Früher war mehr Lametta

Opa Hoppenstedt, Flaubert und die Science-Fiktion-Literatur der Pulp-Ära

Früher war bekanntlich mehr Lametta. Opa Hoppenstedts Bonmot aus Loriots TV-Sketch »Weihnachten bei den Hoppenstedts« von 1976 ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden und gilt nicht nur für Weihnachtsbaumdekorationen, sondern passt sogar auf die Science-Fiction-Literatur.

In seiner Studie »The History of Science Fiction« (Palgrave Histories of Literature, Basingstoke 2007, S. 175) hat der Literaturwissenschaftler und »very well-known SF author, Guardian writer and recent winner of the BSF award«  Adam Roberts die Science Fiction  aus den 1920er und 1930er Jahren, der sogenannten Pulp-Ära, als Lametta-Literatur (tinsel literature) bezeichnet. Er meinte damit den schillernden Inhalt, aber auch, dass die Pulp-Literatur in ihrer eigenen Billigkeit schwelgte.

Roberts nahm sich dabei eine Anleihe bei dem französischen Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880). Dieser habe einmal gesagt, schreibt Roberts, dass er Lametta lieber möge als Silber, weil dieses mehr Pathos versprühe (»he liked tinsel better than silver because it possessed all the qualities of silver plus one more – pathos«).

Die Aussage Flauberts hat Roberts womöglich ein wenig frei interpretiert (oder er kennt noch eine andere Quelle), denn meines Wissens nach sagte beziehungsweise schrieb Flaubert etwas anderes. In einem Brief Flauberts an seine Geliebte, die Dichterin Louise Colet (1810-1876), vom August 1846 heißt es: »Ich bewundere Lametta genauso wie Gold. Die Poesie des Lamettas ist sogar insofern überlegen, als es traurig ist« (Moi, j’admire autant le clinquant que l’or. La poésie du clinquant est même supérieure, en ce qu’elle est triste) – [Correspondance de Gustave Flaubert: Nouvelle Edition Augmentée (Conard, 1926-33)].

Lametta – egal ob aus Silber oder Gold – ist aus der Mode gekommen und wird längst nicht mehr aus Metall (Zinn) hergestellt, sondern aus Kunststoff. Das Lamettahafte in der SF hat sich vergleichsweise gut gehalten. Es gibt sie noch immer zuhauf, die Riesenraumschiffe, die interstellaren und sogar -galaktischen Kriege, die glubschäugigen Aliens, die durchgeknallten Roboter, die scheinheiligen Schurken, es ist alles nur subtiler und nicht mehr ganz so maschohaft. Manches aus der Pulp-Ära war ja auch eher Gold als Lametta (zum Beispiel »A Martian Odyssey“ von Stanley G. Weinbaum, erschienen im Juli 1934 in Wonder Stories (zum Nachlesen).

Kein Lametta, sondern ein Juwel der Pulp-Literatur: »A Martian Odyssey« von Stanley G. Weinbaum (Wonder Stories, Juli 1934)

Die erste Auflage von Roberts Studie »The History of Science Fiction« gibt es hier kostenlos als pdf-Datei. Die zweite, erweiterte Auflage von 2016 ist im Buchhandel (Link zu Amazon) erhältlich.

Künstliche Intelligenz und Hexerei

»Africanfuturism« ist eine neue Anthologie mit Science-Fiction aus Afrika. Und sie ist kostenlos.

Africanfuturism: An Anthology edited by Wole Talabi. 2020.

Wer gerne etwas Neues entdeckt oder schon immer mal afrikanische SF lesen wollte, dem kann ich diese englischsprachige Anthologie wärmstens empfehlen: »Africanfuturism«, für das Online-Literaturmagazin Brittle Paper herausgegeben von Wole Talabi. Sie enthält acht phantastische Kurzgeschichten, verfasst von einigen der derzeit wichtigsten SF-Autoren des Kontinents. Und das Beste: Sie wird kostenlos zum Download angeboten.

Der Ausdruck »Africanfuturism« wurde von der nigerianischen Autorin Nnedi Okorafor geprägt. Sie versteht darunter – im Unterschied zum afro-amerikanischen Afrofuturismus – Science-Fiction, die ihre Wurzeln in Afrika hat und von Afrikanerinnen und Afrikanern geschrieben wurde.

