Pandemie und Krieg verderben die Leselaune

Der Verlag Peter Hopf hat die Neuauflage alter Science-Fiction-Heftromane als Taschenbuch eingestellt. Für manche ärgerlich, aber kein ungewöhnlicher Vorgang.

Das sind acht von elf Taschenbücher der »Hopf Autorenkollektion« des Verlags Peter Hopf.

Der Verlag Peter Hopf hat seine Autorenkollektion und die Hans-Kneifel-Gedenkedition mit Heftromannachdrucken deutscher Autoren aus den 60er-,70er- und 80er-Jahren eingestellt. Als Grund nannte der Verleger, dass »die Abonnementszahlen so deutlich zurückgegangen [sind], dass sich viele Projekte nicht mehr kostendeckend herstellen lassen«, das Ganze als Folge von Kaufzurückhaltung wegen Corona und des Ukrainekriegs. Die Mitteilung erreichte die Öffentlichkeit vergangene Woche. So mancher reagierte betroffen darauf.

Da nicht jeder das Angebot des Verlags kennt, hier einige Fakten. In der Gedenkausgabe zum zehnten Todestag von Hans Kneifel, der 2012 starb, sollten in drei Taschenbüchern die sechs Romane der Allround-Service-Kurzserie von 1970 in einer auf 222 Exemplare limitierten Neuausgabe erscheinen. Das klappte mit Band 1 (»Shindana – Welt aus Eisen«), der Rest wurde (vorerst) gecancelt.

In der »Hopf Autorenkollektion« sind in elf Taschenbüchern jeweils zwei Heftromane von fünf Autoren – Hans Kneifel, Hubert Haensel, Peter Griese, Falk-Ingo Klee und Uwe Anton – »behutsam überarbeitet« in gehobener Ausstattung neu herausgegeben worden. Weitere waren geplant. Die jüngsten Romane (z. B. »Friedensmusik« von Falk-Ingo Klee) sind etwa 40 Jahre alt, der älteste von Hans Kneifel (»Das Logbuch der Silberkugel«) erschien 1962 (das ist immerhin aus einer Zeit, als Kneifel noch nicht Romane wie am Fließband rausgehauen hat). Alle vertretenen Autoren gehören ins PERRY-RHODAN-Umfeld, alle Romane sind im Original in einer der drei TERRA-Reihen erschienen).

Alt, aber keine Klassiker

»Das Logbuch der Silberkugel« – das Original von 1962

Zu den einzelnen Romanen kann ich mich inhaltlich nicht äußern; ich habe keinen davon gelesen. Aber so viel kann ich beurteilen: Wohl keiner der in der Autorenkollektion veröffentlichten oder zur Veröffentlichung vorgesehenen Romane stach seinerzeit aus der Menge heraus und hat im Genre Spuren hinterlassen, sie sind also nichts, was man (damals) gelesen haben musste und was heute in keiner Sammlung fehlen sollte. Klassiker sind sie nur in dem Sinne, dass sie alt sind. Ein solches Angebot kann doch bloß eine sehr überschaubare Zahl von Fans ansprechen, Komplettsammler und (RHODAN-affine) SF-Nostalgiker.

Das Aus für die Autorenkollektion und die Gedenkedition ist selbstverständlich ärgerlich: für die Autoren oder deren Nachkommen (Kneifel und Griese sind schon tot), denn ihnen entgehen das Nachdruckhonorar und vielleicht ein wenig erneute Aufmerksamkeit; für die Leserinnen und Leser, die auf weitere angekündigte oder eventuelle künftige Ausgaben verzichten müssen. Aber ist das so schlimm? Ja, für die Käufer der Gedenkedition. Denen fehlen jetzt zwei Drittel der Kurzserie (es ist wohl nur ein schwacher Trost, dass man sich die Originalhefte für wenig Geld antiquarisch besorgen kann).

Allerdings, bei der Autorenkollektion handelt sich um einige beliebig (zumindest ist für mich als potenziellen Leser kein Konzept erkennbar) ausgewählte Romane; die Kollektion wäre immer unvollständig, egal ob sie nach elf oder 50 Ausgaben beendet wird. Gesamtausgaben waren ja wohl nicht geplant.

