Golkonda lebt

Nach monatelanger Ungewissheit ist wieder ein Buch in dem Phantastikverlag erschienen: »Rosewater« von Tade Thompson

»Rosewater« von Tade Thompson gibt es jetzt auf Deutsch. Golkonda hat’s geschafft.

Ein kleiner Lichtblick auf dem schwierigen Markt der Phantastik-Kleinverlage: Golkonda ist zurück, und die von mir ungeduldig erwartete deutsche Übersetzung von Tade Thompsons »Rosewater« ist mit zweimonatiger Verspätung erschienen; ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt. Jetzt liegt das Buch vor mir. Weil ich das englische Original schon gelesen habe, kommt es gleich ins Bücherregal und nicht mehr auf den Stapel ungelesener Bücher. Aber ich werde es bestimmt eines Tages hervorholen. Denn diese SF-Story, die in Nigeria spielt, ist wirklich lesenswert.

Aber nicht nur das. Das Verlagsprogramm kündigt für April und August unter den Titeln »Die große Stille« und »Geteilt durch Null« auch eine zweibändige Sammlung aller bisher erschienenen Erzählungen von Ted Chiang an. Vier davon erscheinen erstmals auf Deutsch, die anderen sind schon einmal von Golkonda in zwei Bänden veröffentlicht worden.

Es war um den Golkonda-Verlag, der sich durch sein feines Phantastik-Programm innerhalb weniger Jahre einen exzellenten Ruf erworben hat, still geworden, und so mancher SF-Fan hat schon Schlimmes befürchtet. Die Europa-Verlagsgruppe, zu der Golkonda gehörte, war durch die Insolvenz eines weiteren Verlags der Gruppe, Scorpio, in Schwierigkeiten geraten. Golkonda hatte die Verlagsleiterin entlassen und das für den Herbst angekündigte Science-Fiction-Jahrbuch gestrichen (erscheint jetzt nach erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne im Berliner Hirnkost-Verlag), und Hardy Kettlitz hat das Memoranda-Imprint, in dem unter anderem Werke von Angela und und Karlheinz Steinmüller erscheinen, in einen eigenständigen Verlag umgewandelt. Der Golkonda-Verlag selbst wurde zusammen mit Europa und Scorpio zur Europa Verlage GmbH zusammengelegt. Als Verlagssitz ist nicht mehr Berlin, sondern München angegeben.

So richtig rund läuft es aber noch nicht. Die Website golkonda-verlag.de ist noch auf dem Stand von Mitte 2019; und die in der Frühjahrsvorschau des Europa-Verlags, in der das Golkonda-Programm integriert ist, angegebene Adresse golkonda-verlag.com führt ins Nichts.

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Europa-Verlagsvorschau (PDF-Datei, ca. 11 MB)

Memoranda-Verlag

Das war mein Lesejahr 2019

Hinter mir liegen 20 Romane, zehn Anthologien und zehn Sachbücher.

Cover von acht Büchern, die im Text erwähnt werden.

Im vergangenen Jahr habe ich erstaunlicherweise mehr Bücher gelesen als gedacht. Gefühlt hatte ich nämlich viel zu selten Gelegenheit, mich mit einem Buch hinzusetzen. Aber am Ende waren es dann doch 20 Romane, zehn Anthologien und zehn Sachbücher sowie 71 Heftromane (und noch eine ganze Menge nicht dokumentierter Kleinkram in Zeitschriften und online). Das heißt: alle neun Tage ein Buch, alle fünf Tage ein Heftroman.

Bei den Romanen und Anthologie dominierte erwartungsgemäß das phantastische Genre, sprich in erster Linie die Science-Fiction. Den meisten Eindruck haben zwei Romane und eine Anthologie hinterlassen: »Die Optimierer« von Theresa Hannig und »Autonom« von Annalee Newitz (in deutscher Übersetzung) sowie »New Suns. Original speculative fiction by people of color«, herausgegeben von Nisi Shawl. Die Enttäuschung des Jahres – und das einzige Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe – war »NSA« von Andreas Eschbach. Was für ein lebloses Buch! Ganz in Ordnung fand ich dagegen seine Perry-Rhodan-Biografie »Das größte Abenteuer«. Etwas mehr hatte ich mir von Michael Marraks »Der Garten des Uroboros« versprochen, mit dem Vorjahresknaller »Der Kanon mechanischer Seelen« konnte der Roman nicht mithalten, aber das hätte ich wissen können.

