden, das muss ich nicht wiederholen. Der KLP wurde weitgehend in Abwesenheit verliehen – nach Dresden waren nur die Hörspielautorin Anne Krüger und deren Dramaturgin Ursula Ruppen sowie Thorsten Küper (Sieger in der Kategorie »Erzählung«) gekommen. Die anderen schickten Grußbotschafen.

Zwei Preisträger: Thorsten Küper (links) und Tom Hillenbrand.

Beim DSFP sah‘s besser aus: Thorsten Küper, der nach zahlreichen Nominierungen und zweiten Plätzen in diesem Jahr doppelt absahnte, und Tom Hillenbrand nahmen Urkunde, Medaille und 1000-Euro-Scheck selbst entgegen. Im Unterschied zur Preisverleihung vor einem Jahr in Leipzig war keiner der Nominierten gekommen, um seine Urkunde in Empfang zu nehmen.

Wir nähern uns langsam dem Ende. Der Preisverleihung schloss sich die Preisträger-Lesung an. Tom las aus seinem preisgekrönten Roman »Hologrammatica« (der beim KLP auf Platz 2 gekommen war), während der Thorsten Küper mit Verstärkung durch seine Frau Kirsten Riehl und Axel Kruse eine böse Story vertrug, die demnächst in Spektrum der Wissenschaft erscheinen wird und kostenlos heruntergeladen werden kann.

Nach einer ziemlich langen Abendbrotpause – ich gönnte mir im Don Camillo beim Hotel eine Pizza Parma mit Extra-Rucola – stand eine Podiumsdiskussion über deutschsprachige SF im 20. Jahrhundert mit drei ausgewiesenen Experten an: Karlheinz Steinmüller, Erik Simon und Hans Esselborn, Letztere der Verfasser des vor wenigen Monaten erschienenen Sachbuchs »Die Erfindung der Zukunft in der Literatur«. Leider wurde etwas zu viel Zeit für die Vorstellung dieses interessanten Buches, das ich schon kannte, »verplempert«, weshalb die Diskussion über das Thema zu kurz kam und auch etwas unkontrolliert herummäanderte. Vielleicht hätte RPK nicht selbst moderieren sollen.

Danach: Bier in der Cafeteria, ins Hotel, schlafen, frühstücken.

Abschluss mit Mitgliederversammlung

Am Sonntagmorgen gab es nur noch einen offiziellen Programmpunkt: die Mitgliederversammlung des Science-Fiction-Clubs Deutschlands, denn der Pentacon war zugleich Jahres-Con des SFCD. Auch hier war die Gesprächsführung/Versammlungsleitung zu passiv, und am Ende musste RPK aufs Ende drängen, damit man zumindest noch eine halbe Stunde in der Cafeteria zusammensitzen konnte, bevor der Schlüssel umgedreht wurde. Beschlossen wurde übrigens, den Jahres-Con 2021 wieder auf dem Pentacon in Dresden und im Jahr darauf in bzw. bei Schwerin (Schlosscon III) abzuhalten.

Ich hatte danach gerade noch Zeit, mich von den letzten noch verbliebenen Con-Besuchern zu verabschieden, dann ging‘s mit dem Bus zum Bahnhof und voller Erinnerungen nach Hause.

Im Handgalopp zum Kantersieg

Wer herausfinden will, was ein 6:0 im Fußball mit Pferden zu tun hat, muss sich mit mittelalterlicher Literatur beschäftigen

Bild von skeeze auf Pixabay

Was hat das 6:0 der englischen Fußballnationalmannschaft am 14. Oktober gegen Bulgarien mit Pferden und einem mittelalterlichen Versen zu tun? Die Antwort zeigt wieder einmal, wie wandlungsfähig Sprache ist. In den letzten Tagen habe ich im Sportteil meiner Lokalzeitung, bei der ich arbeite, gleich mehrfach den Ausdruck »Kantersieg« gelesen. Was ist eigentlich ein Kantersieg, habe ich mich gefragt – und weil ich Urlaub habe und keinen Kollegen aus der Sportredaktion fragen konnte, habe ich im Internet recherchiert.

