Entdeckung und Erkundung der Insel Hispaniola

Donnerstag, den 6. Dezember

Als der Tag anbrach, war mein Schiff 16 Seemeilen von der Bucht entfernt. Ich benannte sie „Puerto Maria“. Einem Süd-zu-West gelegenen schönen Vorgebirge gab ich den Namen „Cabo de la Estrella“ (Sternen-Kap). Ich war der Meinung, daß dieses Kap die südlichste Spitze jener Insel sei und in einer Entfernung von 28 Seemeilen liege. Etwa 40 Seemeilen davon entfernt tauchte im Osten ein anderes, nicht großes Stück Land auf, das wie eine Insel geformt war. Auch gegen Osten zu gelagert erblickte ich in einer Entfernung von ungefähr 54 Seemeilen ein weiteres, sehr schön geformtes Kap, das sich scharf abhob und dem ich den Namen „Cabo del Elefante“ beilegte. Im Ost-Südosten ließ ich ein drittes Kap hinter mir liegen, das ich „Cabo Cinquin“ benannte.

Im Südosten vermochte ich in einer Entfernung von etwa 20 Seemeilen eine Einbuchtung wahrzunehmen, die sich wie ein Bergeseinschnitt dem Meere zu öffnete und einem Flusse glich. Überdies meinte ich auch zwischen dem „Elefantenkap“ und dem „Cabo Cinquin“ einen sehr großen Kanal unterscheiden zu können. Einige Matrosen behaupteten, daß es sich hier tatsächlich um einen Kanal handle, der das weite Land von jener kleineren Insel scheide, die sie nach Osten zu hatten liegen sehen. Ich gab ihr den Namen „Isla de la tortuga“ (Schildkröten-Insel).

Die größere der beiden Inseln schien eine weite Hochfläche zu sein, ohne größere Erhebungen, sondern eben wie eine schöne Gartenlandschaft, die zum überwiegenden Teil bebaut zu sein scheint; die angebauten Ländereien gemahnten an die Getreidefelder der Ebene um Cordova im Monat Mai. Im Laufe der Nacht gewahrten wir zahlreiche Feuer, eine Beobachtung, die sich am folgenden Tage wiederholte; es schien, als wären es Lichtsignale, mit denen man das Herannahen von Leuten meldete, mit denen die Inselbewohner sich im Kriegszustand befanden. Die ganze Küstengegend der Insel verlief nach Osten zu.

Wir fuhren in den Abendstunden in die Reede ein, der ich den Namen „Puerto di San Nicola“ gab, zu Ehren des Heiligen, dessen Fest am heutigen Tage gefeiert wurde. Ich war von der Schönheit und vorteilhaften Lage der Bucht angenehm überrascht. Obzwar ich die Buchten Kubas über alle Maßen gelobt habe, stehe ich nicht an, zu behaupten, daß diese den anderen Buchten keineswegs nachstehe, ja sie sogar noch bei weitem übertreffe. An der Einfahrt ist sie sechs Seemeilen breit; um einzufahren muß man nach Süd-Südosten steuern, obgleich man dank ihrer Ausgedehntheit eine beliebige Fahrtrichtung einhalten könnte. Gegen Süd-Südosten greift die Bucht acht Seemeilen tief ins Land ein. Nächst ihrer südlich gelegenen Einfahrt ist eine Art Vorgebirge vorgelagert, hinter welchem die Küste einförmig bis zum Kap weiterverläuft, wo sich ein herrlicher Strand mit einem dichten Wald ausdehnt, dessen tausenderlei verschiedene Bäume von Früchten strotzten, die ich für Gewürze und Muskatnüsse hielt; da sie aber sehr sauer waren, konnte man ihre Gattung nicht feststellen. Den Strand selbst durchlief ein kleiner Fluß.

Die Meerestiefe jener Bucht ist ansehnlich, da bis zur Länge von einer vom Lande entfernt das Senkblei mit einer Logleine von 40 Faden nicht auf Meeresgrund stieß. Von der Lotstelle bis zum Ufer hin ist das Meer ohne alle Klippen und durchwegs 25 Faden tief. Ebenso günstig sind die Ortsverhältnisse an den beiden Hafenseiten. Ganz nahe am Lande ist das Meer 15 Faden tief, so daß die ganze Küste keine seichte Stelle aufweist. Selbst in unmittelbarer Ufernähe, etwa eine Ruderlänge davon entfernt, ist das Meer noch 5 Faden tief. Nach Erforschung dieses Wasserbeckens seiner gegen Süd-Süd-Osten verlaufenden Länge nach, worin leicht tausend Karacken bequem kreuzen könnten, untersuchte ich auch noch einen Meeresarm, der nach Nordosten verläuft und mehr als zwei Seemeilen tief ins Land eindringt. Ich stellte fest, daß er überall gleich breit war, als wäre er mit Absicht so kunstgerecht angelegt worden. Dieser Meeresarm, der etwa 25 Schritt breit ist, hat einen derartigen Verlauf, daß man von innen aus den großen Buchteingang nicht zu Gesicht bekommt, weshalb er den Anschein eines Binnenhafens erweckt. Das Meer ist hier durchwegs 11 Faden tief, mit schlammigem oder sandigem Grunde; wenn die Schiffe an Land anlegen, so hat der Meeresarm an beiden Ufern eine Tiefe von acht Faden. Die Umgebung dieses Hafens hat ein freundliches, anmutiges Aussehen, auch wenn keine Bäume vorhanden sind. Ich gewann den Eindruck, daß diese Insel viel steiniger sei als alle bisher entdeckten, und daß die Bäume weitaus kleiner waren, worunter viele Baumarten sich befanden, die auch in Spanien gedeihen, wie Steineichen, Eichen, Erdbeerbäume und andere mehr; das gleiche gilt auch von den Pflanzen und Gräsern. Das Land selbst ist hochgelegen und flach und hat ein gutes Klima. Allerdings habe ich noch nirgends so sehr Kälte verspürt wie hierzulande, obzwar man nicht recht eigentlich von Kälte, sondern nur von einer Temperatur sprechen kann, die niedriger was als in den bisher aufgesuchten Gegenden.

Der Bucht gegenüber breitet sich ein schön gelegenes Tal aus, in dem der Fluß, von dem früher die Rede war, eingebettet liegt. Hier müssen nach meiner Ansicht zahlreiche Siedlungen liegen. Darin wurde ich durch das Vorhandensein vieler Kanoes bestärkt, von denen einige die Größe eines Ruderbootes mit 15 Ruderbänken hatten.

Beim Herannahen der Schiffe machten sich die Indianer aus dem Staube, wie es jene der andern Inseln getan. Die Eingeborenen der kleinen Inseln, die ich mit mir genommen hatte, zeigten ein so großes Verlangen, zu ihren Heimstätten zurückzukehren, daß ich mich mit dem Gedanken trug, sie dahin zurückzuführen, sobald ich die Insel verlassen werde, auf der ich mich gegenwärtig befand. Denn sie begegneten mir mit Mißtrauen, seitdem gemerkt hatten, daß ich mich nicht zur Rückfahrt nach ihrer Heimat anschickte. Aus diesem Grunde glaubte ich nicht mehr so recht an das, was sie sagten, ganz abgesehen davon, dass ich sie nicht besser verstand als sie mich. Meine Indianer waren von einer ganz außergewöhnlichen Furcht vor den Inselbewohnern erfüllt. Um mich mit diesen zu verständigen, hätte ich einige Tage in dieser Bucht verbringen müssen, was ich aber nicht tat, da ich einerseits noch viele andere Länder entdecken wollte, und zum anderen befürchtete, daß das Schönwetter nicht länger anhalten werde. Ich hoffte, daß die Indianer mit der Zeit dennoch meine Sprache erlernen würden und ich die ihre verstehen könnte, so daß es mir ermöglicht würde, später wieder herzukommen und mit den Inselbewohnern zu reden. Gott gebe, daß ich ein reiches Goldlager entdecke, ehe ich nach Spanien zurückkehre.

