Sogar an den Heftklammern wurde gespart

»Die bunten Hefte« des Henri Nannen Verlags waren ein typisches Produkt der frühen Nachkriegszeit. Heft 2 handelt von der Entdeckung Amerikas.

Gestern ist mit der Post ein Neuzugang zu meiner umfangreichen Columbus-Sammlung ins Haus geflattert: »Columbus entdeckt Amerika« von Herbert Kretschmer ist ein 1948 als Nr. 2 erschienenes Werk aus der Reihe »Die bunten Hefte«, herausgegeben vom Henri Nannen Verlag Hannover. Das Heft im Din-A-5-Format hat 32 Seiten und kostete 40 (Reichs-) Pfennig; das Heft erschien vor der Währungsreform vom Juni 1948.

Typisch für ein Druckerzeugnis aus der Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die einfache Ausstattung. Das Papier ist dünn und holzhaltig. Sogar an der Heftklammer wurde gespart: Die 16 Bögen plus Umschlag werden nur durch eine Heftklammer zusammengehalten. Mein Heft ist für sein Alter – mehr als 70 Jahre – noch gut in Schuss. Es hat ein farbiges Titelbild, das zwei nackte Eingeborene zeigt, die die Ankunft der spanischen Schiffe beobachten. Zeichner war Günter Schulz, der auch mehrere Innenillustrationen beisteuerte.

Behandelt wird die Lebensgeschichte von Christoph Columbus und dessen erste Amerikareise, wie mir nach der ersten Sichtung scheint weitgehend auf den anerkannten Quellen beruhend und frei von Legenden. Kretschmer legt sich bei der Herkunft des Entdeckers korrekt auf die italienische Hafenstadt Genua fest, vermeidet es allerdings, das damals auch unter Historikern ungeklärte Alter des Columbus zu nennen. Der Seefahrer kommt insgesamt zu gut weg, wird von Kretschmer als »gelehrter Forscher« idealisiert, der »Vorschläge für spätere friedliche Missions- und Kolonisationsarbeit« macht und dem »[j]ene blinde Goldsucht späterer Conquistadoren… fremd« sei. Darauf kann man nur kommen, wenn man beim Lesen von Columbus‘ Aufzeichnungen mindestens ein Auge zudrückt.

Über den Verfasser habe ich nichts herausgefunden Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet zwölf Werke unter »Kretschmer, Herbert (Verfasser)«, wobei es sich aber offensichtlich um mindestens zwei Personen handelt. Vier Titel lassen sich dem Verfasser der Columbus-Geschichte zuordnen, denn sie behandeln thematisch ähnliche Themen und passen auch zeitlich: »Ein Leben für Afrika« (Kaufmann-Verlag Lahr, 1951) etwa handelt von David Livingstone, dem Afrika-Forscher.

Nach Heft 11 eingestellt

Auf Seite 31 zu finden ist das geplante Programm der »bunten Hefte«, die dem Leser »dramatisch bewegte Erzählungen, in deren Mittelpunkt das Leben der großen Förderer und Helfer der Menschheit steht«, versprechen. Als Nr. 1 wird »Kampf um den Südpol« von Stefan Zweig genannt. Angekündigt wurden 15 weitere Titel, unter anderem der »Kampf ums Matterhorn« von Eugen Roth und »Amundsen erobert den Nordpol« von Paul Alverdes, beides etablierte Schriftsteller, die nicht für den Massenmarkt schrieben. Sogar ein Beitrag von Theodor Heuß, der 1949 zum ersten Bundespräsidenten gewählt wurde, wurde angekündigt, aber nie veröffentlicht. Aus dieser Liste sind nur fünf Hefte erschienen, davon einige mit anderen Titeln. Insgesamt kamen elf Hefte auf den Markt, ein zwölftes wurde angekündigt. Dann wurde die Reihe vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt, ein Schicksal, dass die »bunten Hefte« mit vielen Heftreihen teilten.

