Ziemlich viel Unfug auf einem Haufen

»Erinnerungen an die Zukunft« von Erich von Däniken wiedergelesen. Das Buch ist ein Klassiker der Pseudowissenschaft.

1968 erschienen die »Erinnerungen an die Zukunft« im Econ-Verlag

»Erinnerungen an die Zukunft« von Erich von Däniken ist ein Klassiker der Pseudowissenschaft und ein Meilenstein der so genannten Prä-Astronautik. Ganze Generationen von Lesern hat es beeinflusst und viele Nachfolger motiviert. Im Zuge einer Recherche habe ich mir das 1968 erschienene Buch, das ich als 15- oder 16-Jähriger, also vor sehr langer Zeit, einmal gelesen habe, (in einer Ausgabe von 1984) erneut besorgt und jetzt wieder gelesen. Das ist mein Eindruck:

Schon der erste Satz der Einleitung ist Bullshit: »Dieses Buch zu schreiben, ist eine Mutfrage – es zu lesen nicht minder.« In der Schweiz, wo von Däniken lebt, oder in Westdeutschland, wo das Buch erschien, wurde man damals deswegen höchstens komisch angeguckt. Aber das Statement bindet Autor und Leser aneinander und gibt ihnen das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, Mitglieder im Club der Mutigen, der den Rest der Welt gegen sich hat.

Wissenschafts-Bashing als roter Faden

Im zweiten Satz geht es mit Wissenschafts-Bashing los, etwas, das das Buch wie ein roter Faden durchzieht: »Gelehrte werden es, weil seine Thesen und Beweise nicht in das mühsam gekittete Mosaik bereits zementierter Schulweisheit passen, als Utopie auf den Index jener Bücher setzen, über die man besser nicht spricht.« (S. 11) Hier wird Wissenschaft als etwas Starres, Dogmatisches, Ignorantes, Unnahbares dämonisiert, als »zementierte Schulweisheit«, die ein »mühsam gekittete(s) Mosaik«, aber nicht das wirkliche Bild als Wahrheit anbiete. Und nicht nur das, sie versuche sogar, die Wahrheit zu unterdrückten, in dem sie solche Werke auf einen Index mit Bücher setze, über die man nicht spreche. Da wird das finstere Mittelalter heraufbeschworen und damit ein Bild von der Wissenschaft, das mit den Tatsachen nichts zu tun hat.

Solche Stellen finden sich immer wieder im Buch, einmal schreibt von Däniken von den »Krücken vererbter Schulweisheiten«, mit der man »nicht zu den probaten Lösungen kommen kann« (S. 42). Und wenn es sein muss, werden etablierte und bewährte wissenschaftliche Methoden lächerlich gemacht: »… man klebt ein paar alte Scherben zusammen, fahndet nach ein paar nächstliegenden Kulturen, klebt ein Etikett auf den restaurierten Fund und – simsalabim! – es paßt wieder einmal alles wundervoll in das so außerordentliche bewährte Denksystem.« (S. 44).

Diese, sagen wir mal, sehr kritische Haltung zur Wissenschaft hindert von Däniken aber überhaupt nicht, ständig auf irgendwelche Forschungsergebnisse Bezug zu nehmen, wenn sie seine Spekulationen zu stützen scheinen: »An vielen Forschungsstätten laufen die Versuche. Immer neue Beweise häufen sich, daß Leben keineswegs an die existenzielle Voraussetzungen unseres Planeten gebunden ist.« (S. 19). Oder: »Einsteins Relativitätstheorie gilt unbestritten!« (S. 25). Noch ein Beispiel: »Für den wissenschaftlich ungeschulten Verstand scheint der Vorgang verrückt, und dennoch vollzieht er sich genauso.« (S. 202).

Professoren als Kronzeugen

Trotz aller Häme über die akademische Wissenschaft tritt auch alle paar Seiten ein Professor als Kronzeuge auf: »Professor D. Willy Ley, bekannter wissenschaftlicher Schriftsteller und Freund Wernher von Brauns, sagte mir in New York…« (S. 17); »Die jüngsten Arbeiten von Professor Charles H. Hapgood…« (S. 36); »Professor Alden Mason, Spezialist für peruanische Altertümer, vermutet…« (S. 38).

