Uschi Zietsch hat einen Wunsch

Beim GutCon in Oelde hat die PERRY RHODAN-Autorin einen Vorschlag für eine neue Miniserie gemacht

Uschi Zietsch alias Susan Schwartz (mit Mikro) macht auf dem GutCon einen Vorschlag, der auch den Kollegen auf dem Podium gefällt (von links): Denise Mathiak, Ute Anton und Maria Schleifer.

Ob Uschi Zietsch alias Susan Schwartz ihre Ankündigung wohl wahr gemacht und PERRY RHODAN-Chefredakteur Klaus N. Frick auf dem Heimweg vom GutCon in Oelde eine bestimmte Mail geschickt hat? Bei dem Panel zu den PR-Miniserien auf diesem Fan-Treffen, bei dem sie zusammen mit den Autorenkollegen Uwe Anton, Dennis Mathiak und Moderator Roman Schleifer auf dem Podium saß, kam ihr eine Idee: eine zwölfteilige Miniserie, nur von Autorinnen geschrieben. Denn an der jüngsten Miniserie aus der PERRY RHODAN-Redaktion, »Mission SOL«, schrieben nur Männer mit. PR-Autorin Michelle Stern, die als Zuhörerin in der ersten Reihe saß, signalisierte Zustimmung wie auch das fast ausschließlich männliche Publikum.

Vom Podium wurde Unterstützung signalisiert – und es wurden Ansprüche angemeldet: Uwe Anton wollte sich in Ute Anton umbenennen, Roman Schleifer heißt mit zweitem Namen ohnehin Maria, und Dennis Mathiak kann sich mit wenig Aufwand in Denise verwandeln.

Aber Spaß beiseite – Autorinnen haben es in der SF nicht leicht. Bei PERRY RHODAN hat es bis 15 Jahre gedauert, bis die erste Frau einen Roman schreiben durfte: Es war Marianne Sydow 1976 mit Band 795 »Netz des Todes«. Jetzt gehören immerhin drei Frauen – außer Susan Schwartz und Michelle Stern noch Verena Themsen – zum Autor(inn)enstamm der Erstauflage, nimmt man Gastautorinnen, Neo und die Miniserien dazu, allen voran Madeleine Puljic, reicht es dicke für eine zwölfteilige Miniserie aus Frauenhand.

Also, wenn Uschi die Mail nicht abgeschickt und es ihm auch sonst niemand erzählt hat – spätestens jetzt weiß KNF es. Wir sind gespannt. Als sich Uschi eine Miniserie über Olymp gewünscht hat, hat es ja auch geklappt.

Ich fahre nach Oelde

Hoch- und Trivialliteratur verhalten sich längst nicht mehr zueinander wie Feuer und Wasser. Da war am letzten September-Wochenende (2019) der GutCon auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde. Ein Treffen von Fans der SF-Heftromanserie PERRY RHODAN in den Räumen des Museums für westfälische Literatur – das wäre früher undenkbar gewesen.

Gastgeber des GutCons waren die Literatur-Kommission des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe und der Terranische Club Eden. Der TCE ist ein kleiner, aber sehr rühriger PERRY RHODAN-Fanclub, dessen Mitglieder über ganz Deutschland verteilt leben. Das Programm der beiden Tage war die con-übliche Mischung aus inhaltlichen Panels, Lesungen und »Was gibt’s Neues bei PERRY RHODAN?«. Im Foyer, wo der TCE seinen Bücherstand aufgebaut hatte, im Café bei Kaffee, Kuchen, Brezel oder bei den Rauchern im Hof traf man sich zum Plausch oder Gedankenaustausch.

Ich war einen Tag lang dabei. Den Bericht über meine Anreise erspare ich euch Leserinnen und Lesern. Nur so viel: Ich bin durch Ortschaften wie Borgholzhausen, Casum, Herzebrock und die »Mähdrescherstadt« Harsewinkel gekommen (da bin ich mal in meiner Studentenzeit bei einer Ulrike abgeblitzt; was aus der wohl geworden ist?)

Auf dem Parkplatz am Kulturgut kam mir schon der erste Perryfan entgegen, der die unvermeidliche Contüte im Auto verstaute. Die Autokennzeichen zeigten, dass offenbar Fans aus ganz Deutschland angereist waren. An der Kasse nahm mir Willy Diwo den Conbeitrag ab, beschriftete ein Besuchernamensschild, und ich war drin. Als erste liefen mir Stefan Friedrich vom Münchner PR-Stammtisch und Autor Roman Schleifer aus Wien über den Weg. So ging’s dann weiter: Hallo hier und hallo da; ach, du auch hier?; schön, dich wiederzusehen… Aber wenden wir uns anderen Dingen zu.

Prost, Vurguzz!