Kein ungewöhnlicher Vorgang

Ist es für den Verleger ärgerlich? Ich nehme ihm ab, dass er sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat und sich über den Misserfolg ärgert. Aber vor allem trennt er sich (hoffentlich für ihn rechtzeitig) von einem Verlustgeschäft und trägt allenfalls einen Imageschaden davon. Ungewöhnlich ist der Vorgang nicht. Die Zahl der überraschend eingestellten Heftroman- und Buchreihen in der SF-Branche ist Legion.

Wer sich ernsthaft mit deutscher SF aus dieser Zeit auseinandersetzen möchte, dem wäre besser mit einer Bibliothek ausgewählter Werke, einem Best-of gedient. Aber ein solches Unterfangen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Einmal davon abgesehen, dass es kaum möglich sein dürfte, alle Nachdruckrechte zu erhalten, und auch dafür der Abnehmerkreis überschaubar wäre: Wer könnte schon die editorische Mammutaufgabe meistern, »Die zwei Dutzend besten deutschen SF-Romane der 1970er Jahre« oder so auszuwählen? Freiwillige vor.

Wenn der Erlöser Jerry heißt

»Imperium Atlantis« von 1965 ist ein dilettantisch geschriebener SF-Heftroman. Aber es steckt mehr Gehirnschmalz darin, als zunächst sichtbar ist.

»Imperium Alpha« von Ernest G. Black erschien 1965 als Utopia Zukunftsroman. Das Titelbild ist von Rudolf Sieber-Lonati.

Ursprünglich wollte ich mich nur ein wenig über den »Schrott« aufregen, der früher als deutschsprachige Science Fiction in Heftenromanreihen wie Utopia oder Terra veröffentlicht wurde, nachdem ich »Imperium Atlantis« von Ernest G. Black gelesen hatte. Ich hätte von »Schulaufsatzniveau« und »Dilettantismus« geschrieben und als Kontrast auf die gleichzeitige Entwicklung der sogenannten New Wave in der britischen SF hingewiesen. Aber nach einigem Nachdenken bin ich zu einem differenzierterem Urteil zumindest über diesen Roman gekommen. Was zu diesem länger als geplanten Text geführt hat.

»Imperium Atlantis« ist 1965 als Nummer 446 in der Reihe Utopia Zukunftsromane des Rastattter Pabel-Verlag erschienen. Ich hatte ihn vor ein paar Monaten zusammen mit anderen Heftromanen aus einem Nachlass bekommen und wegen seines Titels ausgewählt, weil ich mich kürzlich einige Zeit (wegen der ab März 2022 erscheinenden Perry Rhodan-Miniserie Atlantis) mit dem Atlantis-Thema in der SF beschäftigt hatte. Der Titel ist allerdings irreführend. Atlantis kommt nur an zwei Stellen im Hintergrund vor und spielt für die Handlung keine Rolle.

Ernest G. Black ist laut der Internationalen Science-Fiction-Datenbank das Pseudonym von Ernst Schwarz. Über den Autor habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Er hat außer »Imperium Atlantis« offenbar nur einen weiteren Roman veröffentlicht, »Raumschiff des Todes«, der 1966 ebenfalls als Utopia-Heftroman und direkte Fortsetzung erschienen ist.

Drei Tote werden von Aliens entführt

Der Roman hat drei Teile:

