Der Zeitreisende, der zu spät kommt

Die Wahrheit über den Kennedy-Mord. Oder auch nicht. Zeitagent Calvin ist in im November 1963 in Dallas.

Das Bühnenbild meiner Second-Life-Lesung dieser Kurzgeschichte im Oktober 2016. Die Szenerie zeigt meinen Avatar am Tatort.

Zeitagent Calvin eilte mit energischen Schritten die Houston Street entlang. Er war spät dran. Der Absetzzeitraum war dieses Mal besonders eng gewesen, und er hatte noch ein gutes Stück laufen müssen, um zu seinem Einsatzort zu kommen. Immer wieder musste er Schaulustigen ausweichen, die wie er hier waren, um den Präsidenten zu sehen. Im Unterschied zu ihnen wusste Calvin, dass hinter einem der Fenster in dem großen Backsteingebäude, an dem er jetzt vorbeihastete, ein Attentäter wartete und in ein paar Minuten tödliche Schüsse auf John F. Kennedy abgeben würde.

Calvins Auftrag: Er sollte das Attentat, das ein Jahrhundert danach noch immer zu den Traumata der amerikanischen Nation zählte, im Bild festhalten. Es gab zwar jede Menge Bildmaterial, aber es war alles von miserabler Qualität. Calvin fand das unschicklich, aber Auftrag war Auftrag. Die Techniker der Zeitagentur hatten ihn mit ihrem neuesten Hightech-Gerät ausgestattet, das ihm, als schwerer Fotoapparat getarnt, um den Hals hing und bei seiner beschleunigten Gangart im Rhythmus seiner Schritte gegen den Bauch prallte.

Weiterlesen „Der Zeitreisende, der zu spät kommt“

Wie wir »zu den Sternen« kamen

»Ad Astra« ist ein beliebter Gruß in der Science-Fiction-Szene. Woher kommt er eigentlich?

Viele SF-Fans verwenden in ihren E-Mails und Briefen (die werden angeblich gelegentlich auch noch geschrieben) die lateinische Grußformel »Ad astra«, auf Deutsch: »zu den Sternen«. Das geht offenbar auf Karl Heinz Biege, ein frühes Mitglied des Science Fiction Clubs Deutschland, (SFCD) zurück. Walter Ernsting (1920-2005), Gründer und Vorsitzender des SFCD, schrieb in einer kurzen Notiz in Nummer 4 des Fanzines ANDROmeda von 1956: »Herr Biege schlug als Gruß der SFCD-Mitglieder unter sich die Worte: AD ASTRA vor. Dieser Vorschlag fand die Zustimmung vieler Freunde, so daß ich getrost darum bitten darf: AD ASTRA, Freunde! Zu den Sternen! Damit ist alles gesagt.«

Damit wurde »Ad astra« praktisch zur offiziellen Schlussformel des SFCD und seiner Mitglieder. Woher Karl Heinz Biege (1922-1998), der als Clyde Morris zwischen 1957 und 1962 sechs SF-Leihbücher schrieb, die Anregung hernahm, ist unbekannt; Ernsting ging darauf nicht ein. 1957 übernahm Wolfgang Jeschke (1936-2015) den Gruß als Titel für das kurzlebige, sehr vorstandskritische Mitteilungsblatt für die SFCD-Landes- und Städtegruppen, die sich inzwischen gebildet hatten.

Von Vergil oder Seneca übernommen

Redewendungen mit »ad astra« waren und sind weit verbreitet. Sie gehen entweder auf den römischen Dichter Vergil – »sic itur ad astra« («So reist man zu den Sternen«) aus dem Aeneas-Epos – oder auf Seneca – »non est ad astra mollis e terris via« («Es gibt keinen leichten Weg von der Erde zu den Sternen«), meist zu »per aspera ad astra« («durch das Raue zu den Sternen«) verändert und verkürzt – zurück.