»Willst du mal probieren?« Willi Diwo, der an der Kasse die Stellung hielt, bot mir ein Gläschen Vurguzz an. Den intensiv nach sehr exotischen Kräutern schmeckenden, leuchtend grünen Schnaps kennt jeder PERRY RHODAN-Fan, denn er wird in zahlreichen Romanen getrunken. Die wenigsten Leser wissen wahrscheinlich, dass es sich nicht um ein fiktives Getränk handelt. Den Original-Vurguzz mischte 1960, also ein Jahr vor Beginn der Heftromanserie, der Zahnarzt Franz Ettl für ein Fan-Treffen in München, erzählte Willi, während ich mich langsam an den Geschmack gewöhnte. Vurguzz enthält angeblich 250 Prozent Alkohol, wovon der über 100 Prozent hinausgehende Anteil im Hyperraum ausgelagert ist, macht zwar besoffen, aber hinterlässt keinen Kater. Versprach Willi.

Ausführlich kann man die Geschichte des Vurguzz hier nachlesen.

Die Ausstellung „Aliens welcome“

Der GutCon des TCE gehörte gewissermaßen zum Rahmenprogramm der Sonderausstellung »Aliens welcome« über SF in und aus Westfalen. »Das musst du dir ansehen«, habe ich mir gedacht. Leider wurden meine Erwartungen nicht einmal ansatzweise erfüllt.

Die Sonderausstellung, die bis zum 8. März läuft, besteht im Wesentlichen aus einem Zeitstrahl, der auf eine Wand projiziert wird und »Meilensteine« (ganz dickes Fragezeichen) westfälischer SF auflistet. Als ich den Raum betrat, waren gerade die 1970er Jahre dran, und ich wartete auf Namen, die mir bekannt waren. Ab den späten 90ern hätten sie auftauchen müssen. Tja, aber da kam nichts. Kein Uwe Post, kein Thorsten Küper (der gerade den Deutschen Science-Fiction-Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis gewonnen hat), kein Hinweis auf den DortCon, jahrelang ein wichtiger Treffpunkt der deutschen SF-Szene mitten in Westfalen. Man muss sich nicht ausführlich mit ihnen beschäftigen, aber wer sie einfach ignoriert zeigt, dass er/sie keine Ahnung von der aktuellen SF-Szene hat oder sich dafür nicht interessiert. Das ist schade. Das erste flüchtige Durchblättern des ziemlich dicken Begleitbuchs zur Ausstellung gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass das dort anders ist. 

Ein Teil der Sonderausstellung, untergebracht im Gartenhaus, beschäftigt sich mit PERRY RHODAN. Was wird dem Besucher geboten? Ein paar großformatige Bilder von Titelkünstler Alf Kelsner, die PERRY RHODAN-Figurensammlung von Hartmut Kasper alias Wim Vandemaan (PR-Autor aus Gelsenkirchen) und zwei Vitrinen mit verschiedenen PERRY RHODAN-Ausgaben. Ehrlich, in manchem Wohnzimmer eines Perryfans gibt es interessantere Exponate. Außerdem werden die Besucher hinters Licht geführt: Bei dem ausgestellten Heft Nummer 1 »Unternehmen Stardust«, bei dem als Erscheinungsjahr 1961 angegeben ist, handelt es sich um den Nachdruck von 1988. Man erkennt das leicht an dem weiß übermalten rechten Rand des Mondes auf dem Titelbild. 

Alle Kalender weg

Beim GutCon hatten Autor Robert Corvus und Verleger Wilfried A. Hary ihre Bücherstände im Gartenhaus (auf dem Weg dorthin kommt man an Goethe vorbei). Bei Wilfried habe ich eine schon ältere Sammlung mit Kurzgeschichten von Axel Kruse erworben (der in Essen lebt, was nicht zu Westfalen zählt), und von Robert (lebt in Köln, im Rheinland) ließ ich mir den neuen PERRY RHODAN-Tischkalender mit Bildern von Arndt Drechsler (Originalton Robert Corvus: »Der beste Titelbildkünstler!«) »aufschwatzen«. Er ist ein Verkäufer! Schon am frühen Abend war Robert, was Kalender anging, ausverkauft. Mit seinen eigenen Büchern lief es nicht ganz so gut, aber er hatte ja noch den zweiten Tag.

Noch etwas Inhaltliches gefällig?

