Begegnung mit Juri Gagarin

In Erfurt ist dem ersten Menschen im Weltraum ein Denkmal gesetzt worden. Die Monumentalplastik ist ein Werk von Lew Kerbel.

Meine erste Begegnung mit Juri Gagarin in Erfurt.

Vor zwei Wochen (Ende Juni 2021) habe ich Juri Gagarin in Erfurt einen Besuch abgestattet. Natürlich nicht ihm persönlich, denn der erste Mensch im Weltraum kam bereits 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. 1963 besuchte er Erfurt. Ihm zu Ehren wurde am 12. April 1986, am 25. Jahrestag seines Flugs, in der heutigen thüringischen Landeshauptstadt ein Denkmal aufgestellt. Zur feierlichen Enthüllung kam Siegfried Jähn, der erste Deutsche im All.

Das Denkmal steht in einer Grünanlage an der Ecke Juri-Gagarin-Ring und Krämpferstraße. Hinter ihm ragt ein großer Wohnkomplex elf Stockwerke hoch in den Himmel. Geschaffen wurde die überlebensgroße Büste von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel, Schöpfer heroisierender Monumental-Bronzeplastiken. Sein bei uns bekanntestes Werk dürfte der riesige, mehr als sieben Meter hohe Karl-Marx-Kopf in Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt) sein.

Wir logierten bei unserem zweiten Erfurt Besuch im gegenüberliegenden Radisson-Blu-Hotel. Mit 17 Etagen ist es das höchste weltliche Gebäude in der Stadt. Es wurde in den 1970er Jahren am Rande der Altstadt gebaut und hieß bis 1995 – wohl nicht von ungefähr – Hotel Kosmos. Es gab ein Restaurant »Galaxis«, und das Café hieß »Orbit«. Leider war davon im Hotel nichts mehr zu bemerken. Restaurant und Café konnten wir allerdings nicht besuchen, weil beide pandemiebedingt noch nicht wiedereröffnet worden waren.

Leider zu spät habe ich erfahren, dass es in Erfurt ein weiteres »Denkmal« für Gagarin gibt. An einem Haus am Juri-Gagarin-Ring gibt es ein großes Graffiti, das das schon fast ikonische Gagarin-Bild mit dem Raumhelm und der Aufschrift »CCCP« zeigt. Das sehen wir uns beim nächsten Erfurt-Besuch an.

Geschichtslektion mit ein paar Schönheitsfehlern

In »Kolumbus, der entsorgte Entdecker« geht es um den unfreiwilligen Jamaika-Aufenthalt des Seefahrers. Dabei spielt eine Mondfinsternis eine Rolle.

Wolfgang Wissler: Kolumbus, der entsorgte Entdecker.
Das Desaster des legendären Seefahrers.
Gebunden, 192 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-7776-2916-2
S. Hirzel Verlag, Stuttgart

Einen Roman über ein bedeutendes historisches Ereignis wie die Entdeckung Amerikas zu schreiben ist immer eine Gratwanderung. Der Leser weiß meistens zumindest grob, was passiert ist und kann nicht wirklich überrascht werden, und häufig fehlt den Dingen, die sich im wirklichen Leben abspielen, das, was einen Roman ausmacht: Spannung. Da hilft nur Fiktionalisierung, der Autor muss etwas erfinden. Wer nah an der historischen Wirklichkeit bleiben will, beschränkt sich auf Dialoge, andere dramatisieren vorhandene Konflikte, und manchmal werden Personen und Ereignisse komplett erfunden oder weggelassen. Dem Konstanzer Journalisten und Schriftsteller Wolfgang Wissler ist in seinem als literarisches Sachbuch bezeichneten Roman »Kolumbus, der entsorgte Entdecker« eine gute Mischung gelungen, an der es nur wenig auszusetzen gibt.

Wissler erzählt nicht die Geschichte der Entdeckung. Er widmet sich einem der letzten Kapitel im Leben des Entdeckers. Ende Juni 1503 strandete Kolumbus mit 116 Männern auf Jamaika. Seine letzten verbliebenen zwei von elf Schiffen, die Capitana und die Santiago de Palos, waren vom Schiffsbohrwurm zerfressen und nicht mehr seetüchtig. Er schickte mehrere Besatzungsmitglieder unter Führung von Diego Méndez in zwei Indianerkanus los, um aus der Kolonie auf der Insel Hispaniola Hilfe zu holen, was Gouverneur Nicolás de Ovando monatelang hinauszögerte. Die Spanier auf Jamaika waren in dieser Zeit auf die Unterstützung der Eingeborenen angewiesen, was zu Spannungen führte. Ein Teil der Besatzung meuterte Anfang 1504 unter der Führung von Francisco de Porras und dessen Bruder Diego und zog marodierend über die Insel, nachdem es ihnen wegen schlechten Wetters nicht gelungen war, Hispaniola in Kanus zu erreichen. Erst Ende Juni 1504 kann Méndez ein Schiff organisieren, um seine Kameraden abzuholen.