Die letzten drei Hefte erschienen im Alpha Verlag, Alfeld. Der Wechsel steht möglicherweise im Zusammenhang mit der Gründung der Illustrierten »Stern« durch Nannen, deren erste Ausgabe am 1. August 1948 auf dem Markt kam. Über den Verleger besteht eine unerwartete Verbindung zu meiner Wahlheimat Ostfriesland: Henri Nannen wurde in der ostfriesischen Hafenstadt Emden geboren und hat seiner Heimatstadt seine umfangreiche Kunstsammlung geschenkt, die seither in der Emder Kunsthalle gezeigt wird.

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Die Inka drehen den Spieß um

Laurent Binets »Eroberung« ist eine Alternativweltgeschichte vom Feinsten. Darin stirbt Kolumbus auf Kuba, und Martin Luther wird umgebracht.

Laurent Binet: Eroberung (übersetzt von Kristian Wachinger). Rowohlt-Verlag, Hamburg. 384 S., gebunden. 24 Euro. ISBN 978-3-498-00186-5 (gibt es auch als Taschenbuch und E-Book). Links das Cover der Rowohlt-Ausgabe, rechts das Cover der Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg.

Ich bin mir nicht sicher, wo ich »Eroberung« von Laurent Binet einordnen soll. Es ist eine Alternativweltgeschichte, in der die Inka halb Europa erobern, und könnte ins Science-Fiction-Regal. Oder das Buch kommt in meine »Entdeckung und Eroberung Amerikas«-Bibliothek, denn immerhin kommen Kolumbus und einige der übrigen Protagonisten jener Epoche darin vor. Ich könnte es aber auch ins Regal mit der schönen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts stellen. Man sieht, es ist ein vielfältiges Buch.

Der Roman besteht aus vier großen Teilen und einigen eingeschobenen kleinen Abschnitten. In Teil 1 wird »Die Saga von Freydis Eriksdottir« neu erzählt. Freydis war in unserer Welt eine herrschsüchtige und gewalttätige Wikingerfrau, die um das Jahr 1000 mit einer Gruppe Männer und Frauen den Versuch machte, an der Küste Nordamerikas eine Siedlung zu gründen. Nach einem Streit unter den Kolonisten mit mehreren Toten kehrte Freydis nach Grönland zurück. Bei Laurent entscheidet sich Freydis aus Furcht vor Strafe anders und bleibt in Amerika. Sie zieht mit ihren Anhängern von Neufundland nach Süden bis ins heutige Mexiko.

Das hat weitreichende Folgen, wie Christoph Kolumbus und seine Leute knapp 500 Jahre später zu spüren bekommen. Die Indios haben von den Wikingern die Kunst der Eisenverarbeitung gelernt, sind gut bewaffnet und verfügen über Pferde. Sie können sich wehren und tun das auch mit aller Entschlossenheit. Wie seine Expedition vor allem wegen der Goldgier der Spanier scheitert, schildert Kolumbus in seinem Tagebuch.

Atahualpa entkommt übers Meer

In Europa erfährt niemand davon. Kolumbus verbringt seine letzten Lebensjahre in einem Dorf auf Kuba. Dorthin verschlägt es knapp 40 Jahre später den entmachteten Inka-Herrscher Atahualpa und dessen Truppen auf der Flucht vor seinem Bruder und Mitregenten Huascar (in unserer Welt besiegte Atahualpa seinen Bruder). Als Huascars Truppen einen Angriff auf Kuba vorbereiten, gelingt es Atahualpa, die dort gestrandeten Schiffe der Spanier flottzumachen und über das Meer zu entkommen.

Die Inka landen an der Westküste der iberischen Halbinsel. Geschickt gelingt es Atahualpa, die innereuropäischen Streitigkeiten und Rivalitäten zu nutzen, um als Fremder mit einer kleinen Streitmacht zu überleben. Er gewinnt immer mehr Einfluss auf die für ihn »Neue Welt«, unter anderem durch eine Landreform und religiöse Toleranz bzw. Assimilation. Dabei begegnet er einer Reihe historischer Figuren, darunter Martin Luther. Der Reformator kommt in den Atahualpa-Chroniken nicht gut weg. Er ist ein Judenhasser und Frauenverächter und wird von aufgebrachten Bauern umgebracht. Atahualpas Stern sinkt, als eine neue Macht auf den Plan tritt, die aus einer unerwarteten Richtung kommt. Er wird in Florenz in eine Falle gelockt und ermordet.

