Kluge Dialoge, glaubwürdige Figuren

Lothar Englert: Die holländische Brille. Leda-Verlag Leer 2012. 288 S. 9,90 Euro. ISBN 9783939689515

Ich war skeptisch und habe deshalb auch lange gezögert, dieses Buch zu lesen: einen Roman über eine historische Figur und einen besonders wichtigen Zeitabschnitt in der Geschichte Ostfrieslands. Fast alle historischen Romane, die ich gelesen habe, haben mich, gelinde gesagt, enttäuscht. Aber weil ich mich seit langem immer wieder einmal mit David Fabricius beschäftigt habe, kam ich an dieser Lektüre nicht vorbei. Und sie hat sich gelohnt.

»Die holländische Brille« von Lothar Englert aus Aurich ist ein historischer Roman, der in chronologisch fortlaufenden Episoden das Leben des Kirchenmannes und Gelehrten David Fabricius (1564-1617) nacherzählt. Der in Esens geborene Theologe lebte als Wissenschaftler in einer Zeit des Übergangs. Er selbst ist der letzte Gelehrte, der eine wichtige astronomische Entdeckung mit bloßem Auge gemacht hat: 1596 wies er nach, dass ein Stern im Sternbild Walfisch (Omikron Ceti) seine Helligkeit periodisch änderte. Er nannte ihn res mira, wundersame Sache, und wurde damit Namensgeber für eine ganze Klasse veränderlicher Sterne. Zusammen mit seinem Sohn Johannes, der die »holländische Brille« – das Fernrohr –, aus den Niederlanden mitgebracht hatte, entdeckte er zeitgleich mit Galileo Galilei und Thomas Harriot bei der Beobachtung von Sonnenflecken, dass die Sonne sich dreht und keineswegs der perfekte Körper war, für die ihn die Kirche hielt. Diese Entdeckungen haben David Fabricius einen festen und herausragenden Platz in der Wissenschaftsgeschichte verschafft.

In seine Lebenszeit fällt auch ein wichtiges Kapitel der ostfriesischen Geschichte: die Auseinandersetzung des ostfriesischen Grafenhauses mit den Ständen und der Stadt Emden, die Einmischung der Niederlande in die inneren Angelegenheiten Ostfrieslands, und der Kirchenstreit zwischen den in Emden dominierenden Calvinisten und den Lutheranern, zu denen Fabricius gehörte. Fabricius war nicht nur Pastor in Resterhafe und Osteel, sondern auch Hofprediger am Hof des Grafen Enno III.

Auf den Punkt gebracht

Lothar Englert gelingt es, diese verschiedenen Aspekte auf nur rund 260 Seiten auf den Punkt zu bringen, indem er sich an den wichtigen historischen Ereignissen orientiert und nur aus der Perspektive Fabricius’ erzählt. Ganz Zeitabschnitte zu überspringen oder nur kurz in der Rückschau zu erwähnen erweist sich dabei als gute Entscheidung, denn sonst hätte Englert noch mehr fiktive Elemente einbauen müssen, als der Roman ohnehin schon enthält. Historische und fiktive Elemente sind dabei sehr gekonnt miteinander verwoben.

Englerts Sprache ist dicht, die Dialoge sind klug, die Szenerie ist lebendig. Dahinter steckt erkennbar viel Recherche. Die Figuren sind sehr glaubwürdig ausgearbeitet. Das gilt nicht nur für die historischen Persönlichkeiten wie Fabricius, Graf Enno III., den Astronomen Tycho Brahe oder Menso Alting, den Kopf der Emder Calvinisten, sondern auch für die fiktiven Figuren, die dem Roman Halt geben, allen voran der gräfliche Rat Hans von Münch.

Auf dem Friedhof bei der Kirche in Osteel wurde David und Johannes Fabricius 1895 ein Denkmal gesetzt. Es zeigt Urania, die Muse der Astornomie.

