Die Ideen gehen ihm nicht aus

Uwe Hermann hat einen neuen Sammelband mit seinen Kurzgeschichten veröffentlicht


Uwe Hermann
Mein Mensch und ich
Wagenfeld 2026

gibt’s bei Amazon: Taschenbuch 12,99 €, E-Book 4,99 €


Wieder eine Sammlung mit 16 frischen und gut abgehangenen Kurzgeschichten von Uwe Hermann. Super! »Mein Mensch und ich« ist bereits seine siebte selbst verlegte Storysammlung, und die Ideen gehen ihm nicht aus. Auch wenn ich mich wiederhole (siehe meine Kurzrezi zu »Die Tage nach dem Lärm« auf Amazon): »Die Kurzgeschichten von Uwe Hermann sind das humorvollste, was die deutsche Science-Fiction zu bieten hat.« Fakt! Kein Wunder, dass er zu den beliebtesten SF-Autoren gehört und schon mehrere Preise eingeheimst hat.

Humorvoll heißt aber nicht Klamauk. Fast alle Storys, sechs davon Erstveröffentlichungen, drehen sich um ein ernstes Thema, in diesem Band viele um Roboter und KI, und der Autor stellt die berechtigte Frage: Wer ist hier eigentlich die Krone der Schöpfung? Ein paar Beispiele:

»Die Rückkehr der Dinge« ist die Fortsetzung der mehrfach preisgekrönten Story »Das Internet der Dinge«: ALMA, die adaptive Lebensmittelassistentin, übernimmt die Herrschaft in der vernetzten Küche von Robert Schroeder, dem die Küchengeräte einst das Leben gerettet hatten. Als erstes muss die Mikrowelle dran glauben. Die Angst geht um. Das ruft den Kühlschrank auf den Plan.

In »Doro« trauert ein alter Mann um seine Frau. Er will ihr in den Tod folgen und Selbstmord begehen. Zur Unterstützung schafft er sich einen weiblichen Roboter an, der sich aber weigert, ihm beim Selbstmord zu helfen. Im Gegenteil.

»Der beste Roman aller Zeiten«: Ein Autor verzweifelt, denn nur noch KI-generierte Romane werden verlegt und gelesen. Da greift er zu einem Trick, um den titelgebenden Roman zu veröffentlichen, hat dabei aber die Rechnung ohne seinen Haushaltsroboter gemacht.

In »Der Löwenkönig« wird das Thema der nervenden Werbeanrufe auf die Spitze getrieben. Wenn einem Albert Einstein oder Elvis Presley am Telefon etwas andrehen wollen, ist es hilfreich, auf seine Mutter zu hören. Oder?

Die Titelstory, mit mehr als 50 Seiten die längste im Buch, ist ein origineller, amüsant geschrieben SF-Krimi. Ein selbstgefälliger Ex-Polizist und sein Partner, ein ausrangierter, aber äußerst kompetenter Robocop (der Ich-Erzähler), sollen zehn Leichen finden, die aus der Gerichtsmedizin verschwunden sind – ein insgesamt skurriles Setting, dessen Auflösung mich erzählerisch allerdings nicht überzeugt.

Inhaltlich zum Roboter-Schwerpunkt und technisch zum Thema KI passt das Titelbild. Es ist selbst KI-generiert und zeigt einen verzweifelt dreinsehenden Roboter, der zusammen mit anderem Elektroschrott in einem Mülleimer steckt.

Transparenzhinweis: Ich bin mit Uwe Hermann befreundet und habe das Buch von ihm geschenkt bekommen. Das heißt aber nicht, dass es sich hier um eine Gefälligkeitsbesprechung handelt. Ich meine es ernst.

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Das war »Hinterm Mond 2025«

Pressespiegel

Ein abwechslungsreicher und inspirierender Nachmittag liegt hinter uns. Der 5. Tag der Science-Fiction-Literatur in Ostfriesland lockte wieder zahlreiche Gäste aus der ganzen Republik in den Kulturspeicher nach Leer. | Foto von Klaus Ortgies

🚀 In der Ostfriesen-Zeitung ist ein Bericht über »Hinterm Mond 2025« erschienen.

🛸 Einen ausführlichen, bebilderten Rückblick auf den 5. Tag der Science-Fiction-Literatur in Ostfriesland gibt’s hier: Das war »Hinterm Mond 2025«.

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Die erste Invasion des Sonnensystems scheiterte

Vor 100 Jahren erschien die Story »Invaders from Outside« von Joseph Schlossel

Die Titelillustration von Andrew Brosnatch greift ein Motiv aus der Story auf.

Vor einhundert Jahren haben zum ersten Mal Extrasolarier das Sonnensystem besucht, und das nicht mit guten Absichten. »Invaders from Outside« von Joseph Schlossel erschien 1925 als Coverstory in der Januar-Ausgabe des Pulp-Magazins Weird Tales. Vorher gab es nur Besucher von einem der solaren Planeten, vorzugsweise vom Mars, zum Beispiel in »Auf zwei Planeten« von Kurd Laßwitz (1897) oder »War of the Worlds« von H. G. Wells (1898).

Joseph Schlossel wurde 1902 in New York oder Toronto geboren und wuchs in Kanada auf, bevor er als 19-Jährige in die USA kam. Er war wie sein Vater von Beruf Schneider. In den 1930er Jahren wechselte er in die metallverarbeitende Industrie. Er veröffentlichte zwischen 1925 und 1931 nur sechs phantastische Kurzgeschichten, bevor er das Schreiben offenbar aufgab. Schlossel starb 1977. »Invaders from Outside« war sein erstes veröffentlichtes Werk.