Krank, einsam, desillusioniert

Von den Ereignissen erfährt der Leser abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten, die davon betroffen sind, oft in längeren inneren Monologen. Allen voran ist das natürlich Kolumbus. Der von Krankheit gezeichnete, einsame und desillusionierte Entdecker ist die meiste Zeit damit beschäftigt, die Besatzungsmitglieder unter vier Augen in »Mitarbeitergesprächen« bei der Stange zu halten. Dass der Admiral so jovial auftrat, ist wenig glaubwürdig. Ein Mann, vor dem sich das Königspaar nach seiner ersten Reise erhoben hatte, wird sich nicht mit dem Fußvolk abgegeben haben. Dazu hatte er seine Offiziere. Deshalb nehme ich an, dass Wissler das ironisch meint.

Der Kazike Ameyro, das Oberhaupt der Eingeborenen, weiß nicht so richtig, wie er mit der Situation umgehen soll. Er sucht einerseits den friedlichen Kontakt mit den Spaniern und versorgt sie mit Lebensmitteln, andererseits fürchtet er sie und gerät wegen seiner Wankelmütigkeit bei seinen eigenen Leute in Schwierigkeiten.

Der Meuterer Francisco de Porras erkennt nach und nach, dass seine Lage aussichtslos ist, als seine Gefolgschaft in Scharmützeln mit den Indios schrumpft. Schließlich überfallen er und seine Leute die columbustreuen Spanier. Sie wollen sie umbringen, um für den Fall, dass Rettung kommt, als einzige Überlebende dazustehen. Der Überfall scheitert. Im Roman ist Columbus gnädig mit de Porras. In Wirklichkeit hat er ihn in Ketten gelegt.

Spanier kämpfen gegen Spanier: Die  Meuterei von Francisco de Porras wurde von Theodor de Bry in seinem monumentalen Werk über die »West-Indischen Reisen« (1590-1618) verewigt.

Der Venezianer Amerigo Vespucci, nach dem Amerika benannt wurde, kommt nach Hispaniola und versucht, sich bei Gouverneur  Ovando einzuschleimen. Beide haben ein Interesse daran, dass Kolumbus nicht zurückkehrt und auf Jamaika verreckt. Ovando weiß, dass Columbus ihm die Führung der Kolonie streitig machen würde, und Vespucci möchte gerne als der eigentliche Entdecker der Neuen Welt zu ewigem Ruhm gelangen.

Wissler tut Vespucci Unrecht, indem er ihm fast schon krankhaften Neid auf Kolumbus unterstellt. Die beiden Italiener waren seit 1492 zeitweise Geschäftspartner und tauschten sich über ihre Amerikareisen aus. Kolumbus hielt große Stücke auf ihn. »Er hat immer den Wunsch, mir Freude zu machen. Er ist ein sehr anständiger Mann«, schrieb er Anfang 1505 an seinen Sohn Diego. Vespucci war 1504 nicht auf Hispaniola, sondern nahm (möglicherweise) an einer portugiesischen Expedition teil, die die Küste Brasiliens erkundete. Zutreffend ist, das er zu Übertreibungen neigte. Geschäftstüchtig sorgte er dafür, dass sein Ruhm als Entdecker sich verbreitete, während Columbus damit beschäftigt war, seine vom spanischen Königshaus gewährten großzügigen Privilegien nicht zu verlieren.

Die Geschichte auf den Kopf gestellt

Schließlich ist da der Unberührbare, der in Ameyros Stamm lebt. Dieser nach einem Unfall querschnittgelähmte Europäer ist die einzige erfundene Hauptfigur in Wisslers Roman. Er heißt Gabriel und ist ein alter Freund von Kolumbus. Beide haben 1476 mit einem kleinen Schiff den Atlantik überquert und die Neue Welt entdeckt. Während Gabriel dort blieb, kehrte Kolumbus allein (!) zurück, um ganz offiziell auf Entdeckungsfahrt gehen zu können, weil ihm sonst niemand geglaubt hätte. Damit stellt Wissler die Historie auf den Kopf. Interessanter Ansatz.  Das Schicksal des Unberührbaren, einziger Zeuge dieses »Betrugs« bleibt in der Geschichte offen.

