Früher war mehr Lametta

Opa Hoppenstedt, Flaubert und die Science-Fiktion-Literatur der Pulp-Ära

Früher war bekanntlich mehr Lametta. Opa Hoppenstedts Bonmot aus Loriots TV-Sketch »Weihnachten bei den Hoppenstedts« von 1976 ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden und gilt nicht nur für Weihnachtsbaumdekorationen, sondern passt sogar auf die Science-Fiction-Literatur.

In seiner Studie »The History of Science Fiction« (Palgrave Histories of Literature, Basingstoke 2007, S. 175) hat der Literaturwissenschaftler und »very well-known SF author, Guardian writer and recent winner of the BSF award«  Adam Roberts die Science Fiction  aus den 1920er und 1930er Jahren, der sogenannten Pulp-Ära, als Lametta-Literatur (tinsel literature) bezeichnet. Er meinte damit den schillernden Inhalt, aber auch, dass die Pulp-Literatur in ihrer eigenen Billigkeit schwelgte.

Roberts nahm sich dabei eine Anleihe bei dem französischen Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880). Dieser habe einmal gesagt, schreibt Roberts, dass er Lametta lieber möge als Silber, weil dieses mehr Pathos versprühe (»he liked tinsel better than silver because it possessed all the qualities of silver plus one more – pathos«).

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Künstliche Intelligenz und Hexerei

»Africanfuturism« ist eine neue Anthologie mit Science-Fiction aus Afrika. Und sie ist kostenlos.

Africanfuturism: An Anthology edited by Wole Talabi. 2020.

Wer gerne etwas Neues entdeckt oder schon immer mal afrikanische SF lesen wollte, dem kann ich diese englischsprachige Anthologie wärmstens empfehlen: »Africanfuturism«, für das Online-Literaturmagazin Brittle Paper herausgegeben von Wole Talabi. Sie enthält acht phantastische Kurzgeschichten, verfasst von einigen der derzeit wichtigsten SF-Autoren des Kontinents. Und das Beste: Sie wird kostenlos zum Download angeboten.

Der Ausdruck »Africanfuturism« wurde von der nigerianischen Autorin Nnedi Okorafor geprägt. Sie versteht darunter – im Unterschied zum afro-amerikanischen Afrofuturismus – Science-Fiction, die ihre Wurzeln in Afrika hat und von Afrikanerinnen und Afrikanern geschrieben wurde.

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Der Zeitreisende, der zu spät kommt

Die Wahrheit über den Kennedy-Mord. Oder auch nicht. Zeitagent Calvin ist in im November 1963 in Dallas.

Das Bühnenbild meiner Second-Life-Lesung dieser Kurzgeschichte im Oktober 2016. Die Szenerie zeigt meinen Avatar am Tatort.

Zeitagent Calvin eilte mit energischen Schritten die Houston Street entlang. Er war spät dran. Der Absetzzeitraum war dieses Mal besonders eng gewesen, und er hatte noch ein gutes Stück laufen müssen, um zu seinem Einsatzort zu kommen. Immer wieder musste er Schaulustigen ausweichen, die wie er hier waren, um den Präsidenten zu sehen. Im Unterschied zu ihnen wusste Calvin, dass hinter einem der Fenster in dem großen Backsteingebäude, an dem er jetzt vorbeihastete, ein Attentäter wartete und in ein paar Minuten tödliche Schüsse auf John F. Kennedy abgeben würde.

Calvins Auftrag: Er sollte das Attentat, das ein Jahrhundert danach noch immer zu den Traumata der amerikanischen Nation zählte, im Bild festhalten. Es gab zwar jede Menge Bildmaterial, aber es war alles von miserabler Qualität. Calvin fand das unschicklich, aber Auftrag war Auftrag. Die Techniker der Zeitagentur hatten ihn mit ihrem neuesten Hightech-Gerät ausgestattet, das ihm, als schwerer Fotoapparat getarnt, um den Hals hing und bei seiner beschleunigten Gangart im Rhythmus seiner Schritte gegen den Bauch prallte.