Der Vorwurf der »zementierte(n) Schulweisheit«, die jede Form von Erkenntnis ausschließt, ist an sich schon Humbug. Träfe das zu, säßen wir – Achtung, Klischee! – immer noch in Höhlen und würden uns mit Keulen bekämpfen. Von Däniken glaubt selbst nicht daran: Im zweiten Kapitel beschreibt er eine Reise zu einem fernen Sonnensystem, schwärmt darin von den »Riesenschritte(n) der Technik«, von der »Grundlagenforschung für die Raketentriebwerke von morgen« (S. 24). Aber wahrscheinlich zählt von Däniken Leute, die so etwas betreiben, zur gleichen Spezies wie sich selbst: »Wie gut, daß es in der Vergangenheit immer ausreichend kühne und der zeitgenössischen Kritik gegenüber taube Phantasten gab!« (S. 107).

Stimmt, es hat Leute gegeben, die der Meinung waren, dass Eisenbahnfahren gefährlich ist, weil Menschen bei Geschwindigkeiten über 34 Kilometer pro Stunde sterben. Und ja, Heinrich Schliemann hat Troja gefunden, weil er Homer ernst nahm. Selbstverständlich gibt es Wissenschaftler, die eine einmal gefundene Theorie gegen alle Vernunft mit Händen und Füßen verteidigen. Aber das ist – im Umkehrschluss – noch lange kein Beweis dafür, dass jeder Unsinn, den ein wissenschaftlicher Außenseiter behauptet, stimmt.

Von Däniken ist gelernter Hotelier. Macht das seine These, dass »Raumfahrer in grauer Vorzeit« an der Errichtung der Kultur von Tiahuanaco in Bolivien beteiligt sein könnten, glaubhafter als die Annahme »einiger Archäologen«, die vermutlich jahrelang in Tiahuanaco geforscht haben, dass das Ruinenfeld 3000 Jahre alt ist? Von Däniken wirft diesen sogar vor, diese Behauptung »kühn und selbstsicher« aufzustellen (S. 43). Macht er etwas anderes?

Eine feste Behauptung…

Vieles in dem Buch läuft nach dem Motto »Eine feste Behauptung ist besser als ein schwacher Beweis.« Da steht zum Beispiel – ohne nähere Erläuterung – der Satz »Der älteste Text über Teotihuacan berichtet uns, daß hier die Götter zusammenkamen und über den Menschen Rat hielten, noch ehe es den homo sapiens überhaupt gab!« (S. 145). Eine starke Behauptung, mit der der Leser völlig allein gelassen wird. Welcher Text? Wie alt? Und wie kann über den Menschen Rat gehalten werden, bevor es ihn gab?

Hin und wieder weist von Däniken auf »Unmöglichkeiten« hin, die Zweifel streuen sollen: »Auf der Hochebene von Peru wurden Ornamente aus Platin gefunden« oder »In einem Grab in Chou-Chou lagen Teile eines Gürtels, die aus Aluminum bestehen« (S. 52). Aus den sich daraus ergebenden Fragen – Wie kann in Peru Platin, das eine Schmelztemperatur von 1800 Grad hat, verarbeitet worden sein? Woher kommt Aluminium, das »nur unter beträchtlichen Schwierigkeiten aus dem Bauxit« gewonnen werden kann? – ergibt sich laut von Däniken nur eine Antwort: »die Hypothese vom Besuch aus dem Weltall« (S. 53).

Dem kritischen Leser dagegen stellt sich erst einmal die Frage nach den Quellen. Stimmt das mit dem Platin und dem Aluminium überhaupt? Darüber schweigt sich von Däniken nämlich aus. In einem seriösen Werk hätten detaillierte Angaben zu den »Unmöglichkeiten« gestanden, zum Beispiel zum genauen Fundort des Platin-Ornaments, zu den Fundumständen, den Abmessungen und dem Aussehen der Ornamente. Es hätte einen Diskurs zur Entwicklung der Metallverarbeitung im vorspanischen Südamerika gegeben usw. Von Däniken bleibt lieber vage, dann kann man ihn nicht festnageln. Es macht es ihm zudem leicht, Zusammenhänge anzudeuten, wo es keine gibt.