Bei den deutschsprachigen Anthologien stehen neben den aktuellen Ausgaben von »Nova« und »Exodus« zwei »Meilensteine« ganz oben auf meiner Favoritenliste: die zweite bundesdeutsche SF-Anthologie »Science Fiction aus Deutschland« von 1974 und die erste DDR-Anthologie »Der Mann vom Anti« von 1975. Sie stammen aus derselben Zeit, sind aber sehr unterschiedlich ausgerichtet: der Westen ausdrücklich gesellschaftskritisch, der Osten eher erzählerisch-literarisch.

An Heftromanen habe ich 51-mal »Perry Rhodan« und 20-mal »Maddrax« konsumiert. Die Qualität war erwartungsgemäß schwankend, es gab gute, mittelmäßige und schlechte Romane. Beide Serien feierten im vergangenen Jahr Jubiläum: PR mit Heft 3000 (»Mythos Erde« von Christian Montillon/Wim Vandemaan), MX mit Nummer 500 (»Zeitbeben« von Sascha Vennemann). Nur gesammelt und auf den Stapel ungelesener Bücher gelegt habe ich die PR-Miniserie SOL.

Bei den Sachbüchern war’s thematisch abwechslungsreicher: Science-Fiction, Raumfahrt, Biologie, Welt- und Regionalgeschichte. Den meisten Spaß und Erkenntnisgewinn hat mir das Buch über »Die Himmelsscheibe von Nebra« von Harald Meller und Kai Michel gebracht: faszinierend zu lesen, wie eine Vielzahl von Indizien zu einem Bild von einem beeindruckenden bronzezeitlichen Reich in Mitteldeutschland zusammengefügt wird. Deutlich weniger überzeugend war »Die Erfindung der Zukunft in der Literatur« von Hans Esselborn über die Geschichte der deutschen Science-Fiction von ihren Anfängen bis heute. Seine Auseinandersetzung etwa mit dem Werk von Dietmar Dath, den viele für den deutschen SF-Schriftsteller der Gegenwart halten, war in weiten Teilen ähnlich schwere Kost wie Daths Werk selbst. Nur angefangen habe ich eine neue Ausgabe von »Der Ursprung der Arten« von Charles Darwin; es ist ein beeindruckendes Buch.

Warten auf »Rosewater«

Vieles ist liegengeblieben. Das neue Jahr habe ich mit einem Stapel ungelesener Bücher (SUB) angefangen, der aus 29 Romanen, acht Anthologien und 15 Sachbüchern sowie einem Dutzend Heftromanen besteht. Und Nachschub hat sich auch schon angekündigt. Mit besonderer Spannung wartet ich auf ein Werk, das ich schon mit Begeisterung im Original gelesen habe: »Rosewater« von Tade Thompson in deutscher Übersetzung. Das Buch hatte der Golkonda-Verlag für November vergangenen Jahres angekündigt, bei Amazon & Co. ist es jetzt für den 17. Januar avisiert. Der Golkonda-Verlag ist ja durch die finanziellen Probleme seines Mutterhauses ins Trudeln geraten, hat die Verlagsleiterin vor die Tür gesetzt und schon das ambitionierte »Science Fiction«-Jahrbuch aus dem Programm geworfen. In ein paar Tagen wissen wir mehr.

Ich habe natürlich inzwischen damit begonnen, meinen SUB abzuarbeiten. »Derolia« von Axel Kruse habe ich beendet. Mal sehen, was ich mir gleich aus dem Regal nehme, um den Rest des Abends lesend zu verbringen.

Dieses Buch ist gefährlich

Heinrich Stöllner schreibt über die Serien in den Utopia- und Terra-Heften – und führt mich in Versuchung.


Heinrich Stöllner: Die Zukunft von gestern. Verlag Dieter von Reeken, 2019. ISBN ISBN 978-3-945807-49-1.


