Dieses Buch hat mich im Griff

Mein Lesemonat Februar wurde von einem Roman bestimmt: Die Enden der Parabel von Thomas Pynchon ist berüchtigt für seine Themenvielfalt, aber toll geschrieben, absurd und lustig. Da muss andere Lektüre zurückstecken.
Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel.
Taschenbuch, 1200 Seiten. 20 Euro (E-Book 14,99 Euro). ISBN 978-3499135149.
rororo

Mein Lesemonat Februar 2021 war von Thomas Pynchons Roman »Die Enden der Parabel« (im Original »Gravity‘s Rainbow«, übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz) bestimmt. Der Roman wird zu den bedeutendsten englischsprachigen Werken des 20. Jahrhunderts gezählt. Das rororo-Taschenbuch hat 1200 Seiten, von denen ich bisher fast die Hälfte geschafft habe. Was den Inhalt angeht, verweise ich auf den Wikipedia-Eintrag. Dort steht: »Der Roman ist berüchtigt für seine Figurenvielfalt, seine schwer durchschaubaren Handlungsstränge und seine enzyklopädische Themenvielfalt.« Hauptfigur ist die erste, in Deutschland entwickelte Rakete, die im Zweiten Weltkrieg als V2 unter anderem tausendfach auf London abgefeuert wurde. Um sie kreisen die Handlungen aller Figuren.

Pynchon schreibt keine einfache Prosa, das Buch ist kein Pageturner. Manche Sätze sind so verschachtelt und mäandernd, manche Gedankengänge so ineinander verwoben, dass man die Passagen mindestens zweimal lesen muss, um zumindest ihre Struktur zu entschlüsseln. Das kostet Zeit, und deshalb schaffe ich immer nur ein paar Seiten pro Tag. Aber das ist es wert. »Die Enden der Parabel« strotzt vor originellen Einfällen und großartigen Bildern, ist stellenweise völlig absurd und oft umwerfend komisch. Beispiel: Tyrone Slothrop, einer der Hauptprotagonisten, ist mit einem Mann in einem Ballon nach Berlin unterwegs, als sie von einem Flugzeug bedrängt werden. Sie wehren sich, indem sie das Flugzeug mit Sahnetorten bewerfen, die der Mann nach Berlin bringen wollte, um sie dort zu verkaufen. Purer Slapstick! Erstaunlich ist auch, wie gut sich Pynchon an den verschiedenen Schauplätzen, mit geschichtlichen und technischen Details auskennt. Er muss unendlich viel recherchiert haben, ganz ohne Internet (das Buch ist von 1973).

Werk mit SF-Elementen

»Die Enden der Parabel« enthält zahlreiche phantastische Elemente, darunter eine militärische Abteilung, die sich mit Psi-Experimenten beschäftigt. Der Roman wird deshalb zur Slipstream Science Fiction gezählt (Slipstream = Windschatten). Der SF-Schriftsteller Bruce Sterling bezeichnete damit Werke, die sich SF-Elemente bedienen, aber nicht zum SF-Genre gezählt werden. Tatsächlich würde aber kein Buchhändler »Die Enden der Parabel« in ein SF-Regal stellen, und ich schätze, dass viele, nein, die meisten SF-Leser auf das Buch mit Befremden reagieren würden, sollten sie es jemals zur Hand nehmen.

Das Buch ist aber nicht nur zeitfordernd; es hat noch einen anderen Effekt auf mein Leseverhalten. Normalerweise macht es mir nichts aus, mehr oder weniger gleichzeitig etwas anderes zu lesen: Ich lege ein Buch weg und greife nach einem anderem oder einem Heftroman. Nach Pynchon brauche ich immer eine Pause: Sonst erschlägt mich der Qualitätsunterschied. Nichts gegen euch, meine Freunde vom PERRY RHODAN-Autorenteam, aber da könnt ihr einfach nicht mithalten. Immerhin habe ich es fast geschafft, wie geplant, die zweite Staffel der PERRY RHODAN-Miniserie »Mission Sol« komplett zu lesen, damit ich ab Mitte März Luft für die nächste Miniserie habe. Auch einige Kurzgeschichten gehörten im vergangenen Monat zu meinem Pensum.