Interessant ist auch, welche Figuren Wissler in seinem Roman nicht auftreten lässt. Auf der vierten Reise wurde Columbus von seinem Bruder Bartolomeo und seinem 13 Jahre alten Sohn Fernando begleitet. Bartolomeo war dabei eine wichtige Stütze seines Bruders, während Fernando die Ereignisse später für die Nachwelt festhielt.

Das Buch ist sehr unterhaltsam und locker geschrieben, stellenweise sogar etwas flapsig. Da heißt es an einer Stelle: »[M]an gönnt den anderen nicht die Ananasscheibe auf dem Brot« (S. 21) und an anderer (S. 56): »Selbstverständlich braucht Amerigo Vespucci kein Gespräch mit irgendeinem Kanusportler, um sich eine Meinung zu bilden.« (S. 56). Aber der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass die Europäer den Menschen in der Neuen Welt mit kaum zu überbietenden Selbstgefälligkeit und Grausamkeit ihren Willen aufgezwungen haben. Columbus und seine Kumpane sind keine glorreichen Entdecker, sondern gewissenlose, egoistische Eroberer.  Nur ein Beispiel für die von Wissler historisch korrekt geschilderten Grausamkeiten: Indios, die versuchten, in ein von Spaniern besetztes Kanus zu gelangen, um nicht im Meer zu ertrinken, wurden die Hände abgehackt.

Von Holzwürmern und einer Finsternis

Einige sachliche Fehler trüben den positiven Gesamteindruck. Harmlos ist noch, dass Wissler offenbar den Unterschied zwischen Schiffsbohrwurm und Holzwurm nicht kennt. Er schreibt ständig Holzwurm. So wird  die Larve des Gemeinen Nagekäfers (Anobium punctatum) genannt, die Gänge in totes Holz, gerne in Möbel, bohrt. Die Schiffe der Spanier wurden jedoch von der Schiffbohrmuschel Teredo navalis, die auch Schiffsbohrwurm genannt wird, befallen.

Peinlich ist Wisslers Darstellung der berühmten Mondfinsternis-Episode. Columbus, der die für die Seeleute seiner Zeit wichtige Ephimeriden-Tafeln des Regiomontanus mitführte, wusste, dass in der Nacht zum 1. März 1504 eine totale Mondfinsternis stattfinden würde. Weil die Eingeborenen sich weigerten, die Spanier weiter mit Lebensmitteln zu versorgen, kündigte Columbus den Eingeborenen an, dass sein Gott den Mond in dieser Nacht zur Strafe »im Zorn entflammen« und sein Licht verblassen lassen würde. Bei einer Mondfinsternis fällt der Erdschatten auf die hell leuchtende Scheibe des Vollmonds. Die Scheibe wird dunkler und schimmert am Ende in dunklem Rot, weil in der Erdatmosphäre gestreutes Licht dorthin reflektiert wird. Die Mondscheibe bleibt während der ganzen Finsternis sichtbar.

Die Mondfinsternis in einer Darstellung des 19. Jahrhunderts (aus: Astronomie Populaire von Camille Flammarion, 1879)

Als das tatsächlich passierte, drehten die Eingeborenen durch und erfüllten die Wünsche der Spanier. Dieses Ereignis wurde von Kolumbus‘ Sohn Fernando überliefert. Und was schreibt Wissler? Er lässt den Kaziken Ameyro zu Wort kommen: »Es war, als schöbe sich sich eine schwarze Scheibe vor sein geliebtes Angesicht. Größer und größer wurde die Scheibe, immer kleiner wurde der Mond und immer schwächer sein Licht.« Nur bei einer Sonnenfinsternis wäre eine schwarze Scheibe sichtbar, könnte man mit bloßem Auge hinsehen. Es handelt sich dabei um den Neumond, der sich zwischen Erde und Sonne schiebt.

Die Eingeborenen werden sich vermutlich gar nicht wegen der Verdunklung gefürchtet haben. Mondfinsternisse sind keine Seltenheit. Aber sie kannten die Ursache nicht und glaubten, dass Kolumbus seinen Gott dazu bewegen konnte, ihnen dieses Zeichen zu geben. Das machte ihnen Angst.

