Schiffbruch und Bau des Forts La Navidad

Dienstag, den 25. Dezember, am Weihnachtstag

Gestern fuhr ich mit mäßigem Wind von der San-Tominaso-Bucht bis zur Punta Santa, auf deren Höhe ich in einer Entfernung von vier Seemeilen beilag. Gegen 11 Uhr nachts ging ich zur Ruhe, da ich bereits zwei Tage und eine Nacht hindurch mir keinen Schlaf gegönnt hatte. Da vollkommene Flaute herrschte, wollte auch der Steuermann etwas der Ruhe pflegen und überließ das Steuerruder einem Schiffsjungen.

Dies hatte ich während der ganzen Fahrt aufs strengste untersagt, mit dem Bemerken, daß man das Steuerruder, ob nun Windstille herrschte oder nicht, niemals Schiffsjungen überlassen dürfe. Tatsächlich hatte ich gegenwärtig weder von seichten Stellen noch von Klippen etwas zu befürchten. An jenem Sonntage, als ich die Boote zum „cacico“ entsandt hatte, waren letztere östlich an der Punta Santa vorbeigefahren, und die Bootsinsassen hatten die ganze Küste und die seichten Stellen, die ost-südöstlich der Punta Santa sich auf einer Länge von 12 Seemeilen hin erstrecken, sowie auch die Durchfahrtsstellen gesehen; dies hatte ich auf der ganzen Fahrt nicht ein einziges Mal tun können. Unserem Herrn gefiel es, daß um Mitternacht als ich zu Bett gegangen war, völlige Windstille herrschte und das Meer glatt wie Öl dalag, alle sich zur Ruhe niederlegten und das Steuerruder einem Schiffsjungen anvertrauten.

So geschah es, daß die Strömung das Schiff in aller Ruhe auf eine Untiefe auffahren ließ, die trotz der nächtlichen Stunde schon meilenweit vorher hörbar und sichtbar war. Da begann der Schiffsjunge, der das Aufstoßen des Steuers auf Grund spürte und das Krachen vernahm, ein lautes Geschrei zu erheben. Ich hörte sein Rufen und war sofort zur Stelle, noch ehe jemand anderer es bemerkt hatte, daß wir auf Grund gefahren waren. Alsbald erschien auch der Besitzer des Schiffes, Juan de la Cosa, der eben die Wache anzutreten hatte, auf Deck. Ihm und den anderen Matrosen befahl ich, das im Schlepptau nachgezogene Boot zu besteigen und vom Heck aus einen mitgenommenen Anker ins Meer zu werfen. Er bestieg also mit vielen anderen das Boot. Statt aber meinen Auftrag auszuführen, ruderten sie darauflos und entflohen mit ihrem Boot zur Karavelle „Niña“, die zwei Seemeilen von uns entfernt war. Als ich dies bemerkte und gleichzeitig feststellte, daß die Wassertiefe immer mehr abnahm und das Schiff ernstliche Gefahr lief, ließ ich sofort den Hauptmast umlegen und das Schiff von jeder unnützen Belastung befreien, um zu versuchen, es wieder flott zu kriegen. Da das Wasser immer seichter wurde, konnte die Karavelle nicht flottgemacht werden; denn da sie sich etwas geneigt hatte, trat durch die Fugen Wasser ein, das den unteren Schiffsteil zu füllen begann. Inzwischen kam ein Boot der Karavelle „Niña“ zu Hilfe geeilt. Da ihre Besatzung bemerkt hatte, daß das Boot mich im Stiche lassen wollte, ließ man sie dort nicht an Bord kommen; deshalb sahen sich die Bootsinsassen gezwungen, wieder zu meinem Schiff zurückzukehren.

Da ich keine Möglichkeit sah, das Schiff zu retten, war ich darauf bedacht, die Schiffsbesatzung in Sicherheit zu bringen. Weil aber vom Lande ein starker Wind wehte, die Nacht bereits weit vorgeschritten war und ich nicht zuverlässig feststellen konnte, an welchem Punkte man aus dem Bereich dieser Untiefen herauskommen konnte, so wartete ich bis zum Anbruch des Tages.

Ich schickte ein Boot an Land, in welchem sich Diego di Arana aus Cordova, der Major-Auditor der Armada, und Pietro Gutiérrez, der Truchseß Eurer Hoheiten, befanden, um den „cacico“ von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen.