Die Sammlung deckt verschiedene Aspekte des afrikanischen Lebens ab, es geht um Künstliche Intelligenz, Raumfahrt, Gentechnik, Politik und Umweltzerstörung. Ein prägendes Element ist der starke magische Einschlag. Zauberei oder zumindest der Glaube daran ist ein selbstverständlicher Teil des Alltags. In Okorafors Story »Sunrise«, mit der die Anthologie beginnt, wird die Protagonistin wegen einer vorlauten KI auf ihrem Smartphone von ihrer Verwandtschaft der Hexerei verdächtigt. In »Fruit Of The Calabash« von Rafeeat Aliyu werden übernatürliche Kräfte eingesetzt, um die Folgen eines technischen Versagens in der Reproduktionsmedizin zu korrigieren.

Am besten gefallen haben mir Okorafors Story und »Yat madit« von Dilman Dila. »Yat madit« bedeutet »ein großer Baum« und ist der Titel einer ugandischen Fernsehserie von 2016, in der es laut Wikipedia um eine Gemeinschaft geht, die interkulturellen Austausch propagiert und neue, gewaltfreie Wege der Konfliktlösung sucht.

Die Autorinnen und Autoren – Nnedi Okorafor, Tendai Huchu, Dilman Dila, Rafeeat Aliyu, Tlotlo Tsamaase, Mame Bougouma Diene, Mazi Nwonwu und Derek Lubangakene – kommen aus Botswana, Nigeria, Senegal, Simbabwe und Uganda, le//ben aber zum Teil in Großbritannien oder den USA. Dort profitieren sie von der gemeinsamen Sprache, denn sie schreiben auf Englisch, was den Zugang zum Literaturmarkt erleichtert. Übersetzungen ins Deutsche sind Mangelware: Nur von Nnedi Okorafor und Tendai Huchu sind aus dieser Riege bei uns Romane erscheinen, die von Huchu gehören allerdings nicht zum phantastischen Genre.

Mehr Rezensionen zu afrikanischer Literatur in meinem Blog

Der Zeitreisende, der zu spät kommt

Die Wahrheit über den Kennedy-Mord. Oder auch nicht. Zeitagent Calvin ist in im November 1963 in Dallas.

Das Bühnenbild meiner Second-Life-Lesung dieser Kurzgeschichte im Oktober 2016. Die Szenerie zeigt meinen Avatar am Tatort.

Zeitagent Calvin eilte mit energischen Schritten die Houston Street entlang. Er war spät dran. Der Absetzzeitraum war dieses Mal besonders eng gewesen, und er hatte noch ein gutes Stück laufen müssen, um zu seinem Einsatzort zu kommen. Immer wieder musste er Schaulustigen ausweichen, die wie er hier waren, um den Präsidenten zu sehen. Im Unterschied zu ihnen wusste Calvin, dass hinter einem der Fenster in dem großen Backsteingebäude, an dem er jetzt vorbeihastete, ein Attentäter wartete und in ein paar Minuten tödliche Schüsse auf John F. Kennedy abgeben würde.

Calvins Auftrag: Er sollte das Attentat, das ein Jahrhundert danach noch immer zu den Traumata der amerikanischen Nation zählte, im Bild festhalten. Es gab zwar jede Menge Bildmaterial, aber es war alles von miserabler Qualität. Calvin fand das unschicklich, aber Auftrag war Auftrag. Die Techniker der Zeitagentur hatten ihn mit ihrem neuesten Hightech-Gerät ausgestattet, das ihm, als schwerer Fotoapparat getarnt, um den Hals hing und bei seiner beschleunigten Gangart im Rhythmus seiner Schritte gegen den Bauch prallte.

»Sie gehen dahin und schauen sich ein bisschen um«, hatte sein Chef gesagt. Er hatte die Neigung, alle Einsätze als Sonntagsspaziergänge darzustellen. Dabei waren Zeitreisen eine knifflige Angelegenheit, bei der viel schiefgehen konnte. Das wurde den Zeitagenten fast täglich eingebläut.

Über das Attentat auf Kennedy gab es einen riesigen Berg aus Untersuchungsberichten, Ermittlungsakten, Zeitungsartikeln, Büchern, Blogbeiträgen und sogar Gedichten. Calvin hatte sich tagelang damit beschäftigt. Die wesentlichen Fakten hatte er im Kopf. An diesem 22. November 1963 fuhren Kennedy und seine Frau Jaqueline mit Gouverneur Connally und dessen Frau in einem offenen Lincoln Continental X-100 vom Flugplatz zu einer Wahlkampfkundgebung. Gegen 12.30 Uhr, in ein paar Minuten, würde der Konvoi von der Main Street in die Houston Street und von dort in die Elm Street einbiegen. Sekunden später würden drei Schüsse fallen, die Kennedy tödlich verletzen würden. Der Täter, ein gewisser Lee Harvey Oswald, würde zunächst entkommen, aber wenig später gefasst werden. Zwei Tage später würde der Attentäter von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen werden.