An einigen Stellen steht auch einfach nur Unsinn: »Viele hundert Generationen glaubten, die Erde sei eine Scheibe.« (S. 21). Hundert Generationen sind 3000 Jahre, aber schon der griechische Philosoph Aristotels stellte in der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, also vor etwa 2500 Jahren, Überlegungen zum Umfang der Erdkugel an.

Hoch über Kairo

Apropos Kugel. In Kapitel 3 geht es unter anderem um die so genannten Piri-Reis-Karte, eine türkische Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert, auf der angeblich die Küstenlinie der Antarktis, die damals noch gar nicht bekannt war, exakt wiedergegeben ist. Von Dänikens Behauptung: Die Karte entstand auf der Grundlage eines Foto, das in grauer Vorzeit aus 8000 Kilometer über Kairo gemacht wurde. Mit Hilfe von Google Earth oder eines Globus kann man sehr leicht selbst feststellen, dass die Antarktis und der größte Teil der südamerikanischen Küste wegen der Kugelgestalt der Erde überhaupt nicht zu sehen sind, wenn man senkrecht über Kairo steht. Und warum überhaupt Kairo? Die Stadt wurde erst im 10. nachchristlichen Jahrhundert gegründet, und selbst die in der Nähe liegenden Pyramiden von Gizeh entstanden erst vor 4600 Jahren. Dabei soll doch die Aufnahme (laut Text zur Abbildung nach S. 144) gemacht worden sein, »bevor die Eisdecke [der Antarktis] da war«. Nach heutigem Stand der Forschung ist die Antarktis seit 34 Millionen Jahren von einem Eispanzer bedeckt (Quelle).

In vielen Punkten wirken die »Erinnerungen an die Zukunft« heute altbacken, sie waren eben auch eine Produkt ihrer Zeit, der späten 1960er Jahre. Wir wissen heute im Unterschied zu damals, dass es Milliarden von Planeten allein in unserer Milchstraße gibt, und leider wurden nicht »in weniger als zwei Jahrzehnten… Riesen-Raumschiffe auf dem Mond startklar« (S. 24) gemacht.

Der sogenannte Astronaut aus dem Valcamonica in Norditalien. Er trägt angeblich einen Helm mit Antennenstäben. Bild: Luca Giarelli/Wikipedia

Manches war aber sogar schon 1968 lächerlich: Die Raumfahrer bei Erich von Däniken »tragen merkwürdige Hüte mit Stäben daran auf den Köpfen« (S. 27). Sind das Antennen? Schon die amerikanischen Raumfahrer vor Neil Amstrong, der wenige Monate nach Erscheinen des Buches auf dem Mond landete, trugen keine Helme mit Antennen. Da hat wohl einer zu viele Perry-Rhodan- und andere SF-Heftchen gesehen.

Fazit: als Sachbuch grenzwertig, weil statt Beweise Spekulationen, Vereinfachungen und Verdrehungen geliefert werden, als Unterhaltungslektüre ganz annehmbar. Bedenklich ist allerdings, dass das Buch beziehungsweise der Autor und dessen »Thesen« noch heute die rechte Pseudogeschichtsszene vor allem in den USA befeuern.

Begegnung mit Erich von Däniken

An meine einzige eigene Begegnung mit von Däniken kann ich mich kaum erinnern. Das war im September 1993 bei einer Vortragsveranstaltung in Hesel, einem Dorf in Ostfriesland. So sah damals mein Bericht in der Ostfriesen-Zeitung darüber aus – wobei ich den letzten Satz so nicht mehr schreiben würde: Erich von Däniken ist ein Scharlatan.

Quelle: Ostfriesen-Zeitung, 20.9.1993

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Erich von Däniken

Werbung für Andreas Eschbach

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Jazz trifft auf SF

Auch wenn ein Stück, das die Band am Donnerstagabend im Kulturspeicher in Leer spielte, »A Short Moment Of Zero G« heißt und das Konzert selbst zeitweise von musikalischer Schwerelosigkeit war – die Verbindung zur Science-Fiction ist an den Haaren herbeigezogen. Sie taugt nicht einmal als Übergang zu der Geschichte, um die es hier geht, um ein zufälliges Zusammentreffen und ein Buch.