Als der „cacico“ diese traurige Botschaft vernahm, war er über unseren Verlust tief bekümmert und entsandte augenblicklich alle Einwohner seines Dorfes mit vielen großen Kanoes zu unserem Schiff. Dort machten wir uns alle zusammen alsogleich ans Werk, die Ladung zu löschen. In kurzer Zeit hatten wir vom ganzen Oberdeck alles an Land geschafft so wertvoll war die Mithilfe, die uns jener „cacico“ hatte angedeihen lassen. Später gewährte er uns persönlich samt seinen Brüdern und Verwandten jede Unterstützung, sowohl auf dem Schiffe, wie zu Lande, damit alles wohl vonstatten gehe. Von Zeit zu Zeit schickte er einige seiner Verwandten zu mir, die mich weinend baten, es nicht allzu tragisch zu nehmen, er würde mir gerne alles, was er besäße, überlassen. Ich kann Euren Hoheiten hoch und heilig versichern, daß unser Besitz in ganz Kastilien nicht besser versorgt hätte werden können, von dem nicht eine einzige Nadel verloren ging. Denn er ließ all unser Hab und Gut in der Nähe seiner Behausung aufstapeln, wo es bleiben sollte, bis die Hütten freigemacht würden, wo alles untergebracht werden konnte. Bewaffnete Männer hielten die ganze Nacht hindurch davor Wache. Dabei waren er und all die Seinen in Tränen aufgelöst als hätten sie selber Schaden erlitten, so liebenswert, selbstlos und verträglich sind diese braven Leute, daß mir Euer Hoheiten aufs Wort glauben können, daß es auf der weiten Welt keine besseren Menschen und kein schöneres Land geben kann.

Sie lieben ihren Nächsten wie sich selbst; dabei tragen sie stets das sanftmütigste, heiterste Wesen zur Schau, ihre höflichen Reden immer mit einem Lächeln begleitend. Allerdings laufen Männer wie Frauen vollkommen nackt herum, doch können Eure Hoheiten versichert sein, daß sie von untadelhaften Sitten sind und dem König mit größter Unterwürfigkeit dienen. Letzterer ist so enthaltsam, daß es ein recht erbaulicher Anblick ist. Erstaunlich ist das Gedächtnis dieses Völkchens und sein Wissensdrang, der sie dazu antreibt, bald nach diesem, bald nach jenem zu fragen und Ursache und Wirkung von allem zu ergründen.

Mittwoch, den 26. Dezember

Bei Sonnenaufgang erschien heute der König des Landes an Bord der „Niña“, wo ich mich befand. Beinahe unter Tränen bat er mich, mir keine Sorgen zu machen, er würde mir all seine Habe geben und habe uns bereits zwei große Hütten zur Verfügung gestellt; wenn nötig, könnten wir auch noch weitere beziehen. Außerdem seien genügend Kanoes vorhanden, um alles vom gestrandeten Schiffe abzuladen und alle darauf befindlichen Menschen an Land zu schaffen, wenn ich es wünsche. Dies alles bewerkstelligte der „cacico“ zu nachtschlafender Zeit, ohne daß auch nur ein Körnchen davon abhanden gekommen wäre. So sehr sind diese Menschen frei von jeder Habgier nach fremdem Gute und der König selbst so rechtschaffen.

Während ich mich mit dem „cacico“ unterhielt, tauchte ein aus einer andern Gegend kommendes Kanoe auf, dessen Insassen einige Goldstücke bei sich hatten, die sie gegen ein Glöckchen austauschen wollten, was ihnen das Liebste war. Das Kanoe hatte noch nicht mittschiffs angelegt, als die darin befindlichen Indianer laut zu schreien begannen und mit den Worten: „Chuque – chuque!“, womit sie wohl die so sehr begehrten Glöckchen meinten, die Goldstücke vorzeigten. Als dies andere, ebenfalls aus anderen Gegenden stammende Kanoesinsassen sahen, riefen sie vor ihrer Rückfahrt nach mir und baten mich, ihnen ein Glöckchen bis zu dem Tage aufzubewahren, an dem sie wiederkehren ,würden, um mir vier handgroße Goldstücke zu überbringen. Bei diesen Worten war ich hocherfreut. Bald darauf meldete mir ein Matrose, der von Strand zurückgekehrt war, daß es zum Verwundern sei, was für Goldstücke die Christen, welche an Land gegangen waren, im Tauschwege für nichtssagende Dinge sich verschafft hätten; für ein kleines Bändchen gaben die Indianer Goldstücke vom Werte von mehr als zwei castellani. Doch sei dies nichts verglichen mit dem, was nach Verlauf eines Monates sich ereignen würde.

