What the hell is that good for?

Der Science-Fiction-Club Deutschland hat ein eigenes Conbuch zum WorldCon 2019 veröffentlicht. Ich bin nicht begeistert.

Anlässlich der bevorstehenden 77th World Science Fiction Convention (WorldCon) in Dublin (15.-19.8.2019) und des EuroCon in Belfast (22.-25.8.2019) hat der Science-Fiction-Club Deutschland (SFCD) erneut ein eigenes, deutsch-englisches Conbuch veröffentlicht. Es trägt den Titel »The Internet of Things and other pecularities of German Science Fiction 2019« und ist als Andromeda-SF-Magazin 157 im Hausverlag des SFCD, p.machinery von Michael Haitel, erschienen. Herausgeber sind Sylvana Freiberg, Jörg Ritter und Martin Stricker. Die Broschüre (136 Seiten) soll auf den beiden Cons verteilt werden (auf dem der SFCD, so viel ich weiß, keinen eigenen Stand hat). SFCD-Mitglieder wie ich bekamen es per Post mit den vierteljährlichen Andromeda Nachrichten.

Ob ich wohl der Einzige bin, der das Büchlein im besten Fall als »eigenartig« (peculiar) bezeichnen würde? Tatsächlich lässt es mich eher ratlos mit der Frage »What the hell is that good for?« zurück. Ein Konzept ist nicht erkennbar, es gibt auch keinen roten Faden, denn die Auswahl der Texte erscheint völlig beliebig.

Ein schneller Blick auf den Inhalt: Die pecularities enthalten zwei Kurzgeschichten von Heiner Wolf (»Jahr 2544 – der erste außerirdische Besuch im Sonnensystem«) und Uwe Hermann (»Das Internet der Dinge«, mit dem er 2018 sowohl den Kurd-Laßwitz-Preis als auch den Deutschen Science-Fiction-Preis gewonnen hat), vier sogenannte Interviews, und mehrere Sachtexte sowie ein Vorwort und Kurzbiografien der Herausgeber und der Illustratoren.

53stellige Links zum Abtippen

Den Anfang macht eine kommentierte Link-Sammlung zur deutschen SF und zum Fandom von Mitherausgeber Jörg Ritter. Der Leser wird mit mäßig launigen Sätzen auf verschiedene Themen (hoffentlich) neugierig gemacht, muss aber die entsprechenden Internetseiten aufrufen, um überhaupt einen Eindruck davon zu bekommen, worum es geht. In gedruckten Büchern kann man aber keine Links anklicken. Zum Glück gibt’s die pecularities als PDF-Datei zum Download. Soll der Leser jetzt seinen Laptop rauskramen und www.sfcd.eu/download/pubs/asfm101-200/asfm157open.zip abtippen? Davon wird er/sie vermutlich abgehalten, weil der Autor extra darauf hinweist, dass die Links selbst da nicht funktionieren, »weil das Programm unseres Herausgebers anklickbare Links HASST«. Aber man könne sie ja kopieren und in den eigenen Browser einfügen. Echt? Das ist eine Zumutung.

Dann diese vier schematisierten E-Mail-Interviews, die keine Interviews sind, sondern Fragebögen. In einem Interview sind die Fragen auf den Interviewten abgestimmt und der Interviewer geht auf die Antworten des Interviewten ein. Das geht aber nicht, wenn man allen die gleichen Fragen per E-Mail schickt und dann die Antworten einfach nur abdruckt. Die Fragen beeindrucken zudem nicht gerade durch Originalität.

In den »Interviews« wird gleich mit der ersten Frage »Wer ist…?« die Unsitte gepflegt, den Befragten sich selbst vorstellen zu lassen. Das ist Aufgabe des Interviewers resp. des Redakteurs, denn damit wird dem Leser mitgeteilt, warum das Interview geführt wird. Hier bleibt es das Geheimnis der Herausgeber, warum Andreas Brandhorst, Christian von Aster, Heiner Wolf und Uwe Hermann für ein »Interview« ausgewählt wurden. Vielleicht, weil von drei von ihnen Beiträge in den pecularities enthalten sind? Aber warum wurden dann die übrigen Autoren nicht befragt? Und warum wurde Andreas Brandhorst befragt, obwohl von ihm kein Beitrag in den pecularities enthalten ist?