Chronologisch gehörte es an den Anfang, denn das Panel von Michael Pfrommer über das, was bei der Mondlandung von Perry Rhodan wirklich geschah, begann gleich nach der offiziellen Eröffnung. Für Nicht-PR-Leser ist es aber eher uninteressant. Michael, im wirklichen Leben ein klassischer Archäologe, beeindruckt mich immer wieder durch seine tiefgehenden Analysen der Serie. Neben Expokrat Wim Vandemaan ist er von denjenigen, die ich kenne, derjenige, der den Geist der Serie am besten erfasst hat. Ihm gelingt es immer wieder, Zusammenhänge zu erkennen, auf die noch nicht einmal die Autoren gekommen sind, er gräbt dabei auch gerne die Schwächen der Romane aus (in diesem Facebook-Post zum Beispiel).

In diesem Panel ging er der Frage nach, warum der Arkonide Crest, der auf der Suche nach der Welt des ewigen Lebens mit einem defekten Raumschiff auf dem Mond havariert war, mit dem zufällig auftauchenden Astronauten Perry Rhodan in einer Art Privatpakt das Schicksal der Menschheit ausgehandelt hat und nicht mit offiziellen Stellen. Nun, die Antworten fand Micheal in zwei weiteren frühen Bänden der PERRY RHODAN-Serie. Darin macht Perry zusammen mit Crest Zeitreisen in die Vergangenheit und begegnet längst gestorbenen Arkoniden zu deren Lebzeiten. Diese Ereignisse hätten Niederschlag in den arkonidischen Archiven gefunden, wo sie von Crest entdeckt worden waren, bevor er zu dieser Expedition aufbrach. Er wusste, wer dieser forsche Astronaut war und dass Rhodan die Unsterblichkeit gefunden haben musste.

Zum Glück muss ich seine Argumentationskette nicht aus den wenigen Notizen und meinem löchrigen Gedächtnis rekonstruieren. Denn Michael hat seinen Vortrag für Volker Hoffs Blog zusammengefasst. Könnt ihr hier nachlesen.

Das Fazit

Es war alles in allem ein schöner Ausflug nach Westfalen, und ich würde bestimmt zum GutCon 2 kommen (zumal ich jetzt TCE-Mitglied bin, das erste in Ostfriesland). Die zweieinhalbstündige Rückfahrt habe ich mit Erinnerungen an viele Begegnungen und Gespräche, einem Haufen Fotos und einem Stapel Bücher angetreten.

SF-Pionier vom Sockel gestoßen

Der John Campbell Award heißt jetzt Astounding Award

An der deutschen Science-Fiction-Szene ist der kurze, aber durchaus heftige Sturm um den – inzwischen ehemaligen – John Campbell Award for Best New Writer offenbar weitgehend vorbeigegangen. Ich habe darüber nur etwas im Scifinet-Forum gelesen. Selbst diejenigen, die eventuell dabei oder zumindest in der Nähe waren, als der Sturm losgelassen wurde, haben sich dazu auf den üblichen Kanälen (Twitter, Facebook etc.) nicht geäußert.

Was war passiert? Bei der Verleihung des Preises während der 77. World Science Fiction Convention am 18. August 2019 in Dublin hat Preisträgerin Jeannette Ng den Namensgeber Campbell als »fucking fascist« bezeichnet. Er sei für den Ton verantwortlich, der die SF bis heute verfolge: steril, männlich, weiß. Außerdem nutzte sie die Gelegenheit, um auf die aktuelle politische Situation in ihrem Geburtsort Hongkong hinzuweisen, wo gerade Demonstranten »mit den maskierten, anonymen Sturmtruppen eines autokratischen Imperiums« kämpften (alle Übersetzungen von mir). Campbells in einem Editorial geäußerte Haltung zum sogenannten Kent-State-Massaker, bei dem 1970 von der Nationalgarde vier Studenten erschossen wurden, die gegen den Vietnam demonstriert hatten, unterscheide sich nicht wesentlich von der jener, die das Vorgehen der Hongkonger Polizei rechtfertigten, schrieb sie ein paar Tage später in einem Tweet.

John W. Campbell (1910-1971) war von 1937 bis zu seinem Tod Herausgeber der bedeutenden SF-Magazine Astounding Science Fiction und Analog Science Fiction und damit der einflussreichste Akteure der Szene in jener Zeit. Er bestimmte in den 40er und 50er Jahren, welche Art von SF den Weg zum Leser fand. Campbell entdeckte und förderte Autoren wie Isaac Asimov und Robert A. Heinlein, ließ aber Schriftsteller wie Ray Bradbury und Samuel Delany abblitzen, weil ihre Werke nicht in sein Schema passten.

»Unentschuldbaren Ansichten«

Alec Nevala-Lee, der ein Buch über Campbell und seine Zeit als Astounding-Herausgeber geschrieben hat, nennt diesen darin einen Rassisten, der seine »unentschuldbaren Ansichten« privat und in Artikeln geäußert habe. Er war ein Befürworter der Rassentrennung und der Ansicht, dass schwarze Schriftsteller nicht mit weißen Autoren mithalten könnten. Seine abfälligen Kommentare über Frauen, Schwarze und Homosexuelle gingen zum Teil weit über das hinaus, was damals der übliche Ton war. Campbell trage als Herausgeber einen Teil der Schuld an der thematischen und stilistischen Beschränktheit des Genres, die sich bis heute auswirke. Nevala-Lee hatte als Konsequenz daraus schon vor einem Jahr eine Umbenennung des Awards zur Diskussion gestellt.

