Mit SF die Welt retten

Das Jahr ist noch lange nicht zu Ende, aber das Science Fiction Jahr 2021 ist schon da. Schwerpunktmäßig befasst sich der Jahresband mit dem Klima. Aber es kommen auch andere Themen zur Sprache.

Melanie Wylutzki/Hardy Kettlitz (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2021. Hirnkost-Verlag Berlin. 28 Euro. ISBN: 978-3-949452-12-3 (auch als E-Book erhältlich).

Die Herausgeber Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz haben sich echt ins Zeug gelegt. Das Science Fiction Jahr 2021 ist superfrüh erschienen und wieder hochinteressant. Einmal aufgeschlagen, konnte ich das voluminöse Jahrbuch kaum weglegen und habe an einem Wochenende fast jede freie Minute damit verbracht. 

Der Schwerpunkt »Klima in der SF« war aufschlussreich, informativ und inspirierend. Er hat mir mehr gebracht als die Schwerpunkte vergangener Jahre; ich muss doch den einen oder anderen Aldiss- oder Ballard-Roman, den ich vor Jahrzehnten gelesen habe, wieder in die Hand nehmen. Passenderweise ist dieses Mal die Erde auf dem Cover zu sehen. Das Klima und der Klimawandel betreffen uns alle unmittelbar.

Manches fand ich allerdings zu verkopft, zu elitär. Wenn in dem Beitrag »Solarpunkt oder Wie SF die Welt retten will« von Wenzel Mehnert die Frage aufgeworfen wird, »ob Solarpunk nicht selbst als präemptive Kommodifizierung kapitalistischer Eskapismus-Phantasien zu lesen ist«, komme ich mir vor wie in einem literaturwissenschaftlichen Seminar. 

Aus der Seele gesprochen hat mir Simon Spiegel mit seiner Kritik an Dietmar Daths monumentaler »Niegeschichte«. Es hat mich sehr amüsiert, wie er einige Sätze daraus auseinandergenommen hat, um den Grad ihrer Verschwurbelung offenzulegen. Wenn Dath von SF erzählt, das habe ich bei einigen Gelegenheiten erlebt, redet er ganz verständlich. Warum schreibt er bloß immer so anstrengend?

Als langjähriger Lem-Leser haben mir die Würdigungen zu dessen100. Geburtstag natürlich gut gefallen, allen voran Karlheinz Steinmüllers Schilderung, wie er 1976 in Krakau eine polnische Ausgabe der  »Summa Technologiae« erstand. Solche Erlebnisse sind das Salz in der Suppe jedes SF-Liebhabers.  Ganz im Sinne des Polen setzt sich ein zweiter Beitrag mit dem »IV. Inter-Intelligenz-Symposium zur Lemologie im Jahr 2171« auseinander. Sehr amüsant.

Mehr Iwoleit, bitte

Beeindruckt hat mich mal wieder Udo Klotz’ umfassende Rückschau auf die deutschen SF-Romane des vergangenen Jahres. Von ihm werde ich regelmäßig daran erinnert, was ich alles noch lesen sollte, aber nie schaffen werde. Seine Kritik könnte aber ruhig etwas pointierter ausfallen. Etwas mehr Iwoleit, sozusagen. Ehrlich gesagt, ein wenig vermisse ich Michael K. Iwoleits Kurzgeschichten-Reviews schon (aber nicht, weil er mich darin mal als talentierten Hobbyautor und meine Sprache als »sauber, schörkellos und präzise« gelobt hat). Seine gnadenlosen apodiktischen Rundum- und Tiefschläge waren immer höchst lesenswert und forderten Widerspruch heraus (und oft hatte er recht, oder?). Ein wenig Orientierung im Anthologie-Wust wäre schon hilfreich.

Wie immer ist das SF-Jahr randvoll mit Buch-, Film-, Comic- und Game-Besprechungen, und auch die Liste der wichtigsten SF-Preise einschließlich der russischen fehlt nicht. Der traurigen Pflicht, in Nachrufen an die Gestorbenen zu erinnern, kommen die Herausgeber ebenfalls nach. Umfangreich wie immer (70 klein bedruckte Seiten) ist die Aufzählung der Neuerscheinungen. Hier wünsche ich mir allerdings, dass auf den ersten Blick zu erkennen ist, ob es sich um eine deutsche Originalausgabe oder um eine Übersetzung handelt. 

