Ankunft in Amerika

Donnerstag und Freitag, 11. und 12. Oktober

Ich blieb weiterhin auf west-südwestlichern Kurs. Wir hatten stark unter hohem Seegang zu leiden, mehr als jemals auf unserer ganzen Fahrt. Wir erblickten einige Sturmvögel und ein grünes Schilfrohr, das an der Bordwand des Schiffes vorbeistrich. Die Leute der Karavelle „Pinta“ erspähten ein Rohr und einen Stock, fischten dann noch einen zweiten Stock heraus, der anscheinend mit einem scharfen Eisen bearbeitet worden war; sie griffen noch ein Rohrstück auf und sahen ein kleines Brett und eine Grasart, die von der üblichen verschieden war und auf dem Lande wuchs. Auch die Mannschaft der „Niña“ sichtete Anzeichen nahen Landes und den Ast eines Dornbusches, der rote Früchte trug. Diese Vorboten versetzten alle in gehobene, freudvolle Stimmung.

An diesem Tage legten wir bis zum Sonnenuntergang 108 Seemeilen zurück. Nach Sonnenuntergang kehrte ich wieder zur Westrichtung zurück. Wir kamen mit einer Stundengeschwindigkeit von 12 Seemeilen vorwärts und bis 2 Uhr morgens hatten wir 90 Seemeilen durchlaufen. Da die Karavelle „Pinta“ schneller war als die anderen beiden Schiffe und mir vorgefahren war, so entdeckte man an Bord der „Pinta“ zuerst das Land und gab auch die angeordneten Signale.

Als erster erspähte dieses Land ein Matrose, der Rodrigo da Triana hieß, wiewohl ich um 10 Uhr nachts vom Aufbau des Hinterschiffes aus ein Licht bemerkt hatte. Ob zwar das schimmernde Licht so undeutlich war, dass ich es nicht wagte, es als Land zu bezeichnen, so rief ich dennoch Pietro Gutierrez, den Truchseß des Königs, um ihm zu sagen, daß ich ein Licht zu sehen glaubte, und bat ihn, es sich anzusehen, was jener auch tat und es tatsächlich auch sah. Desgleichen benachrichtigte ich Rodrigo Sanchez di Segovia, den der König und die Königin als Beobachter der Armada zugeteilt hatten. Dieser vermochte aber nichts zu erblicken, da er von seinem Standpunkt aus nichts sehen konnte. Nachdem ich meine Beobachtung gemeldet hatte, sah man das Licht ein-, zweimal auf scheinen; es sah so aus, als würde man eine kleine Wachskerze auf- und niederbewegen, was wohl in den Augen der wenigsten als Anzeichen nahen Landes gegolten hätte – allein ich war fest davon überzeugt, mich in der Nähe des Landes zu befinden.

Als dann die ganze Mannschaft das „Salve Regina“ betete, das alle Seeleute auf ihre Art und Weise zu singen pflegen, und dann schweigend verharrte, gab ich meinen Leuten den guten Rat, auf dem Vorschiff gute Wache zu halten und auf das Insichtkommen des Landes wohl achtzugeben. Derjenige unter ihnen, der als erster melden würde, Land zu sehen, bekäme sofort eine seidene Jacke zum Geschenk, außer all den Belohnungen, die das Herrscherpaar versprochen hatte, nämlich die Auszahlung eines lebenslänglichen Ruhegehaltes von 10 000 Maravedis.

[12. Oktober]
Um zwei Uhr morgens kam das Land in Sicht, von dem wir etwa 8 Seemeilen entfernt waren. Wir holten alle Segel ein und fuhren nur mit einem Großsegel, ohne Nebensegel. Dann lagen wir bei und warteten bis zum Anbruch des Tages, der ein Freitag war, an welchem wir zu einer Insel gelangten, die in der Indianersprache „Guanahaní“ hieß.

Dort erblickten wir alsogleich nackte Eingeborene. Ich begab mich, begleitet von Martin Alonso Pinzón und dessen Bruder Vicente Yánez, dem Kapitän der „Niña“, an Bord eines mit Waffen versehenen Bootes an Land. Dort entfaltete ich die königliche Flagge, während die beiden Schiffskapitäne zwei Fahnen mit einem grünen Kreuz im Felde schwangen, das an Bord aller Schiffe geführt wurde und welches rechts und links von den je mit einer Krone verzierten Buchstaben F und Y umgeben war. Unseren Blicken bot sich eine Landschaft dar, die mit grün leuchtenden Bäumen bepflanzt und reich an Gewässer und allerhand Früchten war.