Calvin bog mit Schwung um die Ecke in die Elm Street ein und wurde zurückgeschleudert. Ein bulliger Mann mit einem Cowboyhut taumelte zur Seite und stieß eine Mülltonne um. Der Behälter rollte langsam vom Bürgersteig auf die Straße. Der Cowboy verlor jetzt endgültig das Gleichgewicht und stürzte. Der Hut landete Calvin direkt vor den Füßen.

Sofort war der Cowboy von einer Handvoll dunkel gekleideter Männer umringt. Sicherheitsleute des Präsidenten oder des FBI, dachte Calvin und sah zu, dass er ein paar Schritte Abstand bekam. Nicht erwischt zu werden hatte bei den Zeitagenten Priorität. Seine Papiere waren zwar gut und würden jeder normalen Kontrolle durch die Polizei standhalten, aber wenn sie seine Angaben überprüften, würde seine Legende wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.

Einer der Sicherheitsleute sprach hastig in sein Walkie-Talkie, drei andere drängten die Schaulustigen, die dicht an dicht am Straßenrand standen, zurück. Zwei Polizisten in Uniform stellten sich mitten auf die Kreuzung, zwei weitere rannten hinüber zur Main Street und wedelten dabei heftig mit den Armen.

Im nächsten Moment tauchten dort drei Polizeimotorräder hinter der Hausecke auf. Sie machten Anstalten abzubiegen, aber als die Fahrer die aufgeregten Kollegen sahen, fuhren sie geradeaus weiter. In einem Abstand folgte der Lincoln des Präsidenten. Kennedy saß im Fond des Cabrios auf der rechten Seite. Er hatte sich nach vorne gebeugt und sprach offenbar mit dem Fahrer. Dann war der Wagen von Calvins Standort aus nicht mehr zu sehen. Bäume versperrten die Sicht.

Inzwischen war der Cowboy wieder auf den Beinen. Die Sicherheitsleute tasteten ihn ab, drehten die Gegenstände, die sie in seinen Taschen fanden, in den Händen. Offenbar kam ihnen nichts verdächtig vor, und sie ließen von ihm ab. Der Cowboy nahm seinen Hut und ging davon. Der Mann mit dem Walkie-Talkie gab noch ein paar Anweisungen, bevor er um die Ecke verschwand. Die Menschenmenge am Straßenrand löste sich auf. Es gab nichts mehr zu sehen.

Zeitagent Calvin hatte die ganze Zeit auf das Geräusch von Schüssen gewartet. Aber es war nichts passiert. Er mustere das Fenster im sechsten Stock des Schulbuchlagers, hinter dem der Schütze gelauert haben musste. Zu sehen war nichts. Es hatte kein Attentat gegeben. Der Präsident lebte. Dieser 22. November 1963 würde nicht in die Geschichte eingehen.

Er hatte es vermasselt, weil er den Cowboy angerempelt hatte. Er war dafür verantwortlich, dass John F. Kennedy lebte. Er hatte die Vergangenheit verändert. Die Erkenntnis traf Calvin fast schmerzhaft.

In diesem Moment kippte die Welt von Zeitagent Calvin zur Seite und machte einer anderen Platz.

Aus diesem Gebäude an der Ecke North Houston Strett/Elm Street wurde am 22. November 1963 auf John F. Kennedy geschossen. Bild: Dakota L. – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44448674

Zeitagent Calvin schlenderte in aller Seelenruhe die Houston Street entlang. Es war kurz vor halb eins, er hatte knapp zehn Minuten Zeit, um sich in Position zu bringen, bevor dreimal auf den Präsidenten geschossen werden würde. Die Straßenränder waren von zahlreichen Menschen gesäumt, auf der gegenüberliegenden Dealey Plaza hatten sich einige Fotografen postiert. Alle warteten auf John F. Kennedy. Einer von ihnen hatte sich mit einem Gewehr im County Records Building, einem acht oder neun Stockwerke hohen Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende, versteckt und würde sein Mörder werden.

Calvins Auftrag: Er sollte herausfinden, wer am 22. November 1963 auf Kennedy geschossen hatte. Alle Versuche, den Mörder zu ermitteln, waren ins Leere gelaufen. Hundert Jahre nach dem letzten erfolgreichen Attentat auf einen amtierenden US-Präsidenten war dieser Fall noch immer ungelöst. Ein schwarzer Fleck auf der glorreichen Geschichte der amerikanischen Justiz. Eine Schande für die Ermittler. Obwohl der Mörder lange tot war, war die Akte nie geschlossen worden. Jetzt hatten die Behörden die Möglichkeit, den schwarzen Fleck zu tilgen.

