En Mann, de sik Klumbumbus nennt

Die nicht ganz wahre Geschichte der »Entdeckung von Amerika« durch Christoph Kolumbus – up Platt

Der Name des vermeintlichen Amerika-Entdeckers Kolumbus wird im Plattdeutschen als »Klumbumbus« verballhornt. Das geht vermutlich auf ein »Vertellsel« aus dem 19. Jahrhunderts zurück. Vertellsel sind kurze humoristische, manchmal auch satirische Geschichten, ein Genre, das bis heute im niederdeutschen Sprachraum gepflegt wird und leider wegen seiner zahlreichen anspruchslosen Beispiele dazu beigetragen hat, dass Plattdeutsch als Sprache oft nicht ernst genommen wird.

Die Verballhornung war mir lange bekannt; in meinem Archiv stieß ich kürzlich zufällig auf den vergesenen Scan eines Ausschnitts aus einer nordwestdeutschen Zeitung, die »anläßlich des 400. Jahrestags der Entdeckung Amerikas« einen kurzen Text veröffentlichte, der so beginnt: »Et wär ens en Minske, de kunn de Eier stahn laten, de het Klumbumbus.« Leider war die Quelle nicht angegeben, das Jahr 1892 kann aber als gesichert angenommen werden.

Eine Internetrecherche ergab eine ganze Reihe von Treffern sowohl des Vertellsel als auch von »Klumbumbus« allein. Der älteste Treffern war aus dem Jahr 1885: eine illustrierte Fassung unter dem Titel »Die Entdeckung von Amerika« aus dem Lahrer Hinkenden Boten, einem Volkskalender aus Lahr in Südbaden, wie es sie in vielen Regionen gibt oder gab. Ein Verfasser ist nicht genannt. Die Illustrationen sind von Carl Gehrts (1853-1898), einem bedeutenden Maler und Illustrator seiner Zeit.

Et wör ens en Minske; de kunn de Eier staun laten, de het Klumbumbus. To den säd de Künnig von Spanien: »Klumbumbus, kannst du nich Amerika entdecken? Hier hest du ein Schep, sett di dal un föhr hen.«
»Jau«, säd Klumbumbus, »dat kümmp mi got to passe.« Nu gung et los. Na dree Dage kem di Stüermann von et Schep to Klumbumbus und säd: »Klumbumbus, ick seh noch keen Land.«
»Dat Ei steit auk noch nich«, säd Klumbumbus, »kik man von Frischen to.«
Na vertein Tage kem he weder: »Klumbumbus, ick seh noch keen Land.«
»Da Ei steit auk noch nich, kik forts wier to.«
So gung et noch ein Stückener tein Mol. Met ens kem de Stüermann: »Klumbumbus, Klumbumbus, ick seh Land!«
»Heww ick dat nicht immer seggt«, säd Klumbumbus, »et Ei steit auk.«
Un se föhrden ant Land, do wören luter swarte Minsken. »Gun Dag auk«, säd Klumbumbus, »is dat hier Amerika?«
»Jau«, sädden de Swattten.
»Sünd ji denn Negers?«
»Jau, dat sünd wi! Denn büst du wohl Klumbumbus?«
»Stimmt«, säd Klumbumbus.
»Dunnerslag, … denn helpt dat nich, denn sünd wie entdeckt!

Dieser Text ist möglicherweise das Original; zumindest wird der Hinkende Bote in einigen späteren Veröffentlichungen als Quelle genannt. Die Texte weichen zum Teil vom Original ab; eventuell wurden sie an die in der Region üblichen Schreibung der plattdeutschen Sprache angepasst. Es gibt auch einen hochdeutschen Text. Er erschien 1893 als »humoristischer Schulaufsatz« in Raphael. Illustrierte Zeitschrift für die reifere Jugend und das Volk. Die jüngste mir bekannte, leicht erweiterte Version ist aus dem Jahr 1970 und wurde in dem in Schwerin veröffentlichten Buch »Dat plattdütsche Lachen«, herausgegeben von Hans Balzer, abgedruckt.

Erstaunlich ist, dass der plattdeutsche Text in Süddeutschland, im alemannischen Sprachraum, veröffentlicht wurde, wo das Plattdeutsche fremd war. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Veröffentlichung nicht exklusiv war und der unbekannte Verfasser sein Vertellsel an viele einschlägige Publikationen verschickt hat. Ob es an anderer Stelle, unabhängig vom Hinkenden Boten, veröffentlicht wurde, lässt sich wahrscheinlich nur mit einer aufwendigen Archivrecherche klären.