Ich rief die beiden Kapitäne und auch all die anderen, die an Land gegangen waren, ferner Rodrigo d’Escobedo, den Notar der Armada, und Rodrigo Sánchez von Segovia, zu mir und sagte ihnen, durch ihre persönliche Gegenwart als Augenzeugen davon Kenntnis zu nehmen, daß ich im Namen des Königs und der Königin, meiner Herren, von der genannten Insel Besitz ergreife, und die rechtlichen Unterlagen zu schaffen, wie es sich aus den Urkunden ergibt, die dort schriftlich niedergelegt wurden.

Sofort sammelten sich an jener Stelle zahlreiche Eingeborene der Insel an. in der Erkenntnis, daß es sich um Leute handle, die man weit besser durch Liebe als mit dem Schwerte retten und zu unserem Heiligen Glauben bekehren könne, gedachte ich, sie mir zu Freunden zu machen und schenkte also einigen unter ihnen rote Kappen und Halsketten aus Glas und noch andere Kleinigkeiten von geringem Werte, worüber sie sich ungemein erfreut zeigten. Sie wurden so gute Freunde, daß es eine helle Freude war. Sie erreichten schwimmend unsere Schiffe und brachten uns Papageien, Knäuel von Baumwollfaden, lange Wurfspieße und viele andere Dinge noch, die sie mit dem eintauschten, was wir ihnen gaben, wie Glasperlen und Glöckchen. Sie gaben und nahmen alles von Herzen gern – allein mir schien es, als litten sie Mangel an allen Dingen.

Sie gehen nackend umher, so wie Gott sie erschaffen, Männer wie Frauen, von denen eine noch sehr jung war. Alle jene, die ich erblickte, waren jung an Jahren, denn ich sah niemand, der mehr als 30 Jahre alt war. Dabei sind sie alle sehr gut gewachsen, haben einen schön geformten gewinnende Gesichtszüge. Sie haben dichtes, struppiges Haar, das fast Pferdeschweifen gleicht, das über der Stirne kurz geschnitten ist bis auf einige Haarsträhnen. die sie nach hinten werfen und in voller Länge tragen, ohne sie jemals zu kürzen. Einige von ihnen bemalen sich mit grauer Farbe (sie gleichen den Bewohnern der Kanarischen Inseln, die weder eine schwarze, noch eine weiße Hautfarbe haben), andere wiederum mit roter, weißer oder einer anderen Farbe; einige bestreichen damit nur ihr Gesicht oder nur die Augengegend oder die Nase noch andere bemalen ihren ganzen Körper.

Sie führen keine Waffe mit sich, die ihnen nicht einmal bekannt sind; ich zeigte ihnen die Schwerter und da sie sie aus Unkenntnis bei der Schneide anfaßten, so schnitten sie sich. Sie besitzen keine Art Eisen. Ihre Spieße sind eine Art Stäbe ohne Eisen, die an der Spitze mit einem Fischzahn oder einem anderen harten Gegenstand versehen sind. Im allgemeinen haben sie einen schönen Wuchs und anmutige Bewegungen.

Manche von ihnen hatten Wundmale an ihren Körpern. Als ich sie unter Zuhilfenahme der Gebärdensprache fragte, was diese zu bedeuten hätten, gaben sie mir zu verstehen, daß ihr Land von den Bewohnern der umliegenden Inseln heimgesucht werde, die sie einfangen wollten und gegen die sie sich zur Wehr setzten. Ich war und bin auch heute noch der Ansicht, daß es Einwohner des Festlandes waren, die herkamen, um sie in die Sklaverei zu verschleppen. Sie müssen gewiß treue und kluge Diener sein, da ich die Erfahrung machte, daß sie in Kürze alles, was ich sagte, zu wiederholen verstanden; überdies glaube ich, daß sie leicht zum Christentum übertreten können, da sie allem Anschein nach keiner Sekte angehören. Wenn es dem Allmächtigen gefällt, werde ich bei meiner Rückfahrt sechs dieser Männer mit mir nehmen, um sie Euren Hoheiten vorzuführen, damit sie die Sprache (Kastiliens) erlernen. Auf dieser Insel traf ich keine Tiere an, bis auf Papageie.