Freitag, den 7. Dezember

Gegen Ende der ersten Morgenwache ließ ich alle Segel setzen und verließ den Hafen von San Nicola. Vier Seemeilen lang fuhr ich mit südöstlichem Wind gegen Nordosten bis zum Kap, das durch den vorgenannten Meeresarm gebildet wird. Im Südosten ließ ich ein Vorgebirge und im Südwesten das 24 Seemeilen entfernte Sternkap hinter mir liegen. Von hier aus rückte ich längs der Küste in einer Länge von 48 Seemeilen bis zum Kap von Cinquin gegen Osten vor. Jene Küste ist sehr hoch gelegen, das Meer dort sehr tief, da es im Uferbereich eine Tiefe von 20 bis 30 Faden aufweist und man noch einen Bombardenschuß davon entfernt nicht mehr auf Grund stößt. Ich segelte mit südwestlichem Wind sorglos der Küste entlang. Das erwähnte Vorgebirge ist nicht mehr als einen Bombardenschuß vom Hafen von San Nicola entfernt, und wollte man es vom Festlande abtrennen, entstünde dadurch eine Insel mit einem Umfang von etwa 34 Seemeilen.

Das Land liegt immer noch hoch über dem Meere. Die dort gedeihenden Bäume sind nicht eben groß, sondern haben die Ausmaße der in Kastilien wachsenden Steineichen und Erdbeerbäume. Vier Seemeilen vor dem Kap von Cinquin gewahrte ich durch den Einschnitt zweier Berge hindurch ein ausgedehntes Tal, das in frischem Grün, wie von Gerstefeldern durchzogen, prangte und meinem Ermessen nach dicht besiedelt sein mußte. Jenseits dieses Tales ragen hohe große Berge empor.

Beim Kap von Cinquin angelangt, erblickte ich im Nordosten in einer Entfernung von etwa 32 Seemeilen das Kap der Schildkröteninsel. Einen Bombardenschuß vom Kap entfernt liegt ein Felsenriff, das wegen seiner Höhe weithin sichtbar ist. Vom Kap von Cinquin aus stellte ich fest, daß das Elefantenkap etwa 70 Seemeilen weit in Richtung Ost-zu-Süd lag. Die Küste ist allenthalben steil. Nach einer weiteren Fahrt von 28 Seemeilen stieß ich auf ein großes Vorgebirge und sichtete im Innern des Landes ausgedehnte Täler, Felder und hohe Bergrücken, was alles sehr an Kastilien erinnerte. Acht Seemeilen weiter mündet ein sehr tiefer, jedoch schmaler Fluß ins Meer, der immerhin einer Karacke die Einfahrt erlauben würde, da die Flußmündung keine Klippen und Sandbänke hat. Nach weiteren 16 Seemeilen fand ich eine neue Einbuchtung, die breit genug war und eine Seemeile tief ins Land eingriff, hier kam man erst drei Schritt vom Ufer entfernt auf Grund, wo eine Meerestiefe von 15 Faden feststellbar war. Trotzdem es erst ein Uhr mittags war, mithin also noch ein großer Teil des Tages bevorstand und ich einen äußerst günstigen und frisch wehenden Wind im Rücken hatte, hielt ich es dennoch für ratsam, Zuflucht zu suchen, da der Himmel starke Regengüsse ankündigte und eine große Dunkelheit herrschte, die allein schon für jemand, der die Gegend kennt, voller Gefahren war, um so mehr aber für Seefahrer, die unbekannte Gewässer durchfahren. Ich gab jener Bucht den Namen „Puerto de la Concepción“ (Hafen der Empfängnis) und ging in einem kleinen Fluß vor Anker, der am Abschluß der Bucht einmündet, nachdem er Felder und Ländereien von ausnehmender Schönheit seinem Lauf entlang berieselt hat. Alsdann bestieg ich meine mit Fischernetzen ausgerüstete Schaluppe. Während ich dem Ufer zufuhr, sprang eine Meeräsche, wie sie auch in Spanien vorkommen, in mein Boot. Bislang hatten wir noch keine Fische gesichtet, die jenen Kastiliens geglichen hätten. Die Matrosen fingen und erlegten zahlreiche Seezungen (Schollen) und andere Fischarten, die auch in Kastilien vorkamen.

Ich durchforschte jene Gegend und fand, daß sie ganz bebaut war. Man vernahm das Schlagen der Nachtigallen und den Sang anderer Vogelarten, wie in Kastilien. Wir gewahrten zwei Männer und wollten ihnen entgegengehen, allein diese ergriffen sofort die Flucht. Unterwegs fanden wir Myrten und andere Pflanzen und Gräser – die ganze Vegetation der Gegend mit ihren Ebenen und Bergen gemahnte sehr an Kastilien.

Samstag, den 8. Dezember

Ein starker Regen ging nieder und ein heftiger Wind blies aus Norden. Die Bucht schien vor allen Winden, mit Ausnahme des gegenwärtigen, Schutz zu bieten. Trotz alledem erlitten die Schiffe keinen Schaden, da die Brandung großen Spielraum hatte und die Schiffe es daher nicht nötig hatten, fest vertaut zu werden. Nach Mitternacht blies der Wind aus Nordosten, später aus Osten. Doch davor ist diese Bucht durch die Schildkröteninsel hervorragend geschützt.

Sonntag, den 9. Dezember

Auch heute noch regnete es reichlich. Das Wetter hatte einen ganz winterlichen Anstrich, wie im Monat Oktober in Kastilien. Bisher wurde noch keine Siedlung gesichtet, mit Ausnahme einer Hütte im Hafen von San Nicola, die ein schöneres Aussehen hatte und sorgfältiger gebaut war, als die Behausungen in den bisher erforschten Gegenden.

Die Insel ist sehr ausgedehnt, es würde mich nicht wundernehmen, wenn sie einen Mindestumfang von 800 Seemeilen hätte. Überdies ist sie in ihrer Gänze bebaut. Die Siedlungen liegen samt und sonders weit von der Küste entfernt. Ihre Lage jedoch muß es den Einwohnern gestatten, die Ankunft der Schiffe zu bemerken und ihnen so Zeit lassen, sich samt ihrer ganzen Habe zu entfernen, wobei sie auf ihrer Flucht Feuer entzündeten, wie man es im Kriege zu Signalisierungszwecken zu tun pflegt.

Die Einfahrt in diese Bucht ist tausend Schritt breit, was einer Seemeile entspricht. Es gibt dort keine Untiefen und keine seichten Stellen, ja im ganzen Hafenbecken konnte man erst in unmittelbarer Ufernähe auf Grund stoßen Die Bucht dringt in einer Länge von 3000 Schritt ins Land ein, ist klippenfrei und hat sandigen Grund, so daß jedwedes Schiff mühelos einfahren und ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen anlegen kann. Im innersten Teil der Bucht münden zwei kleine Flüsse. Jenseits davon dehnen sich lieblich anzusehende Ebenen aus, die an die Ebenen Kastiliens erinnern, sie aber in den Schatten stellen. Dies veranlaßte mich, dieses Land „Spanische Insel“ zu benennen.

Montag, den 10. Dezember

Der heftige Nordost ließ die Schiffe eine Kabellänge vor Anker treiben, was mich in Staunen versetzte; ich schrieb es dem Umstande zu, daß man zu sehr in Ufernähe vor Anker gegangen war und der Wind vom Lande kam.

Da der Wind immer noch entgegengesetzt zur beabsichtigten Fahrtrichtung blies, befahl ich sechs wohlbewaffneten Männern an Land zu gehen und acht oder zwölf Seemeilen weit ins Landesinnere vorzudringen, um es auszukundschaften, so gut es eben ging. Diese Leute rückten auch aus, kehrten aber zurück, ohne auf irgendwelche Siedlungen oder Einwohner gestoßen zu sein. Sie hatten nur einige Hütten, sehr breite Pfade und viele verlassene große Feuerplätze angetroffen. Die Ländereien, durch die sie ihr Weg geführt hatte, gehörten zu den besten der Welt; sie waren dicht von Mastixpflanzen besetzt, denen sie etwas Harz entnahmen, wovon sie einige Proben bei sich trugen. Mastixharz war in Überfülle vorhanden; allein es war noch nicht die Zeit für die Harzentnahme, da zu dieser Jahreszeit das aus der Pflanze rinnende Harz sich noch nicht zu Gummi verhärtet.