Jeannette Ng – ausgezeichnt für ihren Roman »Under the Pendulum Sun« – hat wegen ihrer prägnanten Kritik an Campbell Lob und Kritik eingesteckt. Wobei nach meinem Eindruck der Beifall überwog, und als kritikwürdig weniger der Angriff auf Campbell als vielmehr der Umstand, dass sie die Preisverleihung politisch »missbraucht« und gegen den Verhaltenskodex des WorldCons verstoßen habe, angesehen wurde. Wie dem auch sei, das Verlagshaus Dell Magazine, das heute Analog herausgibt und den Preis 1973 gestiftet hat, hat innerhalb weniger Tage reagiert. Der John Campbell Award werde in Astounding Award for Best New Writer umbenannt, kündigte Analog-Herausgeber Trevor Quachri an.

Die New York Times berichtet

Was den Fall mit Blick auf die deutsche SF bemerkenswert macht, ist der unterschiedliche Stellenwert des Genres. Ngs Auftritt in Dublin hat nicht nur weltweit Reaktionen unter SF-Fans hervorgerufen, sondern fand auch Widerhall in Mainstream-Medien. Die New York Times berichtete ausführlich über die Umbenennung. Die deutsche SF-Szene dagegen kann schon froh sein, wenn die Medien überhaupt von ihr Notiz nehmen.

Links

Ein Video von der Rede Ngs gibt es bei YouTube, den Text hier.
Die Homepage von Jeannette Ng
Viele Stimmen zum »Storm over Campbell Award« findet ihr im auch sonst sehr informativen Blog File 770 von Mike Glyer.
Was Alec Nevala-Lee zu Campbell zu sagen hat, steht in seinem Blogpost »The happy golden age«.
Stellungnahme von Analog-Herausgeber Trevor Quachri
Zum Thread im Scifinet-Forum (man muss ein Stück nach unten scrollen)
Was Alec Nevala-Lee zu Campbell zu sagen hat, steht in seinem Blogpost »The happy golden age«.
Stellungnahme von Analog-Herausgeber Trevor Quachri

Buchtipp

Alec Nevala-Lee – Astounding: John W. Campbell, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, L. Ron Hubbard, and the Golden Age of Science Fiction. Dey Street Books. ISBN-13: 978-0062571946.

What the hell is that good for?

Der Science-Fiction-Club Deutschland hat ein eigenes Conbuch zum WorldCon 2019 veröffentlicht. Ich bin nicht begeistert.

Anlässlich der bevorstehenden 77th World Science Fiction Convention (WorldCon) in Dublin (15.-19.8.2019) und des EuroCon in Belfast (22.-25.8.2019) hat der Science-Fiction-Club Deutschland (SFCD) erneut ein eigenes, deutsch-englisches Conbuch veröffentlicht. Es trägt den Titel »The Internet of Things and other pecularities of German Science Fiction 2019« und ist als Andromeda-SF-Magazin 157 im Hausverlag des SFCD, p.machinery von Michael Haitel, erschienen. Herausgeber sind Sylvana Freiberg, Jörg Ritter und Martin Stricker. Die Broschüre (136 Seiten) soll auf den beiden Cons verteilt werden (auf dem der SFCD, so viel ich weiß, keinen eigenen Stand hat). SFCD-Mitglieder wie ich bekamen es per Post mit den vierteljährlichen Andromeda Nachrichten.

Ob ich wohl der Einzige bin, der das Büchlein im besten Fall als »eigenartig« (peculiar) bezeichnen würde? Tatsächlich lässt es mich eher ratlos mit der Frage »What the hell is that good for?« zurück. Ein Konzept ist nicht erkennbar, es gibt auch keinen roten Faden, denn die Auswahl der Texte erscheint völlig beliebig.

Ein schneller Blick auf den Inhalt: Die pecularities enthalten zwei Kurzgeschichten von Heiner Wolf (»Jahr 2544 – der erste außerirdische Besuch im Sonnensystem«) und Uwe Hermann (»Das Internet der Dinge«, mit dem er 2018 sowohl den Kurd-Laßwitz-Preis als auch den Deutschen Science-Fiction-Preis gewonnen hat), vier sogenannte Interviews, und mehrere Sachtexte sowie ein Vorwort und Kurzbiografien der Herausgeber und der Illustratoren.