Der „cacico“ seinerseits zeigte sich sehr erfreut über meine Zufriedenheit und, da er merkte, daß ich viel Gold zu haben wünschte, gab er mir mit der Zeichensprache zu verstehen, den nicht allzu weit von hier entfernten Ort zu kennen, wo Gold reichlich zu finden sei. Ich solle mich nur ruhig verhalten, könne ich doch gewiß sein, daß er mir so viel Gold verschaffen werde, als ich nur haben wollte. Ich gab dem „cacico“ recht und glaube, daß das Gold vornehmlich in Cipango, welches die Indianer „Cybao“ nannten, in so großen Mengen vorhanden sein müsse, daß sie es gar nicht recht zu schätzen wußten. Ich wollte das Gold dort schürfen, obzwar es ja auch auf der Spanischen Insel, Bohío genannt und zwar vor allem in der Provinz von Caribata, vorkommt.

Der König speiste auf der Karavelle in meiner Gesellschaft. Später ging er mit mir an Land und überhäufte mich mit Ehren- und Freundschaftsbezeigungen. Er gab mir einige Arten von „ajes“ zu kosten, ferner Krebse, Wildbret und auch von ihrem Brot, das in der Indianersprache „cazabi“ hieß. Hierauf führte er mich zur Besichtigung einiger Baumwollpflanzungen, die neben der Siedlung lagen. Über tausend gänzlich nackte Eingeborene folgten uns. Der „cacico“ jedoch trug ein Hemd und ein Paar Handschuhe, die ich ihm geschenkt hatte; die größte Freude hatte er an den Handschuhen. Seiner dezenten Art, zu essen, und seinem Benehmen sah man es an, daß er vornehmer Abkunft war. Wir taten uns lange an der Tafel gütlich, gegen deren Ende man dem König eine Art Kräuter oder Gräser brachte, mit denen er sich die Hände einrieb, um sie geschmeidig zu machen, wie ich meinte, während man mir Wasser reichte, um mir die Hände zu waschen.

Nachdem die Tafel aufgehoben worden war, ging ich zum Strande, ließ mir einen türkischen Bogen und Pfeile geben und erteilte einem Mann meines Gefolges, der mit dieser Waffe gut umzugehen verstand, den Befehl, damit zu schießen. Der König, der in seinem ganzen Leben noch keine Waffe zu Gesicht bekommen hatte, war über alle Maßen verblüfft. Dies hatte seinen Grund darin, daß man im Laufe des Gespräches auf die Bewohner von Caniba, die die Indianer „Kariben“ nannten, zu sprechen gekommen war, die zur Spanischen Insel kamen, um die Männer zu rauben, wobei sie Bogen und Pfeile mit sich führten, die keine eiserne Spitze hatten; denn in allen diesen Gegenden kannte man weder das Eisen noch Stahl oder andere Metalle, mit Ausnahme des Goldes und Kupfers, obzwar ich nur ganz geringe Mengen des letzteren Metalles feststellen hatte können. Daraufhin gab ich dem Indianerhäuptling durch Zeichen zu verstehen, daß die Herrscher Kastiliens die Ausrottung der Kariben anordnen und sie samt und sonders mit abgehackten Händen

sich vorführen lassen würden. Dann ließ ich noch eine Bombarde und eine Steinschleuder abschießen. Der „cacico“ war über die Durchschlagskraft der Geschosse höchst verwundert. Als seine Gefolgsmänner das laute Krachen der Schüsse vernahmen, warfen sie sich alle zu Boden. Dann brachten sie mir eine große Gesichtsmaske, in deren Augen, Ohren und anderen Gesichtsteilen große Stücke Goldes eingelassen waren, und noch andere goldene Geschmeide, die mir der König höchst persönlich auf den Kopf und um den Hals legte, während er andere Kostbarkeiten an die übrigen Christen verteilen ließ. Dies alles ergötzte und tröstete mich, meine tiefe Kümmernis um den Verlust meines Schiffes begann zu weichen angesichts der Erkenntnis, daß der Herrgott das Schiff gerade an jenem Orte hatte auflaufen lassen, um hier eine Niederlassung zu gründen.