Vor dem Konzert von Daniel Erdmanns Velvet Revolution stand ich an der Theke und wartete auf ein Bier. Auf einem Tischchen daneben lag ein Stapel Bücher, offenbar als Lektüre für die Gäste gedacht. Eines der Bücher war unter die etwas überstehende Thekenplatte gerutscht. Ich zog es hervor und hatte »Die Haarteppichknüpfer« von Andreas Eschbach in der Hand.

Keine Ahnung, was davon in diesem Moment die Aufmerksamkeit des Mannes neben mir erregte, aber er sah mich erwartungsvoll an. »Ein gutes Buch«, sagte ich und drückte es ihm in die Hand. Er las den Text auf der Rückseite, schien irritiert. »Das ist Science-Fiction«, fügte ich hinzu. »Oh, dann ist das eher was für meine Frau.«

Wir wechselten noch ein paar Worte, dann bekam ich mein Bier und ließ den Mann mit dem Buch in der Hand stehen.

In der Pause stand ich erneut vor der Theke, als der Mann neben mir auftauchte. »Von dem Buch habe ich ein Foto gemacht.«

Aber wie erfahre ich jetzt, ob seine Frau – oder er selbst? – das Buch liest? Beim nächsten Jazzkonzert wahrscheinlich nicht. Denn der Mann hat den zweiten Teil des Auftritts der samtenen Revolution nicht mitbekommen. Die Musik war wohl nicht nach seinem Geschmack.


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Daniel Erdmann

Andreas Eschbach

Jazz live im Speicher

Der Himmel hängt voller Flugzeuge

himmel
Spuren des Luftverkehrs über unserer Straße.

Verdammt viel los über Ostfriesland. Der trockene Ostwind befreit den Himmel von den Wolken. Wenn dann die Sonne tief steht und nicht mehr alles überstrahlt, leuchten die Spuren der Flugzeuge auf. Die Luf ist so klar, dass man das Weiß im Auge der Piloten sehen kann. An einem solchen Abend wird aufgedeckt, wie viele Flugzeuge über uns unterwegs sind.

Gestern habe ich gegen 19.15 Uhr von unserer Straße aus zehn Flieger gezählt, die in der Abendsonne glänzten und einen weißen Strahl hinter sich herzogen. Dazu kamen die schon ausgefransten Kondensstreifen zahlreicher anderer Flugzeuge, die vor Kurzem vorbeigezogen sein müssen. In der trockenen, kalten Luft dort oben lösen sich die Wasserdampfschleier schnell auf.

Der Großteil der Flugzeuge, die man bei uns beobachten kann, verkehren in nordöstliche beziehungsweise südöstliche Richtung. Ostfriesland liegt direkt unter einigen Flugrouten. Gerade eben, sagt mir der Flugradar, hat ein Airbus A 320 auf dem Weg von Kopenhagen nach Amsterdam die ostfriesische Halbinsel überquert. Der Flug SAS 1550 nähert sich in Gegenrichtung in diesen Sekunden mit fast zwei Stunden Verspätung der Ems, und wenig später kann ich den Kondensstreifen vom Fenster sehen. Jetzt weiß ich, dass mir vor dem Bildschirm nicht nur eine Simulation vorgespielt wird.

Eine verkehsarme Gegend

Für den Flug WZZMT von Riga nach London ist es inzwischen schon zu dunkel. Im Süden passiert jetzt ein Airbus A 319-111 von Liverpool nach Berlin die Grenze zum Emsland. Vom Dollart nähert sich wieder etwas, eine Embraer ERJ-145EU auf dem Weg von Bristol nach Hamburg. Und so weiter, und so weiter. Dabei ist das hier, wenn ich mir auf dem Flugradar die Übersicht für Deutschland ansehe, eine sehr verkehrsarme Gegend.

Einige Stunden später, mitten in der Nacht, sind nur die Sterne zu sehen. Vor ein paar Minuten muss noch ein Aeroflot-Airbus in Richtung Moskau vorbeigezogen sind.