Dienstag, den 11. Dezember

Da der Wind immer noch aus Osten und Nordosten kam, konnte man auch heute nicht wieder in See gehen.

Die Schildkröteninsel, die jener Bucht im Norden gegenüberliegt, scheint sehr groß zu sein. Ihre südlichen Küsten haben fast denselben Verlauf wie jene der Spanischen Insel. Sie liegen höchstens zehn Seemeilen voneinander entfernt und zwar vom Kap von Cinquin, der äußersten Spitze der Schildkröteninsel aus gemessen, von wo die Küste gegen Süden verläuft.

Ich trug mich mit der Absicht, zwischen jenen beiden Inseln hindurchzufahren, um die Aussicht auf die Spanische Insel genießen zu können, die das Schönste ist, was man sich denken kann, und weil nach Aussage meiner Indianer dies der Weg war, um zur Insel von Baneque zu gelangen, die eine sehr ausgedehnte Insel sein soll, reich an hohen Bergen, an Flüssen und Ebenen. Die Insel von Bohío soll größer sein als die Insel Juana, wie sie Kuba nannten, und sei nicht vom Meer umgeben. Dies deutet darauf hin, daß sie damit das Festland meinten, das jenseits der Spanischen Insel, die sie Caritaba nannten, gelegen ist und unendlich groß sein soll. Da die Eingeborenen aller dieser Inseln in steter Angst und Schrecken vor den Einwohnern von Caniba leben, muß man annehmen, daß sie von listigen Verfolgern bedrängt sind.

Deshalb wiederhole ich noch einmal, daß Caniba nichts anderes sein kann als jener Volksstamm des Großen Khan, dessen Herrschaftsbereich fast bis hierher reichen muß. Er muß Schiffe haben, die bis hierher gelangen, um diese Inselbewohner einzufangen. Da die Gefangenen nicht mehr zurückkommen, so bildete sich der Glaube, daß sie aufgefressen worden seien. Von Tag zu Tag verstehen wir und die Indianer uns besser, auch wenn es hie und da vorkommt, daß wir uns in gewissen Dingen mißverstehen.

Als wieder nur einige Männer an Land gingen, fanden sie einiges Mastixharz, das aber flüssig blieb, was ich den letzten Regenfällen zuschrieb. Auf der Insel Schio wird das Harz im März gesammelt, doch müßte meiner Ansicht nach in diesen transozeanischen Gegenden, wo ein viel heißeres Klima herrscht, die Ernte im Monat Januar eingebracht werden.

Die Matrosen fingen zahlreiche Fische, die jenen Kastiliens glichen, wie Gründlinge, Salme, Kabeljaue, Goldbrassen, Robben, Forellen, Moränen, Seekrebse und Sardinen. Außerdem fanden sie sehr viel Aloe.

Mittwoch, den 12. Dezember

Auch heute ging man wegen des herrschenden Gegenwindes nicht in See. Ich ging daher an Land und errichtete an der Hafeneinfahrt, auf einer westlich gelegenen, gut sichtbaren Anhöhe, ein großes Kreuz, um kenntlich zu machen, daß dieses Land Euren Hoheiten gehöre und zwar vornehmlich im Zeichen Jesus Christus unseres Herrn und zu Ehren der ganzen Christenheit.

Nach dieser Feier erstiegen einige Matrosen das Gebirge, um Bäume und Pflanzen in Augenschein zu nehmen. Plötzlich vernahmen sie das Herannahen einer großen Menschenmenge, lauter vollkommen nackte Eingeborene. Meine Leute riefen sie an und gingen auf sie zu, allein die Indianer ergriffen die Flucht. Die Matrosen liefen ihnen nach, wobei es ihnen mit Mühe gelang, eine Frau zu ergreifen, ohne noch anderer habhaft zu werden, trotzdem ich ihnen den Auftrag erteilt hatte, einige jener Eingeborenen einzufangen, um ihnen Freundlichkeiten zu erweisen und ihre Angstgefühle zu zerstreuen, damit, falls sich hier irgendwelche Nutzwerte vorfinden sollten, was angesichts der Üppigkeit des Landes unbedingt der Fall sein muß, die Eingeborenen sich bewogen fühlten, sie uns zur Verfügung zu stellen.

So schleppten die drei Männer jene Frau, die sehr jung und schön war, auf mein Schiff, wo sie mit den an Bord befindlichen Indianern ein Gespräch anknüpfte, da sie eine und dieselbe Sprache redeten. Ich ließ sie Kleider anlegen und schenkte ihr Glasperlen, Messingglöckchen und Ringe. Dann ließ ich sie wieder unter Ehrenbezeigungen, wie ich es stets zu tun pflegte, an Land bringen, in Begleitung einiger Schiffsinsassen und dreier Indianer, die mit den Eingeborenen verhandeln sollten. Die Matrosen, die sich mit jener jungen Frau im Boote befanden, als sie sie wieder an Land brachten, berichteten mir später, daß diese Frau das Boot nicht mehr verlassen, sondern wieder zum Schiff zurückkehren wollte, um sich dort den anderen Indianerfrauen anzuschließen, die ich im Puerto de los Mares, auf der Insel Juana oder Kuba aufgegriffen hatte.

Einige Indianer, die zuvor in Gesellschaft jener jungen Frau erschienen waren, kamen in einem Kanoe den Fluß heruntergefahren. Doch als sie zur Hafeneinfahrt gelangt waren und die Schiffe erblickten, machten sie halt, verließen das Kanoe und kehrten zu Fuß zu ihrer Siedlung zurück. Das junge Indianerweib zeigte meinen Leuten, wo jene Siedlung lag. Im Nasenloch trug diese Indianerin ein Stück Gold, ein Zeichen, daß auf jener Insel dieses Edelmetall vorkommen mußte.

Donnerstag, den 13. Dezember

Die drei Männer, die ich in Begleitung jenes Indianerweibes ins Landesinnere geschickt hatte, kehrten um drei Uhr nachts zu den Schiffen zurück und berichteten, daß sie sich mit der Indianerin nicht bis zur Siedlung vorgewagt hätten, teils deshalb, weil sie es für zu weit entfernt gehalten, teils weil sie es mit der Angst zu tun bekommen hätten. Überdies glaubten sie, daß am folgen Tage zahlreiche Indianer zu den Schiffen kommen würden, da jene Indianerfrau gewiß von ihnen berichtet habe. Allein ich konnte es nicht erwarten, festzustellen, ob es in jenen Gegenden wertvolle Bodenschätze gebe, was ich im Hinblick auf deren Schönheit und Fruchtbarkeit erhoffte, und mit den Eingeborenen in Berührung zu treten, um sie dahin zu bringen, ergebene Untertanen des Königs und der Königin zu werden. Daher entschloß ich mich, eine neue Expedition nach jener Siedlung zu entsenden, im Vertrauen darauf, daß die vorteilhaften Aussagen, die die Indianerfrau über die Freundlichkeit und Güte der Christen ihren Stammesgenossen gegenüber gemacht haben mußte, diese gütig gestimmt haben würden. Zu diesem Zwecke wählte ich neun wohlbewaffhete Männer aus, die der ihnen zugedachten Aufgabe gewachsen waren und s schickte sie in Begleitung eines meiner Indianer an Land. Diese Leute kamen nun bis zu jener Siedlung heran, die 18 Seemeilen von der Meeresküste in südöstlicher Richtung entfernt inmitten einer weithin sich erstreckenden Ebene lag. Dort angelangt, sahen sie, daß sie öde und verlassen dalag, da die Inselbewohner beim Herannahen der Christen nach dem Landesinnern geflohen waren und Hab und Gut zurückgelassen hatten. Die Siedlung umfaßte an die tausend Behausungen und konnte über 3000 Bewohnern Unterkunft gewähren. Der mitgenommene Indianer lief den Flüchtenden nach, indem er ihnen zurief, stehen zu bleiben und keine Angst zu haben, da diese Fremdlinge nicht aus Caniba wären, sondern ganz im Gegenteil vom Himmel herabgestiegen seien und allen, denen sie begegneten, die zierlichsten Dinge schenkten. Diese Beteuerungen machten auf die Eingeborenen einen so nachhaltigen Eindruck, daß sie allmählich wieder zutraulich wurden und fast 2000 von ihnen den Christen entgegeneilten, wobei sie, ihrer Sitte gemäß, die Hände an den Kopf legten, zum Zeichen ihrer großen Achtung und Freundschaft. Trotz all dem zitterten sie solange am ganzen Körper, bis sie sich von den Worten des Indianers und dem wohlwollenden Verhalten meiner Leute vom Gegenteil überzeugen ließen.