Ein Kantersieg ist, vor allem bei Ballspielarten, die Bezeichnung für einen ungewöhnlich hohen und leicht herausgespielten Sieg. Auf einen 6:0-Auswärtssieg in der Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft trifft diese Bezeichnung zweifellos zu. Abgeleitet ist der Kantersieg vom englischen Verb to canter, das im übertragenen Sinne »mühelos siegen« bedeutet, aber eigentlich aus dem Pferdesport kommt, also gar nichts mit Fußball zu tun hat und im Grunde auch nichts mit siegen. Es bedeutet nämlich nur »leicht galoppieren«, das dazu gehörende Substantiv wird als »Handgalopp« übersetzt. In diesem Sinn wird »Kanter« immer noch im Reitsport für eine Gangart verwendet.

Es gibt zwar einige ähnlich geschriebene Wörter im Englischen – cant kann Heuchelei, aber auch Schräge bedeuten –, aber damit hat der Kantersieg nichts zu tun. Vielmehr kommt jetzt der im 14. Jahrhundert in London wirkende Schriftsteller Geoffrey Chaucer ins Spiel. Er gilt als Begründer der modernen englischen Literatur und ist bekannt für die »Canterbury Tales«, einer Reihe von Erzählungen in Vers- und Prosaform. Darin geht es um eine Gruppe von Pilgern, die das Grab des Heiligen Thomas Becket in der südostenglischen Bischofsstadt besuchen wollen. Diese Pilger machen die Reise von London nach Canterbury nicht zu Fuß, sondern gemächlich zu Pferd, weshalb diese Form des Reitens als »Canterbury gallop« bezeichnet wurde, was später zu canter verkürzt wurde.

Ein Kantersieg für Helmut Kohl und die CDU

Den ältesten Nachweis für die Verwendung von »Kantersieg«, den ich gefunden habe, stammt aus dem Jahr 1921 aus der »Zeitschrift für Gestütkunde«. Dort ist von einem »Kantersieg im Fels-Rennen« die Rede. Das Wochenmagazin »Der Spiegel« schrieb im November 1970 im Zusammenhang mit der Kommunalwahl in Rheinland-Pfalz über »Kantersiege seiner Partei [der CDU Helmut Kohls, der dort damals Ministerpräsident war] im Raum Koblenz-Trier«. Auf frühere Verwendungen weist summarisch die DWDS-Wortverlaufskurve hin, die die erste Nennung für 1947 registriert. Im aggregierten Referenz- und Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache ist aber erst für 1985 ein »Kantersieg« im Fußball vermerkt – der sich auf das 6:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Malta bezieht (dabei hatte die BRD Malta schon 1974 mit 8:0 geschlagen). Seit etwa Anfang der 1990er Jahre ist eine steigende Verwendung festzustellen, der wohl fast ausschließlich auf Sportberichterstattung zurückzuführen ist. Der Spitzenwert wird für das Jahr 2014 verzeichnet, als Deutschland bei der Fußball-WM in Brasilien den Gastgeber im Halbfinale mit 7:1 besiegte.

Im Englischen wird ein Kantersieg übrigens als »blowout« bezeichnet.

Ein Wochenende voller Bücher

Mitbringsel von der Frankfurter Buchmesse und vom Buchmesse Convent in Dreieich.

Die Ausbeute eines Bücherwochenendes: eher bescheiden, oder?

Das zurückliegende Buchmessen-Wochenende war erwartungsgemäß intensiv, abwechslungsreich und anstrengend. Für solche »Abenteuer« muss man Lärm und große Menschenmengen aushalten können. Selbst auf dem im Vergleich zur Frankfurter Buchmesse beschaulichen Buchmesse Convent (BuCon) im benachbarten Dreieich war es voll.

Die Besucherzahlen legen übrigens nahe, dass es um das Buch gut bestellt sein muss. Beide Veranstaltungen meldeten Rekordbesuche: 302.000 in Frankfurt, 820 in Dreieich. Für alle, die den BuCon nicht kennen: Das ist seit mehr als 30 Jahren die alternative Buchmesse der Phantastik-Szene, ein Muss für alle SF-Leser.

Bei Buchmessen macht man im Wesentlichen drei Dinge: Bücher ansehen und kaufen, mit Leuten, die Bücher schreiben, verlegen oder lesen, reden und Veranstaltungen über Bücher besuchen. Ich habe alles gemacht, will hier aber nur etwas über die Bücher schreiben, die ich gekauft habe (bis ich sie nächstes Jahr oder später gelesen habe, interessiert sich niemand mehr für eine Rezension). Impressionen von den beiden Messe gibt’s am Ende in einer Bildergalerie.