»Sie gehen da hin, schauen sich ein bisschen um und bringen uns den Namen, mehr nicht. Ein Gesicht reicht vielleicht schon«, hatte sein Chef gesagt. Er hatte die Neigung, alle Einsätze als Sonntagsspaziergänge darzustellen. Dabei waren Zeitreisen eine knifflige Angelegenheit, bei der viel schiefgehen konnte. Man durfte sich vor allem nicht erwischen lassen. Das wurde den Zeitagenten fast täglich eingebläut.

Über den Fall Kennedy gab es einen riesigen Berg aus Untersuchungsberichten, Ermittlungsakten, Zeitungsartikeln, Büchern, Blogbeiträgen und sogar Gedichten. Calvin hatte sich tagelang damit beschäftigt. Die wesentlichen Fakten hatte er im Kopf. Wenige Minuten nach halb eins wird Kennedy zusammen mit seiner Frau Jaqueline, dem Gouverneur und dessen Frau sowie einem Leibwächter und dem Fahrer in einem offenen Lincoln Continental X-100 von der Main Street in die Houston Street und von dort in die Elm Street einbiegen. In diesem Moment werden drei Schüsse fallen und Kennedy und den Gouverneur töten. In dem anschließenden Chaos wird es dem Mörder gelingen, in der Menge unterzutauchen. Erst eine Stunde später wird seine Waffe, ein spanisches Infanteriegewehr, im fünften Stock des Records Building gefunden.

Es gab für den Attentäter nur eine Möglichkeit, das Gebäude zu verlassen. Das Treppenhaus war der einzige Zugang zur Straße. Das Haus hatte keinen Hintereingang, keine Feuerleiter und keine Fenster, aus denen der Attentäter hätte springen können.

Calvins ganze Ausrüstung bestand aus einem Multifunktionsinstrument, das als Kamera getarnt war. Mit einem solchen Fotoapparat fiel er hier nicht weiter auf. Das Gerät würde einer flüchtigen Überprüfung standhalten, und man konnte damit tatsächlich auf altertümliche Weise fotografieren. Die Techniker der Zeitagentur waren keine Anfänger, sie verstanden ihren Job.

Calvin öffnete die schwere Holztür und trat ein. Das Vestibül verströmte den Charme einer längst vergangenen Zeit. Dunkles Holz, Marmor und Stuckverzierungen prägten das Ambiente. Von der Decke hing ein betagter Kronleuchter. Ein kleiner, verglaster Verschlag diente offenbar als Pförtnerloge, war aber leer. Vermutlich war die Neugier des Pförtners größer als sein Diensteifer, und er stand mit den anderen Schaulustigen auf der Straße.

Im hinteren Teil der Vorhalle schwang sich eine erstaunlich breite Treppe aufwärts. Calvin sah sich nach einem günstigen Standort um, von wo aus er die Treppe im Auge behalten konnte. Nur die Loge kam in Frage. Das war ungünstig, der Pförtner konnte zurückkommen.

Von irgendwo her ertönte der Schlag einer Uhrglocke. Es war halb eins. Jetzt musste er sich sputen. Aber noch bevor der Zeitagent sich in Bewegung setzen konnte, hörte er drei Schüsse.
Calvin sprang durch die noch einen Spalt breit offenstehende Tür zurück auf die Straße. Im ersten Moment sah er nur eine wild durcheinander laufende Menschenmenge. Direkt vor ihm hatte ein Frau ein junges Mädchen zu Boden gerissen, als wolle sie es mit ihrem Körper schützen. Ein Mann mit einem Cowboyhut hatte sich, mit dem Rücken zum Records Building, hinter einer Mülltonne in Sicherheit gebracht. Schräg gegenüber rannten dunkel gekleidete Männer, wahrscheinlich Sicherheitsleute oder Polizisten in Zivil, auf den Eingang des Schulbuchlagers zu. Calvin sah in einiger Entfernung auf der Elm Street einen großen, dunklen Wagen mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Unterführung davonfahren. Der Lincoln des Präsidenten.

Erschrocken hielt Calvin inne. Da war einiges anderes gelaufen, als es sollte. Der Präsident war Minuten zu früh um die Ecke gebogen, und die Schüsse waren mit Sicherheit nicht aus dem Records Building gekommen. So viel stand fest.

Wo war er hier hineingeraten? Eine Zeitverwerfung? Auf den Gängen der Zeitagentur in Washington wurde darüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Offiziell gab es so etwas nicht. Die Vergangenheit stehe unverrückbar fest, lautete das Credo. Aber jeder Zeitagent hatte bei seinen Einsätzen schon kleine Abweichungen von den überlieferten Fakten bemerkt. Das wurde immer auf die Überlieferung geschoben. Von so einem eklatant veränderten Ablauf hatte Calvin nie gehört.