Der Text nimmt die »Entdeckung«, wie sich das für ein Vertellsel gehört, ordentlich auf die Schippe. Merkwürdig ist, dass die Einwohner Amerikas »Swatte« (auf die zweite Nennung des sogenannten N-Worts verzichte ich) genannt werden, wo sie doch im 19. Jahrhundert üblicherweise als »Rothäute« bekannt waren und überhaupt keine Verwechslungsgefahr mit Afrikaner bestand. Ohne in den Text zu viel hineinzuinterpretieren, fällt auf, dass die Ureinwohner dem »Entdecker« mit fast stoischer Gelassenheit begegnen und sie nicht herablassend als »Wilde« gezeichnet werden.

»Klumbumbus« taucht noch an einigen anderen Stellen auf, ohne dass herauszufinden war, was es damit auf sich hat. Im Deutschen Kriegskalender für das Jahr 1917 wurde laut Inhaltsverzeichnis ein Beitrag »Klumbumbus II. Klönsnack von Gerd Sasse« abgedruckt. Im Reichssender Leipzig lief laut Programmvorschau der Sächsischen Volkszeitung vom Vortag am Freitag, 11. Februar, um 15.20 Uhr eine Sendung mit dem Titel »Kapitän Klumbumbus und die Seeschlange«.

Dass die Verballhornung noch bis in die Gegenwart produktiv ist, zeigt Rolf Ahlers, Betreiber des privaten Internetportals Ostfalenpost, eine Seite für das Plattdeutsch (Ostfälisch), das rund um Braunschweig gesprochen wird. Er hat das Kinderlied »Ein Mann, der sich Kolumbus nannt« in »En Mann, de sik Klumbumbus nennt« umgedichtet. Der Verfasser des hochdeutschen Originals ist nicht bekannt. Veröffentlicht wurde es erstmals 1936 in Der Pott. Ein unverschämtes Liederbuch voll Stumpfsinn, Rührseligkeit, Ausgelassenheit und Spott für geborene Kindsköpfe und solche, die es mit der Zeit geworden sind. Gesungen wird das Lied auf die Melodie von »Ich bin der Doktor Eisenbart«, einen um 1800 komponierten Schmähgesang auf den Arzt Johann Andreas Eisenbarth (1663-1727).

  • Dieser Beitrag wurde am 534. Jahrestag der »Entdeckung von Amerika« durch Christoph Kolumbus veröffentlicht.

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Eine Landschaft mit drei Sonnen

Der Expressionist Josef Scharl malte 1925 ein Bild, das eine Science-Fiction-Szene auf einem Exoplaneten darstellen könnte

»Landschaft mit drei Sonnen« ist dieses Bild betitelt, das der Münchner Josef Scharl 1925 malte. Ein besseres, urheberrechtlich geschützes Bild gibt es hier.

Wenn ich unterwegs bin, halte ich stets die Augen offen nach Science-Fiction-Motiven an Orten, an denen man nicht unbedingt damit rechnet. Sie finden sich an den ungewöhnlichsten Stellen, in der Werbung, als Graffiti, auf Produkten, in Museen. Meistens registriere ich sie nur, manchmal erscheinen sie mir so ungewöhnlich, dass sie mich zu Recherchen anregen.

Vor einiger Zeit war ich in Bremen in einer Ausstellung, in der mir das Gemälde »Landschaft mit drei Sonnen« von Josef Scharl wegen seiner kräftigen Farben gleich ins Auge sprang. Eine Landschaft mit drei Sonnen – das sieht nach Science-Fiction aus! Die Landschaft selbst ist nicht ungewöhnlich. Man sieht Hügel in verschiedenen dunklen Braun- und Grüntönen mit ein wenig Rot. Am Himmel darüber stehen die drei im Titel genannten Sonnen: zwei rote und eine gelbe! Sie scheinen der dunklen Landschaft allerdings nicht viel Licht zu spenden.

Josef Scharl wurde 1896 in München geboren. Er gilt als bedeutender Maler und Grafiker des deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Sein Werk zeichnet sich durch kräftige Farben und eine motivische Vielfalt aus, die sozialkritische Themen, Landschaftsmalerei, Stillleben und Porträts umfasst. Seine Bilder galten bei den Nazis als »entartete Kunst«. 1938 emigrierte er in die USA. Scharl starb 1954 in New York. Er war übrigens seit Ende der 1920er Jahren mit Albert Einstein bekannt. Später, im amerikanischen Exil, wurde daraus eine Freundschaft, und Scharl hat den Physiker mehrmals porträtiert.

Einflussreicher Roman als Anregung?

