Die 200. Story des Jahres – »In My Country« von Thomas Ha – hat den Locus Award gewonnen

Im vergangenen Jahr war ich etwas flotter, dieses Mal habe ich die 200. Kurzgeschichte erst am 3. Juni gelesen und nicht schon am 28. April. Es handelt sich um »In My Country« von Thomas Ha (hier lesen), die diesjährige Gewinnerin des Locus Award in der Kategorie Short Story, erschienen im Magazin Clarkesworld, Ausgabe 223 vom April 2025.
Im Unterschied zum vergangenen Jahr, als es mit »Die Pyramide« von Richard DeWitt Miller eine Story von 1937 war, habe ich dieses Mal eine vergleichsweise topaktuelle Story an 200. Stelle gelesen (und im Original, denn es gibt keine Übersetzung und wird wahrscheinlich keine geben). Zwischen beiden Storys liegen 88 Jahre, und man kann sie ehrlicherweise nicht vergleichen. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie jeweils an der gleichen Stelle meiner Lesereihenfolge liegen.
In »In My Country« denkt ein Vater, der in einem totalitären Staat lebt, über seine beiden Kinder nach. Der Sohn wird zu einem subversiven, aber beliebten Schriftsteller, der schließlich in den »far fields« verschwindet, während die Tochter in den Widerstand geht und am Ende bei einem Polizeieinsatz stirbt. Trotz der Verluste und der allgegenwärtigen Überwachung entschließt sich der Vater, das geistige Erbe seiner Kinder zu bewahren.
Das ist eine sachliche Zusammenfassung, die nichts von der Struktur oder der Stimmung der Story wiedergibt. »In My Country« besticht vor allem durch seine gedankliche Tiefe, die eindrucksvolle Sprache und den modernen Erzählstil. Es wird keine Handlung geschildert, sondern Reflexionen, zum Beispiel über die Frage seiner Kinder, ob es einen König gibt, und Erinnerungen des Erzählers. Dadurch entwickelt die Story einen starken Sog. Ich jedenfalls wollte nicht aufhören zu lesen.
Mit gut sechstausend Wörtern ist sie von mittlerer Länge.
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