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Den kann man so weglesen

»Vakuum« heißt der neue Roman von Phillip P. Peterson. Er ist so, wie seine Fans es erwarten.

Phillip P. Peterson: »Vakuum«. Fischer Tor 2020. 496 S. ISBN: 978-3-596-70074-5

Dicke Schwarten sind nicht so mein Fall, und Phillip P. Petersons neuster Roman »Vakuum« hat mit fast 500 Seiten das Limit schon überschritten. Aber ich war neugierig, wie der Autor das Thema angegangen ist, nachdem ich darüber einen Online-Beitrag der »Galaktischen Buchmesse« gehört hatte, und weil das Buch schon auf dem Stapel »unverlangt eingesandt« lag, habe ich zu lesen angefangen.

Der Hintergrund ist bedrohlich: Nach der Quantenfeldtheorie wäre es jederzeit möglich, dass das Vakuum zerfällt und sich alle Materie auflöst. Peterson hat sich nun ausgemalt, wie es wäre, wenn so etwas tatsächlich passiert, und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern bald, in ein paar Jahren.

Der Roman beginnt wie viele Hollywood-Blockbuster: Eine amerikanische Physikerin, Susan Boyle, macht eine verstörende Entdeckung, dann rast offenbar ein außerirdisches Raumschiff fast mit Lichtgeschwindigkeit durchs Sonnensystem, sendet eine Botschaft, und in Washington tritt ein Krisenstab beim US-Präsidenten zusammen. Im Unterschied zu den Blockbustern wird sofort auf die Warnung der Wissenschaftler gehört, weil alles zusammenzuhängen scheint, und ein unglaubliches Vorhaben in Angriff genommen, größer als das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg: Binnen zwei Jahren soll ein riesiges Raumschiff gebaut werden, damit ein kläglicher Rest des amerikanischen Volkes, 1500 Menschen, rechtzeitig vor dem sich unaufhaltsam mit fast Lichtgeschwindigkeit nähernden Vakuumzerfall und damit vor dem Ende aller Materie fliehen kann.

Ritt auf der Atombombe

Peterson, gelernter Raumfahrtingenieur, hat sich für den Start seines Raumschiffs, das den bezeichnenden Namen »Mayflower« (wie das Auswandererschiff, mit dem die »Pilgerväter« 1620 nach Amerika kamen) trägt, einen Antrieb ausgesucht, der schon in den 1950- und -60er Jahren im sogenannten Orion-Projekt konzipiert wurde: Beim nuklearen Pulsantrieb wird der Vortrieb durch eine rasche Folge kleiner Atombombenexplosionen erzeugt. Der Startplatz liegt übrigens in der berühmt-berüchtigten Area 51 (und auch in der fiktiven Romanwelt gibt es dort keine Ufos).

Ist das Schiff im All, wird es von einem Fusionsantrieb fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, der mit interstellaren Wasserstoff arbeitet und deshalb keinen Treibstoff von der Erde mitnehmen muss. Auch dabei greift Peterson auf Ideen aus den 1960er Jahren zurück, die allerdings noch mehr Gedankenspiel sind als der Ritt auf der Atombombe. Diese Technik gibt es immerhin schon, und man weiß seit Hiroshima leider, dass sie funktioniert.

Phillip P. Peterson beim Medikon im August 2016 in Oldenburg.

Der Roman hat drei Handlungsstränge, von denen sich zwei gelegentlich berühren und überschneiden. Darin begleiten wir Susan Boyle, die ebenso zum weiteren Beratungsstab des Präsidenten gehören wie der amerikanische Astronaut Colin Curtis, der gerade im Begriff war, auf dem Mond zu landen, als wegen des Alien-Raumers die Landung abgeblasen wurde und er zur Erde zurück musste. Diese beiden Hauptprotagonisten sind bei dem eigentlichen Projekt Nebenfiguren, denn sie sind nicht unmittelbar an der Entwicklung und dem Bau des Raumschiffs beteiligt. Sie dienen dem Autor dazu, die moralischen und ethischen Aspekte des Vorhabens anzusprechen. Außerdem müssen sie sich mit privaten Problemen auseinandersetzen: Susan hat eine demente Mutter, die in einem Pflegeheim lebt, und bei Colin, einem ausgemachten Weiberheld, dreht sich alles um die verkorkste Beziehung zu seiner Frau.