53stellige Links zum Abtippen

Den Anfang macht eine kommentierte Link-Sammlung zur deutschen SF und zum Fandom von Mitherausgeber Jörg Ritter. Der Leser wird mit mäßig launigen Sätzen auf verschiedene Themen (hoffentlich) neugierig gemacht, muss aber die entsprechenden Internetseiten aufrufen, um überhaupt einen Eindruck davon zu bekommen, worum es geht. In gedruckten Büchern kann man aber keine Links anklicken. Zum Glück gibt’s die pecularities als PDF-Datei zum Download. Soll der Leser jetzt seinen Laptop rauskramen und www.sfcd.eu/download/pubs/asfm101-200/asfm157open.zip abtippen? Davon wird er/sie vermutlich abgehalten, weil der Autor extra darauf hinweist, dass die Links selbst da nicht funktionieren, »weil das Programm unseres Herausgebers anklickbare Links HASST«. Aber man könne sie ja kopieren und in den eigenen Browser einfügen. Echt? Das ist eine Zumutung.

Dann diese vier schematisierten E-Mail-Interviews, die keine Interviews sind, sondern Fragebögen. In einem Interview sind die Fragen auf den Interviewten abgestimmt und der Interviewer geht auf die Antworten des Interviewten ein. Das geht aber nicht, wenn man allen die gleichen Fragen per E-Mail schickt und dann die Antworten einfach nur abdruckt. Die Fragen beeindrucken zudem nicht gerade durch Originalität.

In den »Interviews« wird gleich mit der ersten Frage »Wer ist…?« die Unsitte gepflegt, den Befragten sich selbst vorstellen zu lassen. Das ist Aufgabe des Interviewers resp. des Redakteurs, denn damit wird dem Leser mitgeteilt, warum das Interview geführt wird. Hier bleibt es das Geheimnis der Herausgeber, warum Andreas Brandhorst, Christian von Aster, Heiner Wolf und Uwe Hermann für ein »Interview« ausgewählt wurden. Vielleicht, weil von drei von ihnen Beiträge in den pecularities enthalten sind? Aber warum wurden dann die übrigen Autoren nicht befragt? Und warum wurde Andreas Brandhorst befragt, obwohl von ihm kein Beitrag in den pecularities enthalten ist?

Die Interviews sind immerhin aktuell, denn sie wurden alle in diesem Frühjahr geführt. Das gilt womöglich auch für die übrigen Beiträge. Es gibt aber zwei ausgewiesen ältere Beiträge, eine Würdigung des deutschen SF-Urgesteins Waldemar Kumming (Originalveröffentlichung 2013, aber aktualisiert, denn Kumming ist 2017 gestorben) und ein Beitrag über die SF in der DDR von Karlheinz Steinmüller (von 1992, ebenfalls aktualisiert mit einem Blick darauf, was von der DDR-SF übrig geblieben ist). Die Veröffentlichung des Beitrags über Kumming als eine Art Nachruf kann ich nachvollziehen, denn der Mann, der die Audiothek des deutschen SF-Fandoms geführt hat, war auf dem internationalen Parkett kein Unbekannter. Aber ein Text über die SF in der DDR? Aus Anlass des 30. Jahrestags des Mauerfalls vielleicht? Immerhin ist es ein Steinmüller!

Fühlt sich an wie Haare im Mund

Unter »merkwürdig« einzuordnen ist ein Beitrag über das deutsche Furry-Fandom, also über Leute, die sich als Tiere verkleiden und auf Conventions gehen. Ich wusste bisher nicht, dass es so etwas gibt (dabei dachte ich, ich kenne mich ein bisschen aus), und hätte es glatt für Satire gehalten. Ein wenig Internetrecherche hat mich desillusioniert. Das ist ernst gemeint, aber so überflüssig wie Haare im Mund. Der Beitrag ist mit 19 Seiten der umfangreichste im Buch und gibt dem Furry-Fandom einen Stellenwert, den es innerhalb der deutschen SF-Szene nicht hat (man möge mich eines Besseren belehren). Das Furry-Fandom trifft sich übrigens am WorldCon-Wochenende zur Eurofurence 25 in Berlin.

Zwei Beiträge hätte ich fast unterschlagen – einen von Christian von Aster über »Die Gentrifizierung des Wunderlands« (der Autor beklagt sich darüber, dass die Unterhaltungsindustrie alles gnadenlos ausschlachtet) und einen der Amerikanerin Nicolette Stewart, die darüber schreibt, wie sie deutsche SF und Fantasy kennenlernte, als sie 2005 nach Deutschland kam. Ach ja, dann gibt es noch von Martin Stricker eine Übersicht der deutschsprachigen SF-Preise (die einzige echte Nachricht über die deutsche SF in den pecularities ).