Er musste in Erfahrung bringen, was gerade passiert war. Die Büros der Dallas Morning News lagen nur einen Steinwurf entfernt. Bei der Zeitung würde er am ehesten etwas erfahren.

In diesem Moment kippte die Welt von Zeitagent Calvin zur Seite und machte einen anderen Platz.


Zeitagent Calvin hastete die Houston Street entlang. Jede Sekunde war kostbar. Es waren nur noch wenige Minuten, bis die tödlichen Schüsse fallen würden. Er musste auf die andere Seite der Straße und in das Haus gegenüber, einen sechsstöckigen Backsteinbau von der Jahrhundertwende. Dort wartete der Attentäter auf den Konvoi des Präsidenten, der jeden Augenblick um die Ecke biegen konnte.

In seiner Eile rannte Calvin fast einen Mann mit einem Cowboyhut über den Haufen. Der Passant kam ins Straucheln und prallte gegen eine Mülltonne, die umfiel und langsam über den Bürgersteig rollte. Calvin murmelte eine Entschuldigung, die er selbst kaum hören konnte, und war vorbei. Die Situation kam ihm merkwürdig bekannt vor. Er hatte den Eindruck, das alles schon einmal erlebt zu haben, nur anders. Ein seltsames Déjà-vu. Es war wie die Erinnerung an einen Traum, eine wirre Folge von Bildern.

Er konnte sich nicht einmal genau an den Auftrag erinnern, mit dem er in die Vergangenheit geschickt worden war. Er sollte verhindern, dass ein gewisser Lee Harvey Oswald, der im Schulbuchlager arbeitete, heute den Präsidenten ermordete, aber gleichzeitig herausfinden, wer John F. Kennedy an diesem 22. November 1963 vom Dach des Records Buildings aus erschossen hatte. Das war widersinnig. Außer es gab zwei Attentäter. War es dann nicht egal, wer die tödlichen Schüsse abgab?

Calvin drückte die Tür zum School Book Depository auf. Der Vorraum war menschenleer. Die offene Aufzugtür fiel ihm sofort ins Auge. Der Zeitagent spurtete hinein und drückte, ohne zu zögern, den obersten Knopf. Er wunderte sich über seine Zielstrebigkeit, aber er war absolut sicher, das Richtige zu tun.

Quälend langsam schloss sich die Lifttür, und ebenso langsam setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Vermutlich wäre er genauso schnell oben gewesen, wenn er die Treppe genommen hätte. Aber es tat gut, einen Moment verschnaufen zu können und die Gedanken zu sortieren. Im Grund hatte er keine Ahnung, was er tun sollte. Er konnte sich doch keinem bewaffneten Mann entgegenstellen. Er wollte seinen Auftrag erfüllen, aber dafür nicht sein Leben lassen.

Die Aufzugtür öffnete sich im vierten Stock, und Calvin stand in einem langen Flur, der von ein paar Lampen schwach beleuchtet wurde. Durch eine nur angelehnte Tür hörte er Stimmen. Er drückte die Tür auf und fand sich in einem Großraumbüro wieder. Es standen vielleicht zwei Dutzend Schreibtische darin. Nur wenige waren besetzt. Es war Mittagszeit, in der Kantine war sicher mehr los.

In der gegenüberliegenden Wand, die zur Elm Street hin liegen musste, zählte er sieben doppelflügelige Fenster. Von dort hatte man ein ideales Schussfeld, aber für einen Mordanschlag war es ungeeignet. Er musste weiter nach oben.

Als sich Calvin umdrehte, um den Raum zu verlassen, stand er einem schmächtigen jungen Mann gegenüber. Der Zeitagent überragte ihn fast um einen Kopf. Der Mann hielt einen Stapel Bücher in den Händen und machte einen Schritt zur Seite, als wollte er an Calvin vorbei.

Calvin starrte ihn ungläubig an. Er kannte dieses Gesicht mit dem leicht schnippischen Ausdruck. Es musste es tausend Mal gesehen haben. Wie konnte das sein?

»Lee Harvey Oswald?« In Calvins Stimme lag nur eine ganz leichte Spur von Unsicherheit.

Der Mann nickte.

»Ja. Worum geht’s, mein Herr?«

Das Krachen von drei Schüssen über ihnen machten eine Antwort überflüssig.

