Zwei Bücher mit Langzeitwirkung

Als Jugendlicher habe ich »Atom« von Karl Aloys Schenzinter und »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann gelesen. Sie haben mich fasziniert.

»Atom« von Karl Aloys Schenzinter und »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann haben mich stark beeinflusst.

Beim Umräumen sind mir zwei Bücher aus dem Nachlass meines Vaters in die Hände gefallen, die mich vielleicht mehr beeinflusst haben als alle anderen. Genauer gesagt: Bei diesen beiden Büchern bin ich mir dieser Wirkung schon damals bewusst gewesen, und ich kann immer noch die Faszination spüren, die von ihnen ausging, obwohl es inzwischen mehr als 50 Jahre her ist.

Es handelt sich um den Wissenschaftsroman »Atom« von Karl Aloys Schenzinger und das Jugendbuch »Labyrinth und Löwentor« von Hans Baumann, beides Lizenzausgaben für den Bertelsmann-Lesering, einer 1950 gegründeten Buchgemeinschaft, der mein Vater angehörte und die ihn regelmäßig mit Büchern versorgte. Die gesamte bescheidene Bibliothek meiner Eltern bestand aus diesen Büchern. Ich erinnere mich an Werke wie »Wendekreis des Krebses« von Henry Miller, »Die Nackten und die Toten« von Norman Mailer, »Suzie Wong« von Richard Mason, »Es muss nicht immer Kaviar sein« von Johannes Mario Simmel oder »Der Mann im Salz« von Ludwig Ganghofer.

Der Schenzinger im Bücherschrank meiner Eltern war eine Ausgabe von 1955. Das Original war 1951 im Wilhelm Andermann Verlag in München erschienen. Der Ein-Wort-Titel hat irgendwann eine unheimliche Faszination auf mich ausgeübt; ich musste es einfach lesen (und durfte es auch, im Unterschied zum »Wendekreis«, der mich aber gar nicht so besonders interessiert hat). Damals war ich zehn, elf Jahre alt.

Das »Löwentor« war ein Geschenk für meinen jüngeren Bruder. Das Buch war 1966 im Bertelsmann-Jugendverlag erschienen und noch im selben Jahr im Lesering verfügbar. Ein Jahr später wurde es sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

»Labyrinth und Löwentor« handelt von zwei bedeutenden archäologischen Ausgrabungen Ende des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird von Arthur Evans, der auf Kreta den Palast von Knossos ausgegraben hat, und Troja-Entdecker Heinrich Schliemann und dessen Ausgrabung in Mykene in Griechenland. Dieses Buch hat mir die Welt der Archäologie und fremder Kulturen eröffnet, die mich so fasziniert hat, dass ich nach dem Abitur kurz davor stand, Archäologie zu studieren.

»Atom« stillte meinen Hunger nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis. In dem Wissenschaftsroman geht es zunächst um den griechischen Naturphilosophen Demokrit von Abdera. Er lebte im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert und hat das Konzept des Atoms erfunden, das kleinste, nicht mehr teilbare Ding, aus dem alles besteht. Im zweiten Teil wird erzählt, wie das Geheimnis der Radioaktivität entschlüsselt und die Atomkraft entdeckt wurde. In lebendig geschilderten Abschnitten tauchen alle Pioniere der Atomphysik auf, angefangen bei Marie Curie über Ernest Rutherford und Nils Bohr bis zu Enrico Fermi. Seitdem liebe ich diese Art von Büchern, weil man als Leser mitgenommen wird in die Gedankenwelt der Protagonisten und deren Lebensumstände kennen lernt. Dass vieles von dem, was in dem Buch geschildert wird, so nicht passiert war (der Autor war schließlich nicht dabei, als Marie Curie in ihrer Pariser Waschküche Riesenmengen von Pechblende verarbeitete), hat mich damals nicht gestört.

Karriere in der Nazi-Zeit

Unbekannt war mir bis jetzt, dass sowohl Schenzinger (1886-1962) als auch Baumann (1914-1988) schon während der Nazizeit erfolgreiche Autoren waren. In den 1960er Jahren wäre es selbst für einem Erwachsenen nicht ohne Weiteres möglich gewesen, das herauszufinden. Heute gibt es das Internet.

Schenzinger verfasste 1932 das wohl bekannteste Jugendbuch dieser Zeit, »Der Hitlerjunge Quex«, im Auftrag von Baldur von Schirach, dem Reichsjugendführer der NSDAP. Es erschien vorab im Nazi-Kampfblatt »Völkischer Beobachter« und wurde sogar verfilmt. Schenzingers Bestseller »Anilin« (1937) und »Metall« (1939) feierten das deutsche Ingenieurswesen.

Baumann war, im Unterschied zu Schenzinger, ab 1933 Mitglied der NSDAP und Funktionär der Reichsjugendführung. Er schrieb und komponierte Lieder für die Hitler-Jugend und den Bund Deutscher Mädel. Berühmt-berüchtigt ist sein Lied »Es zittern die morschen Knochen« mit dem Zeilen »und heute gehört uns Deutschland/Und morgen die ganze Welt«, wobei es aber angeblich in der Ursprungsfassung von 1932 »und heute hört uns Deutschland« heißt. Seit 1993 ist es als Nazi-Propaganda verboten.