Aus meiner Sicht sind die pecularities ein Sammelsurium von Texten, die jeder für sich zum Teil nicht uninteressant sind. Allerdings, wenn es die Absicht der Herausgeber war, dem internationalen Publikum in Dublin und Belfast einen Eindruck von der deutschen SF-Szene zu bieten, ist das in die Hose gegangen. Ich glaube, die ausländische Leserin kratzt sich nur verwirrt am Kopf und greift zu einer anderen Lektüre.

Der Frauenanteil

Natürlich kann man in einem solchen Rahmen keine umfassende Darstellung liefern. Wie wäre es aber zum Beispiel gewesen, mal auf aktuelle Trends, Probleme und Themen in der deutschen Phantastik-Szene einzugehen, etwa auf die Debatte über die Sichtbarkeit von Autorinnen in der deutschen SF? Aber in den pecularities war ja auch nur Platz für einen Beitrag einer Frau.

Frauen durften aber immerhin für die Illustrationen sorgen. Das ansprechende Cover ist von Britta Jacobs, die Innenillustrationen sind von ihr, Sylvana Freiberg und Marie Romeijn.

Hinterm Mond 2020: SF von Frauen

Ausschnitt aus dem neuen Plakat- und Anzeigenmotiv (Grafik: s.BENeš)

Hinterm Mond« ist der Titel einer von mir organisierten Veranstaltungsreihe mit deutschen Science-Fiction-Autorinnen und Autoren in Ostfriesland. Das nächste Mal liegt der Fokus auf Frauen in der SF. Am 10. Oktober 2020 werden vier bekannte deutsche SF-Autorinnen das Programm im Kulturspeicher in Leer gestalten. Wer darüber auf dem Laufenden bleiben will, sollte den »Hinterm Mond«-Newsletter abonnieren, in dem ich bei Bedarf über den neuesten Stand der Dinge berichte, oder gelegentlich einen Blick auf die Seite Hinterm Mond – SF-Tag 2020 werfen.

Perry Rhodan und der Geist von Reich-Ranicki

3000 Wochen PR – Eindrücke von der Jubiläumsveranstaltung einer Heftromanserie

Es sind beeindruckende Namen, die uns auf den Wänden im Münchner Literaturhaus ins Auge fallen, während wir die knarzenden breiten Treppenstufen ins Obergeschoss hinaufschreiten: T. C. Boyle, Peter Härtling, Josef von Westphal, Richard Ford, Nadime Gordimer, Martin Walser, Orhan Pamuk, alles Schriftsteller von Format, und viele mehr waren schon hier. Ausgerechnet in diesem Tempel der Hochliteratur wird Band 3000 der Groschenheftserie PERRY RHODAN, der Inbegriff der deutschen Trivialliteratur, gefeiert? Müsste sich Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki, der ebenfalls unter diesem Dach weilte und Science-Fiction verachtete, da nicht im Grab umdrehen?

Aber selbst als Zeremonienmeisterin Uschi Zietsch alias Susan Schwartz bei der Begrüßung vor 300 Fans, die im Saal im dritten Obergeschoss voller Erwartung die Ohren spitzen und ihre Kameras zücken, von »diesem Ort, an dem alles begonnen hat« (was geografisch nur grob stimmt, denn »dieser Ort« war der Moewig-Verlag in der Türkenstraße) spricht, bleibt es ruhig. Kein Beben erschüttert dem imposanten Renaissancebau am Salvatorplatz, kein Blitz zuckt vom weiß-blauen Literatenhimmel herab, und nicht einmal die Technik macht Probleme. Alles gut. Auch eine Form von Anerkennung, oder? PERRY RHODAN nimmt nach 3000 Wochen, in denen seit September 1961 an jedem Freitag ein neuer Heftroman am Kiosk wartet, längst selbst einen festen Platz im Literaturuniversum ein – als längste Fortsetzungsgeschichte zwischen »Unternehmen Stardust« und »Mythos Erde« nicht nur der Science-Fiction.

Der Saal ist voll

Um Band 3000 zu feiern, kamen also die Fans nach München. Die Veranstaltung am 9. Februar 2019, organisiert vom Team um PR-Marketingchef Klaus Bollhöfener, war schnell ausverkauft, aber sogar drei Perry-Leser aus Japan haben eine Karte ergattert. Alle Plätze Saal sind längst besetzt, als es losgeht. Das Programm unterscheidet sich grundsätzlich kaum von dem einschlägiger Cons, die einzelnen Punkte haben aber – ganz ohne den Geist der Hochkultur – durchweg ein hohes Niveau. Die Themen sind vielfältig und interessant, die Referenten gut ausgesucht, die Moderatoren und ihre Gesprächspartner gut vorbereitet und aufgelegt. So hält sich unsere Enttäuschung darüber in Grenzen, dass ein richtiges Highlight fehlt, über das die Fans noch in zehn Jahren reden würden.