Dreizehn ist keine Unglückszahl

Die Nummer 13 sollte für mich keine Unglückszahl sein. In der jetzt bei Amazon als E-Book veröffentlichten Anthologie »Gegen unendlich 13« ist eine Kurzgeschichte von mir erschienen, »Kurze Unterbrechung«. Der eine oder andere wird sie kennen, denn sie steht in meiner selbst verlegten Storysammlung »Zeit für die Schicht« von 2016.

Das sollte aber niemanden daran hindern, »GU 13« zu erwerben und zu lesen. Denn es gibt noch zehn andere Storys. Einige Autoren sind mir dem Namen nach bekannt, von anderen habe ich nicht nie gehört oder gar gelesen. Das werde ich jetzt nachholen. Print wird übrigens nachgeliefert.

Von den elf Autoren ist Gert Prokop der bekannteste. Prokop (1932-1994) war einer der profiliertesten SF-Schriftsteller der DDR und vor allem bekannt für seine Storys um den Detektiv Timothy Truckle (meine Rezension). Eine dieser Geschichten, »Null minus unendlich«, steht in »GU 13«. Über eine solche Gesellschaft kann man sich als Hobbyschriftsteller nur freuen. Mit der Prokop-Story und dem letzten Beitrag der Antho, »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop« von Armin Möhle, erweisen die Herausgeber Michael Awe, Andreas Fieberg und Joachim Pack wieder einem älteren deutschen SF-Schriftsteller die Ehre. Ich selbst bin durch »GU 11« das Werk von Carl Grunert (1865-1918) aufmerksam geworden.

Der Waschzettel

Die Herausgeber schreiben:

Die phantastische Literatur erreicht Orte, von denen manch einer nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Diese Erkenntnis wollen wir hiermit erneut auf die Probe stellen, und zwar mit einer gesunden Mischung aus forscher Phantastik und gediegener Science Fiction. Begleiten Sie uns auf einen weiteren Ausflug »gegen unendlich« und lassen Sie sich von unseren Autoren über Grenzen entführen, hinter denen alles möglich scheint. – Das Titelbild stammt von Michael Hutter.

DIE STORYS
Michael J. Awe: »Der Seltsamkeitsladen«
Andreas Fieberg: »5-Minuten-Schicksal«
Fernando Sorrentino: »Schuld hat Dr. Moreau«
Joachim Pack: »Lift!«
Uwe Durst: »Frau Griese«
Norbert Fiks: »Kurze Unterbrechung«
Amya Northcote: »Brikett Bottom«
Ute Dietrich: »Das Eis«
Michael Hutter: »Melchior Grün und das Sternentier«
Ellen Norten: »Der magische Schleier«
Gert Prokop: »Null minus unendlich«
Armin Möhle: »Verbrechen im 21. Jahrhundert. Die SF-Kriminalstorys von Gert Prokop«

AUS DEM INHALT
Ein obskurer Laden, in dem nichts gekauft werden kann / Instant Karma auf Causa Prime / Ein nicht ganz menschlicher Schwiegervater in spe / Unterwegs per Anhalter auf Vingart / Eine Wohnung, die sich gegen eine alte Dame wendet / Nebenwirkung eines Cyberanschlags / Verschwinden im Tal des Todes / Eisige Postapokalypse / Intergalaktische Brut / Raffinesse einer Bauchtänzerin / Überbevölkerung und ihre vermeintliche Lösung / Armin Möhle über die SF-Krimis von G. Prokop

Link zu Amazon

Rücksturz in eine »Lockende Zukunft«

Aus den Tiefen des Online-Antiquariats ist ein besonderes Buch in meinem Briefkasten gelandet: die erste Anthologie mit deutschen Science-Fiction-Kurzgeschichten überhaupt. Sie erschien 1957, also vor 61 Jahren, unter dem Titel »Lockende Zukunft. Eine utopische Anthologie« und versammelte 35 Geschichte deutscher SF-Schriftsteller. Ich bin gespannt, welche Perlen sich darin verstecken.