Der Kultmaler der Heftromane

Schon bei der ersten Nachricht über das Erscheinen des Bildbandes »Rudolf Sieber-Lonati. Kultmaler der Heftromane« spürte ich den »Das muss ich haben«-Reflex. So war es kein Zufall, dass ich trotz des hohen Preises von 50 Euro zugriff, als ich den Band auf dem BuCon am Stand des Blitz-Verlags sah. Verleger und Herausgeber Jörg Kaegelmann, der Lonatis Originalmotive aus dem Nachlass bekommen hatte, drückte mir persönlich ein nummeriertes Exemplar (226 von 300) in die Hand.

Auf 214 Seiten werden unzählige Cover-Motive präsentiert, die der 1924 geborene und 1990 gestorbene Österreicher für deutsche Heftromane quer durch alle Genres schuf. Mehrere Autoren steuerten launige Texte über den »Manieristen des Groschenheft-Covers« bei. Lo, so lautete seine Signatur, malte Tausende Bilder, aber über ihn selbst sind erst in den letzten Jahren biografische Einzelheiten bekannt geworden. Er und seine Frau lebten abgeschottet vom Rest der Welt in Bad Tölz und hatten so gut wie keinen Kontakt nach außemn, nicht einmal zu seinen Verlegern.

Es ist ein wichtiges Buch, die verdiente Würdigung eines großen Genre-Künstlers. Schade, dass Verleger Kaegelmann dem Bildband nur ein Softcover gönnte.

Ein neues Comic-Magazin

Zwei, die entscheidend am Lonati-Buch mitgearbeitet haben, sind René Moreau und Olaf Kemmler, die Herausgeber des SF-Magazins »Exodus«. Jetzt hat René zusammen mit Michael Vogt ein Herzensprojekt verwirklicht und die erste Nummer einer neuen Comic-Anthologiereihe zum BuCon mitgebracht. Das Hardcover-Album (yes!) trägt den bezeichnenden Titel »Cozmic« und vereint eine Reihe von SF-Geschichten verschiedener Zeichner und Autoren. Erschienen ist »Cozmic I« im Atlantis-Verlag, Band 2 ist in Vorbereitung. Preis: 19,80 Euro.

Flucht von Zumura

Nach zwei Großformaten legte ich mir einen dicken Wälzer zu. Die »Flucht von Zumura« ist eine 560 Seiten dicke SF-Kurzgeschichtenanthologie aus dem Verlag für Moderne Phantastik, in dem vor zwei Jahren meine für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominierte Story »Das letzte Mammut« erschienen war. Ich habe also eine besondere Beziehung zu den Produkten des Verlegerehepaares Petra Weber-Gehrke und Rico Gehrke. Ihr Panel, auf dem Gabi Blauert, Axel Kruse, Jacqueline Montemurri und Frank G. Gerigk ihre Anthologie-Beiträge lasen, bildete bei mir den BuCon-Auftakt.

Mein Tipp: Kauft diese Bücher direkt bei den Verlagen, die haben‘s schon schwer genug.

Der Kaiser geht

Jetzt verlassen wir den BuCon und die Science-Fiction und begeben uns zurück in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland. Der dokumentarischen Roman »Der Kaiser ging, die Generäle blieben« von Theodor Plivier erschien erstmals 1932 und handelt vom Versagen der Politik in der Weimarer Republik. Das schlichte schwarz-rote Cover fiel mir am Stand des Wachholtz-Verlags auf der Buchmesse ins Auge und der Text fesselte mich unmittelbar. Das wird eine spannende Lektüre.

Ein früher SF-Roman. Oder bloß Satire.

Ein Buch, das ich in der »Anderen Bibliothek« beim Aufbau-Verlag gesehen, aber (noch) nicht gekauft habe, ist der Roman »Der Consoldidator oder Erinnerungen an allerlei Vorgänge aus der Welt des Mondes« von Daniel Defoe, dem Verfasser von »Robinson Crusoe« (ISBN 9783847704072). Eine Entdeckung? Ich kann mich nicht daran erinnern, diesen Roman schon mal in den einschlägigen Auflistungen über Mondroman gesehen haben. Ist es schon Science-Fiction oder nur eine Satire?

Auf dem BuCon

Auf der Buchmesse