Das Jahrbuch sollte bei jedem engagierten SF-Fan im Regal stehen, keine Frage. Mich stört nur eins: dass ich jetzt so lange auf die Ausgabe 37warten muss. Zum Glück werden genügend gute Bücher vorgestellt, die das Warten erträglich machen. 

Übrigens: Wer das SF-Jahr abonniert, hilft nicht nur mit, dieses Projekt am Leben zu erhalten, sondern spart auch noch (Infos auf der Verlagsseite).

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Die letzten Menschen in New York

Retro-SF: Beim Stöbern im Internet bin ich auf die SF-Kurzgeschichte »The Comet« gestoßen. Der schwarze Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois schrieb sie 1920.

»The Comet« von W. E. B. Du Bois erschien 1920.

Für die schnelle Lektüre zwischendurch, etwa wenn es sich gerade nicht lohnt, noch ein neues Buch anzufangen, oder um Wartezeiten zu überbrücken, habe ich immer einen kleinen Vorrat an Kurzgeschichten auf dem E-Book-Reader. Überwiegend handelt es sich um englischsprachige Storys, die es kostenlos im Internet gibt. Das Angebot ist groß und interessant. Manche Seiten besuche ich regelmäßig. Manchmal finde ich, vor allem bei älteren Storys, auch nur einen Hinweis und muss ein wenig suchen. 

Obwohl sie für die schnelle Lektüre gedacht sind, mache ich mir sogar die Mühe, die Storys in ordentliche E-Books umzuwandeln, und gestalte eigene Titelbilder. Mit der richtigen Software ist das kein großer Aufwand, außerdem macht es Spaß, und man bleibt in der Übung.

Eine dieser Storys, die ich aufgrund eines Hinweises des Bloggers James W. Harris (Classic of Science Fiction) gefunden und gelesen habe, ist »The Comet« von W. E. B. Du Bois (1868-1963). Der Afroamerikaner war Historiker, Sozialist, Bürgerrechtler, Schriftsteller und vieles mehr. Er war 1909 Mitbegründer der National Association for the Advancement of Colored People. Ende des 19. Jahrhunderts hat Du Bois an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, gelehrt. Ende 2018 war ihm anlässlich des 150. Geburtstags eine dreitägige Veranstaltungsreihe am Theater Hebbel am Ufer in Berlin gewidmet. In dem Tagungsband gibt es eine deutsche Übersetzung der Kurzgeschichte (Danke für den Hinweis, @metaphernpark).

»The Comet« spielt in New York. Die Erde gerät in den giftigen Schweif eines Kometen. Alle Menschen sterben, bis auf den Afroafrikaner Jim und die reiche weiße Julia.  Jim war im Keller einer Bank, für die er als Laufbursche arbeitete, von der Außenwelt abgeschottet, die junge Weiße in ihrem Appartement in einer Dunkelkammer, in der sie Fotos entwickelte. Jim hört ihre Hilferufe, als er durch die mit Leichen übersäte Stadt irrt. Anschließend machen sie sich im Auto der Frau gemeinsam auf die Suche nach Überlebenden. Angesichts der Katastrophe, die über die Stadt hereingebrochen ist, und der Hoffnungslosigkeit kommen sie sich näher und bauen gegenseitige Vorbehalte ab. Aber dann, im Haus von Julias Eltern, wo der Butler und die Hauswirtschafterin tot im Treppenhaus liegen, hören sie Motorgeräusche.  Julias Vater und ihr Verlobter sind von einer längeren Ausfahrt mit dem neuen Auto des Verlobten zurückgekehrt. Nur New York selbst war von dem tödlichen Gas getroffen worden. Julia, die nicht undankbar Jim gegenüber ist, fällt in die Arme ihres Verlobten, der Vater drückt dem Schwarzen zum Dank Geld in die Hand, und eine plötzlich aufgetauchte Menschenmenge kann gerade noch davon abgehalten werden, ihn zu lynchen. Denn ein Schwarzer als vermeintlich letzter überlebender Mann in New York, das geht gar nicht.

»Darkwater« ist eine Kollektion von Kurzgeschichten, in denen es um Rassismus geht.