Die einzelnen Verwendungen meist in abgeleiteter Form als Motto hier aufzulisten, würde zu weit führen. Adelsgeschlechter, staatliche Einrichtungen und Firmen haben es gewählt. Klar ist jedenfalls, dass der Spruch ursprünglich nichts mit Raumfahrt oder Science-Fiction zu tun hatte, sondern mit Erfolg, Ruhm und Ehre. In der Antike wurden Helden schon mal als Sternbilder am Himmel verewigt, so wie Herkules, um den es in Senecas Tragödie »Hercules furens« geht. Der Traum, wirklich zu den Sternen zu reisen, gewann erst ab den 1920er Jahren allmählich Gestalt, als in Deutschland und den USA die ersten Versuche mit weltraumtauglichen Raketen unternommen wurden.

Ein früher SF-Roman aus Triest

Das erste Mal im Zusammenhang mit (fiktiver) Raumfahrt taucht »Ad Astra« Ende des 19. Jahrhunderts auf. 1898 wurde in Mailand ein Zukunftsroman mit dem Titel »Ad Astra. Fantasia dell‘avvenire« (deutsch: Zu den Sternen. Fantasie der Zukunft) herausgegeben. Er war von Antonio de‘ Bersa (1827-1905), Chefredakteur der in Triest erschienenen Zeitung L‘Osservatore Triestino, verfasst worden und erstmals 1884 als »Giustina Cartoni: Fantasia dell‘avvenire« in Triest erschienen. In dem Roman geht es um den Versuch der vereinten Menschheit, den Mond zu erreichen. 2017 gab es eine Neuauflage (Verlag Zona 42, ISBN 978-8898950133). Übersetzt worden ist der Roman offenbar nie.

Fest mit dem SF-Fandom verbunden ist das Motto durch die 1934 gegründete Los Angeles Science Fantasy Society, den ältesten bestehenden SF-Fanclub. Sie hat sich das Motto »De profundis ad astra« (»Aus der Tiefe zu den Sternen«) gegeben und das auf ihrem 1940 eingeführten Wappen durch ein Mikroskop und ein Raumschiff symbolisiert. Ob der erste Teil des Mottos einen Bezug zu Psalm 130 aus der Bibel hat, der in seiner lateinischen Fassung aus dem 4. Jahrhundert mit »De profundis clamavi ad te Domine« beginnt, erscheint naheliegend, ist aber nicht zu klären. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eher, dass Forrest J. Ackerman (1916-2008), seinerzeit die treibende Kraft in der Los Angeles Science Fantasy Society, ein Freund Walter Ernstings und frühes Mitglied des SFCD war.

  • Die Urfassung dieses Beitrags erschien ursprünglich in »Paradise 110«, dem Fanzine des Terranischen Clubs Eden (TCE).

Zwei Bücher mit Langzeitwirkung

Als Jugendlicher habe ich »Atom« von Karl Aloys Schenzinter und »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann gelesen. Sie haben mich fasziniert.

»Atom« von Karl Aloys Schenzinter und »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann haben mich stark beeinflusst.

Beim Umräumen sind mir zwei Bücher aus dem Nachlass meines Vaters in die Hände gefallen, die mich vielleicht mehr beeinflusst haben als alle anderen. Genauer gesagt: Bei diesen beiden Büchern bin ich mir dieser Wirkung schon damals bewusst gewesen, und ich kann immer noch die Faszination spüren, die von ihnen ausging, obwohl es inzwischen mehr als 50 Jahre her ist.

Es handelt sich um den Wissenschaftsroman »Atom« von Karl Aloys Schenzinger und das Jugendbuch »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann, beides Lizenzausgaben für den Bertelsmann-Lesering, einer 1950 gegründeten Buchgemeinschaft, der mein Vater angehörte und die ihn regelmäßig mit Büchern versorgte. Die gesamte bescheidene Bibliothek meiner Eltern bestand aus diesen Büchern. Ich erinnere mich an Werke wie »Wendekreis des Krebses« von Henry Miller, »Die Nackten und die Toten« von Norman Mailer, »Suzie Wong« von Richard Mason, »Es muss nicht immer Kaviar sein« von Johannes Mario Simmel oder »Der Mann im Salz« von Ludwig Ganghofer.

