Das Heft in der Hand

HeftromaneHeinz J. Galle: Volksbücher und Heftromane, Band 1. Der Boom nach 1945 — von Billy Jenkins bis Perry Rhodan. Hardcover (laminierter Pappband, Lesebändchen), 2. Auflage 2009, 278 S., 115 Abb., davon 52 ganzseitig in Farbe, Literaturverzeichnis, Register. 37,50 €  – ISBN 978-3-940679-21-5

Seit meiner lange zurückliegenden Jugend lese ich zur Unterhaltung Heftromane, von mir immer liebevoll als »Schundhefte« bezeichnet, allerdings nur Science-Fiction und dabei überwiegend »Perry Rhodan«. Über diese spezielle Literaturgattung hat der Sammler Heinz J. Galle vor einigen Jahren das dreibändige Werk »Volksbücher und Heftromane« verfasst, dessen erster Band sich mit dem für mich interessanten Zeitraum nach 1945 befasst. Als ich jetzt beim Dortcon in Dortmund war und dort an einem Stand das Buch sah, habe ich sofort zugegriffen, obwohl der Preis von 37,50 Euro recht ordentlich ist.

Ich will jetzt nicht weiter auf die editorischen Hintergründe für dieses Werk eingehen; das kann man besser auf der Seite von Verleger Dieter von Reeken nachlesen. »Volksbücher und Heftromane, Band 1« geht in zehn Kapiteln auf verschiedene Aspekte dieser Gattung ein. Drei Kapitel behandeln kursorisch die Situation in Österreich, in der Schweiz bzw. Luxemburg und in der DDR. In den übrigen Kapiteln geht Galle thematisch auf die veschiedenen Genres ein. Es geht los mit Western, es folgen Science-Fiction, Krimis, Kriegserlebnisse und Horror. Dazu gibt es zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen sowie 52 Farbtafeln, allesamt aus Galles Archiv.

Eines der ersten von mir gekauften Schundhefte war Perry Rhodan 448, erschienen am 20. März 1970.
Eines der ersten von mir gekauften Schundhefte war Perry Rhodan 448, erschienen am 20. März 1970.

Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Heftroman-Serie es seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben hat. Heinz J. Galle hat das akribisch recherchiert und kenntnisreich und mit spürbarer Leidenschaft beschrieben. Ebenso erstaunlich ist, wie viele Serien es auf nicht mehr als ein oder zwei Ausgaben gebracht haben, wie viele kaum Spuren hinterlassen haben. Dagegen stehen so Giganten wie »Jerry Cotton« (seit 1956), »Perry Rhodan« (seit 1961) oder »Der Landser« (1957—2013), die sich jahrzehntelang auf dem Markt gehalten und das ganze Genre geprägt haben.

Galles Werk bietet neben dieser großartigen Übersicht auch eine ganze Reihe von Ansätzen für Fragestellungen und (weitere) Forschungen auf diesem Gebiet. Als SF-Fan ist mir natürlich schon früher aufgefallen, dass einige der Serien durch Fans am Leben erhalten wurden, nachdem die Verlage sie eingestellt hatten (z. B. »Ren Dhark«, »Terranauten«). Dieses Phänomen gibt es bei anderen Genres nicht oder zumindest nicht in dem Maße. Sind also SF-Heftchenleser grundsätzlich anders als Krimileser und, wenn ja (wovon ich mal ausgehe), warum?

Ich möchte aber auch auf Schwächen des Buches hinweisen. Es ist ein sehr »männliches« Werk, die Welt der Liebes- und Arztromane und was sonst noch so überwiegend oder nur von Frauen gelesen wird, fehlt völlig. Das so zu handhaben, ist ja in Ordnung, aber man sollte zumindest erklären, warum man das macht. Die Frauenromane werden übrigens überraschenderweise in Band 3 behandelt, in dem es eigentlich um die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts geht.

Mir fehlt außerdem eine Definition des Begriffs »Heftroman«. Was ist das entscheidende Merkmal — die Vertriebsform (Heft) oder der Vertriebsweg (Zeitschriftenhandel)? Der Inhalt und die Urheberschaft sind es jedenfalls nicht, denn in den Groschenheften ist auch schon (gekürzte) Weltliteratur erschienen.

Für mich waren an »Volksbücher und Heftromane« zwei Aspekte besonders interessant:

  • der Blick auf die Stunde Null und
  • der Blick über den Tellerrand meines bevorzugten Genres SF.

Die Ausgabe von knapp 40 Euro hat sich gelohnt. Übrigens, die Verarbeitung und Ausstattung sind ihr Geld auch wert. Wer sich also ernsthaft mit dem Heftroman beschäftigen will, sollte sich das Buch zulegen. Und wenn ich irgendwo mal Band 2 oder 3 sehe, werde ich bestimmt zugreifen.

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