Hier ist das Inhaltsverzeichnis:

Wolfgang Jeschke: Der Türmer | Wlli Voltz: Mechanical Brain | Henry Bings: Begegnung | K. H. Scheer: Sie erkannten es nicht | Bernd Müller: Kommst Du? | Jorge Z. Lancha: Stützpunkt Mais | Bernd Müller: Sie kamen zum dritten Mal | Heinz Pradel: Die letzte Hoffnung | Lawson Marchfield: Der Warner | Peter Martin: Der Versuch | Jay Grams: Geheimnisvolle fremde Welt | Willi Voltz: Die andere Welt | Clark Darlton: Das Ende der Furcht | Heinz-Dieter Reiss: Die Ursache | Ernst W. Hulsch: Die entscheidende Sekunde | Thea Grade: Das Experiment | Henry Bings: Tod im Licht | Willi Voltz: Der Tod bringt den Beweis | Jürgen Duensing: Ruf der Vergangenheit | Willi Volts: Theorie und Praxis | Anna-Maria Best: Das Erbe der Götter | Rainer Eisfeld: Die Hölle auf Erden | Willi Voltz: Ein Stück Ewigkeit | Victor Jewers: Impulse | Ernst H. Richter: Die Rückkehr | Jay Grams: Die Welt im Atom | Willi Voltz: Der zehnte Planet | Manfred Caspar: Dramatische Signale | Willi Voltz: Keine Robot’s mehr für Venus | K. H. Biege: Phänomen um Mitternacht | Rolf Ulzheimer: Die Zeitmaschine | Willi Voltz: Der Schläfer | Norbert Nowak: Das ewige Leben | Gord W. Zetzmann: Die Chance war Null | Willi Voltz: Tödliche Gedanken

Den Auftakt macht Wolfgang Jeschke, später langjähriger SF-Herausgeber beim Heyne-Verlag. Die beiden Väter der PERRY-RHODAN-Serie, K.-H. Scheer und Clark Darlton, sind mit je einer Geschichte vertreten, der erst 19 Jahre alte Willi Voltz, beider Nachfolger als PR-Chefautor, gleich achtmal; fleißig, fleißig. Ernst H. Richter, Henry Bings und Rainer Eisfeld sind Namen, die im Zusamenhang mit der Geburt der deutschen SF und den Anfängen des Fandoms immer wieder auftauchen. Der Rest? Die Namen sagen allenfalls Experten etwas, viele waren als SF-Schriftsteller offenbar nur »Eintagsfliegen«.

Herausgeber war Henry Bings alias Heinz Bingenheimer, der Gründer der SF-Buchhandlung Transgalaxis, die inzwischen auch schon mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hat. Erschienen ist das Werk im Bewin-Verlag Menden, einem der führenden Leihbuch-Verlage jener Zeit in Deutschland. Deshalb wundert es nicht, dass im Buch ein Stempel den »Praktischen Bücherverleih I. Walden« aus Duisburg-Meiderich als (ehemaligen) Eigentümer ausweist. »Geadelt« wurde das Buch durch das Clubsiegel des Science-Fiction-Clubs Deutschland, zu dessen Gründungsmitgliedern Bingenheimer gehörte.

Die Illustration zum Story „Die Ursache“ Heinz-Dieter Reiss.

Das Cover ist von Alfred Dudda, Schwerte, einem damals viel beschäftigen Titelbildzeichner. Jan Groenmeyer aus Iserlohn hat zu jeder Geschichte eine Illustration beigesteuert. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei den Lesern gut angekommen ist.

Mal sehen, wie die vergangenen 60 Jahre den Geschichten bekommen sind.