Science-Fiction-Autor auf stählernen Abwegen

Schriftsteller George R. R. Martin hat in Santa Fe eine Eisenbahnstrecke gekauft. Mit SF wie Science-Fiction hat das nichts zu tun, auch wenn es um die SFSR geht.

1879 erreichte die Eisenbahn den kleinen Ort Lamy in Neumexiko. Das Gemälde von Willard Andrews ist aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Science-Fiction und Eisenbahnromantik, passt das zusammen? Schon für Jules Verne, unbestritten der Pionier der technisch orientierten SF, gehörten Dampfloks und Zugfahrten zum Alltag und hatten nichts Phantastisches an sich. Die Beziehung zwischen SF und Eisenbahn besteht vielmehr auf der persönlichen Ebene. Ich kenne in der SF-Szene einige, die sich für große und kleine Loks begeistern können, mich eingeschlossen. Prominentester Fan dieser Sorte dürfte George R. R. Martin sein.

Martin, der mit »A Song of Ice and Fire« die Vorlage für die weltweit erfolgreiche Fernsehserie »Game of Thrones« schrieb, hat im Sommer 2020 zusammen mit zwei Partnern eine ganze Eisenbahnlinie gekauft – die Santa Fe Southern Railroad (SFSR). Ihr Ziel: Den 2012 zwischen Santa Fe, der Hauptstadt des US-Bundesstaats New Mexico, und der Ortschaft Lamy  eingestellten Zugverkehr zu reaktivieren und vor allem Erlebnistouren anzubieten.

Bis es soweit ist, müssen die neuen Eigentümer noch eine Menge Geld ausgeben. Dazu gibt es ein schönes Video auf der Homepage von George R. R. Martin. Fernseh-Junkies könnten die SFSR kennen. In der 51. Folge »Tödliche Fracht« der Serie »Breaking Bad« überfällt Walter White mit seinen Leuten einen Zug der Linie, um an eine Chemikalie zur Drogenherstellung zu kommen.

Als die Eisenbahn nach Neumexiko kam

Die Tatsache, dass Martin jetzt Eisenbahner ist, wäre an mir Eisenbahnerkind wohl vorbeigegangen, wenn ich nicht wegen eines Fotos recherchiert hätte, das mir vor ein paar Tagen in die Hände gefallen ist. Ich habe es 2013 in Santa Fe gemacht. Es ist die Aufnahme eines  Gemäldes von Willard Andrews (1899-1989), einem Historien- und Landschaftsmaler. Das Bild ist als »The Coming Of The Railway« bekannt und soll die Ankunft des ersten Zuges der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad in Lamy zeigen. Das war 1879. Das Gemälde selbst stammt aus den 1950er Jahren und ist im Parlamentsgebäude in Santa Fe ausgestellt.

Bisher ist es mir nicht gelungen, die Lok zu identifizieren. Dazu ist zu wenig zu erkennen. Sie ist eine »American Type«-Lok mit dem charakteristischen großen, trichterförmigen Schornstein und dem Kuhfänger, wie man sie etwa aus dem Film »The General« mit Buster Keaton aus dem Jahr 1926 kennt. Dieser Lok-Typ wurde von mehreren Firmen gebaut und speziell für die jeweilige Eisenbahngesellschaft ausgestattet.

Ein Gemälde des Bahnhofs von Santa Fe hing dort in meinem Hotelzimmer.

Santa Fe – ein Sehnsuchtsort

Santa Fe war für mich eine Art Sehnsuchtsort. Als Zwölf-, 13-Jähriger habe ich im Fernsehen die Westernserie »Westlich von Santa Fe« (Originaltitel »The Rifleman«) geschaut. Auch in anderen Western kam die Stadt vor, denn dort endete eine wichtige inneramerikanische Handelsroute, der Santa Fe Trail.

Am meistern aber war ich von den gelb-rot-silbernen amerikanischen Dieselloks, die mit etwas Glück zu Weihnachten auf der Modellbahnanlage im Spielwarenladen ihre Runden drehten, fasziniert. Die Züge sahen so ganz anders aus, als das, was auf unseren Schienen fuhr. Ganz groß prangte auf der Stirnseite mit den beiden bulligen Scheinwerfern der Name »Santa Fe«. Aus dem Märklin-Katalog erfuhr ich, dass die Loks für die Bahngesellschaft AT&SF – Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad – fuhren. Leisten konnte ich sie mir damals von meinem Taschengeld nicht. Das reichte gerade mal für Science-Fiction-Hefte.

