TERRA kehrt zurück ins Bücherregal

Rund 30 Jahre lang wurden Science-Fiction-Leser mit Hunderten Heftromanen und Taschenbüchern unter dem Label TERRA versorgt. 1986 war Schluss. Jetzt plant der Blitz-Verleger Jörg Kaegelmann eine neue Reihe mit diesem Namen. Rein äußerlich geht es dabei sehr nostalgisch zu.
Das Cover für Band 1 der neuen Taschenbuchreihe ist schon fertig. Das Titelbild von Rudolf Sieber-Lonati zierte ursprünglich den Roman »Welt ohne Menschen« von Ralph Anders (Band 225 der Reihe Utopia Zukunftsroman von 1960).

Der Blitz-Verlag plant unter dem Namen TERRA Science Fiction eine neue Taschenbuchreihe. Sie soll neue Werke deutscher Autoren bringen und im November 2021 mit einem Roman von Ronald M. Hahn (»Die Stadt am Ende der Welt«) beginnen. Eine feste Planung, die darüber hinausgeht, gibt es laut Verleger Jörg Kaegelmann allerdings noch nicht. Er sucht »nach guten Texten«.

Vom Namen und der Aufmachung her lehnt sich die Reihe an die gleichnamigen Reihen aus dem Münchner Arthur Moewig Verlag an, in der ab 1957 Hunderte Heftromane und Taschenbücher, überwiegend mit Übersetzungen angloamerikanischer Autoren, veröffentlicht wurden. Das Logo ist praktisch eine Kopie aus der TERRA-Frühzeit. Zu dieser nostalgischen Referenz passt das altmodische Covermotiv für Band 1 von Rudolf Sieber-Lonati, das bereits 1960 den Umschlag des Romans »Welt ohne Menschen« von Ralph Anders zierte, der allerdings in der Konkurrenz-Reihe UTOPIA-Zukunftsromane des Pabel-Verlags erschien.

TERRA-Taschenbücher gab es von 1965 bis 1986. Sie hießen zuerst »TERRA UTOPISCHE ROMANE Science Fiction«, ab Band 130 nur »TERRA Science Fiction« (so wie jetzt beim Blitz-Verlag). Ab Band 179, der 1970 erschien, bis zu ihrem Ende lief die Reihe als »TERRA SCIENCE FICTION ROMAN aus der Perry Rhodan-Redaktion«. TERRA und PR erschienen im selben Verlag.

Dieser Name war Programm. Außer den Übersetzungen erschienen in den TERRA-Taschenbüchern zwar auch Romane deutscher Autoren, sie gehörten aber bis auf eine Ausnahme alle zum Autorenstamm der seit 1961 wöchentlich erscheinenden PERRY RHODAN-Serie oder deren Umfeld. Diese Ausnahme war Andreas Brandhorst, dessen Roman »Die Sirenen von Kalypso« unter seinem Pseudonym Andreas Werning 1983 als TERRA TB 354 auf den Markt kam.

Links das ursprüngliche TERRA-Logo der Heftromane aus den 1950er Jahren, rechts das neue für die Taschenbuchreihe aus dem Blitz-Verlag.

Ironischerweise ist der erste Titel der neuen TERRA-Reihe von einem Autor, der damals ein ausgewiesener linker Kritiker von PERRY RHODAN war, an Konkurrenzserien wie DIE TERRANAUTEN mitschrieb und sich kaum für das TERRA-Programm begeistern konnte. Was Ronald M. Hahn und seine Mitstreiter davon hielten, lässt sich in dem von ihm mit herausgegebenen zweibändigen Lexikon der Science Fiction Literatur aus dem Heyne-Verlag von 1980 nachlesen. Dort heißt es über die TERRA-Taschenbücher: »Ab 1968 verflachte das Niveau der Reihe…« (S. 992), und über die TERRA ASTRA-Heftromane schrieben die Lexikonautoren: »[D]as Hauptkontingent der Reihe« bestehe unter anderem aus »Massenware aus den Federn junger Vielschreiber wie Horst Hoffmann und Peter Terrid« (S. 968), beide langjährige RHODAN-Autoren.