Bücher wie »Die Zukunft von gestern« von Heinrich Stöllner sind eine Gefahr, eine kaum zu widerstehende Versuchung, noch mehr Bücher, die man sonst nicht lesen würde, zu kaufen. Ist mir so gegangen. 

»Die Zukunft…« ist eine akribisch recherchierte Dokumentation aller Serien, die als Utopia– oder Terra-Heftroman der Verlage Pabel und Moewig zwischen 1953 und 1985 erschienen sind. Als Serien werden Roman-Reihen bezeichnet, bei denen die Handlungen aufeinander aufbauen. Die bekannteste in diesem Literatursegment ist die 1961 im Münchner Moewig-Verlag erstmals erschienene Perry Rhodan-Serie, die es bis heute auf mehr als 3000 Folgen gebracht hat. Außer solchen eigenständigen Serien gab es weitere kürzere, die innerhalb von Heftroman-Reihen auf den Markt kamen.

Utopia und Terra waren die führenden Reihen in Deutschland. Von Utopia erschienen bis 1968 als Utopia SF, Utopia Großband, Utopia Kriminal und Utopia Magazin 850 Hefte, von Terra SF, Terra Sonderband, Terra Extra, Terra Nova und Terra Astra etwa doppelt so viele Hefte, allerdings nicht genau so viele Titel, denn viele Romane, die in Terra SF oder Terra Nova veröffentlicht wurden, erschienen Jahre später in Terra Astra erneut. In den Heftroman-Reihen waren deutsche Autoren stark vertreten, in Terra Nova und Terra Astra vor allem solche aus dem Umfeld der Perry Rhodan-Serie.

Es gibt viel zu entdecken

Wer wann was veröffentlicht hat, kann man in Stöllners 500 Seiten dickem Werk nachlesen, das mit zahlreichen Coverabbildungen illustriert ist. Es ist in drei große Kapitel unterteilt, die sich den deutschsprachigen und den englischsprachigen Autoren sowie den Fernseh- und Filmserien widmen. Es gibt zu jedem der thematisch gegliederten Unterkapitel, in denen mehrere Autoren und deren Serien behandelt werden, eine Einführung mit ausführlichen Inhaltsangaben, Information zur Publikationsgeschichte und einer Bibliografie, in der auch die Nachdrucke aufgelistet sind.

In  »Die Zukunft von gestern« gibt es eine Menge zu entdecken, auch dank des üppigen Anhangs, in der alle im Buch genannten Serien alphabetisch aufgelistet sind.  Das ist eine beeindruckende Arbeit, die jedem Sammler zu empfehlen ist. Dann ist es auch noch gut geschrieben, und man merkt dem Autor die Leidenschaft für das Genre und den Heftroman an. Davon lässt man sich gerne anstecken.

Wer in »Die Zukunft von gestern« stöbert, findet mit Sicherheit etwas, von dem sie/er gar nicht wusste, dass es im Bücherregal noch fehlt.

Ich bin nun kein ausgesprochener Sammler, sondern habe die ausgelesenen Heftromane verschenkt oder sogar weggeschmissen. Einige wenige Hefte habe ich mir inzwischen aus reiner Nostalgie besorgt. Dazu gehört Terra Astra 30, »Die Herrin der Fische« von Hans Kneifel, erschienen 1972. Den Roman las ich, als ich 14 oder 15 war. Dank Söllner weiß ich heute nicht nur, dass der Roman bereits neun Jahre zuvor in der Terra-Reihe erschienen war und zusammen mit zwei anderen Romanen zur Serie »Das Rätsel von Machaon« gehört, sondern auch, dass die Serie 1996 in Buchform als »Das Machaon-Projekt« im Tilsner-Verlag neu herausgegeben wurde – und, zack, hatte ich das Buch bei booklooker.de aufgespürt und bestellt. Jetzt muss ich es nur noch lesen.

Auch einigen anderen Protagonisten meiner frühen SF-Phase wie Earl Dumarest bin ich wieder begegnet, aber sehr viel größer ist die Zahl der Serien, von deren Existenz ich jetzt das erste Mal gehört habe. Vielleicht schlage ich da auch noch mal zu. Wie gesagt, dieses Buch ist eine Versuchung.