Fragwürdiges Verhältnis zur Gewalt

Karl-Herbert Scheer: Piraten zwischen Erde und Mars. Ein Bericht von morgen. Hrsg. von Kurt Kobler & Joachim Kutzner (Terranischer Club Eden).

Format Din A5, Softcover / Umfang: 154 Seiten. Farbiges Titelbild: Alexander Braccu.

Preis: 7,50 € + Versand (BRD: 1,50 € / EU: 3,50 €).
Das Buch kann beim Terranischen Club Eden bestellt werden. Infos unter www.terranischer-club-eden.com.

Diese Rezension erschien ursprünglich im der SOL 88 (Ausgabe 4/2017), dem Magazin der Perry-Rhodan-Fanzentrale, und wurde von mir für diesen Post leicht überarbeitet.

Der Terranische Club Eden (TCE), ein Zusammenschluss von Fans der Science-Fiction-Serie »PERRY RHODAN«, hat den Fortsetzungsroman »Piraten zwischen Erde und Mars«, das Erstlingswerk von Karl-Herbert Scheer aus dem Jahr 1951/52, wiederveröffentlicht.

Karl-Herbert Scheer (1928-1991), der erste Chefautor von PERRY RHODAN, war zweifellos einer der wichtigsten SF-Schriftsteller hierzulande; er hat die Anfänge des Genres in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend mitgeprägt. Erschienen war das Erstlingswerk zwischen dem 28. Oktober 1951 und dem 10. Februar 1952 als Fortsetzungsroman in der Wochenzeitschrift »Das grüne Blatt«. Beigelegt ist dem Buch ein Faksimile der erste Folge des Romans im Format DIN-A-3 (29,7 x 42 cm). Das Originalformat betrug etwa 50 x 70 cm.

Der erste Roman? An den einschlägigen Stellen im Internet – dem Autorenporträt auf der PERRY-RHODAN-Homepage, in der Perrypedia, bei Wikipedia – heißt es übereinstimmend: Scheers Erstlingswerk erschien 1948 unter dem Titel »Stern A funkt Hilfe«. Tatsächlich, das haben die Aktiven des TCE bereits 2006 im Gedächtnisband »Kommandosache K. H. Scheer« gezeigt, wurde »Stern A funkt Hilfe« erst 1952 veröffentlicht – und zwar gleich zweimal, als »Manuskript« (was wohl bedeutet: von Scheer selbst finanziert) im Umschau-Verlag sowie als Leihbuch im Reihenbuch-Verlag (beide Frankfurt/Main). Außerdem erschien er 1953 in Fortsetzungen im »Grünen Blatt«. Im Anhang zu den »Piraten« wird das in Auszügen dargestellt. Auch an anderer Stelle findet man entsprechende Hinweise, zum Beispiel in der Online-Portal www.sf-leihbuch.de. Es wäre an der Zeit, dass die falschen Angaben geändert wurden.

Originalveröffentlichung als Grundlage

Im Unterschied zu anderen Wiederveröffentlichungen der »Piraten« in der Vergangenheit, für die der Text überarbeitet wurde, haben die Herausgeber Kurt Kobler und Joachim Kutzner sowie ihre Mitstreiter vom TCE die Originalfassung aus dem »Grünen Blatt« verwendet – einschließlich der Einteilung der einzelnen Folgen, der Vorschauen, Zusammenfassungen und der Originalillustrationen von Arno Bierwisch. In einer »Nachlese der Redaktion« erläutern sie unter anderem, vor welchen Schwierigkeiten sie dabei gestanden haben, in wie weit sie in den Text eingegriffen haben und welche Änderungen in den anderen Wiederveröffentlichungen (die alle unter dem Titel »Piraten zwischen Mars und Erde« erschienen) vorgenommen wurden.

