Das Kind braucht einen Namen: Teil 1

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Als Verfasser literarischer Texte kommt man schnell an den Punkt, an dem man seinen Figuren Namen geben muss. Das ist fast wie bei der Geburt eines Kindes. Den Namen wird die Figur ebenso wie das Kind ein Leben lang mit sich tragen, also übernimmt man als Autor jede Menge Verantwortung. Manche werden dieser Verantwortung gerecht, andere scheitern.

Wie im richtigen Leben gibt es bei der Namensgebung für eine literarische Figur keine verbindlichen oder einfachen Regeln. Ob jemand sein Kind Charlotte oder Chantal nennt, ist Geschmackssache und muss jeder selbst wissen. Die Entscheidung fällt allerdings im richtigen Leben nicht im luftleeren Raum, sondern ist von vielen Einflüssen abhängig. Es kann keinem Schriftsteller schaden, solche Regeln zu kennen (und sie gegebenenfalls zu ignorieren). Eine falsche Namenswahl kann einer Geschichte Schaden zufügen.

Der Beitrag hat mehrere Teile.

Teil I: Was ist ein Name?

Ein Name ist ein Wort, mit dem eine Person identifiziert und individuell bezeichnet wird. Ohne Namen könnte man einen Menschen nicht persönlich ansprechen, sondern müsste »He, du« oder etwas ähnliches sagen, und in der Kommunikation mit anderen würde man zu umständlichen Beschreibungen greifen. »Peter« ist kürzer und prägnanter als »der Typ, der in dem gelben Haus am Ende der Straße wohnt«.

Ursprünglich hatten Namen eine konkrete Bedeutung und beschrieben eine charakteristische Eigenschaft der Person, seinen Beruf, die gesellschaftliche Stellung, körperliche Merkmale usw. Diese Bedeutungen sind heute vergessen oder spielen keine Rolle. »Peter« etwa kommt vom griechischen Wort für Felsblock (πέτρος; petros).

In unserem Kulturkreis tragen die Menschen meistens zweigliedrige Namen – bestehend aus (mehreren) Vor- und dem Nachnamen. Dabei wird der Nach- oder Familienname mit der Geburt unverändert von der Vorgängergeneration oder bei Heirat vom Ehepartner übernommen, während der Vor- oder Rufname von den Eltern festgelegt wird.

Es gibt auch andere Formen. In Russland tragen die Eheleute unterschiedliche Nachnamen (Raissa Maximowna Gorbatschowa ist die Frau von Michail Sergejewitsch Gorbatschow), und der Name des Vaters wird zum Mittelnamen (Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, ist der Sohn von Ilja Nikolajewitsch Uljanow). In nordeuropäischen Kulturen gab es die patronymische Namensgebung, bei der aus dem Vornamen des Vaters der Nachname der nächsten Generation gebildet wurde: Jan Olson war der Sohn von Ole, Ole Janssen der Sohn von Jan usw. In Island ist sie noch produktiv. Dort haben Söhne und Töchter sogar unterschiedliche Nachnamen: Die frühere isländische Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurðardóttir ist die Tocher von Sigurður Ingimundarson, ein Sohn hätte Sigurðarson geheißen.

Meistens steht der Vorname vor dem Nachnamen. Es gibt aber Sprachen/Länder, in denen es anders ist, z. B. in Ungarn oder in China.

In nichteuropäischen Kulturen gibt es ähnliche, aber auch völlig unterschiedliche Systeme der Namensgebung. Im Arabischen etwa ist die Form Vorname Sohn von Vatername Sohn/Enkel von Großvatername nicht unüblich, vielen Deutschen durch den Namen der Karl-May-Figur Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah (Halef ist der Sohn von Abul Abbas und Enkel von Dawuhd aus Gossarah) bekannt, wobei Hadschi der Ehrentitel eines Mannes ist, der die Pilgerreise nach Mekka, den Hadsch, gemacht hat.

Statt Familiennamen werden gelegentlich Stammes- oder Sippennamen als Nachnamen benutzt, und es gibt Namenssystem, die ohne Nachnamen auskommen, etwa bei Indianern.

Wie jede andere sprachliche Äußerungen unterliegen Namen einem Wandel. Heutige Formen wurden früher zum Teil anders geschrieben oder existierten noch nicht. Umgekehrt sind Namen, die einst gängig waren, inzwischen ausgestorben.

Solche Bildungsregeln sollte man als Autor kennen und beachten, wenn in einer Geschichte Personen aus bestimmten Kulturkreisen oder Epochen auftreten. Das erhöht die Glaubwürdigkeit, auch wenn es für die Handlung selbst völlig unerheblich ist, ob es eine Person dieses Namens tatsächlich geben kann oder nicht.

  • Fortsetzung folgt (alle Beiträge werden unter dem Schlagwort »Namen« archiviert)

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