  1. Drei Menschen, die zufällig zur exakt derselben Uhrzeit sterben, finden sich gemeinsam quicklebendig an Bord eines Raumschiffes der nichthumanoiden Pfuthars wieder. Jerry King ist ein junger Ingenieur, der auf offener Straße erschossen wird. Samuel Connory ist ein mutmaßlicher Mörder, der auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wird. Corinna Banthorpe stirbt an Leukämie. Die Aliens wollen die Erde unterwerfen und mit Hilfe der drei Entführten deren Schwächen herausfinden, ›»um einen Ansatzpunkt für eine humane Vernichtung zu finden« (S. 15). Nach außen hin werden Jerry, Samuel und Corinna wie geduldete Gäste behandelt. Sie dürften sich frei auf dem Schiff bewegen. Als Schicksalsgemeinschaft planen sie die Flucht, auch auf die Gefahr hin, ihr Leben zu verlieren, als das Raumschiff der Pfuthars angegriffen wird und auf einem fremden Planeten abstürzt.
  2. Jerry, Corinna und Samuel können sich in die Dunkelheit der Nacht retten, bevor das Alien-Raumschiff explodiert. Dabei werden sie getrennt, die Schicksalsgemeinschaft zerbricht. Jerry und Corinna (die im Laufe des Romans bis zur Unsichtbarkeit verblasst) treffen auf Armon, den Anführer der Atelianen. Sie gehören zum menschenähnlichen Volk der Mendas, das in einer zum Teil hochtechnisierten Welt lebt, aber kulturell auf ein vormodernes Niveau gesunken ist. Die Mendas können die Jahrtausende alte Technik nutzen, verstehen sie aber nicht. Armon hält Jerry für den GROSSEN, der seinem Volk laut einer Prophezeihung den Weg in den durch einen energetischen Schutzschirm versperrten Tempel des Atelian öffnen soll. Samuel dagegen wird von den Gegenspielern der Atelianen, den Soobkaa-Priestern, aufgelesen und zu deren Oberhaupt Mortos (lateinisch mortus = tot) gebracht. Die Soobkaa bewachen den Tempel des Atelian und wollen den Status quo bewahren. Samuel wird im Dialog mit Mortos als (zukünftiger) Gegner Jerrys eingeführt und der Leser schon mal auf die Fortsetzung des Romans eingestimmt. Samuel wird vorgeschickt, um Jerry von seinem Vorhaben abzubringen; dieser hält aber unbeirrbar daran fest.
  3. Jerry kann die Sperre zum Tempel Atelians überwinden. Er entdeckt, dass es sich um einen Großcomputer handelt, gesteuert von dem ins Gigantische gewachsenen Gehirn seines Erbauers Atelian. Dieser verrät ihm den Großen Plan: Die von den Pfuthars besiegten, der zunehmenden Degeneration ausgelieferten Mendas schickten ein Kolonistenschiff mit dem Namen »Atlantis« (eine Ableitung von Atelian) los, das die unbewohnte Erde ansteuerte. Die Nachkommen der Auswanderer sollten in ferner Zukunft die dann (hoffentlich) dekadenten Pfuthars besiegen und die Vormachtstellung der Mendas in der Galaxis, angeführt von dem GROSSEN, wiederherstellen. Jerrys Ermordung und Entführung durch die Pfuthars waren Teil des Plans (Samuel und Corinna waren nur »Beifang«). Jerry erfährt weiter, dass die Mendas nicht nur ein Schiff aussandten, sondern es »mehrere Tausend Rassen [gibt], die von uns Mendas abstammen. Ihr Menschen seid nur eine davon«. (S. 55) Um seine Aufgabe erfüllen zu können und den Großen Plan zu vollenden, steht für Jerry nicht nur eine Armee von hunderttausend Robotern auf jedem Planeten bereit, sondern durch eine biologische Behandlung soll sein Alterungsprozess um das Hundertfache verlangsamt werden. Das dürfte in »Raumschiff des Todes« mit dem Untertitel »Imperator Jerkin greift ein« vertieft worden sein ( den Inhalt kenne ich nicht); womöglich war sogar mehr als eine Fortsetzung geplant.

J wie Jesus

Der Roman wird chronologisch überwiegend in personaler Erzählweise aus der Perspektive verschiedener Protagonisten, hauptsächlich Jerry King, erzählt. Eingestreut sind immer wieder einzelne Sätze oder Abschnitte in auktorialer Erzählweise, die zum Teil durch Einrückung optisch vom übrigen Text abgesetzt sind. Der Leser erfährt deshalb schon auf der ersten Seite, dass es einen Großen Plan gibt, in dem Jerry King eine wichtige Rolle spielt. Handlungsorte sind zunächst die Erde, genauer gesagt die USA, mit den drei Sterbeorten von King, Connory und Banthorps, dann das Raumschiff der Pfuthars sowie der Planet der Mendas mit mehreren Schauplätzen.

Ernest G. Black nimmt, und das hat mich überrascht, offensichtlich Bezug auf die Bibel und die christliche Heilslehre. Jerry King ist der Erlöser, der Heilsbringer, auf den die Medas gewartet haben. Der Name ist sicherlich mit Bedacht gewählt. Jerry, die Kurzform von Jeremia, ist der Name eines Propheten und bedeutet soviel wie »von Gott erhöht«. Der Name fängt mit dem selben Buchstaben wie Jesus an. Auch der Nachname verweist auf Christus: Jesus sei »König der Könige und Herr der Herren«, heißt es in der Offenbarung 19,16. Wie Jesus wird Jerry in aller Öffentlichkeit umgebracht und steht von den Toten auf, um seiner Bestimmung (die Vollendung des Großen Plans) zu folgen: »Der GROSSE soll uns dann mit Hilfe Atelians wieder zu Macht und Wohlstand fühlen.« (S. 28) Das ist eine originelle Version der alien abduction, der Entführung durch Außerirdische.