Dieses Mißgeschick wurde die Ursache so vieler anderer Geschehnisse, daß man es füglich nicht als solches bezeichnen, sondern weit eher als einen Glücksfall ansehen muß. Denn hätte ich hier nicht mein Schiff verloren, so würde ich gewiß meine Fahrt auf offener See fortgesetzt haben, ohne mich an diesem Orte aufzuhalten, da er sich am Abschluß einer großen Bucht befindet, die zwei oder auch mehrere Untiefen birgt. Auch hätte ich nicht einen Teil meiner Besatzung dort zurückgelassen; noch hätte ich, auch wenn ich dies hätte tun wollen, dafür so gut Vorsorge treffen können; ich hätte sie nicht mit allem Nötigen an Lebensmitteln und Baumaterial für eine Festung versorgen können. Tatsächlich hatten viele meiner Leute sich mit der Bitte an mich gewandt, ihnen meine Einwilligung zu erteilen, an jenem Orte zurückbleiben zu können.

Ich gab den Befehl, eine Festung mit einem Turm und einem tiefen Graben so gut als möglich anzulegen, nicht etwa deshalb, weil ich der Ansicht war, daß diese Vorsichtsmaßregel den Eingeborenen gegenüber geboten schien. Denn ich bin davon überzeugt, daß ich mit meinen Leuten wohl in der Lage bin, die ganze Insel, die ihrer Ausdehnung nach größer als Portugal und doppelt so dicht bevölkert ist, unterwerfen zu können. Die Eingeborenen sind vollkommen nackt und in jeder Beziehung unkriegerisch. Ich tat es deshalb, weil ich es für zweckmäßig hielt, diese Befestigung nach militärischen Erfordernissen zu errichten, wenn man die weite Entfernung dieser Gegenden von den Königreichen Eurer Hoheiten in Betracht zieht, und mit der Absicht, den Indianern die Tüchtigkeit der Untertanen Eurer Hoheiten vor Augen zu führen und sie so Euren Hoheiten in liebevoller Ergebenheit fügsam zu machen.

Mithin werden die hier Zurückbleibenden über genügend Holz verfügen können, um das Festungswerk zu erbauen und mit Vorräten an Brot und Wein, die für ein ganzes Jahr ausreichen, reichlich versorgt sein. Überdies werden sie genügend Samenkörner, das Boot der „Santa Maria“, einige Fachwerkleute und andere Männer, die hier Aufenthalt nehmen möchten, um Euren Hoheiten zu dienen und mir den Gefallen zu erweisen, den Standort der Goldminen auszukundschaften, zu ihrer Verfügung haben. So haben alle Umstände dazu beigetragen, um die Errichtung dieser Niederlassung zu begünstigen; von besonderem Vorteil war es, daß das Schiff so sanft aufgelaufen war, daß man es kaum merkte, da weder ein hoher Seegang noch Wind herrschte.

(So lautete der Bericht des Admirals. Er fügt noch anderes hinzu, um zu beweisen, daß es ein Glücksfall war, wenn das Schiff ausgerechnet an jenem Punkte Schiffbruch litt. Darin bekundete sich der offensichtlich göttliche Wille, der es wünschte, daß er hier Siedler zurücklassen könne. Denn hätten der Schiffseigentümer und die Besatzung, deren Mitglieder fast alle dessen Landsleute waren, sich nicht eine Unbotmäßigkeit zuschulden kommen lassen, und es daher unterlassen, vom Schiffsheck aus den Anker auszuwerfen, um das Schiff festzuhalten, so wäre die „Santa Maria“ heil davongekommen und es unmöglich gewesen, jene frohe Kunde über Land und Leute zu erhalten, wie es in den Tagen des erzwungenen Aufenthaltes geschah. Dank der Arbeit der hier Zurückbleibenden wird dies in Zukunft noch mehr der Fall sein. Denn der Admiral verfolgte während seiner ganzen Fahrt unausgesetzt die Absicht, neue Länder zu entdecken und nirgends länger als einen Tag zu verweilen, es sei denn, daß widrige Winde oder anhaltende Windstille ihn zu einem längeren Aufenthalte zwingen sollten. Zu diesem Verhalten sah er sich durch den Umstand veranlaßt, daß sein Schiff sehr schwerfällig und Erkundungsfahrten nicht gewachsen war. Wenn er sich trotzdem damit hatte abfinden müssen, so lag die Schuld bei den Einwohnern von Palos, die ihr dem König und der Königin gegebenes Versprechen, zum Unternehmen geeignete Schiffe auszurüsten, nicht eingehalten hatten. Der Admiral bemerkt abschließend, daß von allem Schiffszubehör nicht ein einziger Nagel oder ein Brett abhanden gekommen sei, da das Schiff sich im selben guten Zustande wie bei der Ausfahrt befand, abgesehen davon, daß man an einigen Stellen die Schiffswand aufreißen mußte, um die Wasserfässer und alle Waren an Land schaffen zu können, wo sie unter gutem Gewahrsam in Sicherheit gebracht wurden, wie wir es bereits schilderten. Der Admiral fügt weiter hinzu, daß er bei seiner Rückkehr aus Kastilien hier mit Gottes Hilfe ein ganzes Faß voll Gold vorzufinden hoffe, das seine Leute inzwischen im Tauschwege sich gut verschafft haben könnten. Denn bis dahin werden sie wohl jene Goldmine und den Ort, wo die Gewürze wachsen, ausfindig gemacht haben, von denen er hoffe, daß sie in so großen Mengen vorhanden seien, daß der König und die Königin noch vor Ablauf von drei Jahren imstande sein würden, zur Eroberung des Heiligen Grabes schreiten zu können. )