Mich erinnert das Konzept des Blitz-Verlags, wenn man überhaupt von einem Konzept sprechen kann (irgendwas wird Verleger Jörg Kaegelmann sich schon dabei gedacht haben), an Reihen wie die ZAUBERKREIS-Heftromane. Dort tummelten sich zwischen 1966 bis 1985 fast ausschließlich deutsche Autoren (einschließlich Ronald M. Hahn unter mehreren seiner zahlreichen Pseudonyme), die heftromantypische Spannungsliteratur lieferten. So etwas erwarte ich – angesichts des sonstigen Blitz-Verlagsprogramms – auch von TERRA.

Ich bin gespannt, wie sich TERRA Science Fiction entwickelt, wer die Autoren sein werden und was für Geschichten sie erzählen.

Goldene Zeiten im Perryversum

Vor 50 Jahren habe ich den ersten PERRY RHODAN-Roman gelesen. Wahrscheinlich.

In Ostfriesland, wo ich lebe, ist es üblich, dass man Nachbarn oder Kollegen zu einem Jubiläum »einen Bogen« macht, eine Girlande, die um die Haustür gelegt und mit einem Zahlenschild gekrönt wird. Bei mir könntet ihr jetzt eine Girlande mit einer goldenen 50 aufhängen, denn ich bin seit einem halben Jahrhundert PERRY RHODAN-Leser.

Okay, so ganz genau stimmt es nicht. Tatsächlich weiß ich nicht, wann ich meinen allerersten Roman aus dieser deutschen Space-Opaera-Serie gelesen habe; wahrscheinlich hat mir ein Klassenkamerad, mit dem ich näher befreundet war, einen Heftroman in die Hand gedrückt. In meiner persönlichen Chronik ist »Der alte Admiral«, geschrieben von Hans Kneifel, der Auftakt, weil ich danach jede Woche ein Heft las und ganz verrückt danach war. Das war Band 448. Es erschien Ende März/Anfang April 1970.

Der Roman gehört zum Cappins-Zyklus. Ovaron und Merceille, zwei Cappins aus der weit entfernten Galaxie Gruelfin (NGC 4594, auch Sombreronebel genannt), riskieren ihr Leben, um die Gefahr durch den sogenannten Todessatelliten, der in der Korona der Sonne kreist, zu bannen. Es gelingt ihnen, in den Satelliten einzudringen und eine Bombe scharf zu machen. Fast wäre die Aktion schief gegangen, denn das Positronengehirn, der Zentralcomputer der Station, erkennt ihre Absicht. Im letzter Sekunde können die Saboteure fliehen. Auf diese Flucht spielt das dynamische Titelbildmotiv von Johnny Bruck an: Ein kleine Raumschiff, das kaum mehr als ein Rettungsboot ist, versucht, sich mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Griff der Sonne zu befreien. Der Stern sieht aus, als stehe er kurz vor einer Explosion.

Aus Anlass des Jubiläums habe ich das Heft noch einmal gelesen (das »Original« habe ich schon lange nicht mehr, aber dank Ebay war es kein Problem, ein gut erhaltenes Exemplar zu bekommen). Der Roman ist noch so richtig 60er Jahre, als Piloten bei der Arbeit rauchten, alle, die etwas durchsetzen wollten, rumbrüllten, und die einzige Frau weit und breit »Mädchen« genannt wurde. Die Handlung ist behäbig, die Dialoge umständlich. Aber schlimme Schnitzer hat Hans Kneifel sich nicht geleistet.