Gestört hat mich allerdings der Prolog: Dadurch erfährt der Leser, dem die Lebensgeschichte des Fabricius’ nicht bekannt ist, schon auf der ersten Seite, welches Schicksal den Protagonisten ereilt: Fabricius wurde 1617 in Osteel von dem Bauern Frerik Hoyer umgebracht. Da weiß man auf Seite 215, wenn Hoyer seinen ersten Auftritt im Roman hat und gleich mit Fabricius aneinandergerät: Aha, da kommt der Mörder!


Kuriosität am Rande: Mir war das Buch ins Wasser gefallen, als ich knapp die Hälfte gelesen hatte. Das Lesen war anschließend wegen der aufgequollenen Seiten nicht ganz einfach. Für meine Bibliothek habe ich mir ein frisches Exemplar besorgt.


 

Die Novemberrevolution in Leer

Vor 100 Jahren ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Als das Volk nach vier Jahren erschöpft war und die Soldaten zu Hunderttausenden verreckt waren, brach das deutsche Kaiserreich zusammen und eine neue Epoche beganng. Überall in Deutschland übernahmen Arbeiter- und Soldatenräte für kurze Zeit die Kontrolle und versuchten, Chaos zu verhindern. Auch in der ostfriesischen Kleinstadt Leer. Davon handelt mein historisches Sachbuch »Die Novemberrevolution. Leer unter dem Arbeiter- und Soldatenrat«.
Aus Anlass des Jubiläums gibt es eine zweite, durchgesehene Ausgabe. Die Änderungen gegenüber der Ausgabe von 2007 sind marginal.

Zum Inhalt:

In der ostfriesischen Kleinstadt Leer hat sich, wie in vielen anderen Städten Deutschlands, am 9. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Unter der Führung des Tischlergesellen und Gewerkschafters Conrad Bruns bestimmte er bis März 1919 die Geschicke in der Stadt. Arbeiter, in der Leer stationierte Soldaten und Teile des Bürgertums versuchten in Zusammenarbeit mit dem städtischen Magistrat als Revolutionäre wider Willen, in der Stadt „Ruhe und Ordnung“ aufrechtzuerhalten, nachdem der Krieg verloren gegangen und die Monarchie zusammengebrochen war.

Gleich zu Beginn seines Buches räume ich mit einem weit verbreiteten Irrtum auf. Nicht aus Wilhelmshaven, wo die Meuterei der dort stationierten Marineeinheiten den Sturz des Regimes ausgelöst hatte, kam die „deutsche Revolution“ nach Leer. Es war der Emder Arbeiter- und Soldatenrat, der bei den ostfriesischen Nachbarn Geburtshilfe leistete und selbst wiederum von den Umstürzlern im Marinestützpunkt Kiel beeinflusst war.

Vier Monate dauerte die Herrschaft des Arbeiter- und Soldatenrates. In dieser Zeit wurden auch in Leer die Grundlagen für die Demokratisierung der Gesellschaft gelegt. Ausführlich gehe ich unter anderem auf die Parteienbildung nach dem Krieg sowie die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung ein und lege dabei alle Wahlergebnisse für die Stadt und die übrigen Gemeinden des damaligen Kreises Leer vor.

Das Buch ist bei Books on Demand im Selbstverlag erschienen. Es kann direkt dort, über den örtlichen oder den Online-Buchhandel  (zum Beispiel bei der Autorenwelt) bestellt werden.

Norbert Fiks
Die Novemberrevolution.
Taschenbuch, 132 Seiten
8,95 Euro
ISBN-10: 3837001237
ISBN-13: 978-3837001235
Gibt es bald auch als E-Book zum Preis von 5,99 EUR.

Der Blumenladen ist weg

Der Blumenladen am Leeraner Bahnhof stand jahrelang leer. Jetzt ist er nur noch Erinnerung.