Der Schenzinger im Bücherschrank meiner Eltern war eine Ausgabe von 1955. Das Original war 1951 im Wilhelm Andermann Verlag in München erschienen. Der Ein-Wort-Titel hat irgendwann eine unheimliche Faszination auf mich ausgeübt; ich musste es einfach lesen (und durfte es auch, im Unterschied zum »Wendekreis«, der mich aber gar nicht so besonders interessiert hat). Damals war ich zehn, elf Jahre alt.

Das »Löwentor« war ein Geschenk für meinen jüngeren Bruder. Das Buch war 1966 im Bertelsmann-Jugendverlag erschienen und noch im selben Jahr im Lesering verfügbar. Ein Jahr später wurde es sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

»Labyrinth und Löwentor« handelt von zwei bedeutenden archäologischen Ausgrabungen Ende des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird von Arthur Evans, der auf Kreta den Palast von Knossos ausgegraben hat, und Troja-Entdecker Heinrich Schliemann und dessen Ausgrabung in Mykene in Griechenland. Dieses Buch hat mir die Welt der Archäologie und fremder Kulturen eröffnet, die mich so fasziniert hat, dass ich nach dem Abitur kurz davor stand, Archäologie zu studieren.

»Atom« stillte meinen Hunger nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis. In dem Wissenschaftsroman geht es zunächst um den griechischen Naturphilosophen Demokrit von Abdera. Er lebte im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert und hat das Konzept des Atoms erfunden, das kleinste, nicht mehr teilbare Ding, aus dem alles besteht. Im zweiten Teil wird erzählt, wie das Geheimnis der Radioaktivität entschlüsselt und die Atomkraft entdeckt wurde. In lebendig geschilderten Abschnitten tauchen alle Pioniere der Atomphysik auf, angefangen bei Marie Curie über Ernest Rutherford und Nils Bohr bis zu Enrico Fermi. Seitdem liebe ich diese Art von Büchern, weil man als Leser mitgenommen wird in die Gedankenwelt der Protagonisten und deren Lebensumstände kennen lernt. Dass vieles von dem, was in dem Buch geschildert wird, so nicht passiert war (der Autor war schließlich nicht dabei, als Marie Curie in ihrer Pariser Waschküche Riesenmengen von Pechblende verarbeitete), hat mich damals nicht gestört.

Karriere in der Nazi-Zeit

Unbekannt war mir bis jetzt, dass sowohl Schenzinger (1886-1962) als auch Baumann (1914-1988) schon während der Nazizeit erfolgreiche Autoren waren. In den 1960er Jahren wäre es selbst für einem Erwachsenen nicht ohne Weiteres möglich gewesen, das herauszufinden. Heute gibt es das Internet.

Schenzinger verfasste 1932 das wohl bekannteste Jugendbuch dieser Zeit, »Der Hitlerjunge Quex«, im Auftrag von Baldur von Schirach, dem Reichsjugendführer der NSDAP. Es erschien vorab im Nazi-Kampfblatt »Völkischer Beobachter« und wurde sogar verfilmt. Schenzingers Bestseller »Anilin« (1937) und »Metall« (1939) feierten das deutsche Ingenieurswesen.

Baumann war, im Unterschied zu Schenzinger, ab 1933 Mitglied der NSDAP und Funktionär der Reichsjugendführung. Er schrieb und komponierte Lieder für die Hitler-Jugend und den Bund Deutscher Mädel. Berühmt-berüchtigt ist sein Lied »Es zittern die morschen Knochen« mit dem Zeilen »und heute gehört uns Deutschland/Und morgen die ganze Welt«, wobei es aber angeblich in der Ursprungsfassung von 1932 »und heute hört uns Deutschland« heißt. Seit 1993 ist es als Nazi-Propaganda verboten.

