SF-Pionier vom Sockel gestoßen

Der John Campbell Award heißt jetzt Astounding Award

An der deutschen Science-Fiction-Szene ist der kurze, aber durchaus heftige Sturm um den – inzwischen ehemaligen – John Campbell Award for Best New Writer offenbar weitgehend vorbeigegangen. Ich habe darüber nur etwas im Scifinet-Forum gelesen. Selbst diejenigen, die eventuell dabei oder zumindest in der Nähe waren, als der Sturm losgelassen wurde, haben sich dazu auf den üblichen Kanälen (Twitter, Facebook etc.) nicht geäußert.

Was war passiert? Bei der Verleihung des Preises während der 77. World Science Fiction Convention am 18. August 2019 in Dublin hat Preisträgerin Jeannette Ng den Namensgeber Campbell als »fucking fascist« bezeichnet. Er sei für den Ton verantwortlich, der die SF bis heute verfolge: steril, männlich, weiß. Außerdem nutzte sie die Gelegenheit, um auf die aktuelle politische Situation in ihrem Geburtsort Hongkong hinzuweisen, wo gerade Demonstranten »mit den maskierten, anonymen Sturmtruppen eines autokratischen Imperiums« kämpften (alle Übersetzungen von mir). Campbells in einem Editorial geäußerte Haltung zum sogenannten Kent-State-Massaker, bei dem 1970 von der Nationalgarde vier Studenten erschossen wurden, die gegen den Vietnam demonstriert hatten, unterscheide sich nicht wesentlich von der jener, die das Vorgehen der Hongkonger Polizei rechtfertigten, schrieb sie ein paar Tage später in einem Tweet.

John W. Campbell (1910-1971) war von 1937 bis zu seinem Tod Herausgeber der bedeutenden SF-Magazine Astounding Science Fiction und Analog Science Fiction und damit der einflussreichste Akteure der Szene in jener Zeit. Er bestimmte in den 40er und 50er Jahren, welche Art von SF den Weg zum Leser fand. Campbell entdeckte und förderte Autoren wie Isaac Asimov und Robert A. Heinlein, ließ aber Schriftsteller wie Ray Bradbury und Samuel Delany abblitzen, weil ihre Werke nicht in sein Schema passten.

»Unentschuldbaren Ansichten«

Alec Nevala-Lee, der ein Buch über Campbell und seine Zeit als Astounding-Herausgeber geschrieben hat, nennt diesen darin einen Rassisten, der seine »unentschuldbaren Ansichten« privat und in Artikeln geäußert habe. Er war ein Befürworter der Rassentrennung und der Ansicht, dass schwarze Schriftsteller nicht mit weißen Autoren mithalten könnten. Seine abfälligen Kommentare über Frauen, Schwarze und Homosexuelle gingen zum Teil weit über das hinaus, was damals der übliche Ton war. Campbell trage als Herausgeber einen Teil der Schuld an der thematischen und stilistischen Beschränktheit des Genres, die sich bis heute auswirke. Nevala-Lee hatte als Konsequenz daraus schon vor einem Jahr eine Umbenennung des Awards zur Diskussion gestellt.

Jeannette Ng – ausgezeichnt für ihren Roman »Under the Pendulum Sun« – hat wegen ihrer prägnanten Kritik an Campbell Lob und Kritik eingesteckt. Wobei nach meinem Eindruck der Beifall überwog, und als kritikwürdig weniger der Angriff auf Campbell als vielmehr der Umstand, dass sie die Preisverleihung politisch »missbraucht« und gegen den Verhaltenskodex des WorldCons verstoßen habe, angesehen wurde. Wie dem auch sei, das Verlagshaus Dell Magazine, das heute Analog herausgibt und den Preis 1973 gestiftet hat, hat innerhalb weniger Tage reagiert. Der John Campbell Award werde in Astounding Award for Best New Writer umbenannt, kündigte Analog-Herausgeber Trevor Quachri an.

Die New York Times berichtet

Was den Fall mit Blick auf die deutsche SF bemerkenswert macht, ist der unterschiedliche Stellenwert des Genres. Ngs Auftritt in Dublin hat nicht nur weltweit Reaktionen unter SF-Fans hervorgerufen, sondern fand auch Widerhall in Mainstream-Medien. Die New York Times berichtete ausführlich über die Umbenennung. Die deutsche SF-Szene dagegen kann schon froh sein, wenn die Medien überhaupt von ihr Notiz nehmen.

Links

Ein Video von der Rede Ngs gibt es bei YouTube, den Text hier.
Die Homepage von Jeannette Ng
Viele Stimmen zum »Storm over Campbell Award« findet ihr im auch sonst sehr informativen Blog File 770 von Mike Glyer.
Was Alec Nevala-Lee zu Campbell zu sagen hat, steht in seinem Blogpost »The happy golden age«.
Stellungnahme von Analog-Herausgeber Trevor Quachri
Zum Thread im Scifinet-Forum (man muss ein Stück nach unten scrollen)
Was Alec Nevala-Lee zu Campbell zu sagen hat, steht in seinem Blogpost »The happy golden age«.
Stellungnahme von Analog-Herausgeber Trevor Quachri

Buchtipp

Alec Nevala-Lee – Astounding: John W. Campbell, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, L. Ron Hubbard, and the Golden Age of Science Fiction. Dey Street Books. ISBN-13: 978-0062571946.

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