Aus diesem Grunde habe ich Euren Hoheiten gegenüber erklärt, daß der ganze sich aus meinem Unternehmen ergebende Gewinn zur Wiedereroberung Jerusalems verwendet werden müsse. Eure Hoheiten geruhten Eure Befriedigung darüber auszudrücken und zu sagen, daß dieser Plan Ihnen höchst willkommen und Ihnen sehr am Herzen gelegen sei, auch ohne den Gewinn, von dem ich sprach.

Donnerstag, den 27. Dezember

Bei Anbruch des Morgens begab sich der König dieses Landes an Bord der Karavelle und meldete mir, daß er seine Leute auf die Suche nach Gold geschickt hatte, um mich, noch ehe ich in See ging, ganz mit Gold zu bedecken, deshalb möge ich meine Abreise noch verschieben. Der „cacico“, sein Bruder und ein anderer von ihm besonders gern gesehener Verwandter speisten mit mir. Die beiden letzteren erklärten, mich nach Kastilien begleiten zu wollen.

In diesem Augenblick brachten einige Eingeborene die Kunde, daß die Karavelle „Pinta“ in einem Fluß vor Anker liege, der sich am äußersten Ende der Insel befand.‘ Alsbald entsandt der „cacico“ eines seiner Kanoe dahin, worin sich auf mein Geheiß einer meiner Matrosen einschiffte, der mir ganz außergewöhnlich zugetan und ergeben war. 2 Inzwischen traf ich mit größter Beschleunigung die Anstalten zu meiner Rückfahrt nach Kastilien.

Freitag, den 28. Dezember

Um für einen raschen und ordnungsmäßigen Verlauf des Festungsbaues zu sorgen und den Hergang der Arbeit zu beaufsichtigen, die die zurückbleibenden Männer zu verrichten hatten, ging ich an Land. Mir war es so vorgekommen, als hätte der König mich sein Boot besteigen sehen, ohne es mich anmerken zu lassen, und als wäre er raschestens nach Hause geeilt, wo er einem seiner Brüder den Auftrag gab, mich zu empfangen und zu einer Behausung zu führen, die er uns bereits zur Verfügung gestellt hatte und die zu den größten und besten der Siedlung gehörte. Dort hatte man eine Strohmatte ausgebreitet, worauf man mich Platz nehmen ließ.

Daraufhin schickte der Bruder des Königs einen Schildträger mit der Botschaft zu seinem königlichen Anverwandten, daß ich mich daselbst befinde, als hätte der „cacico“ nicht die blasseste Ahnung von alledem. Ich war der Meinung, daß alles eine abgemachte Sache war, um Guacanagari Gelegenheit zu geben, mir noch mehr Ehren zu erweisen. Kaum hatte der Schildträger seine Botschaft ausgerichtet, kam der König herbeigeeilt und legte mir eine große Goldplatte um den Hals, die er in den Händen hielt. Ich unterhielt mich bis zum späten Abend mit dem König über alles, was noch zu tun übrig blieb.

Samstag, den 29. Dezember

Noch im Morgengrauen erschien ein sehr junger, kluger und mutiger Neffe des Königs an Bord der Karavelle. Da ich nicht müde wurde, mich nach dem Ort des Goldvorkommens zu erkundigen, so fragte ich alle danach aus, verstand ich doch dank der Zeichensprache schon manches, was sie ausdrücken wollten. So richtete ich auch einige Fragen an jenen jungen Mann, der mir zu berichten wußte, daß vier Tagreisen östlich von hier eine Insel gelegen sei, Guarioné genannt, und noch andere mehr mit Namen Maricorix, Mayonic, Fuma, Cybao und Garoay, Wo Unmengen Goldes vorhanden seien. Ich nahm diese Namen zur Kenntnis.

