Ein unbekanntes Columbus-Porträt?

Columbus
Das Bild eines »unbekannten Gelehrten« könnte Columbus zeigen.

Bei einer Auktion in Süddeutschland ist in diesem Jahr das Porträt eines »unbekannten Gelehrten« aufgetaucht. Es könnte eine bisher nicht bekannte Darstellung von Christoph Columbus sein.  Darauf hat mich der neue Eigentümer, ein Sammler aus Berlin, dankenswerterweise aufmerksam gemacht.
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Schauen wir uns das Bild zunächst einmal genau an. Es zeigt einen Mann mittleren Alters in nachdenklicher Pose. Mit der rechten Hand stützt er den Kopf leicht ab, die linke liegt auf einem Globus, von dem nur ein Teil zu sehen ist. Der Mann ist 40 bis 50 Jahre alt, hat blondes oder weißes Haar und eine große Nase. Er trägt ein braunes Gewand und einen roten Umhang. Die Physiognomie ähnele der des Columbus auf dem so genannten Mazzoni-Relief, findet der Sammler. Deshalb hatte er mich überhaupt auf das Bild hingewiesen.

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Das so genannte Mazzoni-Relief

Der Italiener Guido Mazzoni (1450–1518) war zu seiner Zeit ein angesehener Bildhauer, der für seine lebendigen Darstellungen biblischer Szenen bekannt war. Er könnte Ende 1504 nach Spanien gereist sein in der Hoffnung, den Auftrag für die Gestaltung des Grabmals der am 26. November gestorbenen Königin Isabella I. von Kastillien, der Columbus-Förderin, zu erhalten, und bei dieser Gelegenheit den Entdecker kennengelernt haben. Das Porzellan-Relief zeigt das Gesicht eines alten Mannes im Profil und trägt die Inschrift »Christophoro Colombo«.

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Der Globus (Gemäldeausschnitt) zeigt die amerikanische Küste und den Schriftzug »Mar«.

Ein wichtiges Element auf dem Gemälde ist der Globus links unten in der Ecke, auf den der Abgebildete seine Hand legt. Zu erkennen sind der Atlantik mit den angrenzenden Küsten. Der Ozean ist mit dem Wort »Mare« beschriftet. Der Porträtierte hat also vermutlich einen Bezug zur Geografie, und es ist jedenfalls nicht abwegig, in ihm einen Entdecker zu sehen, zumal der Atlantik und Amerika dargestellt sind. Der berühmteste Entdecker ist zweifellos Columbus. Die Kleidung verweist zudem auf die Renaissance, das Zeitalter der Entdeckungen.

Es spricht aber einiges dagegen, das Gemälde für ein Porträt des Amerika-Entdeckers, das zu dessen Lebzeiten (1451-1506) entstand, zu halten; das Mazzoni-Relief könnte allerdings als Vorbild gedient haben. In der Porträt-Malerei des frühen 16. Jahrhunderts kamen derart persönliche Darstellungen noch nicht vor. Die Gemälde sollten vor allem die Bedeutung der abgebildeten Personen herausstreichen. Sie zeigten zwar individuelle Züge, so dass Zeitgenossen den Porträtierten wiedererkennen konnten, sie waren aber nicht so zwanglos und aus dem Leben gegriffen, wie Porträts späterer Epochen. Ein Gemälde, wie das des »unbekannten Gelehrten«, kann erst ab Ende des 17. Jahrhunderts entstanden sein, als Künstler wie Peter Paul Rubens anfingen, die sinnliche Erscheinung des Menschen in der Malerei zu betonen.  Auch stilistische Elemente, wie der Schattenwurf im Gesicht, passen nicht in die Renaissance.

Auffällig an dem Gemälde ist, dass der Künstler offenbar versucht hat, den Porträtierten zeitlich einzuordnen. Darauf deutet der Globus hin. Die Konturen von Amerika sind ungenau. Das könnte als Hinweis darauf gemeint sein, dass die Küstenlinie der abgebildeten Person noch nicht genau bekannt war (wenn man dem Künstler nicht Schlampigkeit unterstellen will). Auch die Kleidung passt in das Zeitalter der Entdeckungen. Dieses Bemühen um Historizität (wenn es nicht reiner Zufall ist) ist erstaunlich.

Typisch für die Renaissance: Das Giovo-Porträt entstand mehrere zwei, drei Jahrzehnte nach Columbus' Tod.
Typisch für die Renaissance: Das Giovo-Porträt entstand mehrere zwei, drei Jahrzehnte nach Columbus‘ Tod.

Für die Interpretation und zeitliche Einordnung des Gemälde ist auch die Pose des Porträtierten zu berücksichtigen. Wir sehen hier eine nachdenkliche, gelassene Person. Für die Darstellung eines Entdeckers, eines Eroberers ist das ungewöhlich. Bei ihnen wird das Heroische, der Mut, der Blick nach vorn herausgestellt. Das Nachdenkliche passt überhaupt nicht zu Columbus und dazu, wie er zu unterschiedlichen Zeiten wahrgenommen wurde. Im 19. Jahrhundert, als die meisten Columbus-Porträts entstanden (allein 70 Bildnisse sollen bei der World Columbian Exposition 1893 in Chicago gezeigt worden sein), wurde der Entdecker geradezu vergöttert und als wagemutiger Seemann mit göttlicher Mission dargestellt.

Falls das Gemälde tatsächlich Columbus zeigt und vor dem 19. Jahrhundert entstand, wäre es eine kleine Sensation.  Denn es gibt aus dieser Zeit keine Bildnisse des Amerika-Entdeckers.

Das Fazit muss beim jetzigen Wissensstand lauten: Es gibt keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Columbus dargestellt ist – aber auch keinen dagegen.

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A collector from Berlin has purchased a painting by an unknown artist which is possibly an hitherto unknown portrait of Christopher Columbus. It depicts a thoughful man with his left hand on a globe. The globe shows the Atlantic Ocean with the coastlines of America and Europe and the caption »Mare« (sea).

The collector thinks that the portrait resembles the effigy on the so called Mazzoni relief of »Christophoro Colombo«. Mazzoni was an Italian sculptor and a contemporary of Columbus. He might have met the discoverer of America in Spain about a year before Columbus died in 1506.

The painting however is probably not the work of a contemporary of Columbus. Lifelike portraits like that were unknown to Renaissance painters of the early 16th century. They appeared only at the end of the 16th century. Maybe the painting is inspired by the Mazzoni relief, but in my opinion it is relativly recent. Paintings of Columbus which were very popular in the 19th century always show him as a courageous sailor on a divine mission, but not thoughtful or even doubtful.

Further research is necessary to find out more about the painting and the person on it. It can be Columbus, but not inevitably.

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