Die charakteristische Farbgestaltung der Santa-Fe-Loks wird „Kriegsbemalung“ (warbonnet) genannt. Foto: Roger Puta/gemeinfrei

Viele Jahre habe ich nicht mehr an Santa Fe und die AT&SF gedacht, bis ich 2013 die Gelegenheit hatte, die Stadt zu besuchen. Vielleicht, war meine Hoffnung, würde ich dort auf eine Spur der bulligen Loks (Es handelt sich um die zwischen 1949 und 1953 gebaute F7 der General Motors Electro-Motive Division) stoßen. Schon die erste Internet-Recherche sorgte für Enttäuschung: Diese Loks und die Fernzüge der AT&SF sind nie nach Santa Fe gefahren. Die transkontinentale  Strecke, die Kansas mit dem wilden Westen verbinden sollte, wurde wegen der schwierigen Geländeverhältnisse südlich an der Stadt vorbei nach Albuquerque und weiter in Richtung Pazifikküste geführt.

Die AT&SF baute 1880 lediglich eine knapp 30 Kilometer lange, von der Stadt Santa Fe bezahlte kurvenreiche Nebenstrecke, die am kleinen Bahnhof Lamy abzweigt. Sie wurde 1992 von der Santa Fe Southern Railroad übernommen, die dort 20 Jahre lang vor allem Güter transportierte und touristische Fahrten anbot. Eine weiter westlich verlaufende Strecke verbindet Santa Fe seit 2006 mit Albuquerque, der größten Stadt Neumexikos. Endstation ist Belen. Dort verkehrt der New Mexican Rail Runner Express, ein Nahverkehrszug. Der nördliche Teil der Strecke wurde dafür neu gebaut. Beide Strecken sind einspurig und wie die meisten in den USA nicht elektrifiziert.

Diesellok-Parade am Bahnhof Santa Fe:  Die EMD GP 15 der Santa Fe Southerrn Railway steht neben zwei Motive Power 36PH-3C-Loks des New Mexico Road Runner.

Eine Anekdote über den Bahnhof Lamy vermittelt zumindest ein bisschen Science-Fiction-Flair. Als die Wissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs an der Entwicklung der US-Atombombe im »Manhattan Project« beteiligt waren, mit ihren Familien aus dem ganzen Land mit dem Zug nach Neumexiko kamen, mussten sie in Lamy »in the middle of nowhere« aussteigen. Von dort wurden sie zuerst nach Santa Fe und dann an ihre Arbeitsplätze im National Laboratory in Los Alamos, eine gute Autostunde von Santa Fe entfernt, gebracht.

Ein unscheinbarer Bahnhof und ein Kino

Der Kopfbahnhof von Santa Fe, immerhin die Hauptstadt eines US-Bundesstaats, ist seiner früheren und heutigen Bedeutung entsprechend enttäuschend klein. Er hat nur einen Bahnsteig und insgesamt vier kurze Gleise. Dort kann man nicht nur die modernen Doppelstockzüge des Rail Runners, gezogen von  Motive Power 36PH-3C-Loks, sehen, sondern auch die seinerzeit einzige fahrbereite Lok der Santa Fe Southern Railroad. Es handelt sich dabei um eine EMD GP 15 der General Motors Electro-Motive Division, die in den 1980er Jahren gebaut wurde. Inzwischen ist eine zweite Lok dieses Typs mit einem neuen Motor ausgestattet worden, meldete George R. R. Martin in seinem Blog. Auch ein paar historisch anmutende Personenwagen der Linie stehen dort herum – und tatsächlich einer der Aussichtswagen der AT&SF-Fernzüge aus Aluminium, auf dem die Aufschrift »Santa Fe« prangt.

Der Bahnhof von Santa Fe hat nur einen Bahnsteig.

Gleich hinterm Bahnhof liegt das Jean Cocteau Cinema. Das kleine Kino war zu der Zeit, als ich in Santa Fe war, gerade von Martin gekauft worden. An das Gebäude kann ich mich wegen einer mit blauen Glasplättchen umhüllten Säule am Eingang gut erinnern; das Kino war damals geschlossenen. Leider habe ich davon  kein Foto gemacht. Dort gibt es inzwischen einen Phantastik-Buchladen, in dem unter anderem ein Modell der schwebenden Kampfmaschinen aus dem Film »The War of the Worlds« von 1953 von der Decke hängt. Zumindest bei George R. R. Martin gehören Science-Fiction und Eisenbahn zusammen.