Darin breitet Schlossel auf wenigen Seiten ein Panorama der Millionen von Jahren zurückliegenden Geschichte der Twelve Confedarate Worlds im Sonnensystem aus. Diese zwölf konföderierten Welten sind der irdische Mond, der Mars, vier Jupiter- und fünf Saturnmonde sowie ein namenloser Planet No. 5, der seine Bahn dort zog, wo heute der Asteroidengürtel liegt (Astronomen des 19. Jahrhunderts gaben diesem hypothetischen Planeten den Namen Phaeton. Es hat ihn aber nie gegeben). Die Erde ist eine unwirtliche Urwelt, auf der nur »nameless four-legged things« ihr klägliches Dasein fristen. Die konföderierten Welten leben seit Ewigkeiten in Frieden, treiben miteinander Handel und sind technisch hoch entwickelt. Sie fliegen mit Raumschiffen durchs Sonnensystem und beherrschen die verzögerungsfreie drahtlose Übertragung von Feststoffen über lange Distanzen.

»Invaders from Outside« von Joseph Schlossel war im Januar 1925 Coverstory des Pulp-Magazins Weird Tales. Das Bild ist von Andrew Brosnatch.

Eines Tages wird von einem Observatorium auf dem Saturnmond Japetus ein dunkler, mondgroßer Himmelskörper entdeckt, der von außerhalb der Milchstraße 1 zu kommen scheint und sich in einem merkwürdigen Zickzack-Kurs mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit dem Sonnensystem nähert. Irgendwann wird die Dunkelwelt langsamer und schwenkt in einen Orbit um den Neptun ein. Aus dem Untergrund dieser Welt, die von rechteckigen Strukturen und riesigen Pyramiden bedeckt ist, tauchen nun massenweise »seltsame Kreaturen« auf, die aufrecht auf »nur zwei Beinen« laufen. Die Konföderierten schicken zur Begrüßung eine Delegation auf den neuen Neptun-Mond. Kaum haben die Abgesandten aber ihr Raumschiff verlassen, werden sie umgebracht. Die Zwölf Welten glauben irgendwie an ein Missverständnis und verlegen sich aufs Beobachten.

Drei Jahre danach beginnt die Invasion. In Hunderten von große Würfeln, die von den Pyramiden ausgestoßen werden, werden Tausende Aliens auf die Uranusmonde versetzt. Sie vermehren sich ungebremst und errichten dort ebenfalls Pyramiden, die Würfel ausstoßen. Als nächstes werden die fünf Monde des Saturns angegriffen. Aber auf Japetus und Titan kommt die Invasion vorerst zum Stillstand.

Jetzt werden die Konföderierten aktiv. In alten Archiven auf dem Mars, ihrer Hauptwelt, entdecken sie die Baupläne todbringender Strahlenwaffen, die ihre blutrünstigen Vorfahrern einst benutzten, und beginnen mit der Produktion. Dadurch können sie den Eindringlingen etwas entgegensetzen. Nach verlustreichen Kämpfen, in denen die Bevölkerung fast aller Welten dezimiert oder gar vernichtet wird, werden die Aliens auf Planet No. 5 isoliert und machen ihn zu ihrer letzten Bastion. Bei dem Versuch, den Planeten mittels ihrer fortschrittlichen Antriebstechnik zur Flucht aus dem Sonnensystem zu benutzen, bricht er auseinander. Ein Trümmerstück zerstört die lunare Zivilisation. Auch der Mars und die anderen Welten der Konföderation sind nicht mehr bewohnbar.

Die Überlebenden der Zwölf Konföderierten Welten gelangen zur Erde, dem am wenigsten beschädigten Planeten, und beginnen dort in einer fremden Umgebung von neuem, die Zivilisation aufzubauen, die von den Eindringlingen von außen zerstört worden war.

Schlossels »Invaders from Outside« ist die Art von Geschichten, die bis Mitte der 1930er Jahre die SF prägten und bis heute erzählt werden: Die Story bietet Raumschiffe, Strahlengewehre, Aliens, einen steuerbaren Planeten und einen interstellaren Konflikt. Schlossel wird deshalb zu den Vätern der Space Opera gezählt2. Dennoch ist er im Unterschied zu Autoren wie Edmond Hamilton oder E. E. Smith, die die Space Opera groß gemacht haben, fast vergessen. Das liegt nicht allein daran, dass er nur eine Handvoll Kurzgeschichten veröffentlicht hat, sondern in erster Linie, weil er »crude and amateurish« schrieb. Das Werk liest sich wie ein (gutes) Roman-Exposé. In der Story wird keine spannende, lebhafte Geschichte erzählt, es gibt keine handelnden Figuren und keine Dialoge. Der allwissende Erzähler ist ein körperloser, wandernder Standpunkt, der sich frei zwischen den Ereignissen bewegt, und einen von jeder Handlung losgelösten trockenen kosmischen Überblick längst vergangener Zeiten gibt. Daraus hätte man mehr machen können.


Fußnoten

1 Erst im Jahr 1923 wurde von Edwin Hubble für den Andromedanebel nachgewiesen, dass es Objekte weit außerhalb der Milchstraße gibt und das Universum viel größer ist als bisher angenommen. Wahrscheinlich war Schlossel der erste, der diese bahnbrechende kosmologische Entdeckung literarisch verarbeitete.

2 Everett Franklin Bleiler: Science-fiction, the Early Years. Kent 1990, p. 654; Mike Ashley: The Time Machines. Liverpool 2000, p. 43, 60-61. Der Begriff »space opera« wurde 1941 von Wilson Tucker in seinem Fanzine Le Zombie geprägt und von ihm als »hacky, grinding, stinking, outworn, spaceship yarn« bezeichnet.

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