Ihre Nazi-Vergangenheit hat weder Schenzinger noch Baumann in der BRD-Nachkriegszeit geschadet. Sie galten als unbedeutende Mitläufer. Ihre Bücher erzielten hohe Auflagen. In der DDR waren ihre Werke verboten. Bei den Recherchen zu Baumann bin ich aber auf eine sehr späte Auswirkung seiner einschlägigen Vergangenheit gestoßen. Ein harmloses Frühlingslied von ihm, das in einem Grundschullesebuch in Brandenburg abgedruckt ist, hat dort im vergangenen Jahr zu Elternprotesten geführt.


Ein paar Links zum Weiterlesen (alle abgerufen am 25.5.2020):

Jörg Weigand: Nazilyrik, Kriegsverherrlichung und Jugendbuch. Porträt des Schriftstellers Hans Baumann (JMS Jugend Medien Schutz-Report)
Heidi Treder: Schenzinger, Karl Aloys (Datenbank Schrift und Bild 1900-1960)
Ulf Grieger: Bildungsministerium Brandenburg streicht Text von Nazi-Dichter Hans Baumann aus Lehrplan (Märkische Online-Zeitung)

Am Tag, als die Mauer fiel

Vor 30 Jahren schrieb ein Zettel Geschichte. Dabei war nicht alles so, wie es scheint.

Scan10015
Der Titel eines Doors-Stückes als Aufforderung an der Berliner Mauer – irgendwann Ende der 1970er Jahre aufgenommen.

Die Frage ist heute (9. November 2019, am 30. Jahrestag) unvermeidlich:

Wo warst du, als die Mauer fiel?

Ich war zu Hause vor dem Fernseher, wie seit Wochen an den Abenden vorher. Denn es war eine spannende Zeit, die alle in Atem hielt.

Wir wohnten in einem alten Haus in Leer zur Miete und hatten zwei kleine Kinder; der Kleine war gerade ein halbes Jahr alt. Wir hatten die Ereignisse in den DDR aufmerksam verfolgt wie wohl jeder andere halbwegs politisch interessierte Mensch in jenen Tagen.

Wie dieser Abend genau gelaufen ist, weiß ich nicht mehr. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Ich habe damals wie heute als Lokalredakteur bei der Ostfriesen-Zeitung gearbeitet. Meinem Artikelarchiv entnehme ich, dass ich mir abends einen Vortrag von Dr. Rolf Bärenfänger über die Ausgrabung des ehemaligen Prämonstratenserklosters Barthe im Heseler Wald angehört habe. Ich werde also die Tagesschau im Ersten und das Heute-Journal im Zweiten an diesem Abend verpasst haben, in denen unter anderem über die Pressekonferenz mit Günter Schabowski und dem ominösen Zettel mit den Regelungen über die Reisefreiheit berichtet wurde.

Robin Lautenbach und der Trenchcoat

Bis zu den Tagesthemen war ich aber wieder zu Hause, denn ich erinnere mich gut an ARD-Reporter Robin Lautenbach, der einsam und allein an einem Grenzübergang stand und auf ausreisende DDR-Bürger wartete, die nicht kamen, während woanders schon die Massen strömten. Ich habe mich daran immer mit einer gewissen Schadenfreude erinnert, weil Fernsehfritzen unter Kollegen für ihre wichtigtuerische Art berüchtigt sind. Da freut es einen halt, wenn denen mal gezeigt wird, dass die Welt sich nicht um sie dreht.

