Dreizehn ist keine Unglückszahl

Die Nummer 13 sollte für mich keine Unglückszahl sein. In der jetzt bei Amazon als E-Book veröffentlichten Anthologie »Gegen unendlich 13« ist eine Kurzgeschichte von mir erschienen, »Kurze Unterbrechung«. Der eine oder andere wird sie kennen, denn sie steht in meiner selbst verlegten Storysammlung »Zeit für die Schicht« von 2016.

Das sollte aber niemanden daran hindern, »GU 13« zu erwerben und zu lesen. Denn es gibt noch zehn andere Storys. Einige Autoren sind mir dem Namen nach bekannt, von anderen habe ich nicht nie gehört oder gar gelesen. Das werde ich jetzt nachholen. Print wird übrigens nachgeliefert.

Von den elf Autoren ist Gert Prokop der bekannteste. Prokop (1932-1994) war einer der profiliertesten SF-Schriftsteller der DDR und vor allem bekannt für seine Storys um den Detektiv Timothy Truckle (meine Rezension). Eine dieser Geschichten, »Null minus unendlich«, steht in »GU 13«. Über eine solche Gesellschaft kann man sich als Hobbyschriftsteller nur freuen. Mit der Prokop-Story und dem letzten Beitrag der Antho, »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop« von Armin Möhle, erweisen die Herausgeber Michael Awe, Andreas Fieberg und Joachim Pack wieder einem älteren deutschen SF-Schriftsteller die Ehre. Ich selbst bin durch »GU 11« das Werk von Carl Grunert (1865-1918) aufmerksam geworden.

Der Waschzettel

Die Herausgeber schreiben:

Die phantastische Literatur erreicht Orte, von denen manch einer nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Diese Erkenntnis wollen wir hiermit erneut auf die Probe stellen, und zwar mit einer gesunden Mischung aus forscher Phantastik und gediegener Science Fiction. Begleiten Sie uns auf einen weiteren Ausflug »gegen unendlich« und lassen Sie sich von unseren Autoren über Grenzen entführen, hinter denen alles möglich scheint. – Das Titelbild stammt von Michael Hutter.

DIE STORYS
Michael J. Awe: »Der Seltsamkeitsladen«
Andreas Fieberg: »5-Minuten-Schicksal«
Fernando Sorrentino: »Schuld hat Dr. Moreau«
Joachim Pack: »Lift!«
Uwe Durst: »Frau Griese«
Norbert Fiks: »Kurze Unterbrechung«
Amya Northcote: »Brikett Bottom«
Ute Dietrich: »Das Eis«
Michael Hutter: »Melchior Grün und das Sternentier«
Ellen Norten: »Der magische Schleier«
Gert Prokop: »Null minus unendlich«
Armin Möhle: »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop«

AUS DEM INHALT
Ein obskurer Laden, in dem nichts gekauft werden kann / Instant Karma auf Causa Prime / Ein nicht ganz menschlicher Schwiegervater in spe / Unterwegs per Anhalter auf Vingart / Eine Wohnung, die sich gegen eine alte Dame wendet / Nebenwirkung eines Cyberanschlags / Verschwinden im Tal des Todes / Eisige Postapokalypse / Intergalaktische Brut / Raffinesse einer Bauchtänzerin / Überbevölkerung und ihre vermeintliche Lösung / Armin Möhle über die SF-Krimis von G. Prokop

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Rücksturz in eine »Lockende Zukunft«

Aus den Tiefen des Online-Antiquariats ist ein besonderes Buch in meinem Briefkasten gelandet: die erste Anthologie mit deutschen Science-Fiction-Kurzgeschichten überhaupt. Sie erschien 1957, also vor 61 Jahren, unter dem Titel »Lockende Zukunft. Eine utopische Anthologie« und versammelte 35 Geschichte deutscher SF-Schriftsteller. Ich bin gespannt, welche Perlen sich darin verstecken.