Ihre Nazi-Vergangenheit hat weder Schenzinger noch Baumann in der BRD-Nachkriegszeit geschadet. Sie galten als unbedeutende Mitläufer. Ihre Bücher erzielten hohe Auflagen. In der DDR waren ihre Werke verboten. Bei den Recherchen zu Baumann bin ich aber auf eine sehr späte Auswirkung seiner einschlägigen Vergangenheit gestoßen. Ein harmloses Frühlingslied von ihm, das in einem Grundschullesebuch in Brandenburg abgedruckt ist, hat dort im vergangenen Jahr zu Elternprotesten geführt.


Ein paar Links zum Weiterlesen (alle abgerufen am 25.5.2020):

Jörg Weigand: Nazilyrik, Kriegsverherrlichung und Jugendbuch. Porträt des Schriftstellers Hans Baumann (JMS Jugend Medien Schutz-Report)
Heidi Treder: Schenzinger, Karl Aloys (Datenbank Schrift und Bild 1900-1960)
Ulf Grieger: Bildungsministerium Brandenburg streicht Text von Nazi-Dichter Hans Baumann aus Lehrplan (Märkische Online-Zeitung)

Terra X und die ersten Amerikaner

terrax1Die ersten Menschen, die nach Amerika kamen, sollen Afrikaner gewesen sein. Schon vor etwa 30.000 Jahren und damit 18.000 Jahre eher, als bisher angenommen, hätten sie sich im heutigen Brasilien niedergelassen. Das ist die Botschaft, die das ZDF am vergangenen Sonnabend (19.2.) in einem Beitrag der Reihe »Terra X« verbreitet hat. Continue reading „Terra X und die ersten Amerikaner“

Sonntags mit Germanicus

Die Menge jubelt Germanicus zu.
Die Menge jubelt Germanicus zu.

Zwischendurch muss ich hier mal was anderes schreiben als Rezensionen zu Perry Rhodan NEO. Kürzlich haben wir uns die »Germanicus«-Ausstellung in Varusschlacht-Museum 🔗 in Kalkriese angesehen. Das war schon eine gute Schau. Sie läuft bis zum 1. November, und jeder, der sich für die Römer in Germanien interessiert, sollte sie sich ansehen. Continue reading „Sonntags mit Germanicus“

»Die Römer…« – für alle

rio_cover_kleinVor ein paar Tagen hatte ich auf mein digitales Werk über »Die Römer in Ostfriesland« aufmerksam gemacht (hier).  Da gab es das Ebook nur für den Kindle von Amazon.

Das ist inzwischen Geschichte. Ich habe eine zweite, durchgesehene Auflage bei Books on Demand veröffentlicht, die nach und nach bei allen möglichen Anbietern (Amazon, iTunes,  Thalia, Libri etc.) zu haben sein wird,  so dass das Buch nun für jeden/r verfügbar ist, so weit er/sie elektronisch liest.  Wegen dieser Umstellung war das Buch einige Tage bei Amazon nicht zu bekommen.

Die Änderungen in der neuen Auflage sind minimal. Ich habe einige Tippfehler korrigiert, in zwei, drei Fällen Sätze neu formuliert und ein oder zwei Fotos hinzugefügt. Eine Druckversion wird es aber definitiv nicht geben.

Hier geht es direkt zu den »Römern« (eine Auswahl an Shops)

Amazon

Thalia

Libri

Kobo

Die Römer in Ostfriesland

rio_cover_kleinNorbert Fiks
Die Römer in Ostfriesland.
Literarische und archäologische Spuren aus der Zeit der Varusschlacht.
Leer 2012.

Ich habe hier noch gar nicht mein Buch über »Die Römer in Ostfriesland« vorgestellt. Ist auch nicht sooo spannend, aber den einen oder anderen Heimatfreund und -forscher mag es vielleicht interessieren. Es gibt es allerdings nur als E-Book für Kindle (aber das wird sich vielleicht bald ändern) .

Römische Soldaten waren in der Zeit um Christi Geburt in Zusammenhang mit den Germanien-Feldzügen mehrfach in Ostfriesland. Sie kamen mit Schiffen von ihren Legionslagern am Rhein über die Nordsee ins Land. Niederschlag fand das in den Werken römischer Historiker wie Plinius und Tacitus, und es gibt eine Reihe passender archäologische Befunde, überwiegend Münzen aus dieser Zeit, aber auch einige Militaria. Ziemlich wahrscheinlich ist, dass die Römer in der Nähe von Bentumersiel am weltlichen Emsufer ein provisorisches Lager einrichteten.

Nachdem unter Kaiser Tiberius die Pläne zur Ausdehnung des Imperium Romanum bis an die Elbe aufgegeben worden waren, kamen gelegentlich römische Händler nach Ostfriesland. Auch sie haben archäologische Spuren hinterlassen.

Was damals in Ostfriesland passiert ist und was wir darüber heute wissen können, steht alles in diesem Buch (na ja, es ist vom Umfang her nur ein Büchlein).