Samstag, 13. Oktober

Als der Tag anbrach, wimmelte es am Strande von diesen Männern, die, wie ich sagte, alle jung und von schönem Körperbau waren. Ihr Haar ist nicht kraus, sonder glatt und dicht wie eine Pferdemähne. Ihre Stirn und ihre Kopfform. ist breit, viel breiter als bei allen Rassen, die ich bisher gesehen habe, ihre Augen sind sehr schön und groß. Keiner von ihnen hat eine dunkle Hautfarbe, vielmehr gleicht sie jener der Bewohner der Kanarischen Inseln , was ja auch verständlich ist, da diese Insel sich im Westen befindet und zwar auf demselben Breitengrad wie die Insel Ferro. Ihre Beine sind gerade gewachsen, ihr Bauch nicht dick und wohlgeformt.

Sie erreichten mein Schiff auf Booten, die für die Verhältnisse des Landes äußerst kunstgerecht aus einem einzigen Baumstamm verfertigt und von denen einige so groß waren, daß darin 40 und auch 45 Leute Platz fanden, während andere so klein waren, daß sie nur einen einzigen Mann aufnahmen. Sie trieben die Boote mit Rudern an, die Ofenschaufeln glichen, und kamen so schnell damit vorwärts, daß es erstaunlich war. Kippt ein Boot um, so schwimmen alle auf dem Wasser, kehren das Boot wieder nach oben und mit hohlen Kürbissen, die sie mit sich führen, entleeren sie die Boote vom Wasser, das eingedrungen war. Sie brachten Knäuel gesponnener Baumwolle, Papageie Spieße und andere Dinge mit sich, die alle aufzählen zu wollen zu weitläufig wäre, und tauschten sie gegen jeden noch so geringfügigen Gegenstand aus, den man ihnen anbot.

Ich beachtete alles mit größter Aufmerksamkeit und trachtete, herauszubekommen, ob in dieser Gegend Gold vorkomme. Dabei bemerkte ich, daß einige von diesen Männern die Nase durchlöchert und durch die Öffnung ein Stück Gold geschoben hatten. Mit Hilfe der Zeichensprache erfuhr ich, daß man gegen Süden fahren müsse, um zu einem König zu gelangen, der große, goldene Gefäße und viele Goldstücke besaß. Ich versuchte nun, sie zu bewegen, mich dahin zu geleiten, doch mußte ich späterhin einsehen, daß sie sich weigerten, dies zu tun. Deshalb beschloß ich, bis zum morgigen Abend hier zu bleiben, um dann nach Südwesten weiterzufahren, wo nach den Aussagen vieler Eingeborener sowohl im Süden, als im Nordwesten und Südwesten Land sein müsse. Sie bedeuteten mir außerdem, daß die Bewohner der im Nordwesten gelegenen Gebiete des öftern bis hierher gelangten, um sie zu bekämpfen. Also entschied ich mich, nach Südwesten vorzudringen, um nach Gold und Edelsteinen zu suchen.

Diese Insel ist sehr groß und ganz eben, ohne jede Spur eines Gebirges, dafür mit grün belaubten Bäumen besetzt, reich an Gewässer und hat in ihrer Mitte eine breite Lagune; sie hat eine so satte grüne Färbung, daß ihr Anblick wohltuend wirkt. Ihre Bewohner sind sehr fügsam und tragen ein so großes Verlangen nach unseren Dingen, daß sie sich jedesmal, wenn sie etwas an Bord unserer Schiffe erhalten zu können glauben, aber zu arm sind, um uns etwas dafür im Tauschwege anzubieten, sofort schwimmend zu uns begeben und mit dem erworbenen Gegenstand an Land zurückkehren. Alles, was sie besitzen, geben sie freudig für jeden noch so törichten Gegenstand; sie tauschten sogar die Scherben unserer Schüsseln und gebrochenen Glastassen ein; ich selber sah, wie sie 16 Knäuel Baumwolle für drei portugiesische „Ceuti“ hergaben, die einer „blanca“ kastilischer Währung entsprechen; jene Knäuel ergaben fast eine „arroba“ gesponnener Baumwolle.

Ich habe den Handel mit diesem Erzeugnis untersagt und verboten, daß irgend jemand sich etwas davon aneigne, indem ich mir das ausschließliche Recht vorbehielt, es für Eure Hoheiten zu erwerben, falls größere Mengen davon vorhanden sein sollten. Sowohl die Baumwolle als das Gold, das die Eingeborenen in der Nase tragen, finden sich auf der Insel vor, allein ich möchte nicht Zeit daran verwenden, es zu sammeln, um meine Aussagen bezeugen zu können, weil ich nicht unnütze Zeit verlieren und versuchen will, ob es mir gelingt, die Insel Cipango zu finden.