»Piraten zwischen Erde und Mars« mit dem Untertitel »Ein Bericht von morgen« ist ein Agententhriller und spielt im Jahr 1982 (»Längst waren die Spuren des Zweiten Weltkriegs getilgt«, S. 23). Die erste Landung auf dem Mars liegt zwölf Jahre zurück, der rote Planet ist besiedelt. Dort wurde das Element Halldronium entdeckt, ein Wunderstoff, der alle Energieprobleme der Erde löst. Als innerhalb kürzester Zeit fünf Transportraumschiffe, die das Halldronium tonnenweise zur Erde bringen, sowie eine Raumstation verschwinden, werden vom Geheimdienst der Vereinigten Staaten von Europa (Hauptstadt Berlin) zwei Raumpiloten – Hans Schröder, der »kaum dreißgjährige 1,95 Meter große Herkules« (S. 29) und sein Freund Fritz Schulze – in die geheimnisvolle Organisation der Raumpiraten eingeschleust, um deren Handwerk zu legen. Die beinahe James-Bond-mäßige Mission mit Funkgerät im Feuerzeug und einer als Pfeife getarnten Schusswaffe, zwei Jahre vor dem ersten Bond-Roman von Ian Fleming (»Casino Royal« erschien 1953), geht natürlich fast schief, aber am Ende sind die Piraten vernichtet, das gestohlene Halldronium sichergestellt, und der deutsche Held findet auch noch die Liebe seines Lebens.

Der Roman selbst ist ein noch unausgegorenes Erstlingswerk mit vielen sprachlichen und erzählerischen Schwächen, dem der Mief der 50er Jahre anhaftet, aber mit erkennbarem Potenzial. Scheer weiß Spannung zu erzeugen und eine Handlung durch Action und unerwartete Wendungen voranzutreiben, ist erfindungsreich bei den Details, kümmert sich aber kaum um seine Figuren. Hier bedient er sich gängiger Klischees und Stereotypen: Der undurchsichtige Chinese, der Whiskey trinkende Amerikaner, der geniale, aber teuflische Wissenschaftler, der heroische Deutsche und sein getreuer Gefährte treten auf und eilen mit hölzernen Dialogen durchs All.

Naturgesetze ignoriert

Technik spielt eine zentrale Rolle. In Scheers ausgehendem 20. Jahrhundert fahren Elektroautomobile durch Berlin, benutzen Menschen Transport-Fließbänder, treiben »Atomkraftmaschinen« Raumschiffe an. Der letzte Schrei sind Elektrofeuerzeuge, mit denen sich die Raumschiffkapitäne ihre Pfeifen anzünden (Scheer war selbst Pfeifenraucher). Der Fortschrittsglaube ist ungebrochen. Im Überschwang ignoriert Scheer aber Naturgesetze und lässt die Raumschiffe unmögliche Manöver fliegen: Jeder aufgeweckte Oberschüler konnte sich 1951 ausrechnen, dass ein Raumschiff, das stunden- oder gar tagelang mit »Beschleunigung 10« (9,81 m/sec2) durchs All gejagt ist und dabei Geschwindigkeiten von einer Millionen Stundenkilometer und mehr erreicht hat, nicht einfach eine »scharfe Linkswendung« (S. 104) machen kann, ohne zerrissen zu werden (davon abgesehen wären die Raumschiffe nach Scheers eigener Beschreibung in Folge 2 des Romans weder zu solchen Beschleunigungswerten noch zu solchen Manövern in der Lage gewesen).
Aber drücken wir ein Auge zu, hier steht die Action einfach im Vordergrund. Da lässt es Handgranaten-Herbert, wie er später genannt wird, krachen.

In einem anderen Fall ist Nachsicht fehl am Platze. Scheers Haltung zur Gewalt, wie sie sich in den »Piraten« manifestiert, war sicher auch vor mehr als 60 Jahren fragwürdig.

