Donald Trump will eine goldene Columbus-Staue neben dem Weißen Haus aufstellen lassen. Er hat aber offenbar im Geschichtsunterricht gepennt.
Anfang Februar 2026 machte die Nachricht die Runde, dass US-Präsident Donald Trump eine goldene Columbus-Statue neben dem Weißen Haus aufstellen lassen will. Das hatte die Washington Post berichtet. In den sozialen Medien tauchte dazu ein offiziell aussehendes Meme auf. Da lesen wir: »Ever since Christopher Columbus set foot on the American Continent and discovered the U.S.A in 1492 …« (übersetzt: Seit Christoph Columbus 1492 den amerikanischen Kontinent betrat und die USA entdeckte …«)
Offenbar hat der kleine Donald im Geschichtsunterricht gepennt und ist auch noch von einem Haufen ebenso ungebildeter Mitarbeiter umgeben (oder es werden grundsätzlich nur noch Fake News rausgehauen). Columbus hat 1492 weder seinen Fuß auf den amerikanischen Kontinent gesetzt noch die USA entdeckt.
Die USA wurde 1776 gegründet. Da war Columbus schon 270 Jahre tot. Das sollte selbst dem größten Ignoranten auffallen, zumal Trump selbst bestimmt hat, am 4. Juli 2026 eine großartige Feier (»a grand celebration«) aus Anlass des 250. Jahrestages der amerikanischen Unabhängigkeit zu veranstalten.
Als Columbus im Oktober 1492 nach der mehrwöchigen Atlantiküberquerung »Amerika entdeckte«, passierte das auf einer bis heute nicht identifizierten Bahamas-Insel. Danach erkundete er auf insgesamt vier Reisen die Karibik. Auf dem Festland des Doppelkontinents war er nur einmal. Während seiner vierten Reise versuchte er Anfang 1503 vergeblich, im heutigen Panama eine Siedlung zu gründen.
Der erste Europäer, der in Florida das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten betrat, soll der spanische Seemann und Sklavenjäger Diego de Miruelo gewesen sein. Als offizieller Entdecker gilt Juan Ponce de León, der der Halbinsel 1513 den Namen gab.
Bei besagtem Denkmal soll es sich übrigens um eine Nachbildung der Statue des Entdeckers handeln, die 2020 von Demonstranten in Baltimore vom Sockel gestürzt und in den Hafen geworfen wurde. Sie war 1984 unter Beisein von Präsident Ronald Reagan enthüllt worden und ein Geschenk der italoamerikanischen Gemeinschaft an die Stadt. Die Verklärung des Genuesers Columbus zu einer Art geistiger Gründungsvater der USA wird von italienischstämmigen US-Amerikanern seit dem 19. Jahrhundert gepflegt.
Übrigens, damit keine falschen Schlüsse gezogen werden: An dem Tag, als Columbus seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, egal wo es war, fing das Elend für die Menschen auf dem Doppelkontinent und, wie wir heute sehen, auch für den Rest der Welt, an.
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Aus der Abteilung »nutzloses Wissen«: Was Pariser Kneipen und eine Berliner Krimireihe miteinander und mit Indianern zu tun haben
Kartenspieler in einer Pariser Kneipe – Apachenkneipe II von Ida Gerhardi
Manchmal findet man Zusammenhänge zwischen Gebieten, mit denen man nicht gerechnet und deshalb nicht danach gesucht hat. Oft gehören sie in die Kategorie »nutzloses Wissen«, aber der Moment des Aha-Erlebnisses ist es allemal wert, sich damit beschäftigt zu haben, und vielleicht kann man eines Tages doch etwas damit anfangen.
Bei einem Besuch des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster ist mir ein Bild von Ida Gerhardi aufgefallen, womöglich wegen seiner kräftigen Farben und seines expressionistischen Strichs. Es zeigt vier Männer und eine Frau beim Kartenspiel. Titel des Bildes: Apachenkneipe II.