Gutgläubig, arglos, dreist

Der Preis ist heiß – auf Schnäppchenjagd nach »Unternehmen Stardust«, Heft 1 von PERRY RHODAN

Ein Schnäppchen? Nein, denn es handelt sich bei dem angebotenen Heft um einen Nachdruck.

Weil mir in meiner »Unternehmen Stardust«-Sammlung das Heft 1 der PERRY RHODAN-Serie in der Erstauflage fehlt, beobachte ich den einschlägigen Antiquariatsmarkt, vor allem die Angebote bei Ebay. Es ist erstaunlich, auf wie viel Gutgläubig-, Arglosig- und Dreistigkeit bei Anbietern und Käufern man dabei trifft.

Wer es nicht weiß: PERRY RHODAN ist eine deutsche Science-Fiction-Serie, die seit 1961 ununterbrochen wöchentlich als Heftroman erscheint. Band 1 trägt den Titel »Unternehmen Stardust« und ist im Laufe der Jahrzehnte in mehreren Auflagen und Sonderausgaben auf den Markt gekommen. Das originale Heft 1 (Erscheinungstag 8. September 1961) ist eine Rarität und steht auf der Wunschliste vieler Sammler ganz oben. Entsprechend tief muss man dafür in die Tasche greifen. Im Moment muss man für ein gut erhaltenes Heft mindestens 200 Euro hinlegen, für mindere Qualität entsprechend weniger. Es werden aber auch deutlich höhere Preise verlangt.

Das Originalheft 1 ist von den Nach- und Sonderauflagen auf den ersten Blick leicht zu unterscheiden, selbst wenn es sich nur um ein Vorschaubild auf Ebay handelt. Die Nachauflagen sind als solche auf dem Umschlag gekennzeichnet, Nach- und Sonderauflagen haben zum Teil ein anderes Layout und angepasste Titelbilder (das Motiv ist aber immer gleich und zeigt drei Astronauten in einer Mondlandschaft). Das wird niemand verwechseln.

Der Nachdruck von 1988

Allerdings gibt es einen fast originalgetreuen Nachdruck aus dem Jahr 1988. Diese Faksimileausgabe wird immer wieder mal zu horrenden Preisen feilgeboten – wobei die Frage ist, ob die Anbieter dreist oder ahnungslos und die Käufer ahnungslos und gutgläubig sind. Jüngste Beispiele: In diesem November wurde der Nachdruck als »Perry Rhodan Heft 1 super erhalten!« für 155 Euro bei Ebay angeboten, allerdings nicht verkauft. Für ein ausdrücklich als »!Nachdruck! (1988)« eingestelltes Heft wurden 99,99 Euro von einem Händler mit mehr als 40.000 Bewertungen verlangt. Bekommen hat er den Preis nicht. Denn der Nachdruck ist bei Ebay problemlos für zwei, drei Euro zu bekommen. Das sollte einem erfahrenen Anbieter bekannt sein. Schließlich müssen Händler sich bei ihrer Preisgestaltung an irgendetwas orientieren.

Nun muss nicht jeder unbedingt wissen, dass es diesen Nachdruck gibt, auch wenn man sich bei der Suche schon fragen könnte, warum es so große Preisunterschiede gibt. Aber ich staune immer wie, wie unbedarft viele Leute durchs digitale Leben kommen und wie viele offenbar nicht wissen, wozu Suchmaschinen wie Google da sind. Sonst würden sie zum Beispiel bestimmte Fragen in Facebook-Gruppen oder Foren nicht stellen.

Die überpinselte Erde

Der Nachdruck von 1988 ist ebenfalls recht leicht vom Original zu unterscheiden – was den damaligen Produktionsbedingungen zu verdanken ist. Auf dem Titelbild ist rechts oben die Erde abgebildet. Für den Nachdruck ist in der Vorlage ihr rechter Rand mit weißer Farbe überpinselt worden. Das ist so deutlich, dass es selbst bei einem kleinen Ebay-Vorschaubild auffällt.

So erkennst du den Nachdruck von Heft 1: Die Erde hat einen dicken weißen Rand (links), und auf der Rückseite ist nach »große« ein Riss zu sehen.