Klaus N. Frick ist stolz auf seine Raketenheftchenserie.

Nach der Begrüßung tritt Chefredakteur Klaus N. Frick ans Mikrofon. Es sind zum Teil pathetische Worte, wenn er von der Vision der Serie spricht, der Vision einer geeinten Menschheit als ein Element im Kosmos. Man merkt, wie stolz er auf seine liebste Raketenheftchenserie ist. Wer weiß, was aus der Serie ohne ihn geworden wäre? Trotzdem musste er im Saal mit einem Stehplatz vorlieb nehmen.

Danach rückt kurz ein anderes Jubiläum, das dieses Jahr gefeiert wird, in den Fokus: der 50. Jahrestag der ersten wirklichen Mondlandung. Alan Bean, der mit Apollo 12 als vierter Mensch auf dem Mond war, kommt in einem Videoeinspieler zu Wort, und der Perry lesende Physiker Götz Röderer erklärt uns, warum Δv wichtig und es gar nicht so einfach ist, zum Mond zu fliegen und dort eine Station aufzubauen. Nach diesem Intermezzo in der wirklichen Welt geht’s zurück ins Perryversum: Der Überall-zugleich-Schreiber Kai Hirdt und Chefredakteur Klaus Frick stellen die ab Juni erscheinende Miniserie um das legendäre Fernraumschiff SOL vor, Stammgastautor Robert Corvus muss sich beim Gespräch über sein perryfreies »Imago-Projekt« einer allerdings von ihm provozierten Mausbiber-Attacke erwehren, und, bevor die Mittagspause eingeläutet wird, gibt Hans Greis einen Einblick in die PERRY RHODAN-Hörbuchproduktion.

In der Pause wird gefachsimpelt (von links): Dietmar Schmidt, Jürgen Müller und Markus Regler.

Die Pause ist willkommen. Endlich ist ein wenig Zeit, mit alten Bekannten zu quatschen oder die Vitrinen mit PERRY RHODAN-Exponaten im Foyer zu bestaunen, die von Mitgliedern des Münchner PR-Stammtisches bestückt wurden und manche Rarität zu bieten haben. Und die Luft im leer gewordenen Saal hat die Chance, ihren Sauerstoffgehalt zu normalisieren.

Zurück vom Donisl

Durch eine Münchner Würstlpfandl mit Kartoffelsalat und ein Helles vom Holzfass beim Donisl gestärkt geht’s zurück ins Literaturhaus. Dort dreht sich eine halbe Stunde lang alles um PERRY RHODAN Neo und den Ausblick auf das, was ab Band 200 kommt (wobei wir mangels Interesse nicht richtig zugehört haben; aber es werden bis dahin wohl viele offene Fragen geklärt und anschließend neue aufgeworfen). Dann tritt Johannes Rüster auf die Bühne und erklärt dem staunenden Publikum die Erfolgsformel: Donald (oder Dagobert?) Duck+Forest Gump+Saturn V=Perry Rhodan. Und er macht mit seinen tiefsinnigen und kurzweiligen Überlegungen zur »Biographie einer Legende« Lust auf den großen Perry-Rhodan-Roman von Andreas Eschbach (der in einer kurzen Videogrußbotschaft zu Wort kommt). Was er zu sagen hatte, kann man demnächst im PERRY RHODAN-Report nachlesen.

Österreichisch-japanische Freundschaft: Roman Schleifer und Tadatoshi Iguchi.

Dann wird doch noch der Geist von Marcel Reich-Ranicki heraufbeschworen, in Form des »Phantastischen Quartetts« aus München (Reich-Ranicki gehörte zum »Literarischen Quartett« des ZDF): Ralf Bodemann, Christian Hoffmann, Udo Klotz und Stefan Kuhn stellen unter diesem Namen auf Convents und anderen Veranstaltungen immer wieder mal »Perlen der Science Fiction« vor. Auf der Bühne des Literaturhauses erzählen sie zusammen mit Perryfandom-Urgestein Hermann Urbanek über ihren Erstkontakt mit PERRY RHODAN. Im Foyer schmeckt das nicht jedem: Die Perryfandom-Aktivisten vom Münchner Stammtisch »Ernst Ellert« in ihren blauen T-Shirts sind als Helfer (bei Cons nennt man solche Leute Gopher) für das Event unentbehrlich, kontrollieren die Eintrittskarten und mehr, aber auf der Bühne sitzen jetzt Leute, von denen mancher im Perryfandom noch nie gehört hat.

