Aus einer vergangenen Epoche

Auf dem Bauschild für die neue Fahrradstation in Leer ist eine Lok zu sehen, die seit 40 Jahren regulär nicht mehr fährt

In der Stadt, in der ich wohne, wird am Bahnhof gerade eine Fahrradstation gebaut. An der Baustelle wird darüber mit einer großen Stellwand informiert. Eine Visualisierung soll einen Eindruck vermitteln, wie das ganze Ensemble demnächst aussehen wird. Auf dem Bild zu sehen sind die Fahrradstation, ein langgestreckes, rechteckiges Gebäude und rechts im Anschnitt ein Teil des Bahnhofs. Dazu ein paar Bäume und Fahrradfahrer. Damit der Betrachter erkennt, dass es sich hier um ein Bahnhofsgelände handelt, ist zwischen Station und Bahnhofsgebäude eine Lokomotive zu sehen (im Bild von mir rot eingekringelt, damit man sie gleich findet).

Wer etwas Ahnung von Eisenbahnen hat – und das habe ich als Eisenbahnerkind –, wird gleich erkennen, dass da was nicht stimmt. Bei der abgebildeten Lok handelt es sich um eine V 200, eine legendäre Diesellok der Deutschen Bundesbahn aus einer anderen Epoche. Sie wurde ab 1953 gebaut und 1984 ausgemustert. Sie ist seit mehr als 40 Jahren im regulären Betrieb nicht mehr im Einsatz und für ein Symbolbild im Jahr 2026 fehl am Platz. Es kommt hinzu, dass der Bahnhof Leer und die sich dort kreuzenden Bahnstrecken schon seit Jahrzehnten elektrifiziert sind und hier im regulären Betrieb längst keine Dieselloks mehr fahren. E-Loks der Baureihen 146 und 147 wären die richtige Wahl für das Stellwandmotiv gewesen.

Das ist eine V 200. Foto: Sebastian Terfloth, CC BY-SA 3.0

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Der Zug hält doch

Neermoor in Ostfriesland hat wieder einen Bahnanschluss | Zur Premiere sorgte die Deutsche Bahn für Irritation

Der Regionalexpress RE 15 von Emden nach Münster fährt in Neermoor ein.

Für die Ortschaft Neermoor in Ostfriesland hat ein neues Kapitel Bahngeschichte begonnen. Seit dem 1. Mai 2026 halten wieder Personen- bzw. Nahverkehrszüge der Westfalenbahn auf der Strecke Münster-Emden stündlich an einem neu errichteten Haltepunkt. Der alte Bahnhof, der ein Stück weiter südlich liegt, wurde 1979 stillgelegt und später verkauft.

Die Premiere, die ohne offizielles Tamtam erfolgte, war von einer bösen Panne im Auskunftssysem der Deutschen Bahn überschattet. Wer bei der Bahn nach einer Verbindung nach oder von Neermoor suchte, las: Halt entfällt! oder Verbindung fällt aus! Auch die Anzeigetafel auf dem Leeraner Bahnhof wies – etwas kryptisch durch ein kleines schwarzes „H-“ auf weißem Grund – darauf hin. So mancher Bahnreisender und 1.-Mai-Ausflügler hat wohl deshalb umgeplant.

Die Bahn verbreitet falsche Informationen.

Die App der Westfalenbahn sagte etwas anderes. Tatsächlich hielten die Züge dort, und im Zug wurde „Nächste Station: Neermoor“ angezeigt und angesagt.

Ich habe die neue Verbindung am Nachmittag ausprobiert. Die Züge zwischen Leer und Emden fahren so, dass man in Neermoor einige Minuten Zeit hat, bis der Gegenzug aus Emden kommt und man wieder zurückfahren kann (sonst muss man eine Stunde in Neermoor Langeweile schieben). Wenn alles gut läuft. Wenn der Zug aus Leer allerdings nur ein, zwei Minuten Verspätung hat und der aus Emden pünktlich ist, wird es ein Wettlauf gegen die Zeit. Die beiden Bahnsteige liegen versetzt an der Kirchstraße, die man überqueren muss, bevor wegen des Gegenzugs die Schranken runtergehen. Dann halten die Züge auch noch in Fahrtrichung am Ende der sehr langen Bahnsteige (225 Meter gegenüber 150 Meter Zuglänge).

Ich hatte jedenfalls kaum Zeit, ein gescheites Foto zu machen, und musste mich dann auch noch sputen, um den Zug nicht zu verpassen.

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Magische Momente in Chichén Itzá

Unterwegs in Mexiko | Am Cenote Sagrado mischen sich Realität und Fiktion

Die ikonische Pyramide des Kukulcán lockt täglich Tausende nach Chichén Itzá, uns eingeschlossen.

stilisierter Maya-TempelEs ist gar nicht so einfach, etwas über unsere Studienreise durch Mexiko zu schreiben, ohne dass es wie ein Auszug aus einem Reiseführer klingt. Die Eindrücke, die wir in 14 Tagen zwischen Mexiko-Stadt und Cancun gesammelt haben, waren vielfältig, kratzten aber nur an der Oberfläche. Weil eine umfassende Darstellung unmöglich ist, beschränke ich mich in meinem Rückblick auf einige Episoden, die bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen haben.