Die Interviews sind immerhin aktuell, denn sie wurden alle in diesem Frühjahr geführt. Das gilt womöglich auch für die übrigen Beiträge. Es gibt aber zwei ausgewiesen ältere Beiträge, eine Würdigung des deutschen SF-Urgesteins Waldemar Kumming (Originalveröffentlichung 2013, aber aktualisiert, denn Kumming ist 2017 gestorben) und ein Beitrag über die SF in der DDR von Karlheinz Steinmüller (von 1992, ebenfalls aktualisiert mit einem Blick darauf, was von der DDR-SF übrig geblieben ist). Die Veröffentlichung des Beitrags über Kumming als eine Art Nachruf kann ich nachvollziehen, denn der Mann, der die Audiothek des deutschen SF-Fandoms geführt hat, war auf dem internationalen Parkett kein Unbekannter. Aber ein Text über die SF in der DDR? Aus Anlass des 30. Jahrestags des Mauerfalls vielleicht? Immerhin ist es ein Steinmüller!

Fühlt sich an wie Haare im Mund

Unter »merkwürdig« einzuordnen ist ein Beitrag über das deutsche Furry-Fandom, also über Leute, die sich als Tiere verkleiden und auf Conventions gehen. Ich wusste bisher nicht, dass es so etwas gibt (dabei dachte ich, ich kenne mich ein bisschen aus), und hätte es glatt für Satire gehalten. Ein wenig Internetrecherche hat mich desillusioniert. Das ist ernst gemeint, aber so überflüssig wie Haare im Mund. Der Beitrag ist mit 19 Seiten der umfangreichste im Buch und gibt dem Furry-Fandom einen Stellenwert, den es innerhalb der deutschen SF-Szene nicht hat (man möge mich eines Besseren belehren). Das Furry-Fandom trifft sich übrigens am WorldCon-Wochenende zur Eurofurence 25 in Berlin.

Zwei Beiträge hätte ich fast unterschlagen – einen von Christian von Aster über »Die Gentrifizierung des Wunderlands« (der Autor beklagt sich darüber, dass die Unterhaltungsindustrie alles gnadenlos ausschlachtet) und einen der Amerikanerin Nicolette Stewart, die darüber schreibt, wie sie deutsche SF und Fantasy kennenlernte, als sie 2005 nach Deutschland kam. Ach ja, dann gibt es noch von Martin Stricker eine Übersicht der deutschsprachigen SF-Preise (die einzige echte Nachricht über die deutsche SF in den pecularities ).

Aus meiner Sicht sind die pecularities ein Sammelsurium von Texten, die jeder für sich zum Teil nicht uninteressant sind. Allerdings, wenn es die Absicht der Herausgeber war, dem internationalen Publikum in Dublin und Belfast einen Eindruck von der deutschen SF-Szene zu bieten, ist das in die Hose gegangen. Ich glaube, die ausländische Leserin kratzt sich nur verwirrt am Kopf und greift zu einer anderen Lektüre.

Der Frauenanteil

Natürlich kann man in einem solchen Rahmen keine umfassende Darstellung liefern. Wie wäre es aber zum Beispiel gewesen, mal auf aktuelle Trends, Probleme und Themen in der deutschen Phantastik-Szene einzugehen, etwa auf die Debatte über die Sichtbarkeit von Autorinnen in der deutschen SF? Aber in den pecularities war ja auch nur Platz für einen Beitrag einer Frau.

Frauen durften aber immerhin für die Illustrationen sorgen. Das ansprechende Cover ist von Britta Jacobs, die Innenillustrationen sind von ihr, Sylvana Freiberg und Marie Romeijn.

Den Rest schenke ich mir

»NSA« von Andreas Eschbach – keine Rezension


Andreas Eschbach: NSA. Bastei Lübbe, Köln, 2018. 800 Seiten, 22,90 Euro. ISBN 978-3785726259.


Im Roman »NSA« von Andreas Eschbach bin ich bis Seite 268 gekommen. Ich musste mich schon bis dahin durch einen zähen Texte durcharbeiten, bis zum Ende auf Seite 796 sah ich einen mühsamen Weg vor mir. Dann habe ich das Buch aus verschiedenen Gründen zehn Tage nicht weiterlesen können und hatte keinerlei Bedürfnis zu erfahren, wie es weitergeht, was den Protagonisten passiert und ob tatsächlich noch eine interessante Stelle kommt, die zum Beispiel Denis Schecks Lobgesang in »Druckfrisch« erklären könnte. Wenn ein Buch einen nach mehr als einem Viertel nicht interessiert, kann man sich den Rest auch schenken. Also habe ich das NSA in seinen Schutzumschlag gehüllt und ins Regal gestellt. Tut mir leid, Herr Eschbach, aber da kann ich meine Zeit besser vergeuden.


