Ein cleveres Verwirrspiel

»Die Störung« von Brandon Q. Morris ist ein unterhaltsamer Roman für Freunde der Hard-SF. Auf die Leser wartet manche Überraschung.

Brandon Q. Morris: Die Störung.
Fischer Tor 2021. 384 S. 16.99 €
ISBN: 978-3-596-70047-9

Weil ich gerade nicht so richtig wusste, was ich lesen sollte, habe ich »Die Störung« von Brandon Q. Morris (Pseudonym von Matthias Matting) eher aus Verlegenheit vom Stapel ungelesener Bücher genommen. Meine Erwartung war nicht hoch, Hard-SF, in der Astronomen etwas entdecken, das die Menschheit bedroht, ist ja nichts Besonderes. Vor einiger Zeit hatte ich erst »Vakuum« von Phillip P. Peterson gelesen. Aber für zwei, drei unterhaltsame Nachmittag sollte es gut sein.

Ich bin überrascht worden. Es fing schon damit an, dass der Roman im Präsens geschrieben ist und dadurch eine ganz interessante Stimmung erzeugt wird. Dann spielt er an zwei Orten zu zwei Zeiten mit 15 Jahren Unterschied, aber als Leser merkt man schnell, dass die Ereignisse offenbar gleichzeitig ablaufen. Man weiß also, dass an dem ganzen Szenario, das vor einem ausgebreitet wird, etwas nicht stimmen kann. Der Autor lässt einen aber lange zappeln, die Auflösung ist clever und der Weg dorthin voller Überraschungen.

Das Raumschiff Sheperd-1 kreist in vier Lichttagen Entfernung um die Sonne. 20 Jahre war die Crew unterwegs. Mithilfe einer Schar einfacher Sonden, den Sheep (Schafe), und der Sonne als Gravitationslinse soll die vierköpfige Besatzung einen Blick auf den Beginn des Universums werfen. Als die Astronomin Christine Delrue die aufgefangenen Daten auswertet, erfährt sie etwas, das sie zu einer Verzweiflungstat verleitet. Das Raumschiff wird dabei schwer beschädigt, Christine kommt um. Dann macht sich an Bord die titelgebende Störung breit.

In der zweiten Handlungsebene bekommt es NASA-Mitarbeiterin Rachel Schmidt, die in Houston als CapCom den Kontakt zur Raumschiffcrew hält, mit dem Konzern Alpha-Omega von Ilan Chatterjee zu tun, der das ganze Unternehmen finanziert und lenkt. Sie kriegt mit, dass irgendetwas an der Mission faul ist. Als ihr plötzlich die oben angesprochene Datumsdiskrepanz auffällt – sie arbeitet im Jahr 2079, für die Crew scheint es aber 2094 zu sein – geht das Verwirrspiel, das mit dem Leser und den Raumfahrern gespielt wird, erst richtig los. Da taucht zum Beispiel auf der Sheperd-1 ein neues Besatzungsmitglied auf, und ein altes verschwindet, ohne dass der Rest der Crew das zu irritieren scheint.

Im Anhang gibt der Autor eine Einführung in die Quantenmechanik. Die spielt bei der »Störung« eine entscheidende Rolle. Man versteht die Handlung auch so, sollte aber schon ein Faible für Naturwissenschaft und Technik mitbringen, um an dem Buch Spaß zu haben. Sozial Relevantes oder Zwischenmenschliches kommt nicht vor. Dabei hätte Letzteres innerhalb der Shepherd-Crew spannend werden können, auch wenn der Ausdruck es nicht ganz träfe.

Was mich stört: Die Protagonisten sind etwas zu klischeehaft dargestellt (Ilan Chatterjee erinnert ein wenig an einen Bond-Bösewicht), und wie es Rachel gelingt, an der Nasa und Alpha-Omega vorbei Kontakt mit der Crew aufzunehmen, strapazierte meine Gutgläubigkeit erheblich.