Ein weiteres untrügliches Merkmal des Nachdrucks: Auf der Rückseite ist in dem Kasten mit dem Text »Die große Weltraumserie aus dem MOEWIG-VERLAG« nach »große« so etwas wie ein Riss zu erkennen. Wenn die Rückseite bei Ebay abgebildet ist, lässt sich das mithilfe der Vergrößerungsfunktion leicht überprüfen. Der Grund für diesen gedruckten »Riss«: Offenbar hat für den Nachdruck ein beschädigtes Heft als Vorlage gedient. Diese Kenntnisse sind nicht neu und auch nicht von mir entdeckt. Hier hat zum Beispiel Reinhard Peter exzellente Vorarbeit geleistet, dessen Website ohnehin eine Fundgrube für jeden Fan ist.

Reinhard Peter berichtet auch von Betrugsfällen: Der Betrüger bietet das Original mit den passenden Abbildungen an, die er sich im Netz besorgt hat, verschickt dann aber den Nachdruck. Es ist also Vorsicht geboten.

Ein „Highlight. Rarität“ für 2950 Euro

Auch für das Originalheft werden gelegentlich astronomische Preise verlangt. Dieser Tage wollte ein Anbieter bei Ebay für ein »Highlight. Rarität« 2950 Euro haben, also mehr als das Zehnfache dessen, was man sonst hinblättern müsste. Was das Besondere an diesem Exemplar ist? Der Erstbesitzer hatte das Heft nicht nur mit seinem Adressstempel , sondern auch mit einem Datumsstempel vom 6. September 1961 versehen. Der Anbieter preist es als »seltenes Belegexemplar« dafür an, »dass die Romane schon vor dem Verkaufsstart am 8.Sept.1961 vom Verlag an vorgemerkte Kunden verschickt wurden«. Mag sein. Aber erstens ist das nicht erstaunlich, weil die Hefte ja nicht am Ersterscheinungstag direkt aus der Druckerei zu den Händlern gebracht wurden, und zweitens könnte der Stempel auch bloß falsch eingestellt gewesen sein.

Am Tag, als die Mauer fiel

Vor 30 Jahren schrieb ein Zettel Geschichte. Dabei war nicht alles so, wie es scheint.

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Der Titel eines Doors-Stückes als Aufforderung an der Berliner Mauer – irgendwann Ende der 1970er Jahre aufgenommen.

Die Frage ist heute (9. November 2019, am 30. Jahrestag) unvermeidlich:

Wo warst du, als die Mauer fiel?

Ich war zu Hause vor dem Fernseher, wie seit Wochen an den Abenden vorher. Denn es war eine spannende Zeit, die alle in Atem hielt.

Wir wohnten in einem alten Haus in Leer zur Miete und hatten zwei kleine Kinder; der Kleine war gerade ein halbes Jahr alt. Wir hatten die Ereignisse in den DDR aufmerksam verfolgt wie wohl jeder andere halbwegs politisch interessierte Mensch in jenen Tagen.

Wie dieser Abend genau gelaufen ist, weiß ich nicht mehr. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Ich habe damals wie heute als Lokalredakteur bei der Ostfriesen-Zeitung gearbeitet. Meinem Artikelarchiv entnehme ich, dass ich mir abends einen Vortrag von Dr. Rolf Bärenfänger über die Ausgrabung des ehemaligen Prämonstratenserklosters Barthe im Heseler Wald angehört habe. Ich werde also die Tagesschau im Ersten und das Heute-Journal im Zweiten an diesem Abend verpasst haben, in denen unter anderem über die Pressekonferenz mit Günter Schabowski und dem ominösen Zettel mit den Regelungen über die Reisefreiheit berichtet wurde.

Robin Lautenbach und der Trenchcoat

Bis zu den Tagesthemen war ich aber wieder zu Hause, denn ich erinnere mich gut an ARD-Reporter Robin Lautenbach, der einsam und allein an einem Grenzübergang stand und auf ausreisende DDR-Bürger wartete, die nicht kamen, während woanders schon die Massen strömten. Ich habe mich daran immer mit einer gewissen Schadenfreude erinnert, weil Fernsehfritzen unter Kollegen für ihre wichtigtuerische Art berüchtigt sind. Da freut es einen halt, wenn denen mal gezeigt wird, dass die Welt sich nicht um sie dreht.