Im vierten Teil wird das gemeinsame Schicksal des Schriftstellers Cervantes und des Malers El Greco geschildert. Beide lebten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Was passiert, will ich hier nicht verraten, damit es spannend bleibt. Leider muss ich mir deshalb verkneifen, eine böse Pointe zu erzählen, die etwas mit dem Louvre in Paris zu tun hat.

Diese knappe Inhaltsangabe kann nicht annähernd den Gehalt dieses Romans wiedergeben. Binet erzählt die Eroberungsgeschichte vor allem am Anfang mit vielen Parallelen zu den wirklichen Ereignissen, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die Inka drehen den Spieß um. So legen sie einen Hinterhalt, nehmen Karl V., König von Spanien und deutscher Kaiser, als Geisel und nutzen dessen Tod, um ihre Machtposition auszubauen. Genauso machten es die Pizarro-Brüder im Inka-Reich, mit einem Unterschied: Atahualpa wurde 1533 von den Spaniern ermordet, Karl stirbt in dem Roman bei einem Fluchtversuch.

Atahualpa und sein Gefolge werden in Teil VI von Theodor de Brys Werk »America«, das 1595 erschien, dargestellt. So ähnlich könnte der Inka auch im fiktiven Spanien aufgetreten sein.

Plausible Alternativweltgeschichte

Die besondere Wirkung erzielt der Roman nicht nur durch die durchdachte und plausible Alternativweltgeschichte, die an vielen Stellen zeigt, wie sehr bestimmte politische und gesellschaftliche Konstellationen der frühen Neuzeit bis heute nachwirken und wie es besser hätte laufen können. Dass als Ergänzung zu den Atahualpa-Chroniken ausgerechnet Thomas Morus, der »Erfinder« der Utopie, in Erscheinung tritt, ist sicher kein Zufall.

Es ist auch die Erzählweise, die das Buch auszeichnet. In allen Teilen ahmt Binet den jeweiligen zeitgenössischen Stil nach. Von Freydis wird wie in einer nordischen Saga erzählt, Columbus‹ fiktives Tagebuch entspricht seinem berühmten »Bordbuch«, und »Die Atahualpa-Chroniken« ähneln den Berichten, die spanische Chronisten über die Eroberung des Azteken- und des Inkareichs im 16. Jahrhundert verfassten.

Wer sich in der Materie auskennt, hat doppelten Spaß an den vielen Anspielungen, die Binet einstreut. Zum Beispiel ist Pedro Pizarro im Roman einer der ersten Spanier, die sich Atahualpa in Europa anschließen. In unserer Welt war Pedro Pizarro Augenzeuge und Chronist der spanischen Eroberung Perus. Der ermordete Atahualpa, Entdecker seiner „Neuen Welt“, wird in der Kathedrale von Sevilla beigesetzt – statt, wie in unserer Welt, Kolumbus.

Dieser tiefgründige Roman liefert einen unterhaltsamen Beitrag zur Postkolonialismus-Debatte. Sein einziges Manko ist ein unglaubwürdiger erzählerischer Kniff: Die Inka, die überhaupt keine Ahnung von Schiffbau und Hochseenavigation haben, machen innerhalb kurzer Zeit zwei gestrandete spanische Karavellen, die 40 Jahre lang auf dem Trockenen vor sich hin gammelten, flott, bauen sogar ein Schiff nach und erreichen schließlich ohne große Probleme Lissabon. Darüber muss man sehr großzügig hinwegsehen, sonst kann man den großartigen Rest vergessen.

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Propaganda für einen Schein-Heiligen

Ein Franzose setzte sich für die Heiligsprechung von Christoph Columbus ein. Dafür brachte er ein opulent ausgestattetes Buch auf den Markt.

Katholische Propaganda: Das Buch »Christoph Columbus« von Antoine François Félix Comte de Roselly de Lorgues in der Übersetzung von Philipp Laicus.

Vor einiger Zeit habe ich meine umfangreiche Bibliothek zu Christoph Columbus durch ein besonders opulentes Exemplar erweitert: Die deutsche Ausgabe von »Christophe Colomb« von Antoine François Félix Comte de Roselly de Lorgues aus dem Jahr 1888. Die Übersetzung stammt von Philipp Laicus (Pseudonym von Philipp Wasserburg, einem radikal-katholischen Schriftsteller), auf den ich am Ende noch ein wenig eingehen werde, weil er einen utopischen Roman verfasst hat.