Begegnung mit Juri Gagarin

In Erfurt ist dem ersten Menschen im Weltraum ein Denkmal gesetzt worden. Die Monumentalplastik ist ein Werk von Lew Kerbel.

Meine erste Begegnung mit Juri Gagarin in Erfurt.

Vor zwei Wochen (Ende Juni 2021) habe ich Juri Gagarin in Erfurt einen Besuch abgestattet. Natürlich nicht ihm persönlich, denn der erste Mensch im Weltraum kam bereits 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. 1963 besuchte er Erfurt. Ihm zu Ehren wurde am 12. April 1986, am 25. Jahrestag seines Flugs, in der heutigen thüringischen Landeshauptstadt ein Denkmal aufgestellt. Zur feierlichen Enthüllung kam Siegfried Jähn, der erste Deutsche im All.

Das Denkmal steht in einer Grünanlage an der Ecke Juri-Gagarin-Ring und Krämpferstraße. Hinter ihm ragt ein großer Wohnkomplex elf Stockwerke hoch in den Himmel. Geschaffen wurde die überlebensgroße Büste von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel, Schöpfer heroisierender Monumental-Bronzeplastiken. Sein bei uns bekanntestes Werk dürfte der riesige, mehr als sieben Meter hohe Karl-Marx-Kopf in Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt) sein.

Wir logierten bei unserem zweiten Erfurt Besuch im gegenüberliegenden Radisson-Blu-Hotel. Mit 17 Etagen ist es das höchste weltliche Gebäude in der Stadt. Es wurde in den 1970er Jahren am Rande der Altstadt gebaut und hieß bis 1995 – wohl nicht von ungefähr – Hotel Kosmos. Es gab ein Restaurant »Galaxis«, und das Café hieß »Orbit«. Leider war davon im Hotel nichts mehr zu bemerken. Restaurant und Café konnten wir allerdings nicht besuchen, weil beide pandemiebedingt noch nicht wiedereröffnet worden waren.

Leider zu spät habe ich erfahren, dass es in Erfurt ein weiteres »Denkmal« für Gagarin gibt. An einem Haus am Juri-Gagarin-Ring gibt es ein großes Graffiti, das das schon fast ikonische Gagarin-Bild mit dem Raumhelm und der Aufschrift »CCCP« zeigt. Das sehen wir uns beim nächsten Erfurt-Besuch an.

Was wäre Deutschland ohne Kartoffeln

In zwölf Zutaten präsentiert Drew Smith eine Geschichte des Columbian Exchange. Der Austausch von Nutzpflanzen und -tieren zwischen der Neuen und der Alten Welt hat nicht nur den Speiseplan geändert.

Drew Smith: Das Festmahl der Eroberer
Eine Geschichte der Entdeckungen in zwölf Zutaten

Aus dem Englischen von Alan Tepper und Andreas Schiffmann.
224 S., 28 Euro. Darmstadt 2021.
ISBN 978-3-8062-4029-0

Als Christoph Columbus und seine Mannen im März 1493 von der Amerika-Entdeckung nach Europa zurückkehrten, begann das, was als Columbian Exchange bezeichnet wird: der Austausch von Nutztieren und -pflanzen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Vom kolumbischen Austausch handelt »Das Festmahl der Entdecker« von Drew Smith. Der britische Publizist, Gastronomiekritiker und begeisterte Koch beschränkt sich dabei nicht auf Amerika und Europa, sondern bezieht Asien und Afrika ein. Denn der Columbian Exchange war von Beginn an ein globales Phänomen, in dem die europäischen Entdecker, Eroberer und Händler eine Vermittlerrolle einnahmen. Denn sie brachten die Produkte von einem Ende der Welt zum anderen.