Soweit meine Erinnerung. Bekanntlich trügt die, und so ist es auch in diesem Fall, wie ich anhand einer Internetrecherche feststellte. Die Details in meinem Gedächtnis stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. Robin Lautenbach stand im Trenchcoat vor meinem geistigen Auge, aber tatsächlich trug er einen dunkelblauen Blouson oder Mantel und einen weinroten Pulli, wie dieses Youtube-Video beweist (ab 2:12 min). Außerdem wartete er nicht irgendwo in der Pampa, sondern am Grenzübergang Invalidenstraße und am Brandenburger Tor in Berlin. Möglicherweise gehört der Trenchcoat zu einem anderen Reporter in einem anderen Beitrag Tage später über die Vorkommnisse an der innerdeutschen Grenze. Von Massenandrang konnte zunächst auch keine Rede sein – weder an der Invalidenstraße noch anderswo. Das kam erst später.

Eine Fiktion wird Wirklichkeit

Was mir bisher nicht so bewusst war, ist der Umstand, dass der Mauerfall in der Nacht zum 10. November 1989 »eine von den Medien verbreitete Fiktion« war, die die Massen mobilisierte und dadurch zur Realität wurde, wie es in einem Bericht des Tagesspiegels vom 8. November 2011 heißt. Erst die verkürzende und unzutreffende Berichterstattung in den westdeutschen Medien – Presseagenturen, Hörfunk und Fernsehen – über die Schabowski-Bekanntmachung, die zuvor live im Fernsehen der DDR übertragen worden war, und die hineininterpretierte sofortige Maueröffnung setzten im Laufe des späten Abends – nach den Tagesthemen – die Ostberliner in Bewegung.

Es war zwar in dem Beschluss, den Schabowski verlesen hatte, von Reisefreiheit die Rede. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Grenze einfach aufgemacht werden sollte. Tatsächlich hätten die Leute, die nach West-Berlin oder in die BRD wollten, ein Visum gebraucht (was genau Schabowski dort verkündete, weiß das Bundesarchiv). Aber die Erwartungen waren so hoch, dass die Macht des Faktischen siegte. Noch in der selben Nacht fingen die Leute an, die Mauer zu demolieren. Der Mauerspecht war geboren.

Jetzt kommen sie nach Ostfriesland

Die Maueröffnung war natürlich auch in den Tagen danach das Thema Nummer 1. Ich habe in der darauffolgenden Woche für die OZ einen Bericht darüber geschrieben, wie Kommunen im Landkreis Leer die Auszahlung des Begrüßungsgeldes regeln wollten. Ältere werden sich erinnern, dass jedem DDR-Bürger bei einem Besuch in der Bundesrepublik ein Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark zustand (während wir Westdeutschen umgekehrt in der DDR für jeden Tag dort 25 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 gegen harte D-Mark eintauschen mussten).

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Man rechnete für das zweite Wochenende nach dem Mauerfall (18. und 19. November) mit einem wahren Ansturm aus dem Osten. Postämter, Sparkassen, Banken und Rathäuser hatten extra am Sonnabend und Sonntag geöffnet, um das Begrüßungsgeld auszahlen zu können. In Ostfriesland sah man der Angelegenheit ganz entspannt entgegen. Niemand rechnete damit, dass Trabis gleich geschwaderweise dort einfallen würden. Wie es tatsächlich gewesen ist, weiß ich nicht. Das müsste man in der Ausgabe vom 20. November 1989 nachlesen. Ich hatte offenbar keinen Dienst an jenem Wochenende, sonst hätte ich darüber bestimmt etwas in meinem Unterlagen.

Jahrelang hatte ich auch ein Foto von einem der ersten Trabis, der in Leer gesichtet wurde, und das deshalb in der Ostfriesen-Zeitung abgedruckt wurde, im Schreibtisch, kann es aber nicht mehr finden. Womöglich ist es bei einem meiner Umzüge von einem Büro ins andere abhanden gekommen.