Auch Samuel, der künftige Gegenspieler Jerrys, trägt einen biblischen Namen und ist wie dieser ein Prophet. Armon{i] ist ebenfalls ein Name, der in der Bibel vorkommt.

Ungereimtheiten, Anschlussfehler und Plot Holes

Erzählerisch und stilistisch ist der Roman nicht überzeugend. Die Figurenzeichnung ist mehr als dünn. Es gibt eine ganze Reihe von Ungereimtheiten, Anschlussfehler und Plot Holes. Jerry weiß zum Beispiel, dass er erschossen wurde, obwohl das nach dem im Roman geschilderten Ablauf nicht möglich ist. Dann wissen die Mendas nicht, was Raumschiffe sind. Sie wissen allerdings, dass ihr Volk einmal »über viele Sterne« herrschte, und als Mortos erkennt, dass er King nicht stoppen kann, schickt er Samuel auf einen anderen Planeten des Sonnensystems, wo es (dummerweise) eine zweite Steuerzentrale für den Supercomputer gibt. Womit er fliegt wird nicht gesagt, aber vermutlich mit einem Jahrtausende alten Raumschiff. Dann weiß Atelian, obwohl er Jahrtausende im Tiefschlaf lag, was mit Atlantis, der Mendas-Kolonie auf der Erde, passierte. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wie es Atelian über eine Kluft von Tausenden Jahren gelingen konnte, minuziös den Attentäter, der King erschießt, zu steuern und die eigentlich überlegenen Pfuthars in den Großen Plan einzuspannen.

Das größte Manko ist, dass der Autor nicht merkt, wie er den sogenannten Großen Plan, der auf dem Erscheinen des GROSSEN fußt, selbst ad absurdum führt. Jerry King ist überflüssig. Er bringt überhaupt nichts mit, was ihn als Führer der neuen Mendas auszeichnet. Er ist ein völlig normaler Mensch Anfang Dreißig, der als fleißig, reaktionsschnell, willensstark bezeichnet wird, mehr nicht. Alles, was er für seine Rolle im Großen Plan braucht, bekommt er von Atelian: Tausende von besiedelten Planeten, Roboter, das gesammelte Wissen der alten Mendas, ein langes Leben. Aus dem mutmaßlichen Heilsbringer King wird ein Instrument Atelians. Jeder andere könnte diese Funktion genauso erfüllen, zum Beispiel die als recht ehrgeizig, aber auch wohl intrigant dargestellte Tochter Armons, Rhona.

Fazit: Insgesamt kann ich beim Urteil »dilettantisch« bleiben, ich würde aber die Bezeichnung »Schrott« zurückziehen. Die, wenn auch nur oberflächliche Anlehnung an die christlich Heilslehre und die Namen aus der Bibel lassen vermuten, dass in dem Roman konzeptionell doch einiges an Gehirnschmalz steckt. Allerdings kann der Autor diesen Ansatz nicht nutzen, und die Umsetzung schwächelt insgesamt ohnehin.

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Ein Pionier der Präastronautik

Das neue phantastisch! ist erschienen. Darin schreibe ich über den deutschen SF-Pionier Walter Ernsting alias Clark Darlton.

Walter Ernsting alias Clark Darlton gehörte zu den deutschen Science-Fiction-Pionieren. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der PERRY RHODAN-Serie. Aber er war auch ein Pionier der Präastronautik, lange bevor Erich von Däniken auf den Plan trat. Schon in seinem ersten Roman »Ufo am Nachthimmel« von 1955 (meine Rezension) geht es um Außerirdische, die vor langer, langer Zeit die Erde besuchten und Einfluss auf die Entwicklung früher Kulturen an. Ernsting pflegte intensive Kontakte zur Präastronautiker-Szene. Unter anderem war er mit Erich von Däniken befreundet.

Über dieses Thema habe ich einen Artikel geschrieben, der jetzt (Januar 2022) in Heft 85 des SF-Magazins phantastisch! erschienen ist. Ihr bekommt es im Bahnhofsbuchhandel (Verkaufsstellen) oder beim Atlantis-Verlag.

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