Der junge Mann ließ vor Schreck die Bücher fallen, zwei Frauen warfen sich zu Boden, jemand schrie. Calvin rannte quer durch den Raum und riss ein Fenster auf. Kalte Luft schlug ihm entgegen. Auf der Elm Street sah er einen großen, dunklen Wagen mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Unterführung davonfahren. Der Lincoln des Präsidenten.

Calvins Gedanken rasten. Nichts stimmte. Oswald hatte gar nicht versucht, Kennedy zu ermorden. Der junge Mann stand noch immer völlig verdattert in der Tür. Jemand anderes hatte geschossen, aber nicht von der richtigen Stelle, und der Präsident war auch viel zu früh vorbeigekommen.

Jetzt war keine Zeit, über die vielen Ungereimtheiten nachzudenken. Er musste auf dem schnellsten Weg von hier verschwinden. Auf keinen Fall durfte er den Ermittlern in die Hände fallen. Seine Papiere waren zwar gut und würden jeder normalen Kontrolle durch die Polizei standhalten, aber wenn sie nur ein bisschen an der Oberfläche kratzten, würde seine Legende wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Sie würden nicht nur ein bisschen kratzen, so viel war sicher.

In diesem Moment kippte die Welt von Zeitagent Calvin zur Seite und machte einen anderen Platz.


Zeitagent Calvin erstarrte. Er stand mitten in einem weiten, welligen Grasland, das bis zum Horizont reichte. Dies war nicht die Houston Street in Dallas, Texas.


aus: Norbert Fiks: »Zeit für die Schicht und andere SF-Kurzgeschichten«. Norderstedt 2016. Gibt es gedruckt oder als E-Book im örtlichen und digitalen Buchhandel. Für Online-Bestellungen empfehle ich den Shop der Autorenwelt.

Den kann man so weglesen

»Vakuum« heißt der neue Roman von Phillip P. Peterson. Er ist so, wie seine Fans es erwarten.

Phillip P. Peterson: »Vakuum«. Fischer Tor 2020. 496 S. ISBN: 978-3-596-70074-5

Dicke Schwarten sind nicht so mein Fall, und Phillip P. Petersons neuster Roman »Vakuum« hat mit fast 500 Seiten das Limit schon überschritten. Aber ich war neugierig, wie der Autor das Thema angegangen ist, nachdem ich darüber einen Online-Beitrag der »Galaktischen Buchmesse« gehört hatte, und weil das Buch schon auf dem Stapel »unverlangt eingesandt« lag, habe ich zu lesen angefangen.

Der Hintergrund ist bedrohlich: Nach der Quantenfeldtheorie wäre es jederzeit möglich, dass das Vakuum zerfällt und sich alle Materie auflöst. Peterson hat sich nun ausgemalt, wie es wäre, wenn so etwas tatsächlich passiert, und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern bald, in ein paar Jahren.

Der Roman beginnt wie viele Hollywood-Blockbuster: Eine amerikanische Physikerin, Susan Boyle, macht eine verstörende Entdeckung, dann rast offenbar ein außerirdisches Raumschiff fast mit Lichtgeschwindigkeit durchs Sonnensystem, sendet eine Botschaft, und in Washington tritt ein Krisenstab beim US-Präsidenten zusammen. Im Unterschied zu den Blockbustern wird sofort auf die Warnung der Wissenschaftler gehört, weil alles zusammenzuhängen scheint, und ein unglaubliches Vorhaben in Angriff genommen, größer als das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg: Binnen zwei Jahren soll ein riesiges Raumschiff gebaut werden, damit ein kläglicher Rest des amerikanischen Volkes, 1500 Menschen, rechtzeitig vor dem sich unaufhaltsam mit fast Lichtgeschwindigkeit nähernden Vakuumzerfall und damit vor dem Ende aller Materie fliehen kann.

Ritt auf der Atombombe

Peterson, gelernter Raumfahrtingenieur, hat sich für den Start seines Raumschiffs, das den bezeichnenden Namen »Mayflower« (wie das Auswandererschiff, mit dem die »Pilgerväter« 1620 nach Amerika kamen) trägt, einen Antrieb ausgesucht, der schon in den 1950- und -60er Jahren im sogenannten Orion-Projekt konzipiert wurde: Beim nuklearen Pulsantrieb wird der Vortrieb durch eine rasche Folge kleiner Atombombenexplosionen erzeugt. Der Startplatz liegt übrigens in der berühmt-berüchtigten Area 51 (und auch in der fiktiven Romanwelt gibt es dort keine Ufos).

Ist das Schiff im All, wird es von einem Fusionsantrieb fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, der mit interstellaren Wasserstoff arbeitet und deshalb keinen Treibstoff von der Erde mitnehmen muss. Auch dabei greift Peterson auf Ideen aus den 1960er Jahren zurück, die allerdings noch mehr Gedankenspiel sind als der Ritt auf der Atombombe. Diese Technik gibt es immerhin schon, und man weiß seit Hiroshima leider, dass sie funktioniert.