Die Story erschient 1920 im Sammelband »Darkwater« , in der auch die Geschichte »Jesus Christ in Texas« enthalten ist. Wegen dieser fantastischen Themen gilt Du Bois als einer der Wegebereiter dessen, was 70 Jahre später Afrofuturismus genannt wird. Das Hauptthema der Sammlung ist der Rassismus in den USA.

Pillen gegen giftigen Kometendunst

»The Comet« ist stilistisch sicher erzählt und zeigt, dass Du Bois zu den führenden afroamerikanischen Schriftstellern seiner Zeit gehörte. Die Story lässt sich noch immer gut lesen und überstrahlt Genre-Storys mit ähnlichen Plots aus der Pulp-Ära der späten 1920er und den 1930er Jahren bei Weitem. Das apokalyptische Setting ist typisch SF und für seine Zeit plausibel: Dass Kometenschweife giftige Gase enthalten könnten, galt als möglich. Diese Annahme geht wohl auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurück, und noch 1910 wurden bei der Rückkehr des Halleyschen Kometen Pillen gegen den giftigen Kometendunst verkauft. Wahrscheinlich ist Du Bois von diesem Himmelsereignis zu seiner Kurzgeschichte inspiriert worden. Das Thema »Letzter Mensch auf Erden« ist so alt wie die Science Fiction, denn schon Mary Shelley hat mit »The Last Man« 1826 einen postapokalyptischen Roman veröffentlicht, auch wenn in diesem Fall die Katastrophe durch die Pest und nicht durch Gift ausgelöst wurde.

Allerdings ist der Schluss von »The Comet« enttäuschend. Jim und Julia dürfen die Rassengegensätze nicht überwinden und zu neuen Adam und Eva werden. Stattdessen löst sich die Geschichte im Nichts auf, und alles bleibt, wie es war. Wahrscheinlich war die Zeit für mehr als eine Andeutung noch nicht reif.

Dennoch, die Lektüre hat gelohnt. Ich habe wieder etwas über eine interessante Persönlichkeit gelernt und meinen Horizont erweitert. Kann man von einer Kurzgeschichte mehr erwarten?

Mehr als eine Handvoll Sternenstaub

Vor 60 Jahren erschien »Unternehmen Stardust«, der erste PERRY RHODAN-Roman. Er hat die Entwicklung der Science-Fiction in Deutschland bestimmt.

In 60 Jahren ist »Unternehmen Stardust« in zahlreichen Auflagen und Ausgaben erschienen.

Heute vor 60 Jahren, am 8. September 1961, erschien beim Münchner Arthur Moewig-Verlag der erste PERRY RHODAN-Roman, »Unternehmen Stardust« von Karl-Herbert Scheer. Mit diesem 64 Seiten umfassenden Science-Fiction-Heft begann eine beispiellose Erfolgsserie. Seitdem ist Wochen für Woche ohne eine einzige Unterbrechung ein Roman erschienen. Das macht PERRY RHODAN zum größten literarischen Werk überhaupt. Allein die wöchentliche Hauptserie kommt auf mehr als 200.000 Seiten Umfang. Jemand hat kürzlich gezählt und herausgefunden, dass einschließlich aller Spin-Offs, Taschenbuch- und sonstigen Ausgaben 5000 verschiedene Romane geschrieben wurden.

Ich habe »Unternehmen Stardust« lange Zeit für nicht mehr als einen ordentlich geschriebenen Auftaktroman gehalten. Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Der amerikanische Astronaut Perry Rhodan und seine Mannschaft fliegen mit der »Stardust« als erste Menschen zum Mond. Dort entdecken sie das havarierte Raumschiff einer außerirdischen Großmacht, der menschenähnlichen Arkoniden. Mit dem an Leukämie erkrankten Arkoniden Crest kehrt die »Stardust« zur Erde zurück. Sie landet aber nicht in den USA, sondern in der Wüste Gobi. Wie Rhodan dort einen Miniaturstaat, die Dritte Macht, etabliert und mit Unterstützung der technisch weit überlegenen Arkoniden und Helfern aus aller Welt seinen Einfluss bis in das 34.000 Lichtjahre entfernte Arkon-System ausweitet, schildern die nächsten Bände.