Soweit meine Erinnerung. Bekanntlich trügt die, und so ist es auch in diesem Fall, wie ich anhand einer Internetrecherche feststellte. Die Details in meinem Gedächtnis stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. Robin Lautenbach stand im Trenchcoat vor meinem geistigen Auge, aber tatsächlich trug er einen dunkelblauen Blouson oder Mantel und einen weinroten Pulli, wie dieses Youtube-Video beweist (ab 2:12 min). Außerdem wartete er nicht irgendwo in der Pampa, sondern am Grenzübergang Invalidenstraße und am Brandenburger Tor in Berlin. Möglicherweise gehört der Trenchcoat zu einem anderen Reporter in einem anderen Beitrag Tage später über die Vorkommnisse an der innerdeutschen Grenze. Von Massenandrang konnte zunächst auch keine Rede sein – weder an der Invalidenstraße noch anderswo. Das kam erst später.

Eine Fiktion wird Wirklichkeit

Was mir bisher nicht so bewusst war, ist der Umstand, dass der Mauerfall in der Nacht zum 10. November 1989 »eine von den Medien verbreitete Fiktion« war, die die Massen mobilisierte und dadurch zur Realität wurde, wie es in einem Bericht des Tagesspiegels vom 8. November 2011 heißt. Erst die verkürzende und unzutreffende Berichterstattung in den westdeutschen Medien – Presseagenturen, Hörfunk und Fernsehen – über die Schabowski-Bekanntmachung, die zuvor live im Fernsehen der DDR übertragen worden war, und die hineininterpretierte sofortige Maueröffnung setzten im Laufe des späten Abends – nach den Tagesthemen – die Ostberliner in Bewegung.

Es war zwar in dem Beschluss, den Schabowski verlesen hatte, von Reisefreiheit die Rede. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Grenze einfach aufgemacht werden sollte. Tatsächlich hätten die Leute, die nach West-Berlin oder in die BRD wollten, ein Visum gebraucht (was genau Schabowski dort verkündete, weiß das Bundesarchiv). Aber die Erwartungen waren so hoch, dass die Macht des Faktischen siegte. Noch in der selben Nacht fingen die Leute an, die Mauer zu demolieren. Der Mauerspecht war geboren.

Jetzt kommen sie nach Ostfriesland

Die Maueröffnung war natürlich auch in den Tagen danach das Thema Nummer 1. Ich habe in der darauffolgenden Woche für die OZ einen Bericht darüber geschrieben, wie Kommunen im Landkreis Leer die Auszahlung des Begrüßungsgeldes regeln wollten. Ältere werden sich erinnern, dass jedem DDR-Bürger bei einem Besuch in der Bundesrepublik ein Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark zustand (während wir Westdeutschen umgekehrt in der DDR für jeden Tag dort 25 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 gegen harte D-Mark eintauschen mussten).

Scan10015

Man rechnete für das zweite Wochenende nach dem Mauerfall (18. und 19. November) mit einem wahren Ansturm aus dem Osten. Postämter, Sparkassen, Banken und Rathäuser hatten extra am Sonnabend und Sonntag geöffnet, um das Begrüßungsgeld auszahlen zu können. In Ostfriesland sah man der Angelegenheit ganz entspannt entgegen. Niemand rechnete damit, dass Trabis gleich geschwaderweise dort einfallen würden. Wie es tatsächlich gewesen ist, weiß ich nicht. Das müsste man in der Ausgabe vom 20. November 1989 nachlesen. Ich hatte offenbar keinen Dienst an jenem Wochenende, sonst hätte ich darüber bestimmt etwas in meinem Unterlagen.

Jahrelang hatte ich auch ein Foto von einem der ersten Trabis, der in Leer gesichtet wurde, und das deshalb in der Ostfriesen-Zeitung abgedruckt wurde, im Schreibtisch, kann es aber nicht mehr finden. Womöglich ist es bei einem meiner Umzüge von einem Büro ins andere abhanden gekommen.