Letztere wußten ferner zu berichten, daß die Indianer, nachdem sie sich vollauf beruhigt hatten, zu ihren Hütten zurückkehrten, um mit allerhand eßbaren Dingen wiederzukommen, insbesondere mit „Names“-Brot, das aus einer Art Wurzel hergestellt wird, die großen Rüben gleicht und von den Eingeborenen in allen diesen Landstrichen als ihr hauptsächlichstes Nahrungsmittel angebaut und verwendet wird. Daraus backen sie ihr Brot, das nach Kastanien schmeckt – jeder, der davon aß, meinte, er esse Kastanien. Auch Fische und andere Gegenstände ihres Besitzes schafften sie herbei.

Da meine Indianer verstanden hatten, daß ich einen Papagei wünschte, scheint einer von ihnen diesen Wunsch den Eingeborenen dieses Ortes verraten zu haben, die denn auch eilfertigst Papageien und alles Gewünschte herschenkten, ohne eine Gegengabe zu fordern. Sie baten uns, nicht wieder von hinnen zu gehen und wenigstens diese Nacht bei ihnen zu verbringen, wobei sie ihr Versprechen gaben, uns noch vieles andere schenken zu wollen, was sie oben im Gebirge verwahrt hatten.

Während diese Indianer sich mit uns unterhielten, tauchte ganz unvermittelt eine große Menge Eingeborener auf, in deren Mitte sich auch der Ehegatte jenes Indianerweibes befand, das ich in Ehren wieder heimgeschickt hatte und das sie nun auf ihren Schultern herbeitrugen. Sie kamen, um sich bei mir persönlich für die wohlwollende Behandlung und die gemachten Geschenke zu bedanken. Meine Leute wußten noch zu erzählen, daß diese Eingeborenen einen noch gefälligeren Anblick boten und sich weitaus zugänglicher zeigten als jene, denen wir bisher

begegnet waren – doch begriff ich diese Behauptung nicht recht, da dies ja auch von den Einwohnern der anderen Inseln galt.

Was die Schönheit dieser Eingeborenen betraf, so waren die Kundschafter der Meinung, daß man sie nicht mit jener der Bewohner der anderen Insel vergleichen könne; auch sei ihre Körperfarbe viel heller als jene der anderen; ja unter ihren Frauen hätten sie zwei Mädchen erblickt, die eine so helle Haut gehabt hätten, daß man sie für Spanierinnen hätte halten können? Überdies wußten sie zu berichten, daß die von ihnen durchzogenen Ländereien so schön und fruchtbar wären, daß sie jene Kastiliens weit in den Schatten stellten.

Meinen früheren Beobachtungen nach und angesichts dessen, was ich nun selbst vor Augen hatte, neigte ich zur gleichen Ansicht und schenkte den Worten meiner Leute Glauben, die da sagten, daß die Landschaft, die ich nun vor mir habe, in keiner Weise mit jenem Tale verglichen werden könne, von dem sie eben zurückgekehrt waren und das selbst von der Landschaft um Cordova so grundverschieden war wie Tag und Nacht. Die Ländereien seien alle bebaut; mitten hindurch fließe ein breiter Strom, der so wasserreich sei, daß er die ganze Landschaft bewässern könne.

Die Bäume seien von frischestem Grün und fruchtbeladene hohe Pflanzen und Gräser stünden in voller Blüte, dazwischen liefen breite, gute, gepflegte Straßen. Die Temperatur komme jener Kastiliens im Monat April gleich, während Nachtigallen und andere Vögel wie in der spanischen Heimat munter zwitscherten, daß es eine reine Freude sei. Auch zur Nacht ließen gewisse Vogelarten ihren süßen Gesang vernehmen, begleitet vom Gezirp zahlloser Grillen und dem Gequacke der Frösche. Der Fischfang sei so ertragreich wie in Spanien. Überdies hätten sie viel Mastixpflanzen, Aloe und Baumwollpflanzungen gesehen, doch Gold fanden sie keines, was einen aber nicht wundernehmen darf, wenn man die Kürze ihres Aufenthaltes in diesen Gegenden bedenkt.‘

Nun wollte ich berechnen, wieviel Stunden der Tag und wie viele die Nacht währte und stellte fest, daß sich die Sanduhr von Sonne zu Sonne zwanzigmal entleerte, wobei auf jede Sanduhrentleerung eine halbe Stunde entfiel.5 Doch kann bei dieser Berechnung ein Irrtum unterlaufen sein, sei es, weil man die Sanduhr nicht rechtzeitig umgekippt hat, sei es, daß der Sand nicht regelmäßig abgeflossen ist. Mit dem Quadranten habe ich ermittelt, am 34. Breitengrad zu liegen.‘

Freitag, den 14. Dezember

Wir liefen aus dem Puerto de la Concepción unter Landwind aus, der sich alsbald legte; dies ereignete sich jedesmal, wenn wir in jenen Gewässern segelten. Später zog Ostwind auf, mit dessen Hilfe ich nach Nord-Nordosten fuhr und die Schildkröteninsel anlief, von der ich eine Landspitze sichtete und ihr den Namen „Pierna“ (das Bein) gab; diese lag am ost-nordöstlichen Ende der Insel, wovon wir an die 12 Seemeilen entfernt waren. Von dort aus entdeckte ich eine andere Landspitze, die ich „Scharfes Spitz“ benannte. Diese lag ebenfalls im Nordosten in einer Entfernung von etwa 17 Seemeilen. Mithin muß man vom äußersten Ende der „Schildkröteninsel“ bis zum „Scharfen Spitz“ an die 44 Seemeilen gegen Ost-Nordosten zurücklegen. Jener Küste entlang ziehen sich einige weite Strecken Sandstrandes hin.

Der Boden der Schildkröteninsel ist beträchtlich hochgelegen, aber ohne jedes Gebirge. Die ganze Gegend ist schön, reich besiedelt wie die „Spanische Insel“ und angebaut, so daß man meinen könnte, die Landschaft um Cordova vor Augen zu haben.

Da wir Gegenwind hatten und folglich die Insel Baneque nicht anzusteuern in der Lage waren, entschloß ich mich, wieder nach dem Puerto de la Concepciön zurückzukehren, vermochte aber nicht bis zu einem Flusse vorzudringen, der acht Seemeilen östlich der genannten Bucht lag.

Samstag, 15. Dezember

Ich verließ die obgenannte Bucht ein zweites Mal, um unsere Fahrt fortzusetzen. Doch im Augenblick des Auslaufens wurden wir von einem heftigen Ostwind überrascht, der uns an der Weiterfahrt hinderte. Deshalb nahm ich Kurs auf die „Schildkröteninsel“. Dort angelangt, kehrte ich um, wobei ich jenen Fluß ansteuerte, den ich tags zuvor hatte erreichen und erforschen wollen. Doch auch diesmal erreichte ich mein Ziel nicht, obzwar es mir gelang, zwei Seemeilen gegen Lee davon entfernt an einem Strande anzulegen, wo ich einen guten Ankerplatz fand.

Nachdem wir die Schiffe gut vertaut hatten, bestieg ich mein Boot, um den Fluß aufzusuchen. Im Glauben, an dessen Einfahrt gelangt zu sein, fuhr ich einen Meeresarm aufwärts; doch als ich mein Versehen bemerkte, kehrte ich um und fand zwei Seemeilen weiter die Flußeinfahrt, die aber kaum einen Faden tief war und eine reißende Strömung hatte. Dessenungeachtet drang ich mit meinen Booten in den Fluß vor, um die Ortschaften zu erreichen, die meine Kundschafter anderen Tages gesehen hatten. Ich ließ ein Tau an Land werfen und die Boote daran befestigen, worauf die Matrosen sie zwei Bombardenschüsse weit stromaufwärts zogen; wegen der überaus starken Flußströmung kamen wir nicht weiter. Ich sah einige Hütten und ein breites, von Siedlungen durchzogenes Tal, das der Fluß durchströmte. Noch nie habe ich Schöneres gesehen.