Späterhin wurde mir hinterbracht, daß der König anscheinend durch einen seiner Brüder von den Enthüllungen seines Neffen Wind bekommen hatte, weshalb der junge Mann zur Rede gestellt wurde. Bereits zu anderen Malen hatte ich bemerkt, daß Guacanagari alles tat, um zu verhindern, daß ich in Erfahrung brächte, wo das Gold gewonnen wurde, und zwar einzig und allein in dem Bestreben, uns davon abzuhalten, das Gold in anderen Gegenden einzutauschen, und es nur durch ihn zu beziehen: Allüberall jedoch findet sich hier auf der Spanischen Insel soviel Gold vor, daß es zum Verwundern ist. Als es dunkelte, übersandte mir der“cacico“ eine goldene Gesichtsmaske und bat mich, ihm dafür eine Waschschüssel und einen Krug geben zu wollen. Ich dachte, daß der König nach diesen Gegenständen verlangte, um diesen ähnliche Dinge herstellen zu lassen, weshalb ich ihm beides sofort zukommen ließ.

Sonntag, den 30. Dezember

Ich ging zum Mittagessen an Land, wo ich gerade in dem Augenblick eintraf, als fünf tributpflichtige Häuptlinge des Königs Guacanagarí bei diesem eintrafen. Alle hatten einen Kopfschmuck und trugen ein stattliches Aussehen zur Schau. Meine Herren und Gebieter würden gewiß großen Gefallen daran finden, könnten sie das anstandsvolle Benehmen dieser Leute mit eigenen Augen sehen. Als ich das Land betrat, kam der König mir zum Empfang entgegen, reichte mir den Arm und geleitete mich bis zu jener Behausung, wo ich tags zuvor abgestiegen war und woselbst eine Matte und einige Stühle vorhanden waren, auf einen derselben ich Platz nahm. Der „cacico“ nahm seinen Kopfschmuck herunter und setzte ihn mir auf, worauf ich meinerseits eine aus echten roten Achaten und anderen, in lebhaften Farben leuchtenden Steinen zusammengesetzte Halskette abstreifte und sie dem „cacico“ um den Hals legte. Ferner legte ich mein weites, scharlachrotes, mit einer Kapuze versehenes Gewand ab, das ich zur Feier des Tages angezogen hatte, und kleidete den König damit. Gleichzeitig ließ ich ihn ein paar farbige Schuhe, die ich inzwischen vom Schiffe hatte holen lassen, anziehen und streifte ihm einen großen Silberring über den Finger, da ich erfahren hatte, daß König Guacanagarí sich sehr darum bemüht hatte, einen ähnlichen Ring zu erstehen, den er am Finger eines der Matrosen gesehen hatte. Der König zeigte darüber große Befriedigung und Freude. Zwei der am Morgen angelangten Häuptlinge kamen dahin, wo ich und der „cacico“ uns aufhielten, und überreichten mir zwei große Goldplatten, die jeder von ihnen auf sich trug.

Da tauchte ein Eingeborener auf, mit der Nachricht, daß er die Karavelle „Pinta“ in einer östlich gelegenen Bucht vor zwei Tagen verlassen habe.

Daraufhin ging ich an Bord der „Niña“, wo mir Vicente Yanez (Pinzón), Kommandant der Karavelle, berichtete, Rhabarberpflanzen entdeckt zu haben, und zwar auf der Freundschaftsinsel (Isla amiga) am Eingang der San-Tornmaso-Bucht, 24 Seemeilen von unserem gegenwärtigen Standort entfernt; er habe deren Blätter und Wurzeln wiedererkannt. Der Rhabarber soll an der Erdoberfläche eine Art Zweige mit Früchten tragen, die grünen, fast trockenen Maulbeeren gleichen; der kleine, nächst der Wurzel befindliche Stamm sei so zart und gelb, wie die beste Malfarbe, während die unter der Erde liegende Wurzel einer großen Birne ähnle.