Das gewichtige, großformatige Buch (2,5 Kilo, 19,5 x 28,8 cm) ist mehr als üppig ausgestattet. Es ist ist rotes Leder eingebunden. Titelbild und Rücken sind mit vergoldeten Reliefs versehen. Der Buchblock hat einen Goldschnitt. Die mehr als 500 Seiten haben alle unterschiedliche Randillustrationen. Soweit ich das nach Internetrecherchen urteilen kann, hat der schweizerisch-deutsche Verlag (Benzinger & Co. in Einsiedeln/Waldshut) die Ausstattung originalgetreu übernommen. Das Original ist 1879 bei Victor Palmé in Paris 1879 erschienen.

Das Besondere an dem Buch ist allerdings nicht allein die kostbare Ausstattung, sondern der Anlass seiner Veröffentlichung. Vor der 1892 anstehenden 400-Jahr-Feier der »Entdeckung« gab es in katholischen Kreisen Bestrebungen, Columbus heilig sprechen zu lassen: Er habe dafür gesorgt, dass das Evangelium den Weg in neue Länder fand und Millionen von Menschen zu Jesus Christus führten. Roselly de Lorgues (1805–1898) war einer der treibenden Kräfte. Er hatte sein Leben diesem Ziel gewidmet. Columbus habe, heißt es in seinem Vorwort, »den Raum der Erde verdoppelt und das Werk des Schöpfers für uns vervollständigt«.

Jede Textseite des Buches hat einen reich illustrierten Rahmen.

Unterstützt von Papst Pius IX.

Ein Unterstützer des französischen Adeligen war Papst Pius IX. (1792-1878). Im Buch wird unter einem Porträt des Kirchenoberhaupts aus einem Brief an Roselly de Lorgues als einem »Zeugnis, welches der heilige Papst Pius IX. für den evangelischen Eifer des Christoph Columbus abgelegt hat“, zitiert.

Aus der Heiligsprechung (Kanonisation) wurde nichts. Columbus war kein Märtyrer und hatte auch keine Wunder bewirkt, was für einen Heiligen das Mindeste ist. Auch für eine Seligsprechung (Beatifikation) reichte es nicht. Schuld war unter anderem Columbus’ Lebenswandel. Der Entdecker war nicht nur für Gräueltaten an einheimischen Taino verantwortlich, sondern lebte vor seiner Amerikareise in wilder Ehe mit Beatriz de Arana und hatte mit ihr einen unehelichen Sohn, Fernando (was Ende des 15. Jahrhunderts allerdings niemand gestört zu haben schien). Dennoch forderte Papst Leo XIII., der Nachfolger von Pius IX., 1892 in der Enzyklika Quarto abeunte saeculo alle Geistlichen in Spanien, Italien und beiden Amerikas auf, zu jedem Kolumbus-Tag (12. Oktober) eine besondere Messe für den Entdecker abzuhalten. Noch immer gibt es erzkonservative Katholiken, die die Heiligsprechung für legitim halten und Columbus von jeder Mitschuld an der Ermordung und Unterdrückung amerikanischer Ureinwohner freisprechen.

Verfasser eines utopischen Romans

Übersetzer Philipp Wasserburg (1827-1897) war als Student Mitglied eines radikalsozialistischen Arbeitervereins, beteiligte sich an der Revolution von 1848 und saß wegen kommunistischer Umtriebe im Gefängnis. Später machte er sich als radikaler katholischer und antipreußischer Publizist einen Namen. Er verfasste mehrere Romane, unter anderem 1891 »Etwas später«, eine als »Fortsetzung« bezeichnete scharfe Reaktion auf den utopischen Roman »Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887« des amerikanischen Reformsozialisten Edward Bellamy (1850-1898). Bellamys Roman wurde zum Bestseller (die letzte deutsche Ausgabe erschien 2013 bei Golkonda), Wasserburgs Antwort ist dagegen weitgehend vergessen (kann man hier online lesen).