In zwölf Kapiteln liefert Smith zu ausgewählten Nahrungs- und Genussmitteln – vom Zuckerrohr über Tomaten und Kartoffeln bis zu Schokolade und Schweinefleisch – interessante, zum Teil abseitige historische Fakten und Anekdoten. Der Leser erfährt zum Beispiel, dass das Verfahren, Gewürze zu mischten und damit Fleisch einzureiben, in Mesoamerika entwickelt wurde, oder auf wen das in den USA und Großbritannien so beliebte Thanksgiving-Dinner zurückgeht. Er geht auf sozioökonomische Zusammenhänge ein, denn es haben sich durch den Columbian Exchange nicht nur die Speisepläne grundlegend geändert, sondern auch die Lebensumstände ganzer Kontinente. Wie sähen wohl Deutschland ohne Kartoffeln, Italien ohne Tomaten, Ungarn ohne Paprika oder Texas ohne Rindfleisch aus? Es gäbe keine Bananenrepubliken, keinen Rum und keine Schokoladenweihnachtsmänner. Smith macht deutlich, wie sehr der kolumbische Austausch die Welt verändert hat, und nicht unbedingt immer zum Guten.

Das Buch enthält ein paar Fehler und Ungenauigkeiten. Einige davon dürften auf die Übersetzer zurückgehen. So wird an einer Stelle Pfeffer genannt, wo es wohl Paprika (red pepper) heißen soll. Überprüfen lässt sich das nicht ohne Weiteres. Denn das englische Original des Buches (»The Conquerers’ Feast«; Elwin Street Productions Ltd.) ist wegen der Covid-19-Pandemie noch nicht erschienen. Die Veröffentlichung ist für kommendes Jahr geplant.

Falsches Datum für Amerika-Entdeckung

Ein kapitaler Fehler steht auf Seite 14. Dort heißt es: »Am Weihnachtsabend 1492 füllten die leichte Winde endlich die Segel der Karacke [Santa Maria] und offenbarten den Europäern erstmalig die Küstenlinie der heutigen Bahamas.« Die Bahamas erreichte Columbus’ kleine Flotte von drei Schiffen – im Buch wird der Eindruck erweckt, Columbus sei nur mit einem Schiff und 40 Mann Besatzung gefahren – bereits am 12. Oktober 1492 (und über zu wenig Wind mussten sich die Spanier zu dem Zeitpunkt auch nicht beklagen; laut Columbus’ Bordbuch fuhr sein Schiff, bevor Land gesichtet wurde, mit zwölf Seemeilen pro Stunde). Am Weihnachtsabend 1492 lief die Santa Maria, das Flaggschiff, an der Nordküste der Insel Hispaniola auf eine Sandbank und wurde abgewrackt.

Dann ist da der Fall Strickland, eigentlich eine Lappalie. Aber hier zeigt sich wieder einmal, dass vermeintliche Tatsachen oft ungeprüft in Sachtexten übernommen und weiterverbreitet werden, selbst wenn sie offensichtlich falsch sind. Smith schreibt, dass ein gewisser William Strickland, ein Adliger aus Nordostengland, als junger Mann den Entdecker Sebastian Cabot auf einer seiner Amerikafahrten begleitete und 1521 den Truthahn in England eingeführte. So steht es auf zahlreichen Internetseiten, unter anderem in der englischen Wikipedia (Link). Dort ist Stricklands Todestag genannt: 15. Dezember 1598. Er wird wohl kaum 77 Jahre vorher den Truthahn nach England gebracht haben, geschweige denn 1508/09 mit Cabot unterwegs gewesen sein.

Auf schön illustrierten Doppelseiten werden zum Kapitelthema passende Original-Rezepte vorgestellt. Nicht alle treffen wie dieses für Pfannenmaisbrot den heutigen Geschmack.

Alles in allem ist »Das Festmahl der Entdecker« ein sehr lesenswertes Buch. Angereichert werden Fakten und Anekdoten mit einer ganzen Reihe von historischen Rezepten, aus denen Leserinnen und Leser sich Anregungen für die eigene Küche holen können. Am Ende führen zwei Tabellen auf, was an Tieren und Pflanzen zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgetauscht wurde. Einen Extrastern gibt es für die exzellente Auswahl an Illustrationen.