Montag, den 31. Dezember

Im Verlaufe dieses Tages traf ich dafür Vorsorge, Holz und Wasser für die Rückreise nach Spanien an Bord schaffen zu lassen, wollte ich doch die spanischen Herrscher so schnell als möglich über die Ergebnisse der Expedition unterrichten und sie dazu veranlassen, weitere Schiffe auszusenden, um alles noch Erforschbare zu entdecken. Das ganze Unternehmen war bereits großartig und bedeutungsvoll genug, dennoch hätte ich es nicht gerne gesehen, vor meiner Abfahrt die ganze nach Osten zu sich erstreckende Gegend zu erforschen, indem ich ihre Küste entlang fuhr, um den geeignetsten Standort für die Gründung einer Niederlassung zu erkunden, wohin man Vieh und sonstige verwendbare Erzeugnisse einführen könnte. Da ich aber nur mehr im Besitz eines einzelnen Schiffes war, schien es mir nicht ratsam, sich den Gefahren auszusetzen, die eine Fortsetzung der Entdeckungsfahrten mit sich bringen könnte. Alles Unheil kommt eben von der Fahnenflucht der Karavelle „Pinta“.

Dienstag, den 1. Januar 1493

Um Mitternacht schickte ich mein Boot nach der „Isla Amiga“ aus, um nach Rhabarber zu suchen. Zur Vesperzeit kehrte es mit einem großen Korb voll Rhabarber zurück. Die Matrosen hatten nicht mehr davon heimbringen können, da sie es unterlassen hatten, einen Spaten mit sich zu führen, um die Wurzeln ausgraben zu können; immerhin ließ ich das Wenige an Bord schaffen, um es dem König und der Königin als Kostprobe vorlegen zu können.

Der König dieser Gegend hatte eine große Anzahl von Kanoes ausgeschickt, um nach Gold suchen zu lassen.

Das auf die Suche nach der „Pinta“ ausgesandte Kanoe kehrte unverrichteter Dinge zurück. Der mitgefahrene Matrose erklärte, 80 Seemeilen entfernt einen „cacice“ gesehen zu haben, der auf seinem Haupte zwei große Goldschilder trug, und sie sofort abnahm, als die im Boot befindlichen Indianer das Wort an ihn richteten. Auch andere Eingeborene, denen er begegnet war, trugen Gold auf sich.

Ich war davon überzeugt, daß König Guacanagarí es allen seinen Untertanen untersagt haben mußte, uns Gold zu verkaufen, damit jeder Tauschhandel durch seine Hände gehe. Immerhin konnte ich zwei Orte in Erfahrung bringen, wo das Gold in so großen Mengen vorkam, daß die Einwohner keinen besonderen Wert darauf legten. Auch die Gewürze, die sie verzehrten, sind überaus reichlich vorhanden und haben einen größeren Nutzwert als Pfeffer und Zimt. Ich legte es den Männern, die ich hier zurücklassen wollte, wärmstens ans Herz, sich davon so viel als nur irgendmöglich zu beschaffen.

Mittwoch, den 2. Januar

Morgens begab ich mich an Land, um mich von König Guacanagarí zu verabschieden und dann in Gottes Namen die Heimfahrt anzutreten. Ich schenkte dem König ein Hemd. Dann wollte ich dem König die Schußwirkung einer Bombarde vor Augen führen, weshalb ich Befehl gab, mit einer Bombarde auf eine Bordseite des gestrandeten Schiffes zu feuern. Ich tat dies auch mit Rücksicht darauf, daß man im Laufe des Gespräches auf die Caribi zu sprechen gekommen war, mit denen die Indianer in Fehde lagen. Der „cacico“ konnte sehen, wie weit das Geschoß der Bombarde flog, das, nachdem es die Bordseite des Schiffes durchbohrt hatte, weit draußen ins Meer fiel. Hierauf ließ ich meine bewaffneten Leute ein Scheingefecht untereinander ausführen, wobei ich dem „cacico“ klarmachte, daß er sich vor den Caribi nicht zu fürchten brauche, auch wenn sie bis hierher gelangen sollten. Dies alles tat ich in der Erwägung, Guacanagarí zu veranlassen, mit den zurückbleibenden Christen in guter Freundschaft zu leben, und ihm einen heilsamen Respekt einzuflößen.