Nur noch Erinnerung: So lange ich in Leer wohne, kam ich auf dem Weg zum Bahnhof an dem kleinen Blumenladen mit der charakteristischen, um die Ecke gehenden Leuchtschrift »Meukow-Blumen« vorbei.  Vor einiger Zeit wurde er abgerissen.

Der Blumenladen ist schon vor dreieinhalb Jahren ein paar Dutzend Meter weiter an einen neuen Standort am Bahnübergang Bremer Straße umgezogen. Seitdem stand das kleine Gebäude leer. Der Blumenladen wurde in den 1950 Jahren gebaut und blieb bis zuletzt äußerlich im Originalzustand mit den großen, leicht abgeschrägten Schaufenstern. Er war in gewisser Weise ein architektonisches Kleinod, aber kein Baudenkmal.

Das Gebäude gehörte der Deutschen Bahn. Jetzt will die Stadt Leer dort eine Fahrradstation bauen, die den bestehenden „historischen“ Fahrradständer – eine Zumutung für alle Radfahrer – ersetzen soll. Das Ganze geschieht im Zuge der Neugestaltung des Bahnhofs und seines Umfelds.

Das Denkmal – frisch getüncht im »Bankenviertel«

So sah der Denkmalplatz – mit Deutscher Bank (links) und Oldenburgischer Landesbank – im Januar 2018 aus.

Mitten auf dem Denkmalplatz in Leer/Ostfriesland steht, wie man sich bei dem Namen denken kann, ein Denkmal. Es wurde 1874 zur Erinnerung an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 aufgestellt. Vor Kurzem wurde es saniert und, schrieb dazu meine Kollegin von der Ostfriesen-Zeitung, »sieht aus wie neu«.

Ob es wirklich »wie neu« aussieht, lassen wir dahingestellt. Schließlich hat niemand 1874 ein Farbfoto machen können. Jetzt sieht es jedenfalls frisch getüncht und sauber aus, nicht mehr so grau und abgenutzt wie noch vor ein paar Wochen.

Seine ursprüngliche Bedeutung hat das Denkmal längst verloren. Niemand bleibt stehen und gedenkt der Toten von 1870/71 oder bejubelt gar den Sieg über die Franzosen. Das wäre ja auch noch schöner. Es ist nur noch Dekoration und trägt zum Charakter des Platzes, der Teil der Fußgängerzone ist, bei. Es sorgt dafür, dass der Platz nicht leer aussieht.

Ganz früher, als noch niemand an Fußgängerzonen dachte, war an der Stelle, wo das Denkmal steht, eine Straßengabelung. Dort traf der Vaderkeborg auf die Mühlenstraße. Der Denkmalplatz war nur ein Dreieck, das von den beiden Straßen gebildet wurde.

Der Findling, der auf dem Bild rechts neben dem Denkmal zu sehen ist, ist ein Gedenkstein für die Opfer des Faschismus und des Nationalsozialismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurde. Dass er so bescheiden ausfällt, liegt daran, dass damals das Geld für ein richtiges Denkmal fehlte. Findlinge, die als Gedenksteine für alles Mögliche dienen, finden sich überall in Ostfriesland.

Platz mit politischem Charakter

Der Platz selbst hat, so formulierte es einmal der Historiker Dr. Paul Weßels in einem Vortrag über das Denkmal, immer einen politischen Charakter gehabt. Anfangs wurde am Sedanstag (2. September), dem Nationalfeiertag des deutschen Kaiserreichs, ein Kranz niedergelegt. Heute stehen dort bei Wahlkämpfen die politischen Parteien mit ihren Infoständen, und wenn mal eine Kundgebung in Leer ist, wird sie auf dem Denkmalplatz abgehalten.

Ein Foto aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Hintergrund ist die Mühlenstraße zu sehen, im Vordergrund der Vaderkeborg. Beachtenswert ist die reich verzierte Straßenlaterne.