An der Flußmündung erblickte ich auch einige Eingeborene, die aber schleunigst davonliefen. Daraus schloß ich, daß jene guten Leute sehr unter Verfolgungen zu leiden haben mußten, da sie dermaßen in Angstzuständen lebten. Denn kaum ließen wir uns irgendwo blicken, ergriffen die Indianer die Flucht und entzündeten Alarmfeuer über ihr ganzes La. Dies ereignete sich auf der .Spanischen Insel“ und auf der „Schildkröteninsel“ noch weit häufiger als auf den anderen Inseln.

Ich benannte das weite Tal „Paradies-Tal“ und den Fluß „uadalquivir“, da er so groß wie jener bei Cordova ist; sein Bett hat Kiesufer und sein Lauf ist gut schiffbar.

Sonntag, den 16. Dezember

Um Mitternacht, bei guter Landbrise, gingen wir von jener Bucht aus in ee und da, während wir uns von den Küsten der „Spanischen Insel“ entfernten, sich ein Ostwind erhob, so segelten wir mit dem Wind. Auf offener See tauchte ein Kanoe auf, worin ein einzelner Indianer saß. Dies versetzte mich in großes Erstaunen, da ich mich fragte, wie jene Nußschale mit dem stürmischen Wind sich auf den Wellen zu halten vermochte. Ich gab Befehl, den Eingeborenen samt dem Kanoe an Bord der „Santa Maria“ zu nehmen, überhäufte ihn mit tausend Freundlichkeiten und schenkte ihm Glasperlen, Glöckchen und Messingringe. Dann geleitete ich ihn zu einer Siedlung, die 16 Seemeilen von hier entfernt am Meeresufer lag. Dort landete ich, da es ein guter Zufluchtsort war.

Die Ortschaft, die sich längs des Meeresstrandes hin erstreckte, schien mir erst vor kurzem errichtet worden zu sein, da deren Behausungen noch ein ganz neues Aussehen hatten. Der Indianer erreichte mit seinem Kanoe bald das Land und berichtete den Einwohnern von meiner Leute Güte. Allein schon war die Kunde davon aus den Ländern, die wir zuvor durchzogen hatten, bis hierher gedrungen, weshalb bei der ersten Nachricht von unserem Herannahen uns mehr als 500 Männer entgegengeeilt kamen. Bald darauf traf auch ihr König ein, worauf sie sich alle längs des Strandes niederließen, in unmittelbarer Nähe der Schiffe, die ganz nah an Land herangefahren waren.

Zuerst kletterten sie einer nach dem anderen, später viele auf einmal, an Bord meines Schiffes, aber ohne etwas mit sich h zu bringen. Nichtsdestoweniger gaben sie bereitwilligst jene wenigen Gramm feinsten Goldes her, die einige von ihnen an den Ohren und in der Nase auf sich hatten. Ich ließ allen eine gute Behandlung zuteil werden, da sie die besten und fügsamsten Leute der Weit sind, und vor allem, weil ich zu Gott hoffe, daß Euer Hoheiten aus Ihnen gute Christen und sie damit zu Ihren Untertanen machen werden, als welche ich sie jetzt schon betrachte. Da ich bemerkte, daß der erwähnte König sich am Meeresufer niedergelassen hatte und ihm alle die größte Achtung entgegenbrachten, sandte ich ihm ein Geschenk, das der König nach vielen Förmlichkeiten entgeggennahm. Dieser Indianerhäuptling mag 20 oder 21 Jahre alt gewesen sein. Ein Stammesältester und andere Ratgeber standen ihm zur Seite, die ihm Ratschläge erteilten und für seine Handlungen verantwortlich waren, da der König nur wenige Worte sprach. Ein Indianer aus meinem Gefolge ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erklärte ihm, daß wir Christen, die vom Himmel gekommen seien, auf der Suche nach Gold wären und sich zur Insel Baneque begeben wollten. Der König gab zur Antwort, daß wir nichts Besseres tun könnten, da auf jener Insel viel Gold vorhanden sei. Hierauf gab er einem meiner Männer, der ihm das Geschenk überreicht hatte, den günstigsten Weg an, und meinte, daß wir in zwei Tagen unser Ziel erreicht haben würden. Falls wir irgend etwas von seinem Lande benötigen sollten, so brauchten wir es ihn nur wissen zu lassen, es würde es uns jederzeit bereitwilligst verschaffen.

Der König und alle seine Volksgenossen liefen vollkommen nackt umher, einschließlich der Frauen, ohne irgendeine Scham zu zeigen. Sie gehörten zu den schönsten Eingeborenen, denen wir bisher begegnet waren. ihre Hautfarbe war ziemlich hell und würden sie sich kleiden und vor Wind und Wetter schützen, so wären sie so weiß wie die Bewohner Spaniens. Das Land war in jeder Beziehung hervorragend gut und schön, die Hitze war nicht so stark wie anderswo. Der Boden zeigte Erhebungen; auf den höchsten Bergen könnte man mit Rindern die Erde pflügen, und überall hin erstreckten sich bebaute Täler und Fluren. In ganz Kastilien gibt es kein Gefilde, das an Fruchtbarkeit und Lieblichkeit jener Gegend die Waage zu halten vermöchte. Dieses Land ist, wie die Schildkröteninsel, zur Gänze angebaut, nicht anders als die Ebene um Cordova. Die Bewohner pflanzen die sogenannten „ajes“, eine Art kleiner Sprößlinge, die Wurzel treiben, die wie gelbe Rüben aussehen; diese werden gepflückt, zerrieben und zu einem Brotteig angerührt. Nach der Ernte werden die Sprößlinge an einer anderen Stelle wieder eingesetzt, wo jeder einzelne wiederum vier oder fünf jener Wurzeln treibt, die recht schmackhaft sind und nach Kastanien schmecken. Hier wächst eine besonders große Art von „ajes“. Ich habe auf Guinea ähnliche Bodenfrüchte gesehen, aber hier zu Lande erreichen sie die Größe eines Fußes. Die Bewohner sind beleibt und kräftig, durchaus nicht so abgezehrt und schlapp wie jene Eingeborenen, denen ich früher begegnet bin. Es läßt sich gut mit ihnen reden; auch sie besitzen keine Religion.

Die Bäume jener Gegend haben so starke Säfte, daß ihre Blätter die grüne Farbe einbüßen und ein schwärzliches Aussehen bekommen. Es war ein Genuß, Täler und Flüsse, das klare Wasser und die Ländereien zu betrachten, auf denen Brotfrüchte und Gräser zur Fütterung aller Arten von Tieren gedeihen können, wo man Gärten anlegen und alle gewünschten Pflanzenarten anbauen ,könnte.

Im Laufe des Nachmittags begab sich der König auf mein Schiff, wo ich ihn mit den ihm gebührenden Ehren empfing und ihm klarmachen ließ, daß ich im Dienste der Könige Kastiliens stehe, die die mächtigsten Fürsten der Welt sind. Allein weder die an Bord der Karavellen befindlichen Indianer, die als Dolmetscher wirkten, noch der König selbst glaubten mir auch nur ein Wort, da sie alle fest davon überzeugt waren, daß wir Christen vom Himmel herabgestiegen seien und das Königreich von Kastilien im Himmel und nicht auf Erden gelegen sei.