Hier ist das Inhaltsverzeichnis:

Wolfgang Jeschke: Der Türmer | Wlli Voltz: Mechanical Brain | Henry Bings: Begegnung | K. H. Scheer: Sie erkannten es nicht | Bernd Müller: Kommst Du? | Jorge Z. Lancha: Stützpunkt Mais | Bernd Müller: Sie kamen zum dritten Mal | Heinz Pradel: Die letzte Hoffnung | Lawson Marchfield: Der Warner | Peter Martin: Der Versuch | Jay Grams: Geheimnisvolle fremde Welt | Willi Voltz: Die andere Welt | Clark Darlton: Das Ende der Furcht | Heinz-Dieter Reiss: Die Ursache | Ernst W. Hulsch: Die entscheidende Sekunde | Thea Grade: Das Experiment | Henry Bings: Tod im Licht | Willi Voltz: Der Tod bringt den Beweis | Jürgen Duensing: Ruf der Vergangenheit | Willi Volts: Theorie und Praxis | Anna-Maria Best: Das Erbe der Götter | Rainer Eisfeld: Die Hölle auf Erden | Willi Voltz: Ein Stück Ewigkeit | Victor Jewers: Impulse | Ernst H. Richter: Die Rückkehr | Jay Grams: Die Welt im Atom | Willi Voltz: Der zehnte Planet | Manfred Caspar: Dramatische Signale | Willi Voltz: Keine Robot’s mehr für Venus | K. H. Biege: Phänomen um Mitternacht | Rolf Ulzheimer: Die Zeitmaschine | Willi Voltz: Der Schläfer | Norbert Nowak: Das ewige Leben | Gord W. Zetzmann: Die Chance war Null | Willi Voltz: Tödliche Gedanken

Den Auftakt macht Wolfgang Jeschke, später langjähriger SF-Herausgeber beim Heyne-Verlag. Die beiden Väter der PERRY-RHODAN-Serie, K.-H. Scheer und Clark Darlton, sind mit je einer Geschichte vertreten, der erst 19 Jahre alte Willi Voltz, beider Nachfolger als PR-Chefautor, gleich achtmal; fleißig, fleißig. Ernst H. Richter, Henry Bings und Rainer Eisfeld sind Namen, die im Zusamenhang mit der Geburt der deutschen SF und den Anfängen des Fandoms immer wieder auftauchen. Der Rest? Die Namen sagen allenfalls Experten etwas, viele waren als SF-Schriftsteller offenbar nur »Eintagsfliegen«.

Herausgeber war Henry Bings alias Heinz Bingenheimer, der Gründer der SF-Buchhandlung Transgalaxis, die inzwischen auch schon mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hat. Erschienen ist das Werk im Bewin-Verlag Menden, einem der führenden Leihbuch-Verlage jener Zeit in Deutschland. Deshalb wundert es nicht, dass im Buch ein Stempel den »Praktischen Bücherverleih I. Walden« aus Duisburg-Meiderich als (ehemaligen) Eigentümer ausweist. »Geadelt« wurde das Buch durch das Clubsiegel des Science-Fiction-Clubs Deutschland, zu dessen Gründungsmitgliedern Bingenheimer gehörte.

Die Illustration zum Story „Die Ursache“ Heinz-Dieter Reiss.

Das Cover ist von Alfred Dudda, Schwerte, einem damals viel beschäftigen Titelbildzeichner. Jan Groenmeyer aus Iserlohn hat zu jeder Geschichte eine Illustration beigesteuert. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei den Lesern gut angekommen ist.

Mal sehen, wie die vergangenen 60 Jahre den Geschichten bekommen sind.

SF-Magazin Exodus 37: Wo ist der Nachwuchs?