Man liegt aber dennoch nicht falsch, wenn man den Denkmalplatz in Leer als »Bankenviertel« bezeichnet. Auf dem Foto oben ist links die Deutsche Bank zu sehen, rechts die Oldenburgische Landesbank, und im Rücken des Fotografen steht die Sparkasse. Die hat erst vor einiger Zeit ihren Neubau in Betrieb genommen, und die OLB gegenüber wird es ihr in Kürze nachtun. Die OLB hat auch den Großteil der Restauierungskosten für das Denkmal bezahlt.

Die Leeraner »Amüsiermeile«

Der Denkmalplatz ist aber nicht nur »Bankenviertel«, sondern auch »Amüsiermeile«. Im Sparkassen-Gebäude ist ein Café-Restaurant untergebracht. Neben der Deutschen-Bank-Filiale steht das ebenfalls kürzlich renovierte und ausgebaut Kino, anschließend ein weiteres Café-Restaurant sowie ein Pub. Geht man zwischen OLB und Deutscher Bank hindurch, stößt man direkt am Hafen auf ein weiteres Café-Restaurant.

Das Denkmal ist übrigens kein Denkmal, jedenfalls nicht im Sinne des Denkmalschutzes. Weil es sich um eine Serienproduktion des Erfurter Kunstgewerbeateliers von Adalbert Deutschmann handele, habe es keinen kunsthistorischen Wert, schreibt die OZ-Kollegin. Mir ist bei meiner Internetrecherche allerdings kein anderes Denkmal ähnlicher Machart von Deutschmann untergekommen.

Ein bedeutender deutscher Historiker

Zum vierten Mal ist jetzt ein bedeutender deutscher Historiker mit einer Briefmarke gewürdigt worden: Theodor Mommsen. Anlass war sein 200. Geburtstag am 30. November 2017. Die Marke mit einem Wert von 190 Cent (Warensendung groß) erschien am 7. Dezember.

Mommsen war einer der wichtigsten Geisteswissenschaftler des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für sein Monumentalwerk »Römische Geschichte«, das in den Jahren 1854 bis 1856 erschien, wurde er 1902 als erster Deutscher mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Das Nobelpreiskomitee würdigte Mommsen als den »gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst« (the greatest living master of the art of historical writing). Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Mommsen politisch aktiv. Er gehört zum Beispiel 1861 zu den Mitbegründern der liberalen Deutschen Freiheitspartei, bekämpfte den Antisemitismus und war ein erklärter Gegner Otto von Bismarcks.

Mommsen starb 1903 in Charlottenburg (heute Berlin). Zu seinem Nachkommen zählen Wolfgang und Hans Mommsen, zwei bedeutende Historiker der deutschen Nachkriegszeit, und der Schauspieler Oliver Mommsen.

Mommsen tippte auf Kalkriese

Seine tiefen und besonderen Kenntnisse der römischen Geschichte führten dazu, dass Mommsen bereits frühzeitig Kalkriese im Osnabrücker Land als wahrscheinlichen Ort der legendären »Schlacht am Teutoburger Wald« von 9 n. Chr. identifizierte. Seine Vermutung bestätigte sich, nachdem der britische Hobbyforscher Tony Clunn dort Schleuderbleie, typische Munition römischer Truppen, gefunden hatte und in jahrelanger archäologischer Arbeit ein großes Schlachtfeld aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus nachgewiesen wurde.

Die mehrbändige »Römische Geschichte« Mommens gibt es unter anderem beim Projekt Gutenberg zum Herunterladen.

Zwei weitere Mommsen-Briefmarken sind 1950 in der DDR und 1958 in West-Berlin erschienen. Die DDR illustrierte mit seinem Abbild eine Marke zum 250. Gründungstag der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, deren Mitglied Mommsen war. Die Marke der Deutschen Post Berlin erinnerte daran, dass Mommsen 1858 an die heutige Humboldt-Universtität in Berlin kam. Außerdem ist Mommsen zusammen mit dem britischen Medizinnobelpreisträger Ronald Ross auf einer schwedischen Marke von 1962 abgebildet.