Bei Einbruch der Nacht kehrten alle Inselbewohner an Land zurück.

Sonntag, 14. Oktober

Als der Tag anbrach, ließ ich das Boot meines Schiffes und die Ruderboote der beiden Karavellen zu Wasser setzen und fuhr an den Küsten der Insel in nord-nordöstlicher Richtung entlang, um die gegenüberliegende östliche Küste zu erforschen und die Siedlungen aufzusuchen, von denen ich alsbald zwei oder drei ansichtig wurde, deren Einwohner in großer Zahl zur Küste herbeiströmten, uns laut zurufend und Gott dankend. Einige schafften Wasser herbei, andere Speisen, während einige von ihnen, als sie merkten, daß ich nicht an Land ging, sich ins Wasser stürzten und uns schwimmend entgegenkamen und uns, so viel wir verstanden, fragten, ob wir geradeswegs vom Himmel kämen. Ein Alter stieg zu mir ins Boot, während andere mit lauter Stimme die ganze Einwohnerschaft, Männer und Frauen, mit den Worten herbeiriefen: „Sehr Euch doch die Männer an, die vom Himmel herabgestiegen sind, und bringt ihnen etwas zu essen und zu trinken.“

Eine Unzahl von Männern und Frauen drängten sich am Ufer entlang, von denen jeder etwas mit sich gebracht hatte. Sie warfen sich zu Boden und sagten Gott Dank, indem sie die Hände gen Himmel erhoben und uns unter großem Geschrei zum Landen aufforderten. Allein ich wollte nicht an Land gehen, aus Furcht vor den Klippen und Untiefen, von denen die Insel umgeben war. Zwischen der Insel und den Klippen ist das Meer tief und bildet einen Hafen, der die Schiffe der ganzen Christenheit zu fassen vermag und eine sehr schmale Einfahrt besitzt. Allerdings gibt es innerhalb des Klippengürtels Untiefen; allein das Meer ist dort so ruhig wie das Wasser in einem Brunnen.

In der Absicht, alles in Augenschein zu nehmen, um Euren Hoheiten darüber genauen Bericht erstatten zu können und um eine Stelle ausfindig zu machen, wo ich eine kleine Festung errichten könnte, ging ich heute auf Erkundung aus und traf eine Halbinsel an, auf der sechs Hütten standen und die in wenigen Tagen Arbeit zu einer Insel umgestaltet werden könnte. Doch halte ich eine derartige Umgestaltung nicht für erforderlich, da ja die Bewohner keine besonderen Kenntnisse von Waffen besitzen, wovon Eure Hoheiten sich bei den sieben Leuten persönlich überzeugen können, die ich ergreifen ließ, um sie nach Spanien mitzubringen, wo sie unsre Sprache erlernen sollen, ehe wir sie wieder zurückbringen. Sollten Eure Hoheiten den Befehl erteilen, alle Inselbewohner nach Kastilien zu schaffen oder aber sie auf ihrer eigenen Insel als Sklaven zu halten, so wäre dieser Befehl leicht durchführbar, da man mit einigen fünfzig Mann alle anderen niederhalten und zu allem zwingen könnte.

Auf der Halbinsel, von der eben die Rede war, sah ich Gärten, die mit den schönsten Bäumen, welche ich je gesehen habe, dicht bepflanzt waren, ihr Blätterwerk war leuchtend grün wie die Bäume Kastiliens in den Monaten April und Mai, und überdies reichlich Quellwasser. Nachdem wir jenen Ankerplatz genauestens ausgekundschaftet hatten, kehrte ich zu meinem Schiff zurück und segelte weiter. Dabei erspähte ich so viele Inseln, daß ich nicht recht wußte, welcher ich mich zuwenden sollte. Die mitgenommenen Eingeborenen gaben mir zu verstehen, daß es deren unzählige gebe – sie nannten mir an die hundert Inseln. Ich suchte also festzustellen, welche von ihnen die größte sei, und beschloß, auf dieser zu landen, was ich auch tat. Meiner Schätzung nach mußte diese Insel an die 20 Seemeilen von San Salvador entfernt liegen; die anderen Inseln werden auch ungefähr in gleichen Entfernungen davon sich befinden. Alle sind niedrig und berglos, äußerst fruchtbar und dicht bevölkert. Wenngleich es einfache, gute Leute waren, so befehdeten sie sich doch von Insel zu Insel.