An zwei Orten, die wir am Ende unserer Reise auf der Halbinsel Yucatán besucht haben, haben sich Geschichte, Gegenwart und Fiktion in eigenartiger, ich bin fast geneigt zu sagen magischer Weise verbunden: am Cenote Sagrado  in Chichén Itzá und in unserem Hotel, der nahe gelegenen Hacienda Chichen. Die vor etwa 1000 Jahren verlassene Ruinenstadt mit der ikonischen Kukulcán-Pyramide ist das beeindruckende Zeugnis einer faszinierenden Hochkultur, bei dem man sich verwundert die Augen reibt, aber das von Touristen völlig ist überlaufen, und die Zahl der Händler, die dort Souvenirs aller Art von billigen Kühlschrankmagneten bis handgeschnitzten Figuren feilbietet, steht ihnen kaum nach. Ich kam mir vor wie auf einem Basar.

Die Frau mit dem roten Kleid

Dank unserer engagierten und sehr kompetenten Reiseleiterin, die die oft langen Busfahrten auf dieser Reise nutzte, uns ausführlich über Land und Leute zu erzählen, habe ich von der Frau im roten Kleid und dem Roman »Das Mädchenopfer« von Patrick Quentin erfahren. Der Protagonist, Peter Duluth, nimmt auf dem Weg nach Chichén Itzá eine gut aussehende junge Frau als Anhalterin mit, die offenbar auf der Flucht ist. Sie heißt Deborah, trägt ein rotes Kleid und hat nur eine rote Handtasche dabei. Weil er sich ein sexuelles Abenteuer verspricht, quartiert er sich mit ihr in der Hacienda Chichen ein. Sie besteht allerdings auf einem eigenen Zimmer.

Im Cenote Sagrado opferten die Maya ihrem Regengott Chaac auch Menschen.

An nächsten Tag besuchen sie die Ausgrabungsstätte. Am Cenote Sagrado, einer offenen 60 Meter durchmessenden, mit Wasser gefüllten Karsthöhle, lässt Duluth Deborah für einen Moment aus den Augen. Sie ist verschwunden, nur die rote Tasche ist noch da. Ist sie in den Cenote gesprungen? Hat sie jemand geschubst? War es ein Unfall? Oder hat sie sich einfach aus dem Staub gemacht? Duluth versucht das Rätsel zu lösen und wird plötzlich zum Gejagten.

Es war nicht schwer, sich diese Szenen vor Ort auszumalen. Wie Peter und Deborah im Auto in die Einfahrt des Hotels einbiegen und zur Rezeption gehen. Wie sie zwei nebeneinander liegende Gästehäuser betreten. Wie Duluth am Cenote plötzlich nur noch die rote Tasche sieht und verzweifelt das Gelände nach Deborah absucht.

Der Mann, der Chichén Itzá kaufte

Eine nicht ganz so aufregende, dafür aber wahre Geschichte dreht sich ebenfalls um den Cenote und die Hacienda. Es ist die Geschichte von Edward Herbert Thompson, einem US-amerikanischen Diplomaten und Selfmade-Archäologen. Thompson (1857-1935) war von alten Kulturen fasziniert. Seine Karriere begann, als er 1879 einen Aufsatz mit dem Titel »Atlantis Not A Myth« in der Zeitschrift Popular Science Monthly veröffentlichte. 1885 nutzte er die Chance, als Konsul seines Landes nach Yucatán zu gehen, und begann schon bald mit archäologischen Untersuchungen. Besonders angetan hatte es ihm Chichén Itzá mit dem Heiligen Cenote. Er kaufte die Maya-Stätte und eine angrenzende Farm für 500 Dollar.

Die Hacienda diente der Unterbringung und Versorgung seiner Mitarbeiter. Thompson ließ kleine Gästehäuser bauen, die heute die Hotelgäste beherbergen und noch genauso ausschauen wie vor 100 Jahren. Wo jetzt ein üppiger tropischer Garten mit riesigen Palmen zum Spazierengehen einlädt, grasten Kühe und wurde Gemüse angebaut. Die Erinnerung daran wird hochgehalten. Über den Türen der Gästehäuser hängen Schilder mit der Aufschrift »Esta es su Casa / Thompson’s Guestroom«, und bis vor wenigen Jahren konnten Besucher in einem Album mit Originalfotos aus jener Zeit blättern (das Album wurde weggeschlossen, weil Fotos daraus geklaut wurden).

In den Gästehäusern der Hacienda Chichen kann man sich in die Pionierzeit der Maya-Forschung zurückversetzt fühlen.

Thompson gilt als Pionier der Maya-Forschung. Sein Schwerpunkt war die Untersuchung des Cenotes. Er war der erste, der dort Unterwasserarchäologie betrieb, und hat zwischen 1904 und 1910 zahlreiche Artefakte und menschliche Überreste geborgen. Dies waren Opfergaben für den Regengott Chaac. An keinem anderen Ort unserer Reise war dieses grausige Vermächtnis so deutlich zu spüren wie an diesem Zugang in die Unterwelt.

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