Von Andreas Eschbach habe ich auch »Perry Rhodan. Das größte Abenteuer« gelesen und besprochen.

Opulenter Griff nach den Sternen

Nick der Weltraumfahrer war die erste deutsche SF-Comicserie. Darüber ist jetzt ein toller Bildband erschienen.


Andreas C. Knigge/Hansrudi Wäscher: „Der Griff nach den Sternen“. Verlag Bunte Dimensionen. 304 Seiten. 48,95 Euro. ISBN 978-3941694347


Mir bedeuten Comics nicht viel. Natürlich, als Kind habe ich Fix & Foxi und Mickey Maus und als Jugendlicher Asterix & Obelix und Lucky Luke gelesen, mein jüngerer Bruder verschlang die Superman-Hefte. Aber mir war das immer zu wenig Text. Nach einer halben Stunde oder so war ich durch und brauchte mehr Stoff. Andererseits interessiere ich mich für alles, was mit der Frühzeit der deutschen Science-Fiction-Literatur zu tun hat. So habe ich nicht gezögert, als ich auf den Bildband »Der Griff nach den Sternen« über Nick, den Weltraumfahrer, aufmerksam wurde.

Nick der Weltraumfahrer ist eine von Hansrudi Wäscher erdachte Comic-Serie und erschien ab 1958 im Verlag von Walter Lehning in Hannover. Das Besondere war nicht nur, dass es die erste deutsche SF-Comicserie war: Nicks Abenteuer wurden die ersten Jahr als »Piccolo« vertrieben, als kleines, streifenförmiges Heft im Format 8 x 17 Zentimeter mit 32 Seiten. Die Zeichnungen waren schwarz-weiß, nur der Umschlag mehrfarbig. Nach zwei Jahren wechselte der Verlag das Format und brachte Nick wie andere Reihen als Großband und in Farbe heraus.

Ich kann mich aus meiner Kindheit sowohl an die Piccolos als auch an die Großbände erinnern. Aber es muss sich wohl um Restbestände gehandelt haben, denn ich war erst drei Jahre alt, als der letzte der 139 Piccolo erschien, und lernte gerade erst lesen, als die Großbände eingestellt wurden. Leider hat sich keines dieser Hefte in meinem Besitz erhalten.

Für 50 Euro bekommt man einen wirklich opulent ausgestatteten Bildband. »Der Griff nach den Sternen« bietet eine Fülle von großformatigen, zum Teil doppelseitigen Repros der Wäscher-Zeichnungen, und jede Menge Information. Das Buch hat drei Teile, die den wesentlichen Abschnitten in Nicks »Leben« gewidmet sind: den Piccolos (1958-1960), den Großbänden (1960-63) und schließlich der Zeit nach der Lehning-Insolvenz.

Autor Andreas Knigge, der schon eine Wächter-Biografie geschrieben hat, fasst einen Großteil der einzelnen Nick-Abenteurer zusammen, analysiert Wächters erzählerische Entwicklungen und Einflüsse. Er geht auf die Situation des Verlags ein und was das für Auswirkungen auf die Serie hatte, und stellt Bezüge zur Zeitgeschichte her – wobei der wichtigste offensichtlich sein sollte: Nick ist abgeleitet von Sputnik, dem Namen des ersten Satelliten, gestartet im Oktober 1957.

Immer wieder weist Knigge, häufig ironisch-süffisant, aber stets respektvoll auf die Schwächen und Ungereimtheiten hin. Man darf nicht vergessen, dass Wächter zeitweise einen erstaunlichen Output hatte – unter anderem die drei wöchentlich erscheinenden Piccolos-Serien Nick, Tibor und Sigurd – und gerne auch mal Versatzstücke der einen Serie in einer anderen verwendete. Da war Perfektion unerreichbar.

Knigge macht auch deutlich, worin die Faszination dieser Serie besteht, warum sie immer wieder nachgedruckt und weitererzählt wurde. Denn Nick gibt es immer noch/wieder, inzwischen wieder als Piccolos mit dem vierten Zeichner, Jürgen Speh. Wäscher zeichnete den Weltraumfahrer mit Bürstenhaarschnitt und in dem immer gleichen roten Anzug nach dem Ende der Großbände 1963 nur noch sporadisch, und hatte mit den diversen Wiederbelebungsversuchen ab 1992 wenig bis nichts mehr zu tun. Er starb 2016.

Eine der sporadischen Arbeiten Wäschers ist dem Buch beigelegt. In seinem Nachlass wurden die Zeichnungen für zwei Piccolos einschließlich Titelbilder gefunden: Das Zeiträtsel und die Fortsetzung Ma-Sols Wahn. Da kommt noch mal das typische Nick-Feeling auf.