Phillip P. Peterson beim Medikon im August 2016 in Oldenburg.

Der Roman hat drei Handlungsstränge, von denen sich zwei gelegentlich berühren und überschneiden. Darin begleiten wir Susan Boyle, die ebenso zum weiteren Beratungsstab des Präsidenten gehören wie der amerikanische Astronaut Colin Curtis, der gerade im Begriff war, auf dem Mond zu landen, als wegen des Alien-Raumers die Landung abgeblasen wurde und er zur Erde zurück musste. Diese beiden Hauptprotagonisten sind bei dem eigentlichen Projekt Nebenfiguren, denn sie sind nicht unmittelbar an der Entwicklung und dem Bau des Raumschiffs beteiligt. Sie dienen dem Autor dazu, die moralischen und ethischen Aspekte des Vorhabens anzusprechen. Außerdem müssen sie sich mit privaten Problemen auseinandersetzen: Susan hat eine demente Mutter, die in einem Pflegeheim lebt, und bei Colin, einem ausgemachten Weiberheld, dreht sich alles um die verkorkste Beziehung zu seiner Frau.

Geschichte in der Geschichte

Die dritte Handlungsebene ist eine eigene Geschichte in der Geschichte. Er spielt in einem offensichtlich künstlichen Habitat, einem riesigen Hohlzylinder, in dem ein auf ein vortechnisches Niveau zurückgeworfener Stamm von einigen Hundert Menschen lebt. Es ist offensichtlich, dass das mit dem Raumschiffprojekt zusammenhängt, aber wie genau, erfahren wir erst ganz zum Schluss (der genügend Ansätze für eine Fortsetzung bietet).

Gut gefallen hat mir, dass Peterson den erzählerischen Schwerpunkt nicht auf den Bau des Raumschiffs an sich gelegt hat, sondern Susan und Colin und damit soziale und moralische Fragen in den Mittelpunkt stellt. Dabei gelingen ihm sehr eindringliche Schilderungen, in denen der Leser mitfiebern kann. Dramaturgische Höhepunkte des Romans sind für mich die Szene, in der der Präsident und sein Stab über die angemessene Antwort auf einen nordkoreanischen Atombombenangriff auf die USA diskutieren, und die Reaktion des US-Präsidenten auf den Versuch einer Gruppe von Arbeitern, einen Platz an Bord des Generationenschiffs zu erpressen. Allerdings ist die Perspektive des Romans zu sehr auf den »inneren Zirkel« beschränkt. Was draußen in der Welt passiert und wie die Menschheit auf das bevorstehende Ende reagiert, wird nur sporadisch, wenn auch in erschreckender Brutalität, wahrgenommen.

Verdächtig viele (alte) weiße Männer

Was »Vakuum« völlig fehlt, ist Diversität. Das komplette Personal ist wahrscheinlich weiß und nach den Namen zu urteilen von angloamerikanischer Herkunft; alle entscheidenden Figuren sind Männer. Nun müssen die Protagonisten nicht, nur weil es in manchen Kreisen gerade in ist und vehement verlangt wird, unbedingt People of Color und sexuell divers sein, im Rollstuhl sitzen oder tätowiert sein, aber die gesellschaftliche Realität sollte schon erkennbar sein. Jeder, der schon mal eine Übertragung der Nasa verfolgt oder Raumfahrt-Dokus im Fernsehen gesehen hat, weiß, dass bei solchen Projekten ganz viele Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft mitwirken, was man schon an ihren Namen erkennt. Im ganzen Roman kommen – als absolute Nebenfiguren – nur ein ausdrücklich so bezeichneter Afroamerikaner und eine Latina (was ich aus deren Namen, Gonzales, folgere) vor. Das ist beschämend wenig.

Mein Resümee: Ich habe »Vakuum« fast in einem Zug durchgelesen. Der Roman ist keine schwere Kost, sondern bietet technikaffinen SF-Fans locker geschriebene konventionelle und zum Teil fesselnde Unterhaltung in der Tradition eines James P. Hogan oder Gregory Benford und ein bisschen des deutschen Ingenieurromans. Das ist das, was seine Fans von Peterson erwarten.

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Wie wir »zu den Sternen« kamen

»Ad Astra« ist ein beliebter Gruß in der Science-Fiction-Szene. Woher kommt er eigentlich?