Wir wollten dem König Speisen aus Kastilien anbieten. Kaum hatte er davon einen Bissen zu sich genommen, reichte er den Rest der Speisen seinen Ratgebern und den Stammesältesten und allen übrigen seines Gefolges. Eurer Hoheiten können versichert sein, daß diese Länder, insbesondere aber die Spanische Insel, dermaßen schön und fruchtbar sind, daß man es unmöglich mit Worten schildern kann. Diese Insel, wie auch alle anderen Inseln, gehören zum Besitze Euer Hoheiten, genau so wie Kastilien; um die Herrschaft auszuüben, braucht man sich hier nur niederzulassen und den Eingeborenen anzuordnen, allen Befehlen nachzukommen. Tatsächlich kann ich mit den wenigen Männern meiner Begleitung alle diese Inseln durchstreifen, ohne befürchten zu müssen, daß mir irgend etwas zustoße. Ich habe feststellen können, daß allein drei meiner an Land gegangenen Matrosen nur durch ihr Auftreten einen ganzen Haufen Eingeborener in die Flucht geschlagen hatten, obwohl sie ihnen nichts anzutun beabsichtigten. Sie besitzen keine Waffen, sind unkriegerisch, harmlos, nackt und so feige, daß tausend von ihnen drei meiner Leute nicht an sich herankommen lassen würden. Dafür sind sie bereit, zu gehorchen, zu arbeiten und alles Nötige zu vollführen. Mithin wäre es angezeigt, sie dazu zu verwenden, Städte und Ortschaften zu errichten, und ihnen unsere Kleidung und Gebräuche beizubringen.

Montag, den 17. Dezember

Im Laufe der Nacht wehte ein heftiger Nord-Nordost, der aber das vor jenem Strand gelegene Meer nicht allzu stark aufwühlte, da dieser Strand durch die Schildkröteninsel, die ihm wie ein Schutzwall vorgelagert ist, gedeckt wird. Ich verweilte dort auch an diesem Tage und ließ die Matrosen an Und gehen, um mit den Netzen zu fischen.

Die Indianer waren hocherfreut, in unserer Gesellschaft sein zu können, und überreichten uns etliche Pfeile der Bewohner von Canibato, also der Kannibalen. Es waren lange Rohre, an deren Spitze ein kleines, spitzes Holzstück eingefügt ist, das im Feuer gehärtet wurde. Zwei von ihnen wiesen auf gewisse Körperstellen, wo einige Fleischteile fehlten, und gaben zu verstehen, daß die Kannibalen sie ihnen abgebissen und verzehrt hätten – allein ich glaubte kein Wort davon.

Wieder sandte ich einige meiner Leute ans Ufer, die eine Ortschaft betraten und für Glasperlen einige zu dünnen Blättern geschlagene Goldstücke erhielten. Ich sah, wie einer von ihnen, den die anderen „Kazike“ (Häuptling) nannten und den ich für den Gouverneur der Provinz hielt, ein handgroßes Goldblatt in Händen hielt und so tat als wolle er es gegen etwas anderes austauschen. Dann kehrte er wieder zu seiner Hütte zurück, während die anderen am Ufer blieben, und schickte sich an, das Blatt zu zerstückeln, um es stückweise an den Mann zu bringen. Als er das ganze Gold losgeworden war, gab er mit Zeichen zu verstehen, daß er anderes Gold habe holen lassen und es später einmal bringen werde. Diese Handelsbegabung, ihre Gebräuche, ihre Fügsamkeit und ihr gesunder Menschenverstand sind ein deutlicher Beweis dafür, daß es erfahrene und kundige Leute sind, mehr als alle anderen Völker, denen wir bisher begegnet waren.

Am Nachmittag traf von der Schildkröteninsel ein Kanoe mit 40 Männern ein. Während es sich dem Ufer näherte, ließen sich alle Ortsbewohner, die anwesend waren, zur Erde nieder, um ihre friedlichen Absichten zu bekunden. Doch zuvor waren wenige, dann alle Insassen des Kanoe an Land gestiegen, um sie zum Kampf herauszufordern. Da erhob sich der „Kazike“ ganz allein und veranlaßte sie mit Worten, die eine Drohung zu enthalten schienen, zu ihrem Kanoe zurückzukehren. Dabei bespritzte er sie und warf mit Steinen nach dem Kanoe. Nachdem die Leute von der Schildkröteninsel unter Gehorsamsbezeugungen wieder ihr Kanoe bestiegen hatten, ergriff der „Kazike“ einen Stein und reichte ihn einem meiner Leute, daß er ihn schleudere. Allein mein Mann wollte es nicht. Bei dieser Gelegenheit bezeugte also der „Kazike“ mir gegenüber sein Wohlwollen, während das Kanoe sich alsbald entfernte.

Daraufhin erklärten mir die Indianer, daß sich auf der Schildkröteninsel mehr Gold befände als auf der Spanischen Insel, da erstere der Insel Baneque näher gelegen sei. Doch glaube ich nicht, daß auf der Spanischen Insel oder auf der Schildkröteninsel Gold vorhanden sei, sondern daß jenes Gold, das die Eingeborenen besitzen, aus Baneque stamme und sie wenig Gold von dort beziehen, da sie nichts zum Tausche anzubieten haben. Der Boden ist so ergiebig und fruchtbar, daß die Inselbewohner sich weder um ihren Lebensunterhalt, noch auch zur Beschaffung ihrer Kleidung viel zu plagen brauchen, da sie ja nackt herumlaufen.

Ich bin der Ansicht, nicht weit von den Goldminen entfernt zu sein, und ich hoffe, daß Gott mich jene Stelle finden lassen wird. Es war mir bekannt, daß ich vom Hafen, in dem ich mich gegenwärtig befinde, bis zur Insel Baneque vier Tage Seefahrt benötigen würde, was einer Entfernung von 120 bis 160 Seemeilen entspricht, die ich bei günstigen Windverhältnissen in einem einzigen Tage zurücklegen könnte.

Dienstag, den 18. Dezember

Auch diesen Tag verbrachte ich an jenem Strand, teils weil sich kein Lüftchen regte, teils weil der „Kazike“ mir versprochen hatte, Gold zu bringen. Ich faßte diesen Entschluß nicht etwa deshalb, weil ich große Mengen jenen Edelmetalls zu erhalten hoffte – ich war dessen gewiß, daß auf der Insel keine Goldlager vorhanden seien -, sondern um genaue Erkundigungen über die Herkunft des Goldes einziehen zu können.

Bei Anbruch des Tages gab ich den Befehl, mein Schiff und die „Niña“ mit Fahnen und Abzeichen zu bewimpeln, zu Ehren des Festes der S. Maria dell’O, also zur Feier des Verkündigungstages, während die Schiffsbombarden eine Freudensalve abgaben.

Der König dieser Spanischen Insel war am frühen Morgen von seiner Residenz, die nach meiner Berechnung etwa 20 Meilen vom Meere entfernt war, aufgebrochen und gelangte in der dritten Stunde zur Siedlung, wo bereits einige meiner Leute erschienen waren, die an Land geschickt worden waren, um nachzusehen, ob eine Goldsendung eingetroffen sei. Diese meldeten mir die Ankunft des Königs, der in Begleitung von mehr als 200 Männern angerückt kam, von vier Indianern in einer Art Sänfte getragen. Er war noch jung an Jahren, wie ich bereits erwähnt habe. Während ich unterhalb des Hinterkastells meines Schiffes zu Mittag speiste, bestieg der König mit seinem ganzen Gefolge das Schiff.

Gewiß hätten Eure Hoheiten Gefallen daran gefunden, das feierliche Gehaben des Königs und die Hochachtung, die seine Untertanen ihm entgegenbrachten, sehen zu können, wobei ja alle nackt ein hergingen. Kaum hatte der König das Schiff betreten und in Erfahrung gebracht, daß ich mich am Hinterkastell befand, so überraschte er mich durch seine plötzliche Anwesenheit und ließ sich neben mir nieder, ohne mir Zeit zu lassen, ihm entgegenzugehen oder mich wenigstens vom Tisch zu erheben. Als er das Hinterkastell betrat, bedeutete er den anderen, draußen zu bleiben, was alle mit eilfertiger Ehrerbietung befolgten und sich an Deck niederließen, mit Ausnahme von zwei älteren Männern, die ich für seine Ratgeber hielt, die zu seinen Füßen Platz nahmen. Es hieß, daß dies der „Kazike“ sei. In der Meinung, ihm etwas zu essen geben zu müssen, ordnete ich an, ihm von den Speisen aufzutragen, von denen ich eben aß. So nahmen sie von allen vorgesetzten Speisen, als wollten sie von allem etwas vorkosten, und ließen das Übriggebliebene den Untertanen reichen, die alle davon etwas zu sich nahmen. Nicht anders verhielt es sich beim Trinken, sie führten den angebotenen Trank zum Munde und reichten ihn dann gleich den andern weiter. Dabei trugen alle ein höchst feierliches Benehmen zur Schau; sie wechselten wenige Worte miteinander, die, soweit ich verstehen konnte, von ernster Gelassenheit getragen waren. Seine zwei Tischgenossen hingen förmlich am Munde des Königs, sie sprachen nicht nur mit ihm, sondern auch für ihn.