Der „cacico“ bat mich und die Leute meines Gefolges in seine Hütte, um dort mit uns zu speisen. Bei dieser Gelegenheit empfahl ich ihm ganz besonders Diego de Arana, Pietro Gutiérrez und Rodrigo Escobedo, die ich vereint zu meinen Statthaltern und Anführern der zurückbleibenden Mannschaften ernannte, auf daß alles im Dienste Gottes und Ihrer Hoheiten weislich geordnet und gelenkt werde. Der „cacico“ machte aus seiner Anhänglichkeit und seinem Schmerze über meine bevorstehende Abreise kein Hehl, besonders als er gewahr wurde, daß ich mich einschiffte. Ein Günstling des Königs hinterbrachte mir, daß dieser eine Statue aus reinem Golde, so groß wie ich selbst, bestellt habe und ich diese innerhalb von zehn Tagen erhalten werde. Trotzdem schiffte ich mich ein, in der Absicht, sogleich in See zu gehen. Die Windverhältnisse jedoch gestatteten es mir nicht.

Auf der Spanischen Insel, von den Indianern Bohío genannt, ließ ich mithin 39 meiner Männer als Besatzung der Festung zurück, die alle mit König Guacanagarí herzlich befreundet waren. Sie unterstanden der Befehlsgewalt des Diego de Arana, des Pietro Gutiérrez, des königlichen Kämmerers und Truchseß Kastiliens, und des Rodrigo d’Escobedo aus Segovia, eines Vetters des Fra Rodrigo Pérez. Ihnen übertrug ich alle Gewalt die mir die Herrscher Spaniens verliehen hatten. Ich übergab ihnen alle Waren, die der König und die Königin zur Anbahnung eines Tauschhandels angeschafft hatten, um damit Gold einzutauschen. Ferner überließ ich ihnen alles, was sich noch an Bord der „Santa Maria“ befunden hatte, wie Schiffszwieback für ein ganzes Jahr, Wein, Munition und die Schiffsschaluppe. Damit sollten sich die Matrosen zu gegebener Zeit auf die Suche nach der Goldmine bege

ben, so daß ich hoffen konnte, bei meiner Rückkehr viel Gold vorzufinden und dank ihrer Angaben einen geeigneten Platz zur Gründung einer Stadt zu ermitteln. Denn die Bucht, aus der ich nun auslief, schien mir nicht dazu geschaffen, vor allem deshalb nicht, weil das Gold von Osten hierher gebracht wurde und wir um so näher an Spanien herankämen, je weiter wir gegen Osten vorrückten. Außerdem hinterließ ich ihnen Samenkörner zur Aussaat und alle meine Offiziere, den Notar der Armada, einen Arzt, einen Schneider und andere Fachleute, die alle gleichzeitig auch erprobte Seeleute waren.

Donnerstag, den 3. Januar

Auch an diesem Tage ging ich noch nicht in See, da ich durch einige Indianer, die ich früher bei mir an Bord gehabt hatte, erfuhr, daß weitere Eingeborene samt ihren Frauen gegen Morgengrauen bei mir eintreffen würden. Da die See einigermaßen bewegt war, konnte das Boot noch nicht an Land fahren, um sie abzuholen, weshalb ich mich entschloß, mit Gottes Hilfe erst am folgenden Tage abzufahren.

Wäre die Karavelle „Pinta“ noch bei mir gewesen, so hätte ich mit Leichtigkeit noch ein ganzes Faß voll Gold sammeln können. Denn dann wäre ich ohne Bedenken den Küsten der Spanischen Insel entlang gefahren. So aber, da ich mit meinem Schiff allein dastand, getraute ich mich nicht, dies zu tun, aus Furcht, daß irgendein Zwischenfall mir die Rückfahrt nach Kastilien unmöglich machen könnte und dadurch alle wertvollen Nachrichten über meine Entdeckungen meinen Herrschern und der Nachwelt verloren gehen würden.

Wüßte ich, daß die Karavelle „Pinta“ mit Martin Alonso Pinzón glücklich nach Spanien zurückkehren würde, so ließe ich mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. Da ich aber ohne jede Nachricht über seinen Verbleib war und Pinzón, einmal in Kastilien angekommen, den König und die Königin mit einem verlogenen Bericht zu hintergehen vermöchte, um der verdienten Strafe zu entgehen, und da er sich auch jetzt noch weiter hatte zuschulden kommen lassen, ohne jede Ermächtigung sich von der Armada abzusondern, wodurch er alle aus dem Unternehmen zu erhoffenden Vorteile gefährdete, so durfte ich die Heimreise nicht länger hinausschieben, im Vertrauen darauf, daß der Allmächtige uns ein gutes Wetter bescheiden und alles zu gutem Ende fügen werde.