Das Bild mit den drei Sonnen hat Josef Scharl im Jahr 1925 gemalt. Das war vier Jahre, bevor der Begriff »science fiction« von Hugo Gernsback geprägt wurde. Selbstverständlich gab es auch vorher phantastische Geschichten, und es ist möglich, dass Scharl damit in Berührung kam. In der in seiner Heimatstadt erscheinenden Münchner Illustrierten Presse wurde 1925 in Fortsetzung der einflussreiche Roman »Der Schuß ins All« von Otto Willi Gail veröffentlicht. Darin und in anderer zeitgenössischer SF konnte der Maler zwar kaum die Vorlage, aber vielleicht die Anregung für eine solche Konstellation gefunden haben. Bis Ende der 1920er Jahr war die SF nicht über das Sonnensystem hinausgekommen. »The Skylark of Space« von E. E. Smith gilt als erster Roman, der interstellare Reisen thematisierte. Er wurde 1928 in Gernsbacks Magazin Amazing Stories in Fortsetzungen veröffentlicht (so wie auch die Übersetzung von Gails Roman in einem Gernsback-Magazin, der Science Wonder Quarterly, erschien). Bei Smith ist der erdähnliche Planet Osnome einer der Schauplätze. Osmone kreist, wie lange Zeit noch alle SF-Exoplaneten, um eine einzelne Sonne.

Nun, Scharl könnte von den zahlreichen astronomischen Entdeckungen seiner Zeit inspiriert worden sein. Doppelstern-Systeme waren in der Astronomie schon ein alter Hut, aber als erstes möglicherweise gravitativ gebundenes Dreifach-System wurde 1915 Alpha Centauri, bestehend aus dem Doppelsternsystem Alpha Centauri A und B sowie Proxima Centauri, erkannt. Dieses Sternensystem wurde erst 1935 in Murray Leinsters Story »Proxima Centauri«, in den Astounding Stories, angeflogen. Allerdings ist der Abstand von Proxima Centauri, dem sonnennächsten Stern, zu Alpha Centauri mit 0,2 Lichtjahren so groß, dass man ihn von dort aus nur als einen unscheinbaren, lichtschwachen Stern von vielen sehen würde. Ein Anblick wie auf Scharls Bild würde sich auf keinem Exoplaneten im Centauri-System bieten.

Unter dem Einfluss von Vincent van Gogh

Kunsthistoriker sind sich darin einig, dass Scharl wie viele seiner expressionistischen Künstlerkollegen jener Zeit stark von Vincent van Gogh beeinflusst wurde. Dessen Werk erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine erste große Phase der Rezeption. Der 1890 unter nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben gekommene niederländische Künstler wurde als »Vater der Moderne« gefeiert. Bilder von ihm waren in zahlreichen Galerien und Museen zu sehen.

Vincent van Gogh war einer der ersten Maler, die die Sonne zu einem zentralen Element ihrer Bilder machten. Die »Weiden bei Sonnenuntergang« entstanden 1888.

Was die deutschen Expressionisten an van Gogh besonders faszinierte, waren dessen Bilder, in denen die Sonne als lodernder gelber Ball am Himmel steht, wie »Weiden bei Sonnenuntergang«, »Sämann bei untergehender Sonne« oder »Weizenfeld hinter dem Hospital Saint-Paul« von 1888 bzw. 1889. Das Licht der Sonne war zuvor auf Gemälden meist nur indirekt wiedergegeben worden. Van Gogh hingegen rückte die Sonne als ein lebensspendendes und hoffnungsvolles Symbol ins Zentrum seiner Kompositionen. Allerdings sahen die deutschen Expressionisten – den Zeitumständen geschuldet – die »Sonnenmalerei« eher als ein apokalyptisches Zeichen. Beispiele sind neben Scharls Bild der »Sonnenaufgang« von Otto Dix (1913), »Flußlandschaft mit Schiffen und roter Sonne« von Walter Ophey (1913/14) oder Max Pechsteins »Aufgehende Sonne« von 1933. In diesen Kontext passt auch Scharls düsteres, schon sehr abstraktes Bild »Brennende Sterne« von 1933, das man als politischen Kommentar auffassen könnte. Das Sonnenthema ließ Scharl nicht los: Er malte 1944 ein Bild mit dem Titel »Sonnenaufgang« und 1951 die »Untergehende Sonne«.

Mit Science-Fiction und selbst mit Astronomie hat das Bild mit den drei Sonnen, das heute der Kunsthalle Emden gehört und dort leider ein Schattendasein im Magazin fristet, also nichts zu tun? Lassen wir uns doch die Illusion, denn Scharl hat sich nie zur Bedeutung seiner Bilder geäußert, er war im Gegenteil der Meinung, sie sprächen für sich. 1947 schrieb er an einen Kunsthändler: »Die guten Bildwerke sind klar und eindeutig und brauchen keine Erklärungen, sie verlangen aber ein Bekenntnis.« Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Kunstexperten sich irren.

Dieser Text erschien zuerst im Mai 2025 in der Ausgabe 289 der Andromeda Nachrichten, dem Mitgliedermagazin des Deutschen Science-Fiction-Clubs.

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