Früher war mehr Lametta

Opa Hoppenstedt, Flaubert und die Science-Fiktion-Literatur der Pulp-Ära

Früher war bekanntlich mehr Lametta. Opa Hoppenstedts Bonmot aus Loriots TV-Sketch »Weihnachten bei den Hoppenstedts« von 1976 ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden und gilt nicht nur für Weihnachtsbaumdekorationen, sondern passt sogar auf die Science-Fiction-Literatur.

In seiner Studie »The History of Science Fiction« (Palgrave Histories of Literature, Basingstoke 2007, S. 175) hat der Literaturwissenschaftler und »very well-known SF author, Guardian writer and recent winner of the BSF award«  Adam Roberts die Science Fiction  aus den 1920er und 1930er Jahren, der sogenannten Pulp-Ära, als Lametta-Literatur (tinsel literature) bezeichnet. Er meinte damit den schillernden Inhalt, aber auch, dass die Pulp-Literatur in ihrer eigenen Billigkeit schwelgte.

Roberts nahm sich dabei eine Anleihe bei dem französischen Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880). Dieser habe einmal gesagt, schreibt Roberts, dass er Lametta lieber möge als Silber, weil dieses mehr Pathos versprühe (»he liked tinsel better than silver because it possessed all the qualities of silver plus one more – pathos«).

Die Aussage Flauberts hat Roberts womöglich ein wenig frei interpretiert (oder er kennt noch eine andere Quelle), denn meines Wissens nach sagte beziehungsweise schrieb Flaubert etwas anderes. In einem Brief Flauberts an seine Geliebte, die Dichterin Louise Colet (1810-1876), vom August 1846 heißt es: »Ich bewundere Lametta genauso wie Gold. Die Poesie des Lamettas ist sogar insofern überlegen, als es traurig ist« (Moi, j’admire autant le clinquant que l’or. La poésie du clinquant est même supérieure, en ce qu’elle est triste) – [Correspondance de Gustave Flaubert: Nouvelle Edition Augmentée (Conard, 1926-33)].

Lametta – egal ob aus Silber oder Gold – ist aus der Mode gekommen und wird längst nicht mehr aus Metall (Zinn) hergestellt, sondern aus Kunststoff. Das Lamettahafte in der SF hat sich vergleichsweise gut gehalten. Es gibt sie noch immer zuhauf, die Riesenraumschiffe, die interstellaren und sogar -galaktischen Kriege, die glubschäugigen Aliens, die durchgeknallten Roboter, die scheinheiligen Schurken, es ist alles nur subtiler und nicht mehr ganz so maschohaft. Manches aus der Pulp-Ära war ja auch eher Gold als Lametta (zum Beispiel »A Martian Odyssey“ von Stanley G. Weinbaum, erschienen im Juli 1934 in Wonder Stories (zum Nachlesen).

Kein Lametta, sondern ein Juwel der Pulp-Literatur: »A Martian Odyssey« von Stanley G. Weinbaum (Wonder Stories, Juli 1934)

Die erste Auflage von Roberts Studie »The History of Science Fiction« gibt es hier kostenlos als pdf-Datei. Die zweite, erweiterte Auflage von 2016 ist im Buchhandel (Link zu Amazon) erhältlich.

3 thoughts on “Früher war mehr Lametta

  1. Weißt du, ob sich die zweite Auflage ausreichend unterscheidet, um sie zusätzlich zur ersten zu kaufen? Adams Buch ist für mich eine der allerbesten Studien zum Thema (vor allem in dieser überschaubaren Größe!)

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