Zurück auf die Bühne. Dort präsentiert Ben Calvin Hary ein witziges Video aus seinem Youtube-Kanal. Wie spricht man eigentlich die Namen aus? Johannes Rüster hatte vorher schon darauf verwiesen, dass Perry Rhodan einfach zu deutsch ist, um nicht deutsch ausgesprochen zu werden (auch wenn’s die Marketingabteilung englisch lieber mag). Ob deutsch oder amerikanisch, das ist gar nichts gegen Zungenbrecher wie Cheborparczete Faynybret oder Uldormuhecze Foelybeczt. Warum die Taschenbuch-Trilogie um die Dunkelwelten, die im Sommer erscheinen und von Michael Marcus Thurner, Robert Corvus und Madeleine Puljic geschrieben wird, trotz ihrer Titel »Schwarze Saat«, »Schwarze Frucht« und »Schwarze Ernte« nichts mit Gartenbau zu tun hat, erläutern Klaus Frick und Robert Corvus vor der nächsten kurzen Pause.

Die Spannung steigt

Jetzt wird es aber Zeit für den eigentlichen Anlass dieses Tages, Leute: Band 3000. Die Spannung steigt. Arndt Drechsler unterhält sich mit Uschi Zietsch darüber, wie das wegen seiner Rhodan-Darstellung nicht unumstrittene Titelbild entstanden ist. Wir sehen verschiedene Stadien des Werkes auf der großen Leinwand hinter der Bühne und erfahren, warum Rhodans Haare einen Rotstich haben und nicht blond sind.

Eine Audioeinspielung mit einem Orginalton von K. H. Scheer von 1977 erinnert noch mal an die Anfänge der Serie, dann kommen endlich die Expokraten Hartmut Kasper alias Wim Vandemaan und Christoph Dittert alias Christian Montillon auf die Bühne und plaudern mit Johannes Rüster über den Jubiläumsband. Christian hat einen dabei, gibt ihn aber nicht aus der Hand. Wie immer wird viel geredet und wenig verraten. Wie immer ist es ein Genuss, Wim zuzuhören. Wie kein anderer hat er den Geist der Serie verinnerlicht und kann detailliert und überzeugend darlegen, warum es sich bei PERRY RHODAN um ein vielschichtiges Werk handelt. Er hätte damit bestimmt auch Reich-Ranicki beeindruckt.

Expokrat Christian Montillon liest ein kurzes Stück aus Band 3000. Moderator Johannes Rüster überlegt sich schon die nächste Frage.

Nun haben wohl die meisten im Saal gehofft, dass sie Band 3000 in den Händen halten, wenn sie das Literaturhaus am Abend verlassen würden, vielleicht sogar in einer besonderen Aufmachung. Pustekuchen! Damit alle Leser, die nicht in München dabei sein können und Band 3000 deshalb erst ein paar Tage später kriegen, nicht benachteiligt werden, ist die Begründung.

Fazit

Das Jubiläum im Literaturhaus war sicher kein glamouröses Ereignis, aber im Großen und Ganzen eine gelungene Veranstaltung in einem gediegenen Ambiente. Für manch einen mag der zeitliche und finanzielle Aufwand, um nach München zu kommen, sehr groß gewesen sein und »das Jubiläum« nicht den Erwartungen entsprochen haben (unabhängig davon, worauf diese Erwartungen beruht haben mögen; es war eben kein WeltCon oder so was).

Mehr Bilder vom Event gibt es hier.

Für mich hat sich der Ausflug gelohnt, denn außer einen abwechslungsreichen Tag für mein liebstes Hobby zu verbringen, habe ich jede Menge Freunde und Bekannte getroffen und ein paar neue Leute kennengelernt. Die Begegnung und der Austausch – das ist immer das Entscheidende, nicht das Programm. Deshalb soll auch der der Stammtisch »Ernst Ellert« noch einmal lobend Erwähnung finden: Das Münchner Team hatte extra sein monatliches Treffen um einen Tag und in ein anderes Lokal als üblich verlegt, damit auswärtige Fans daran teilnehmen konnten. Das Angebot haben wir gerne angenommen; rund 60 Fans sorgten bei Pizza, Salat, Wein und Bier für eine unterhaltsamen Abend.

Alle nur ein Kreuz … ach ne, das ist aus einem anderen Film.

Was nicht so gelungen war

Im weitläufigen, lichtdurchfluteten Foyer des Saals mit Blick auf das Dominikanerkloster und die Theatinerkirche herrschte gähnende Leere, während die Programmpunkte liefen. Nur ein Büchertisch drückte sich in den etwas dunklen Durchgang zum Treppenhaus (aber dort gab es abends zumindest den Eschbach). Hätte sich auf der großen, freien Fläche nicht der eine oder andere Fanclub präsentieren oder eine Auswahl von Werken der Titelbild-Künstler gezeigt werden können?