Mit der MARCO POLO ins Perryversum

Zwei Hefte später, in Band 450, startet Perry Rhodan mit dem Superraumschiff MARCO POLO nach Gruelfin, um Ovaron in seine Heimat zurückzubringen. Die Abenteuer in der fernen Galaxie haben den damals 13-Jährigen mächtig fasziniert. Für mich war das der Initiationszyklus, und wenn ich mir heute dank der Perrypedia, dem großen Online-Lexikon zur Serie, die Titelbilder ansehe oder die Handlungszusammenfassung lese, kommt mir vieles trotz der dazwischenliegenden Jahrzehnte vertraut vor. Kein Wunder, dass mein Lieblingsraumschiff aus der Serie immer noch die MARCO POLO ist. Mit der bin ich schließlich ins Perryversum aufgebrochen.

Die Faszination, die von der Serie ausging (dank der Nachauflagen habe ich im Laufe der Zeit den Rückstand ab Band 1 weitgehend aufgeholt), hielt allerdings zunächst nur ein paar Jahre. Mit 15, 16 war ich nicht mehr so einfältig und leicht zu begeistern wie mit 13. Ich erkannte die literarischen Mängel der Serie, hatte qualitativ anspruchsvollere SF entdeckt und war auf dem besten Weg, ein »beinharter Intellektueller« zu werden. In den 1970er Jahre hing an PR schließlich das Stigma, eine faschistoide Serie zu sein und Schund obendrein. In bestimmten Kreisen hatte man es noch Jahre später schwer, wenn man sich als PR-Leser outete. Im besten Fall wurde man komisch angeschaut.

Sieben Jahre ohne ging auch

Irgendwann Ende 1973 bin ich ausgestiegen. So weit ich mich erinnere, habe ich den damals laufenden Zyklus um das Kosmische Schachspiel nicht zu Ende gelesen, mit Sicherheit aber nicht mit dem nachfolgenden Laren-Zyklus angefangen. Meine Pause dauerte etwa sieben Jahre: Im Dezember 1980 ist mir Band 1007, die »Kosmische Hanse« von William Voltz, in die Hände gefallen – und der Perryvirus hatte mich wieder im Griff. Diese Lücke von vier Zyklen von den Laren bis zu den Kosmischen Burgen habe ich übrigens nie geschlossen.

Seit 1980 bin ich also ununterbrochen dabei, habe aber immer mit unterschiedlicher Intensität gelesen. An manche Zyklen habe ich sehr plastische Erinnerungen, andere sind weitgehend spurlos an mir vorbeigegangen. Das lag, vermute ich, nicht unbedingt (nur) an den Romanen, sondern hatte viel auch mit den übrigen Lebensumständen zu tun: Beruf, Familie, andere Projekte etc.

Bis 1988 hatte ich wieder eine umfangreiche Sammlung mit mehreren Hundert Heften zusammengetragen, von der ich mich bei einem Umzug getrennt habe, um das viele »Altpapier« nicht mitschleppen zu müssen. Ich habe sie einfach im Keller des Hauses, das wir damals gemietet hatten, zurückgelassen. Ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf vom neuen Mieter, der sich für das Geschenk bedankte.

Nach dem Mauerfall habe ich meine Hefte einige Zeit lang bündelweise an einen PR-Leser in der Nähe von Magdeburg verschenkt, und als der nicht mehr darauf angewiesen war, in 50er Blöcken bei Ebay verscherbelt. Seit Heft 2750 lese ich Perry Rhodan nur noch elektronisch.

Aus Neugier bin ich 2015 zum ersten Perry-Rhodan-Tag nach Osnabrück gefahren – und seitdem im Perryfandom hängengeblieben, habe viele nette und interessante Leute kennengelernt und mit ihnen viele abwechslungsreiche und anregende Stunden verbracht. Schade, dass ich darauf nicht früher gekommen bin.

Bilder (2): Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Dieses Buch ist gefährlich

Heinrich Stöllner schreibt über die Serien in den Utopia- und Terra-Heften – und führt mich in Versuchung.


Heinrich Stöllner: Die Zukunft von gestern. Verlag Dieter von Reeken, 2019. ISBN ISBN 978-3-945807-49-1.


Bücher wie »Die Zukunft von gestern« von Heinrich Stöllner sind eine Gefahr, eine kaum zu widerstehende Versuchung, noch mehr Bücher, die man sonst nicht lesen würde, zu kaufen. Ist mir so gegangen. 

