Die Maschine hält an

E._M._Forster_von_Dora_Carrington,_1924-25
Bild von E. M. Forster bei Wikipedia

Der Engländer Edward Morgan Forster (1879-1970) gilt wegen seiner Erzählung »The Machine Stops« von 1909 als einer Vordenker des Internets und Erfinder des Chattens. Darin skizziert er ein globales Kommunikations- und Informationsnetz. Noch Mitte der 1960er Jahre wurde »The Machine Stops« – zu recht – zu den wichtigsten SF-Erzählungen gezählt.

Auf Grund einer Empfehlung habe ich mir die leicht im Internet auffindbare Erzählung besorgt. Sie ist allerdings auf Englisch. Eine deutsche Übersetzung hat es 2005 in der Reihe der Schriften und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar gegeben.

Zum Inhalt: »The Machine Stops« spielt in einer fernen Zukunft. Die Menschen leben unter der Erde, jeder für sich in einer Zelle, weil die Erdoberfläche angeblich nicht mehr bewohnbar ist. Für das leibliche und geistige Wohl sorgt die Maschine. Die Menschen müssen und können sich um nichts mehr selbst kümmern. Ihre Wohnräume, die sich alle bis ins Detail gleichen, müssen sie nur noch verlassen, wenn sie mit  schnellen Luftschiffen zu weit entfernten Orten reisen, was sie möglichst vermeiden. Soziale Kontakte beschränken sich auf die technische Kommunikation per Videochat mit Tausenden von Menschen weltweit, körperliche Kontakte sind tabu.

Eines Tages erhält die Wissenschaftlerin Vashti einen Anruf von ihrem Sohn Kuno, den sie seit seiner Geburt nicht mehr persönlich gesehen hat. Er fordert sie auf, zu ihm zu kommen, weil er ihr etwas von Angesicht zu Angesicht mitteilen will. Zunächst empfindet sie es als Zumutung, deswegen ihre Wohnzelle zu verlassen, und weigert sie sich. Schließlich besteigt sie voller Unbehagen aber doch ein Luftschiff.

Ihr Sohn offenbart ihr, dass er heimlich an die Oberfläche der Erde gestiegen ist und dort Menschen gesehen hat. Nun droht ihm die „Heimatlosigkeit“, die Verbannung aus der unterirdischen Welt an die lebensfeindliche Oberfläche. Für Vashti ist Kunos Verhalten ein Sakrileg. Sie kehrt in ihre Zelle zurück und bricht den Kontakt ab.

Jahre später meldet sich Kuno erneut mit der rätselhaften Behauptung „Die Maschine hält an“ bei seiner Mutter. Schon die Vorstellung, dass die Maschine anhalten könnte, ist für Vashti unverständlich, und selbst als die ersten Ausfallerscheinungen auftreten, wollen die Menschen es nicht wahrhaben. Aber nach und nach versinkt die Welt in Chaos, weil nichts mehr richtig funktioniert. Schließlich bricht die Luftversorgung zusammen und die Menschen ersticken in ihren unterirdischen  Städten.

Kritik: Für die Zeit ihres Erscheinens im Jahr 1909 ist »The Machine Stops« eine moderne, gut geschriebene, sehr weitsichtige Erzählung. Forster schildert präzise die Folgen der zunehmenden Abhängigkeit von Technik und warnt vor der quasireligiösen Verehrung, die sie zwangsläufig erfährt. Seine Botschaft, die er Kuno in den Mund legt: Der Mensch verliert den Bezug zu sich selbst, wenn er alles Heil in der Technik sieht.

Dieser technischkritische Ansatz ist für die Bewertung der  Erzählung meines Erachtens wesentlich wichtiger als der oben angeführte Bezug zum Internet. Das spielt in der Erzählung nur am Rande eine Rolle. Forster erfindet ja nicht das World Wide Web, sondern denkt einfach nur vorhandene Technik weiter. Er selbst nennt es Telefonie, und mehr ist es auch nicht. Schon eher könnte man Forster als Erfinder von Facebook sehen: Die Menschen haben Tausende Freunde und  tauschen sich »elektrisch« mit ihnen über alles Mögliche aus, und das meiste davon ist völlig belanglos.

Das Ausgangsszenario von  »The Machine Stops« – eine isolierte, technische Zivilisation, in der der Mensch seine Individualität verloren hat und das Betreten der nicht überwachten Erdoberfläche verboten ist – hat in der SF viele Nachahmer gefunden. Spontan fallen mir »Logan’s Run« von William F. Nolan und der Film »Die Insel« mit Scarlett Johansson und Ewan McGregor ein. Aber im Unterschied zu den Epigonen gibt es bei Forster kein Happy End, nicht einmal einen Hoffnungsschimmer.  Die Welt von Vashti und Kuno vergeht in einer Katastrophe, die keiner überlebt.

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