Das allein hätte für eine Erfolgsgeschichte, die unmittelbar einsetzte, nicht gereicht. In »Unternehmen Stardust« steckt viel mehr. Scheer und Mit-Chefautor Walter Ernsting alias Clark Darlton verorteten die Handlung nicht in einen ferneren, unbestimmten Zukunft, sondern nur ein paar Jahre von der Gegenwart entfernt (das Startdatum für die Mondfahrer, 19. Juni 1971, hatte Scheer schon im ersten Exposé vom Februar 1961 festgelegt; an diesem Tag würde er seinen 33. Geburtstag feiern).  Die Blockkonfrontation – hier auf den Gegensatz Westen/Asien (=“gelbe Gefahr“) reduziert – und die Gefahr eines atomaren Weltkriegs spielen eine Rolle,  und das im Roman geschilderte Raumfahrtprogramm nimmt organisatorische und technische Anleihen an echten Raumfahrtprogrammen.

Der Roman gibt ein Versprechen

Wenige Monate vor Heft 1 war Juri Gagarin als erster Mensch ins All geflogen, und US-Präsident John F. Kennedy hatte in einer Rede vor dem Kongress das Ziel ausgegeben, noch  vor Ablauf des Jahrzehnts »einen Mann auf dem Mond zu landen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen«. Im Roman herrschte also ein gewisser Realismus, der die überwiegend jungen Leser in ihrer Gegenwart abholte und zu einem großen Abenteuer mitnahm. Der Roman gab ein Versprechen ab. Das fehlte vielen SF-Romanen der Nachkriegszeit, in denen die Mondraketen von genialen Ingenieuren oder extravaganten Multimilliardären auf die Reise geschickt wurden. Interessanterweise kommt die Serie anfangs ohne den klassischen Bösewicht aus.

Das Faszinosum funktioniert noch immer, obwohl inzwischen Neil Armstrong und einige seiner Astronauten-Kollegen den Fuß auf den Mond gesetzt und nichts als Mondstaub gefunden haben. Aber es hätte doch sein können… und vielleicht waren sie nur nicht an der richtigen Stelle (und die Arkoniden warten dort immer noch).

Inzwischen bin ich der Auffassung, dass »Unternehmen Stardust« einer der wichtigsten, vielleicht sogar der wichtigste deutschen SF-Roman überhaupt ist (nicht zu verwechseln mit »der beste«, das ist er definitiv nicht). Er hat den Grundstein für den unglaublichen Erfolg der PERRY RHODAN-Serie gelegt, die die Entwicklung der SF in Westdeutschland bestimmt hat, und das Leben vieler Menschen beeinflusst. Die Serie hat nicht wenige Leser dazu angeregt, sich technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen zuzuwenden oder selbst den Schriftstellerberuf zu ergreifen. Von welchem einzelnen literarischen Werk kann man das schon sagen?

In der literarischen Schmuddelecke

PERRY RHODAN im besonderen und die Heftromane im allgemeinen haben aber auch dazu beigetragen, dass Science Fiction in Deutschland lange Zeit in der literarischen Schmuddelecke verortet wurde – nicht nur, weil tatsächlich vieles grottenschlecht war, was auf den Markt geworfen wurde, sondern auch, weil sie den Maßstäben selbstgefälliger Kritiker nicht gerecht wurde. Die Lage hat sich zwar seit den 60er und 70er Jahren, als die PERRY RHODAN-Serie von links angegriffen und als »faschistoid« diffamiert wurde, deutlich gebessert, ist aber noch um einiges von dem Stellenwert entfernt, den das Genre in den USA und anderen Ländern hat.

John Scalzi etwa, ein SF-Autor par excellence, hat von seinem Verlag einen Zehn-Millionen-Dollar-Vertrag bekommen, und SF-Titel tummeln sich regelmäßig auf den einschlägigen Bestsellerlisten zum Beispiel der New York Times. Im deutschen Sprachraum, stellte der ausgewiesene SF-Experte Franz Rottensteiner vor wenigen Jahren fest, sei die Gattungsbezeichnung SF oder Fantasy »einem wirklich großen Erfolg eher hinderlich«. Die großen Verlage schreiben lieber »Thriller« oder einfach »Roman« auf den Umschlag. Verkauft sich besser. Es ist allerdings müßig, sich zu fragen, ob das ohne PERRY RHODAN anders gelaufen wäre.