Geschichte in der Geschichte

Die dritte Handlungsebene ist eine eigene Geschichte in der Geschichte. Er spielt in einem offensichtlich künstlichen Habitat, einem riesigen Hohlzylinder, in dem ein auf ein vortechnisches Niveau zurückgeworfener Stamm von einigen Hundert Menschen lebt. Es ist offensichtlich, dass das mit dem Raumschiffprojekt zusammenhängt, aber wie genau, erfahren wir erst ganz zum Schluss (der genügend Ansätze für eine Fortsetzung bietet).

Gut gefallen hat mir, dass Peterson den erzählerischen Schwerpunkt nicht auf den Bau des Raumschiffs an sich gelegt hat, sondern Susan und Colin und damit soziale und moralische Fragen in den Mittelpunkt stellt. Dabei gelingen ihm sehr eindringliche Schilderungen, in denen der Leser mitfiebern kann. Dramaturgische Höhepunkte des Romans sind für mich die Szene, in der der Präsident und sein Stab über die angemessene Antwort auf einen nordkoreanischen Atombombenangriff auf die USA diskutieren, und die Reaktion des US-Präsidenten auf den Versuch einer Gruppe von Arbeitern, einen Platz an Bord des Generationenschiffs zu erpressen. Allerdings ist die Perspektive des Romans zu sehr auf den »inneren Zirkel« beschränkt. Was draußen in der Welt passiert und wie die Menschheit auf das bevorstehende Ende reagiert, wird nur sporadisch, wenn auch in erschreckender Brutalität, wahrgenommen.

Verdächtig viele (alte) weiße Männer

Was »Vakuum« völlig fehlt, ist Diversität. Das komplette Personal ist wahrscheinlich weiß und nach den Namen zu urteilen von angloamerikanischer Herkunft; alle entscheidenden Figuren sind Männer. Nun müssen die Protagonisten nicht, nur weil es in manchen Kreisen gerade in ist und vehement verlangt wird, unbedingt People of Color und sexuell divers sein, im Rollstuhl sitzen oder tätowiert sein, aber die gesellschaftliche Realität sollte schon erkennbar sein. Jeder, der schon mal eine Übertragung der Nasa verfolgt oder Raumfahrt-Dokus im Fernsehen gesehen hat, weiß, dass bei solchen Projekten ganz viele Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft mitwirken, was man schon an ihren Namen erkennt. Im ganzen Roman kommen – als absolute Nebenfiguren – nur ein ausdrücklich so bezeichneter Afroamerikaner und eine Latina (was ich aus deren Namen, Gonzales, folgere) vor. Das ist beschämend wenig.

Mein Resümee: Ich habe »Vakuum« fast in einem Zug durchgelesen. Der Roman ist keine schwere Kost, sondern bietet technikaffinen SF-Fans locker geschriebene konventionelle und zum Teil fesselnde Unterhaltung in der Tradition eines James P. Hogan oder Gregory Benford und ein bisschen des deutschen Ingenieurromans. Das ist das, was seine Fans von Peterson erwarten.

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Wie wir »zu den Sternen« kamen

»Ad Astra« ist ein beliebter Gruß in der Science-Fiction-Szene. Woher kommt er eigentlich?

Viele SF-Fans verwenden in ihren E-Mails und Briefen (die werden angeblich gelegentlich auch noch geschrieben) die lateinische Grußformel »Ad astra«, auf Deutsch: »zu den Sternen«. Das geht offenbar auf Karl Heinz Biege, ein frühes Mitglied des Science Fiction Clubs Deutschland, (SFCD) zurück. Walter Ernsting (1920-2005), Gründer und Vorsitzender des SFCD, schrieb in einer kurzen Notiz in Nummer 4 des Fanzines ANDROmeda von 1956: »Herr Biege schlug als Gruß der SFCD-Mitglieder unter sich die Worte: AD ASTRA vor. Dieser Vorschlag fand die Zustimmung vieler Freunde, so daß ich getrost darum bitten darf: AD ASTRA, Freunde! Zu den Sternen! Damit ist alles gesagt.«