Viele SF-Fans verwenden in ihren E-Mails und Briefen (die werden angeblich gelegentlich auch noch geschrieben) die lateinische Grußformel »Ad astra«, auf Deutsch: »zu den Sternen«. Das geht offenbar auf Karl Heinz Biege, ein frühes Mitglied des Science Fiction Clubs Deutschland, (SFCD) zurück. Walter Ernsting (1920-2005), Gründer und Vorsitzender des SFCD, schrieb in einer kurzen Notiz in Nummer 4 des Fanzines ANDROmeda von 1956: »Herr Biege schlug als Gruß der SFCD-Mitglieder unter sich die Worte: AD ASTRA vor. Dieser Vorschlag fand die Zustimmung vieler Freunde, so daß ich getrost darum bitten darf: AD ASTRA, Freunde! Zu den Sternen! Damit ist alles gesagt.«

Damit wurde »Ad astra« praktisch zur offiziellen Schlussformel des SFCD und seiner Mitglieder. Woher Karl Heinz Biege (1922-1998), der als Clyde Morris zwischen 1957 und 1962 sechs SF-Leihbücher schrieb, die Anregung hernahm, ist unbekannt; Ernsting ging darauf nicht ein. 1957 übernahm Wolfgang Jeschke (1936-2015) den Gruß als Titel für das kurzlebige, sehr vorstandskritische Mitteilungsblatt für die SFCD-Landes- und Städtegruppen, die sich inzwischen gebildet hatten.

Von Vergil oder Seneca übernommen

Redewendungen mit »ad astra« waren und sind weit verbreitet. Sie gehen entweder auf den römischen Dichter Vergil – »sic itur ad astra« («So reist man zu den Sternen«) aus dem Aeneas-Epos – oder auf Seneca – »non est ad astra mollis e terris via« («Es gibt keinen leichten Weg von der Erde zu den Sternen«), meist zu »per aspera ad astra« («durch das Raue zu den Sternen«) verändert und verkürzt – zurück.

Die einzelnen Verwendungen meist in abgeleiteter Form als Motto hier aufzulisten, würde zu weit führen. Adelsgeschlechter, staatliche Einrichtungen und Firmen haben es gewählt. Klar ist jedenfalls, dass der Spruch ursprünglich nichts mit Raumfahrt oder Science-Fiction zu tun hatte, sondern mit Erfolg, Ruhm und Ehre. In der Antike wurden Helden schon mal als Sternbilder am Himmel verewigt, so wie Herkules, um den es in Senecas Tragödie »Hercules furens« geht. Der Traum, wirklich zu den Sternen zu reisen, gewann erst ab den 1920er Jahren allmählich Gestalt, als in Deutschland und den USA die ersten Versuche mit weltraumtauglichen Raketen unternommen wurden.

Ein früher SF-Roman aus Triest

Das erste Mal im Zusammenhang mit (fiktiver) Raumfahrt taucht »Ad Astra« Ende des 19. Jahrhunderts auf. 1898 wurde in Mailand ein Zukunftsroman mit dem Titel »Ad Astra. Fantasia dell‘avvenire« (deutsch: Zu den Sternen. Fantasie der Zukunft) herausgegeben. Er war von Antonio de‘ Bersa (1827-1905), Chefredakteur der in Triest erschienenen Zeitung L‘Osservatore Triestino, verfasst worden und erstmals 1884 als »Giustina Cartoni: Fantasia dell‘avvenire« in Triest erschienen. In dem Roman geht es um den Versuch der vereinten Menschheit, den Mond zu erreichen. 2017 gab es eine Neuauflage (Verlag Zona 42, ISBN 978-8898950133). Übersetzt worden ist der Roman offenbar nie.

Fest mit dem SF-Fandom verbunden ist das Motto durch die 1934 gegründete Los Angeles Science Fantasy Society, den ältesten bestehenden SF-Fanclub. Sie hat sich das Motto »De profundis ad astra« (»Aus der Tiefe zu den Sternen«) gegeben und das auf ihrem 1940 eingeführten Wappen durch ein Mikroskop und ein Raumschiff symbolisiert. Ob der erste Teil des Mottos einen Bezug zu Psalm 130 aus der Bibel hat, der in seiner lateinischen Fassung aus dem 4. Jahrhundert mit »De profundis clamavi ad te Domine« beginnt, erscheint naheliegend, ist aber nicht zu klären. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eher, dass Forrest J. Ackerman (1916-2008), seinerzeit die treibende Kraft in der Los Angeles Science Fantasy Society, ein Freund Walter Ernstings und frühes Mitglied des SFCD war.

  • Die Urfassung dieses Beitrags erschien ursprünglich in »Paradise 110«, dem Fanzine des Terranischen Clubs Eden (TCE).