Nach dem Essen überreichte ihm ein Würdenträger mit einer tiefen Verbeugung einen Gürtel, der in seiner Machart den in Kastilien gebräuchlichen Gürteln einigermaßen glich. Der König nahm den Gürtel in Empfang und schenkte ihn mir mit zwei ganz dünn verarbeiteten Goldstücken. Davon muß es meiner Ansicht nach hier sehr wenig geben.

Wohl aber muß das Ursprungsland des Goldes, wo es reichlich vorkommt, nicht weit von hier entfernt sein. Zusammen mit einer Decke, die auf meinem Bette lag und von der ich annahm, daß sie sein Gefallen finden müsse, schenkte ich ihm eine schöne Bernsteinkette, die ich um der Hals trug, ein Paar rote Schuhe und eine Flasche Orangenblütenwasser. Seine Freude darüber war über alle Maßen groß.

Er und seine Ratgeber gaben ihrem Schmerz darüber Ausdruck, daß wir uns gegenseitig nicht verständigen konnten. Seinen Reden entnahm ich aber immerhin, daß mir die ganze Insel zu Gebote stünde, falls ich etwas benötigen sollte. Ich ließ mir daraufhin einen meiner Briefbehälter bringen, auf dem sich eine Goldmedaille befindet, vier Dukaten schwer wiegt, und worauf Eure Hoheit abgebildet sind. Ich zeigte sie ihm und bedeutete ihm nochmals daß Eure Hoheiten den schönsten Teil der Welt beherrschten und die angesehensten Fürsten seien. Die königlichen Standarten und die anderen Fahnen mit Kreuzeszeichen wurden von ihm sehr bewundert. Er wandte sich dann an seine beiden Ratgeber, indem er ihnen klarlegte, daß Eure Hoheiten ohne Zweifel mächtige Fürsten seien und daß sie michv on so weither, nämlich vom Himmel, ohne Bedenken bis zu diesem Orte entsendet hätten. Wir unterhielten uns noch des längeren lebhaft miteinander, und obzwar ich nicht alles verstand, so entging es mir nicht, daß der König aus seiner Verwunderung über alles Geschehene und Gehörte kein Hehl machte.

Da es bereits spät geworden war und der König sich wieder auf den Heimweg machen wollte, so ließ ich ihn mit den gebührenden Ehren in meinem Boot an Land bringen, während die Schiffsbombarden eine Salve abgaben. Einmal an Und, zog er mit mehr als 200 Männern nach seiner Heimat. Eines seiner Kinder trug ein sehr geachteter Mann auf seinen Schultern. Der König ließ allen Matrosen und Schiffsinsassen, die an Land gegangen waren, Speisen reichen und achtete darauf, daß man sie zuvorkommend behandle. Ein Matrose, der ihm unterwegs begegnet war, wußte mir zu berichten, daß meine dem König überreichten Gaben von einem Würdenträger vorangetragen wurden, während sein Söhnlein mit zahlreichem Gefolge ihm hinterdrein folgte; ein Bruder des Königs ging, von zwei Männern an den Armen gefaßt, zu Fuß, begleitet von fast ebensovielen Eingeborenen. Auch diesen hatte ich, als er nach seinem königlichen Bruder an Bord gekommen war, mit einigen Kleinigkeiten beschenkt.

Derart erfuhr ich nun, daß der König von den Indianern „cacico“ (Kazike) genannt wurde.

Im Laufe dieses Tages wurden nur wenige Goldmengen im Tauschwege erstanden. Dafür habe ich von einem Alten des Eingeborenendorfes in Erfahrung gebracht, daß an die 400 Seemeilen von hier entfernt einige nah beieinander gelegene Inseln liegen, wo viel Gold zu Tage gefördert werde. Der Eingeborene verstieg sich sogar zu der Behauptung, daß eine dieser Inseln ganz aus Gold sei und auf den anderen so viel Gold vorhanden sei, daß sie es nach dem Einsammeln durchsiebten, um es vom Sande zu reinigen; dann würde es geschmolzen, um daraus Goldbarren und andere Dinge zu verfertigen, deren Formen er mit seinem Finger nachzeichnete.

Dieser Alte deutete auch nach der Richtung, wo die vorgenannten Inseln zu finden seien, so daß ich mich entschloß, sie aufzusuchen. Ich hätte diesen Eingeborenen mit mir genommen, falls er nicht eine angesehene Begleitperson des Königs gewesen wäre. Hätte ich mich zumindest mit jenem Mann verständigen können, dann würde ich ihn ersucht haben, mich auf meiner Fahrt dahin zu begleiten, da ich mit Rücksicht auf das gute Einvernehmen zwischen Indianern und Christen der Ansicht war, daß er ohne weiteres eingewilligt hätte, mich zu begleiten. Da ich aber diese Eingeborenen bereits als Untertanen der Beherrscher Kastiliens ansah und zum anderen keine Veranlassung hatte, sie zu bedrängen, so nahm ich davon Abstand.

Inmitten des Dorfplatzes der Indianer ließ ich ein riesiges Kreuz aufrichten, wobei die Indianer eifrigst mitwirkten und so inbrünstig die Gebete mitsprachen, daß ich hoffen darf, mit Gottes Hilfe bald gute Christen aus ihnen werden zu sehen.

Mittwoch, den 19. Dezember

Endlich vermochte man im Laufe der Nacht die Segel zu setzen, um jenen Meeresarm zu verlassen, der von der Schildkröten- und der Spanischen Insel gebildet wird. Doch bei Tagesanbruch erhob sich abermals ein Ostwind, der uns den ganzen Tag über daran hinderte, sich von hier zu entfernen und eine Bucht zu erreichen, die man gesichtet hatte und wo man zur Nacht Zuflucht finden konnte. In der Umgegend erblickte ich vier Landzungen, eine große Bucht und einen Fluß. Ferner nahm ich ein großes Vorgebirge wahr, auf dem eine Siedlung verstreut lag. Dahinter dehnte sich zwischen vielen hohen Bergen, die dicht mit Bäumen, Pinien ähnlich, bewachsen waren, ein Tal aus. Auf den „Dos Hermanos“ (Zwei Brüder) erhebt sich ein wuchtiger Bergrücken, der von Nordosten nach Südosten verläuft. Ostsüdöstlich vom Kap Torres liegt eine Insel, die ich „San Tommaso“ benannte, da der Tag ihrer Entdeckung der Vorabend des Festtages dieses Heiligen war. Soweit ich von ferne aus beurteilen konnte, war diese Insel längs ihres ganzen Küstenumfanges reich an Vorgebirgen und Buchten; westlich davon erstreckt sich ein Vorgebirge weit ins Meer, das teils eben, teils erhöht ist, weshalb ich ihm den Namen „Hohes und Niedriges Kap“ gab.

60 Seemeilen Ost-zu-Süd vom Kap Torres erhebt sich ein höherer Berg als die anderen, der sich zum Meer hin erstreckt und der von ferne gesehen einer Insel gleicht. Ich nannte ihn „Monte Caribata“, nach der Benennung dieser Provinz. Dieser Berg gewährt einen schönen Anblick, da er dicht mit grünen Bäumen bewachsen und nebel- und schneefrei ist. Die Luft war damals so mild und lau wie im Monat März in Kastilien, während die Bäume und Pflanzen nicht anders wie im Monat Mai in der Heimat aussahen. Die Nächte dauerten 14 Stunden lang.