In dem Roman werden die Konflikte mit Gewalt gelöst. Dabei ist sie nicht die Ultima ratio, also das letzte Mittel, wenn alle anderen versagen, sondern das einzige Mittel. Dass die Raumpiraten skrupellos und zu allem bereit sind – »Sollte sich jemand nähern, ruhig eintreten lassen und dann umlegen« (S. 41) – wundert nicht. Aber auch Protagonist Hans Schröder, der zu den Guten gehört, ist alles andere als zimperlich. In die Unterwelt führt er sich ein, indem er eine Prügelei provoziert und einen Boxweltmeister niederstreckt. Als sich später an Bord des Piratenschiffs die Lage zuspitzt, geht er buchstäblich über Leichen: Nachdem Schröder eben noch alles daran gesetzt hat, die Vernichtung eines Raumschiffs durch die Piraten zu verhindern, um Menschenleben zu retten, exekutiert er bald darauf einen Anführer der Freibeuter durch einen gezielten Kopfschuss und bringt anschließend 70 »Gangster«, die er auf der Raumstation dank einer List in einem Raum eingesperrt hat, um, indem er ein Loch in die Außenwand sprengt, wodurch die Atmosphäre ins Vakuum des Weltraums entweicht und die Eingeschlossenen ersticken. Dazu hatte er vorher dort Sprengstoff deponiert. Eine solche Szene nur wenige Jahre, nachdem die Nazis Menschen in Räume eingesperrt und vergast hatten, zu schreiben, ist mehr als nur instinktlos.

Der Staat ist gewaltätig

Bei Scheer sind aber nicht nur Individuen wenig zimperlich, sondern auch der Staat ist gewalttätig und handelt rücksichtslos. Das irdische Hauptquartier der Raumpiraten, eine befestigte Insel im Ozean, wird vom Geheimdienst mit einer Atombombe zerstört – ohne Warnung, ohne Ultimatum: »Als nach Minuten die pilzförmige Feuer- und Wassersäule wieder in sich zusammensank, war die flache Insel […] spurlos verschwunden« (S. 126). Über das Ende von Daisy Merlton, der Chefin der Raumpiraten, die auf der Flucht mit ihrem Raumschiff ins Fadenkreuz des Verfolgers gerät, schreibt Scheer: »Die beiden starr eingebauten Kanonen [des Verfolgers] begannen zu dröhnen, das rasende Hämmern der zahlreichen leichten Maschinenwaffen drang trotz der Hörmuscheln des Bordfunks in die Ohren der Männer. Zwei Sekunden war die verglaste Bugkanzel des Jagdkreuzers war (sic!) in grelle Glut getaucht… Der Kanonier […] sah, daß sich das Piratenschiff mit Daisy Merlton und ihrem Funker in einer grellweiße Sonne verwandelte, von der aus glühende Metallteile nach allen Himmelsrichtungen fortspritzten« (S. 135 f.).

Kurt Kobler, ein bekennender Scheer-Fan, bezeichnet die »Piraten« in seinem Vorwort als den »wichtigsten deutschen Science-Fiction-Roman nach dem Zweiten Weltkrieg«. Er hat insofern recht, als es mit der Schriftstellerkarriere von Scheer ohne den Erfolg von »Piraten zwischen Erde und Mars« im »Grünen Blatt« womöglich gleich zu Ende gewesen wäre und die SF in Deutschland eine andere Richtung genommen hätte – ob zum Besseren oder Schlechteren, lassen wir mal dahingestellt (darüber streiten Kritiker und Fans seit Jahrzehnten). Jedenfalls hätte es die PERRY-RHODAN-Serie ohne K. H. Scheer nicht gegeben. Nur dieser werkbiografische Aspekt rechtfertigt die Wiederveröffentlichung des Romans. Ansonsten hätten die »Piraten« ruhig für immer in Vergessenheit geraten können.

Ein neues Lesejahr beginnt

Der Stapel mit einigen der noch nicht gelesenen Bücher, mit dem ich ins Jahr 2018 gegangen bin. Im Hintergrund »droht« die nächste Neuanschaffung. Bestellt ist das Buch schon.