»Die Zukunft…« ist eine akribisch recherchierte Dokumentation aller Serien, die als Utopia– oder Terra-Heftroman der Verlage Pabel und Moewig zwischen 1953 und 1985 erschienen sind. Als Serien werden Roman-Reihen bezeichnet, bei denen die Handlungen aufeinander aufbauen. Die bekannteste in diesem Literatursegment ist die 1961 im Münchner Moewig-Verlag erstmals erschienene Perry Rhodan-Serie, die es bis heute auf mehr als 3000 Folgen gebracht hat. Außer solchen eigenständigen Serien gab es weitere kürzere, die innerhalb von Heftroman-Reihen auf den Markt kamen.

Utopia und Terra waren die führenden Reihen in Deutschland. Von Utopia erschienen bis 1968 als Utopia SF, Utopia Großband, Utopia Kriminal und Utopia Magazin 850 Hefte, von Terra SF, Terra Sonderband, Terra Extra, Terra Nova und Terra Astra etwa doppelt so viele Hefte, allerdings nicht genau so viele Titel, denn viele Romane, die in Terra SF oder Terra Nova veröffentlicht wurden, erschienen Jahre später in Terra Astra erneut. In den Heftroman-Reihen waren deutsche Autoren stark vertreten, in Terra Nova und Terra Astra vor allem solche aus dem Umfeld der Perry Rhodan-Serie.

Es gibt viel zu entdecken

Wer wann was veröffentlicht hat, kann man in Stöllners 500 Seiten dickem Werk nachlesen, das mit zahlreichen Coverabbildungen illustriert ist. Es ist in drei große Kapitel unterteilt, die sich den deutschsprachigen und den englischsprachigen Autoren sowie den Fernseh- und Filmserien widmen. Es gibt zu jedem der thematisch gegliederten Unterkapitel, in denen mehrere Autoren und deren Serien behandelt werden, eine Einführung mit ausführlichen Inhaltsangaben, Information zur Publikationsgeschichte und einer Bibliografie, in der auch die Nachdrucke aufgelistet sind.

In  »Die Zukunft von gestern« gibt es eine Menge zu entdecken, auch dank des üppigen Anhangs, in der alle im Buch genannten Serien alphabetisch aufgelistet sind.  Das ist eine beeindruckende Arbeit, die jedem Sammler zu empfehlen ist. Dann ist es auch noch gut geschrieben, und man merkt dem Autor die Leidenschaft für das Genre und den Heftroman an. Davon lässt man sich gerne anstecken.

Wer in »Die Zukunft von gestern« stöbert, findet mit Sicherheit etwas, von dem sie/er gar nicht wusste, dass es im Bücherregal noch fehlt.

Ich bin nun kein ausgesprochener Sammler, sondern habe die ausgelesenen Heftromane verschenkt oder sogar weggeschmissen. Einige wenige Hefte habe ich mir inzwischen aus reiner Nostalgie besorgt. Dazu gehört Terra Astra 30, »Die Herrin der Fische« von Hans Kneifel, erschienen 1972. Den Roman las ich, als ich 14 oder 15 war. Dank Söllner weiß ich heute nicht nur, dass der Roman bereits neun Jahre zuvor in der Terra-Reihe erschienen war und zusammen mit zwei anderen Romanen zur Serie »Das Rätsel von Machaon« gehört, sondern auch, dass die Serie 1996 in Buchform als »Das Machaon-Projekt« im Tilsner-Verlag neu herausgegeben wurde – und, zack, hatte ich das Buch bei booklooker.de aufgespürt und bestellt. Jetzt muss ich es nur noch lesen.

Auch einigen anderen Protagonisten meiner frühen SF-Phase wie Earl Dumarest bin ich wieder begegnet, aber sehr viel größer ist die Zahl der Serien, von deren Existenz ich jetzt das erste Mal gehört habe. Vielleicht schlage ich da auch noch mal zu. Wie gesagt, dieses Buch ist eine Versuchung.