Beim Stichwort Apachen denkt ein Mann meines Alters (fast automatisch) an Winnetou, den fiktiven Indianerhäuptling1 aus Karl Mays Romanen. Was Kartenspieler in einer Kneipe mit Apachen zu tun haben, verriet die Bildlegende: In Paris wurden Anfang des 20. Jahrhunderts »Kriminelle, Zuhälter, Anarchisten und im allgemeinen Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft« als »Apachen« bezeichnet. Das Bild ist von 1906. Gerhardi (1862-1927) war eine weniger bekannte Künstlerin der klassischen Moderne und lebte von 1891 bis 1913 in der französischen Hauptstadt. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten unter anderem der Bildhauer Auguste Rodin und Käthe Kollwitz, die in dieser Zeit zwei Paris-Reisen unternahm.
Die beiden Frauen waren offenbar fasziniert von der Subkultur der Pariser Kellerlokalen, in die sich Frauen nur in Begleitung von Männern hineinwagen durften. Kollwitz hat das in mehreren Zeichnungen festgehalten, eine ist nach einem dieser Lokale benannt: Caveau des Innocents, die Höhle der Unschuldigen (der Name bezieht sich auf die Rue de Innocent, an dem die Kneipe lag, ist aber schön doppeldeutig).
Die Höhle der Unschuldigen war eine berüchtigte Pariser Kneipe.
Einige Wochen vor meinem Museumsbesuch war ich bei Recherchen zu einem Roman (Die Marsbrücke von Uwe Jarl) auf den Berliner Diana-Verlag gestoßen. Er gab in den Jahren 1920 bis 1923 die Groschenheftreihe »Apachen. Aus dem Dunkel der Großstadt« heraus. Getriggert durch »Apachen« recherchierte ich und erfuhr von den Berliner Ringvereinen. Diese waren Ende des 19. Jahrhunderts zunächst als Selbsthilfeorganisationen von Kriminellen gegründet worden, unter anderem zur Unterstützung von Familien von Kumpanen, die eine Zuchthausstrafe absitzen mussten. Später entwickelten die Ringvereine mafiaähnliche Strukturen. 1934 wurden sie verboten. Einer dieser Ringvereine nannte sich »Apachenblut«. Ich nahm an, dass der Titel der Krimireihe damit zu tun hatte.
Die Apachen-Groschenhefte hatten einen Umfang von 24 Seiten, waren vom Umfang her also eher Kurzgeschichten. Von 1920 bis 1923 erschienen 68 Hefte. Sie kosteten 50 Pfennig. Heute werden Hefte gelegentlich zu Preisen um 25 Euro angeboten. Zum Glück waren fünf Krimis der Reihe 1921 in einem Sammelband unter dem Titel Der Herr der Nacht veröffentlicht worden, in dem auch der Autor, Heinz Stahleck, genannt wurde. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet ihn als Digitalisat zum Online-Lesen an.
Die Geschichten drehen sich um den »Herren der Nacht«, einem gebildeten, gut situierten Mann aus gehobenen Kreisen, der immer maskiert auftritt und sich als eine Art Robin Hood mit Zügen von Jules Vernes Kapitän Nemo versteht. Er ist »ein solcher Freund und Helfer aller Bedrängten« und «ein so unbarmherziger Verfolger und Rächer alles Bösen« (Der Spiritisten-Klub, S. 21) und hilft mit nicht immer astreinen Methoden unschuldig Gescheiterten, Betrogenen und Ausgebeuteten zu ihrem Recht. Inhaltlich gibt es überhaupt keinen Bezug zum Berliner Kriminellenmilieu, im Gegenteil. In Heft 3, Ein geheimnisvoller Retter, wird der »Anführer der Apachen« auf Seite 12 so beschrieben: »Der Hausherr war der geheimnisvolle Mann mit der Maske, der rätselhafte Führer der gefürchteten Vereinigung, die in Frankreich entstanden war und sich allmählich über die Erde verbreitet hatte.«
Titelbild der Apachen-Krimireihe
Warum hießen die Apachen aber so und was hat das mit den nordamerikanischen Indianern zu tun? Laut des französischen Wikipedia-Artikels wurde der Begriff von der Tageszeitung Le Matin 1900 für die Mitglieder einer Bande aus dem Stadtteil Belleville eingeführt, die einen tätowierten Leberfleck auf der rechten Wange oder unter dem Auge trugen. Schon bald wurde er allgemein für Banden verwendet, die grundlose Gewalttaten oder Diebstähle in Verbindung mit Gewalt verübten oder Frauen vergewaltigten.