Im Handgalopp zum Kantersieg

Wer herausfinden will, was ein 6:0 im Fußball mit Pferden zu tun hat, muss sich mit mittelalterlicher Literatur beschäftigen

Bild von skeeze auf Pixabay

Was hat das 6:0 der englischen Fußballnationalmannschaft am 14. Oktober gegen Bulgarien mit Pferden und einem mittelalterlichen Versen zu tun? Die Antwort zeigt wieder einmal, wie wandlungsfähig Sprache ist. In den letzten Tagen habe ich im Sportteil meiner Lokalzeitung, bei der ich arbeite, gleich mehrfach den Ausdruck »Kantersieg« gelesen. Was ist eigentlich ein Kantersieg, habe ich mich gefragt – und weil ich Urlaub habe und keinen Kollegen aus der Sportredaktion fragen konnte, habe ich im Internet recherchiert.

Ein Kantersieg ist, vor allem bei Ballspielarten, die Bezeichnung für einen ungewöhnlich hohen und leicht herausgespielten Sieg. Auf einen 6:0-Auswärtssieg in der Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft trifft diese Bezeichnung zweifellos zu. Abgeleitet ist der Kantersieg vom englischen Verb to canter, das im übertragenen Sinne »mühelos siegen« bedeutet, aber eigentlich aus dem Pferdesport kommt, also gar nichts mit Fußball zu tun hat und im Grunde auch nichts mit siegen. Es bedeutet nämlich nur »leicht galoppieren«, das dazu gehörende Substantiv wird als »Handgalopp« übersetzt. In diesem Sinn wird »Kanter« immer noch im Reitsport für eine Gangart verwendet.

Es gibt zwar einige ähnlich geschriebene Wörter im Englischen – cant kann Heuchelei, aber auch Schräge bedeuten –, aber damit hat der Kantersieg nichts zu tun. Vielmehr kommt jetzt der im 14. Jahrhundert in London wirkende Schriftsteller Geoffrey Chaucer ins Spiel. Er gilt als Begründer der modernen englischen Literatur und ist bekannt für die »Canterbury Tales«, einer Reihe von Erzählungen in Vers- und Prosaform. Darin geht es um eine Gruppe von Pilgern, die das Grab des Heiligen Thomas Becket in der südostenglischen Bischofsstadt besuchen wollen. Diese Pilger machen die Reise von London nach Canterbury nicht zu Fuß, sondern gemächlich zu Pferd, weshalb diese Form des Reitens als »Canterbury gallop« bezeichnet wurde, was später zu canter verkürzt wurde.

Ein Kantersieg für Helmut Kohl und die CDU

Den ältesten Nachweis für die Verwendung von »Kantersieg«, den ich gefunden habe, stammt aus dem Jahr 1921 aus der »Zeitschrift für Gestütkunde«. Dort ist von einem »Kantersieg im Fels-Rennen« die Rede. Das Wochenmagazin »Der Spiegel« schrieb im November 1970 im Zusammenhang mit der Kommunalwahl in Rheinland-Pfalz über »Kantersiege seiner Partei [der CDU Helmut Kohls, der dort damals Ministerpräsident war] im Raum Koblenz-Trier«. Auf frühere Verwendungen weist summarisch die DWDS-Wortverlaufskurve hin, die die erste Nennung für 1947 registriert. Im aggregierten Referenz- und Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache ist aber erst für 1985 ein »Kantersieg« im Fußball vermerkt – der sich auf das 6:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Malta bezieht (dabei hatte die BRD Malta schon 1974 mit 8:0 geschlagen). Seit etwa Anfang der 1990er Jahre ist eine steigende Verwendung festzustellen, der wohl fast ausschließlich auf Sportberichterstattung zurückzuführen ist. Der Spitzenwert wird für das Jahr 2014 verzeichnet, als Deutschland bei der Fußball-WM in Brasilien den Gastgeber im Halbfinale mit 7:1 besiegte.

Im Englischen wird ein Kantersieg übrigens als »blowout« bezeichnet.