Exodus 37
Hrsg. Von René Moreau, Olaf Kemmler und Fabian Tomaschek.
Ausgabe 1/2018, 108 S., zahlreiche Abbildungen, 13,90 Euro
ISSN 1860-675X

Die jüngste, 37. Ausgabe des Science-Fiction-Magazins Exodus bietet wieder einen Haufen lesenswerter Kurzgeschichten deutschsprachiger Autoren (sowie eine Übersetzung). Auffällig: Es handelt sich fast ausschließlich um gestandene Autoren älteren Jahrgangs (bis auf zwei sind alle über 50), darunter Altmeister ihres Fachs wie das Ehepaar Angela und Karl-Heinz Steinmüller, Rolf Krohn und Erik Simon. Die beiden Jüngsten – Dirk Alt und Daniel Habern – sind Jahrgang 1982. Ist das ein Zeichen dafür, dass es um den SF-Nachwuchs und seine Leistungen schlecht bestellt ist?

Ich habe Exodus 37, nachdem das Heft wochenlang neben meinem bevorzugten Leseplatz gelegen hat, mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen, und es hat mich gut unterhalten. Beeindruckt haben mich aus ganz unterschiedlichen Gründen zwei Geschichten:

»Die Läuterung« von Dirk Alt (mit 23 Seiten die längste Story): Der aufsässige Jugendliche Diedrich Holdling lebt in einem totalitären Staat, in dem Gewohnheitsverbrecher »radiert« werden. Er bekommt die Gelegenheit, sich in einem Umerziehungslager der Staatsjugend für die Reintegration in die Gesellschaft zu bewähren. Dirk Alt gelingt es meiner Ansicht nach eindringlich, das Seelenleben der jungen Manns rüberzubringen, man kann als Leser regelrecht mitfühlen. Um nicht zu spoilern, will ich den Ausgang der Geschichte nicht verraten, auch wenn ich dort den einzigen gravierenden Kritikpunkt ansetzen muss: Es fehlt die kritische Distanz des Autors zu seinem Protagonisten und dessen Verhalten. Man könnte meinen, dass der Autor die Entscheidung seiner Figur gutheißt. Das wiederum fände ich bedenklich.

»Schneefall« von Arno Behrend: Die Geschichte wird aus der Perspektive einer Künstlichen Intelligenz, die sich Sue nennt, erzählt. Sue bekommt gerade »Nachwuchs«, den sie Dunja nennt. Tatsächlich handelt es sich bei Sue, Dunja und all den anderen KIs um die Software von Plattformen, die um die Venus kreisen und dort für die Bewohner der Erde Vorarbeiten fürs Terraforming des Planeten betreiben. Diese KIs erkennen, dass sie letztendlich für das Projekt geopfert werden sollen.

Von Dämonen und Weihnachtsmännern

Von den übrigen neun Storys will ich drei wegen ihrer humoristischen Art erwähnen: In »Check out« von Thoms Kolbe geraten wir Leser in ein Hotel, das einen Gast verlegt hat. Ein nette, bösartige Geschichte. Schadenfreunde kommt in »Das Zeichen« von Erik Simon auf, wenn ein Dämon denjenigen, der ihn herbeigerufen hat, austrickst. Und schließlich sorgt in der Geschichte des Ukrainers Maksym Shapiro ein von zwei naiven Außerirdischen entführtes acht Jahre altes Mädchen mit ihrer Erzählung vom »Weihnachtsmann« dafür, dass Aliens künftig einen großen Bogen um die Erde machen.

Weitere Geschichten steuerten Daniel Habern, Rolf Krohn, H. D. Klein, Lothar Nietsch, die Steinmüllers und Jan Gardemann bei. Außer den Storys enthält Exodus 37 einen Text, in dem sich Dirk Alt mit SF in drei Literaturzeitschriften befasst, drei Gedichte und drei Comics bzw. Karikaturen sowie einen Nachruf auf Christian Weis, der im vergangenen Jahr an Krebs gestorben ist und zahlreiche Geschichten zu Exodus beigesteuert hat.

Grafik-»Galerie« von Mario Franke

Wie immer besticht Exodus durch seine zahlreichen Innenillustrationen und die große, farbige »Galerie« in der Heftmitte. Dieses Mal werden Werke von Mario Franke, dem Grafiker des SF-Freundeskreises Leipzig, präsentiert. Selbstverständlich ist auch das Titelbild »Wolkenmeer« von ihm.


Infos und Bezugsmöglichkeiten: www.exodusmagazin.de