Meine Story in »Gegen unendlich 15«

Dieser Tage ist die Anthologie »Gegen unendlich 15« erschienen – mit einer Kurzgeschichte von mir. In »Abschied von Brontannasdé« muss der Protagonist auf einem Planeten am Arsch des Universums erfahren, dass man aufpassen muss, wen man in einer Bar anbaggert. In der Anthologie mit den phantastischen Geschichten, herausgegeben von Michael J. Awe und Andreas Fieberg, befinde ich mich wieder in guter Gesellschaft. Insgesamt sind 19 Autoren vertreten, die eine große thematische Vielfalt bieten. Im Moment ist nur eine E-Book-Ausgabe für den Amazon-Kindle erhältlich, aber es wird wohl auch wieder ein gedrucktes Buch aus dem Verlag p.machinery von Michael Haitel geben.

Kurzweiliges aus dem Hause Kruse

In »Lvdowigvs von Lüttelnau« von Axel Kruse jagt ein Historiker einem Phantom nach und bekommt es mit der Inquisition zu tun.


Axel Kruse: Lvdowigvs von Lüttelnau. Verlag p.machinery, Winnert 2019. 118 Seiten, 9,90 Euro (Ebook 4,99 Euro). ISBN 978-3957651532.


Ein neuer Roman von Axel Kruse, und wie alles, was er schreibt, ist er kurzweilig und sehr unterhaltsam. Darin geht’s mal nicht wie zuletzt um Raumschiffe, sondern der Historiker Christian Hartwig jagt in Deutschland und Italiem einem  Phantom nach. »Lvdowigvs von Lüttelnau« ist ein Verschwörungsthriller. Verschwörungstheorien sind neben Weltraumabenteuern ja eine Kernkompetenz von Axel Kruse, und wenn man ihn auf einem SF-Con trifft, kann es passieren, dass er einem eine zuraunt.

Besagter Historiker schreibt Mitte der 1970er Jahre als junger Mann seine Diplomarbeit über die Eroberung Rothenburgs ob der Tauber während des Dreißigjährigen Kriegs. Dabei bekommt er dank eines Büchlein des Titel gebenden Lvdowigvs einer, sagen wir mal, Ungereimtheit in der Überlieferung auf die Spur und beginnt, Nachforschungen anzustellen. Sie führen ihn im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ins Archiv des Vatikans, nach Tübigen, Rothenburg, Orvieto und schließlich Anfang des 21. Jahrhunderts nach Essen-Kettwig, Kruses Heimat (wo die Protagonisten selbstverständlich an Joaquins Bar vorbeikommen, ohne jedoch dort einzukehren). Aber Christian Hartwig bekommt es auch mit der Glaubenskongregation der katholischen Kirche – einst besser als Inquisition bekannt – zu tun. 

Wie alles aus dem Hause Kruse ist der Roman erfreulich kurz. Nach 100 Seiten ist Schluss. Der Autor hält sich nicht unnötig mit detailreichen Beschreibungen der Handlungsorte und weitschweifigen Selbstreflexionen seiner Protagonisten auf. Alles, was nicht unmittelbar mit der Handlung zu tun hat, wird ausgeblendet. Das Archiv des Vatikans, dem andere Autoren seitenlange ausführliche Beschreibungen gewidmet hätten, handelt er lapidar in zwei, drei Sätzen ab. »Lvdowigvs von Lüttelnau« ist kein Roman, in dem sich der Leser verlieren kann, sondern eine Lektüre für einen geruhsamen Leseabend.

Das Manko des Kurzromans: An manchen Stellen muss man beide Augen zudrücken, weil die Glaubwürdigkeit zu wünschen übrig lässt. Dass ein gestandener Historiker mitten in der Nacht auf einem alten Friedhof aus einem Impuls heraus heimlich ein Grab öffnet, ist ebenso unglaubwürdig wie ein Bürgermeister, der einem unangemeldet bei ihm auftauchenden Professor für einen simplen Archivbesuch eine junge Verwaltungsmitarbeiter für einen ganzen Tag zur Seite stellt (man ahnt, worauf das hinausläuft).

Wem die Story bekannt vorkommt: Sie beruht auf der Kurzgeschichte »Rothenburg«, die in Kruses Sammelband »Geschichten aus Joaquins Bar« von 2013 erschienen ist. Sie ist dem Büchlein als »Bonustrack« beigefügt.

Das Buch habe ich von dem Autor geschenkt bekommen. Ich bin mit Axel Kruse befreundet.