Ein neues Lesejahr beginnt, und ich habe wieder einen Stapel ungelesener Bücher vor mir aufgetürmt, den sogenannten SUB. Ich bevorzuge ja den Begriff »noch nicht gelesene Bücher«, was allerdings mit NNGB abgekürzt nicht so eingängig wie SUB und mehr nach Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten klingt, also alles andere als sexy.

Ich hatte Anfang 2017 nicht nur einen Stapel ungelesener Bücher dokumentiert, sondern für mich auch eine Liste aller Bücher, die ich gelesen habe, angefangen und – was ja auch wichtig ist – bis zum Jahresende weitergeführt. Also weiß ich, wie viel ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Diese Liste umfasst

23 Romane, 17 Anthologien, elf Sachbücher, drei Comics und ca. 70 Heftromane.

Das ist mehr, als ich gedacht hatte. Denn gefühlt bin ich im vergangenen Jahr kaum zum Lesen gekommen. Das heißt, ich habe im Durchschnitt alle drei Tage ein neues Buch angefangen. Nicht dokumentiert sind die zahlreichen nicht in Buchform – ob gedruckt oder digital – gelesenen Kurzgeschichten, Zeitungs-, Zeitschriften- und Onlineartikel etc., ganz abgesehen von den Unmengen an Sache, die ich aus beruflichen Gründen lesen musste. Das hätte sicher zu weit und zu Abgrenzungsproblemen geführt.

Was bringt das neue Jahr?

Das neue Jahr beginne ich mit einem Buch, das ich 2017 angefangen habe: der Anthologie Afro-SF, herausgegeben von Ivor Hartmann aus Zimbabwe, der ersten Storysammlung überhaupt mit SF aus Afrika. Ich hatte vor, das Buch noch im alten Jahr zu Ende zu lesen, aber man weiß ja, wie das mit guten Vorsätzen so geht. Mein Ehrgeiz ist natürlich, die NNGB alle zu lesen (was ich bestimmt nicht schaffen werde, eher wird der Stapel Nachschub bekommen). Gespannt bin ich auf den »Kanon der mechanischen Seelen« von Michael Marrak. Das Buch ist die zu einem Roman überarbeitete Version mehrerer Novellen, die in den vergangenen Jahren im SF-Magazin »Nova« erschienen sind. Bestellt ist es schon. Während ich diese Zeilen schreibe, soll eine Palette mit den gedruckten Büchern irgendwo rumstehen und auf die Auslieferung warten.

Auf »Nova 25« warten wir übrigens schon seit mehr als einem Jahr; im November 2016 wurde bereits das Inhaltsverzeichnis veröffentlicht, aber die Herausgeber kommen offenbar nicht in die Hufe. Zuversichtlicher bin ich, dass bald – noch im Januar – das andere deutsche SF-Kurzgeschichtenmagazin, »Exodus«, mit der Ausgabe 37 kommt. Meine Hoffnung ist zudem, dass wieder einige Kurzgeschichten-Anthologien in den einschlägigen Verlagen wie Begedia erscheinen. Ich lese seit einigen Jahren lieber Kurzgeschichten als Romane, und was in deutschen Landen an Kurzgeschichten geboten wird, kann sich durchaus sehen lassen.

Vorgenommen habe ich mir, einen Rückstand aus dem Jahr 2012 (!) aufzuholen und den letzten Zyklus der »Sternenfaust«-Heftromanserie aus dem Bastei-Verlag zu lesen. Das habe ich immer wieder vor mir hergeschoben, aber nach fünf Jahren dürften die Romane abgehangen genug sein. Wöchentlich wird mich auch wieder die »Perry Rhodan«-Erstauflage beschäftigen. Ansonsten lasse ich mich überraschen von dem, was mir so über den Weg läuft. Ich plane meine Lektüre nicht.

Es ist also für genügend Lesestoff gesorgt, und es wird noch einiges hinzukommen. Für dieses Jahr habe ich mehrere Con- bzw. Messe-Besuche geplant, das sind immer gute Gelegenheiten, schwach zu werden und doch wieder mehr Bücher zu kaufen, als vorgesehen.