Die echten Apachen, die im Südwesten der USA und im Norden Mexikos lebten, hatten damals einen schlechten Ruf. Sie galten als gewalttätig, hinterlistig und ehrlos. Sie hatten sich lange gegen ihre Unterwerfung gewehrt und lieferten der US-Armee jahrzehntelang erbitterte Kämpfe. Davon wusste man selbstverständlich in Europa.
Zu ihrem schlechten Ruf könnte auch ein populärer Roman des Franzosen Gabriel Ferry (1809-1852) beigetragen haben. In Le Coureur des bois von 1850 sind die Apachen als wildes, räuberisches Indianervolk dargestellt, während die Komantschen »die Guten« waren. Den Roman hat Karl May 1879 als Der Waldläufer übersetzt und »für die Jugend« bearbeitet. Es wird angenommen, dass May diese Rollenverteilung in seinen Wild-West-Romanen bewusst ins Gegenteil verkehrte und den Apachen-Häuptling Winnetou deshalb zum edlen Wilden und guten Menschen schlechthin entwickelt hat. Ein wenig von dessen Glanz mag auch der »Herr der Nacht« aus den Berliner Apachen-Krimis abbekommen haben.
Bei der Bezeichnung der nordamerikanischen Ureinwohner verwende ich den in der deutschen Sprache geläufigen Begriff, da sich auch viele von ihnen selbst Indians nennen. Unter anderem heißt die älteste und größte Organisation der Indigenen National Congress of American Indians. ↩︎
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Unterwegs in Mexiko | Am Cenote Sagrado mischen sich Realität und Fiktion
Die ikonische Pyramide des Kukulcán lockt täglich Tausende nach Chichén Itzá, uns eingeschlossen.
Es ist gar nicht so einfach, etwas über unsere Studienreise durch Mexiko zu schreiben, ohne dass es wie ein Auszug aus einem Reiseführer klingt. Die Eindrücke, die wir in 14 Tagen zwischen Mexiko-Stadt und Cancun gesammelt haben, waren vielfältig, kratzten aber nur an der Oberfläche. Weil eine umfassende Darstellung unmöglich ist, beschränke ich mich in meinem Rückblick auf einige Episoden, die bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen haben.
An zwei Orten, die wir am Ende unserer Reise auf der Halbinsel Yucatán besucht haben, haben sich Geschichte, Gegenwart und Fiktion in eigenartiger, ich bin fast geneigt zu sagen magischer Weise verbunden: am Cenote Sagrado in Chichén Itzá und in unserem Hotel, der nahe gelegenen Hacienda Chichen. Die vor etwa 1000 Jahren verlassene Ruinenstadt mit der ikonischen Kukulcán-Pyramide ist das beeindruckende Zeugnis einer faszinierenden Hochkultur, bei dem man sich verwundert die Augen reibt, aber das von Touristen völlig ist überlaufen, und die Zahl der Händler, die dort Souvenirs aller Art von billigen Kühlschrankmagneten bis handgeschnitzten Figuren feilbietet, steht ihnen kaum nach. Ich kam mir vor wie auf einem Basar.