Damit wurde »Ad astra« praktisch zur offiziellen Schlussformel des SFCD und seiner Mitglieder. Woher Karl Heinz Biege (1922-1998), der als Clyde Morris zwischen 1957 und 1962 sechs SF-Leihbücher schrieb, die Anregung hernahm, ist unbekannt; Ernsting ging darauf nicht ein. 1957 übernahm Wolfgang Jeschke (1936-2015) den Gruß als Titel für das kurzlebige, sehr vorstandskritische Mitteilungsblatt für die SFCD-Landes- und Städtegruppen, die sich inzwischen gebildet hatten.

Von Vergil oder Seneca übernommen

Redewendungen mit »ad astra« waren und sind weit verbreitet. Sie gehen entweder auf den römischen Dichter Vergil – »sic itur ad astra« («So reist man zu den Sternen«) aus dem Aeneas-Epos – oder auf Seneca – »non est ad astra mollis e terris via« («Es gibt keinen leichten Weg von der Erde zu den Sternen«), meist zu »per aspera ad astra« («durch das Raue zu den Sternen«) verändert und verkürzt – zurück.

Die einzelnen Verwendungen meist in abgeleiteter Form als Motto hier aufzulisten, würde zu weit führen. Adelsgeschlechter, staatliche Einrichtungen und Firmen haben es gewählt. Klar ist jedenfalls, dass der Spruch ursprünglich nichts mit Raumfahrt oder Science-Fiction zu tun hatte, sondern mit Erfolg, Ruhm und Ehre. In der Antike wurden Helden schon mal als Sternbilder am Himmel verewigt, so wie Herkules, um den es in Senecas Tragödie »Hercules furens« geht. Der Traum, wirklich zu den Sternen zu reisen, gewann erst ab den 1920er Jahren allmählich Gestalt, als in Deutschland und den USA die ersten Versuche mit weltraumtauglichen Raketen unternommen wurden.

Ein früher SF-Roman aus Triest

Das erste Mal im Zusammenhang mit (fiktiver) Raumfahrt taucht »Ad Astra« Ende des 19. Jahrhunderts auf. 1898 wurde in Mailand ein Zukunftsroman mit dem Titel »Ad Astra. Fantasia dell‘avvenire« (deutsch: Zu den Sternen. Fantasie der Zukunft) herausgegeben. Er war von Antonio de‘ Bersa (1827-1905), Chefredakteur der in Triest erschienenen Zeitung L‘Osservatore Triestino, verfasst worden und erstmals 1884 als »Giustina Cartoni: Fantasia dell‘avvenire« in Triest erschienen. In dem Roman geht es um den Versuch der vereinten Menschheit, den Mond zu erreichen. 2017 gab es eine Neuauflage (Verlag Zona 42, ISBN 978-8898950133). Übersetzt worden ist der Roman offenbar nie.

Fest mit dem SF-Fandom verbunden ist das Motto durch die 1934 gegründete Los Angeles Science Fantasy Society, den ältesten bestehenden SF-Fanclub. Sie hat sich das Motto »De profundis ad astra« (»Aus der Tiefe zu den Sternen«) gegeben und das auf ihrem 1940 eingeführten Wappen durch ein Mikroskop und ein Raumschiff symbolisiert. Ob der erste Teil des Mottos einen Bezug zu Psalm 130 aus der Bibel hat, der in seiner lateinischen Fassung aus dem 4. Jahrhundert mit »De profundis clamavi ad te Domine« beginnt, erscheint naheliegend, ist aber nicht zu klären. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eher, dass Forrest J. Ackerman (1916-2008), seinerzeit die treibende Kraft in der Los Angeles Science Fantasy Society, ein Freund Walter Ernstings und frühes Mitglied des SFCD war.

  • Die Urfassung dieses Beitrags erschien ursprünglich in »Paradise 110«, dem Fanzine des Terranischen Clubs Eden (TCE).