Die Frau mit dem roten Kleid
Dank unserer engagierten und sehr kompetenten Reiseleiterin, die die oft langen Busfahrten auf dieser Reise nutzte, uns ausführlich über Land und Leute zu erzählen, habe ich von der Frau im roten Kleid und dem Roman »Das Mädchenopfer« von Patrick Quentin erfahren. Der Protagonist, Peter Duluth, nimmt auf dem Weg nach Chichén Itzá eine gut aussehende junge Frau als Anhalterin mit, die offenbar auf der Flucht ist. Sie heißt Deborah, trägt ein rotes Kleid und hat nur eine rote Handtasche dabei. Weil er sich ein sexuelles Abenteuer verspricht, quartiert er sich mit ihr in der Hacienda Chichen ein. Sie besteht allerdings auf einem eigenen Zimmer.
Im Cenote Sagrado opferten die Maya ihrem Regengott Chaac auch Menschen.
An nächsten Tag besuchen sie die Ausgrabungsstätte. Am Cenote Sagrado, einer offenen 60 Meter durchmessenden, mit Wasser gefüllten Karsthöhle, lässt Duluth Deborah für einen Moment aus den Augen. Sie ist verschwunden, nur die rote Tasche ist noch da. Ist sie in den Cenote gesprungen? Hat sie jemand geschubst? War es ein Unfall? Oder hat sie sich einfach aus dem Staub gemacht? Duluth versucht das Rätsel zu lösen und wird plötzlich zum Gejagten.
Es war nicht schwer, sich diese Szenen vor Ort auszumalen. Wie Peter und Deborah im Auto in die Einfahrt des Hotels einbiegen und zur Rezeption gehen. Wie sie zwei nebeneinander liegende Gästehäuser betreten. Wie Duluth am Cenote plötzlich nur noch die rote Tasche sieht und verzweifelt das Gelände nach Deborah absucht.
Der Mann, der Chichén Itzá kaufte
Eine nicht ganz so aufregende, dafür aber wahre Geschichte dreht sich ebenfalls um den Cenote und die Hacienda. Es ist die Geschichte von Edward Herbert Thompson, einem US-amerikanischen Diplomaten und Selfmade-Archäologen. Thompson (1857-1935) war von alten Kulturen fasziniert. Seine Karriere begann, als er 1879 einen Aufsatz mit dem Titel »Atlantis Not A Myth« in der Zeitschrift Popular Science Monthly veröffentlichte. 1885 nutzte er die Chance, als Konsul seines Landes nach Yucatán zu gehen, und begann schon bald mit archäologischen Untersuchungen. Besonders angetan hatte es ihm Chichén Itzá mit dem Heiligen Cenote. Er kaufte die Maya-Stätte und eine angrenzende Farm für 500 Dollar.
Die Hacienda diente der Unterbringung und Versorgung seiner Mitarbeiter. Thompson ließ kleine Gästehäuser bauen, die heute die Hotelgäste beherbergen und noch genauso ausschauen wie vor 100 Jahren. Wo jetzt ein üppiger tropischer Garten mit riesigen Palmen zum Spazierengehen einlädt, grasten Kühe und wurde Gemüse angebaut. Die Erinnerung daran wird hochgehalten. Über den Türen der Gästehäuser hängen Schilder mit der Aufschrift »Esta es su Casa / Thompson’s Guestroom«, und bis vor wenigen Jahren konnten Besucher in einem Album mit Originalfotos aus jener Zeit blättern (das Album wurde weggeschlossen, weil Fotos daraus geklaut wurden).
In den Gästehäusern der Hacienda Chichen kann man sich in die Pionierzeit der Maya-Forschung zurückversetzt fühlen.
Thompson gilt als Pionier der Maya-Forschung. Sein Schwerpunkt war die Untersuchung des Cenotes. Er war der erste, der dort Unterwasserarchäologie betrieb, und hat zwischen 1904 und 1910 zahlreiche Artefakte und menschliche Überreste geborgen. Dies waren Opfergaben für den Regengott Chaac. An keinem anderen Ort unserer Reise war dieses grausige Vermächtnis so deutlich zu spüren wie an diesem Zugang in die Unterwelt.
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