Donnerstag, den 20. Dezember

Gegen Sonnenuntergang liefen wir in einer Bucht ein, die h zwischen der Insel San Tommaso und dem Kap Caribata öffnet, wo wir von Anker gingen. Dies wäre ein herrlicher Hafen, der die Schiffe der ganzen Christenheit in sich aufnehmen könnte. Wer zum ersten Male vom Meer aus heranfährt, hält die Hafeneinfahrt für unpassierbar,da vom Berge bis fast zur Insel hin eine Klippenbank vorgelagert ist, deren Verlauf sehr unregelmäßig ist. Deshalb ist größte Aufmerksamkeit geboten, um eine Einfahrt ausfindig zu machen, die 7 Faden tief und breit genug ist, um ein gefahrloses Einfahren zu ermöglichen. Dahinter ist das Meer 12 Faden tief. Einmal im Hafeninnern vermag jedes vertaute Schiff allen Stürmen zu trotzen. Vor dem Buchteingang liegt eine Sandbank, die von Bäumen bedeckt ist; hier ist das Meer nur 7 Faden tief. Doch gibt es dort zahlreiche seichte Stellen, weshalb Vorsicht ,im Platze ist, ehe das Schiff nicht ins Innere der Bucht gelangt ist. Südöstlich davon weitet sich ein reich bebautes Tal, das von hohen, waldbedeckten Bergen umrahmt wird, die mit ihren Spitzen in den Himmel zu ragen scheinen. Gewiß gibt es hier höhere Erhebungen als auf der Insel Teneriffa der Kanarischen Inseln, die als eine der höchstgelegenen Inseln der Welt gilt. Diesseits der Insel San Tommaso liegen, etwa vier Seemeilen entfernt, eine zweite und eine dritte kleine Insel, die reich an guten, wenn auch von Untiefen umgebenen Ankerplätzen sind. Dort erspähte ich auch einige Siedlungen und brennende Feuer.

Freitag, den 21. Dezember

Heute fuhr ich mit meinen Booten zum Hafen, den ich so hervorragend fand, daß ich nicht anstehe, ihn für den schönsten aller bisher aufgesuchten Häfen zu erklären. Man möge es mir nicht ankreiden, die anderen Ankerplätze mit solchen Lobsprüchen überhäuft zu haben, daß ich jetzt in Verlegenheit komme, angemessene Worte zu finden und befürchten muß, für einen LobhudIer gehalten zu werden. Allein meine Behauptung scheint dadurch gerechtfertigt, daß ich alte, erfahrne Seeleute bei mir habe, die meine Aussagen bekräftigen; zudem würde jedweder, der diese Gewässer befährt, zur nämlichen Einsicht gelangen, daß meine lobende Anerkennung der anderen Reeden ebenso wahrheitsgemäß sei, wie die Tatsache, daß diese Reede alle anderen übertrifft.

Dreiundzwanzig Jahre hindurch habe ich das Meer befahren, ohne mich jemals für längere Zeit davon zu entfernen, und habe so den ganzen Osten und Westen kennengelernt. Ich kam auch in die nördlichen Gewässer bis nach England, dann nach Guinea; doch nirgends war es mir gegeben, so schöne Häfen – stets besser als die anderen – zu finden. Ich habe mich stets beim Schreiben der größten Vorsicht befleißigt und wiederhole nochmals, alles getreu beschrieben zu haben, da diese Reede alle anderen in den Schatten stellt und alle Schiffe der Welt in sich aufnehmen könnte. Sie bietet so sicheren Schutz, daß man ein Schiff mit dem ältesten Seil sicher dort vertauen könnte.

Von der Einfahrt bis zu ihrem innersten Teil mißt die Reede eine Länge von 20 Seemeilen. Ich bemerkte einige reich bebaute Ländereien, wiewohl das gleiche für die ganze Gegend gilt, und befahl zweien meiner Männer, sich an Land zu begeben und auf eine Anhöhe zu steigen, um von dort aus nach Siedlungen Ausschau zu halten, da man von den Schiffen aus nichts derartiges zu entdecken vermochte.

Gegen zehn Uhr nachts kamen einige Eingeborene mit ihrem Kanoe an mein Schiff herangefahren, um mich und meine Leute wie Wunderwesen ganz aus der Nähe betrachten zu können. Ich empfing sie denn auch und beschenkte sie mit einigen Kleinigkeiten, worüber sie sich herzlich freuten.

Bei ihrer Rückkehr berichteten die beiden Männer, eine große Siedlung gesehen zu haben, und sie wiesen in die Richtung, in der sie sich befand, nicht weit vom Meere entfernt. Daraufhin befahl ich, in die angegebene Richtung zu fahren, bis wir in Landnähe kamen. Dort sah ich einige Indianer auf das Ufer zu laufen, mit allen Zeichen des Schreckens. Deshalb ließ ich anhalten, um meinen an Bord befindlichen Indianern Zeit zu lassen, sich mit den Eingeborenen zu verständigen und diesen klar zu machen, daß man ihnen kein Leid zufügen wolle. So kam man sich beiderseits langsam näher. Nachdem sich nun die Indianer allmählich beruhigt hatten, strömten sie in so großer Zahl herbei, daß das ganze Ufer von ihnen wirnmelte.

Männer, Frauen und Kinder rannten, wild gestikulierend, dahin und dorthin, um jenes Brot herbeizuschaffen, das sie aus den „niames“, von ihnen „ajes“ genannt, zubereiten, welches sehr weiß und schmackhaft ist. Dann schleppten sie mit Wasser gefüllte Kürbisse und Erdkrüge herbei, die jenen in Kastilien verfertigten glichen und noch vieles andere, von dem sie wußten, daß ich es mir gewünscht habe. All ihre Habe gaben sie so herzlich gern her, daß man wahrhaft staunen mußte.

Dabei kann man nicht sagen, daß sie ihre Habe so bereitwilligst verteilten, weil sie gering an Wert war; denn ob sie nun Goldstücke oder einen Krug Wasser anboten, stets war ihr Verhalten ein und dasselbe, und nichts ist leichter erkennbar, als wenn jemand von Herzen gerne etwas schenkt.

Diese Eingeborenen besitzen weder Spieße noch Speere oder eine andere Waffe; auch die anderen Bewohner der Insel, die sehr groß sein muß, haben dergleichen nicht. Männer und Frauen sind vollkommen nackt. Auf der Insel Juana, wie auf den andern Inseln, trugen die Frauen einen Baumwollschurz vor ihrer Scham oder waren mit einer Art Höschen bekleidet, vor allem jene, die das 12. Lebensjahr überschritten hatten. Hier hingegen war alles, ob jung oder alt, gleich nackt. Darunter gab es Frauen von wunderbarer Gestalt, die als erste uns entgegenkamen, um dem Himmel Dank zu sagen und uns all ihre Habe anzubieten, vor allem eßbare Dinge, wie „ajes“, Nüsse und verschiedene Fruchtarten, von denen ich einige dörren ließ, um sie dem spanischen Herrscherpaar überbringen zu können.

Auch die Frauen der anderen Ortschaften verhielten sich in gleicher Weise, ehe ihre Männer sie veranlaßten, sich zu verbergen. Daher befahl ich meinen Fahrtgenossen ein für allemal, niemandem irgendeine Beleidigung zuzufügen und den Eingeborenen gegen ihren Willen nichts wegzunehmen, sondern für alles Erhaltene ein Entgelt zu geben.

Es kann unmöglich jemals gutherzigere, selbstlosere und dabei so schüchterne Geschöpfe gegeben haben wie jene Eingeborenen, die alles hergaben, entäußerten, um es uns darzubieten und uns, sobald sie unserer ansichtig wurden, entgegengeeilt kamen, die Hände voller Gaben.

Hierauf entsandte ich sechs meiner Leute nach jener Siedlung, um sie zu besichtigen. Die Indianer überhäuften diese Kundschafter mit Ehrenbezeigungen und schenkten ihnen all ihre Habe, weil sie felsenfest davon überzeugt Waren, daß ich und meine Leute geradeswegs vom Himmel heruntergekommen seien. Von diesem Glauben ließen auch jene Indianer nicht ab, die ich von den anderen Inseln an Bord genommen hatte, obzwar sie darüber entsprechend aufgeklärt worden waren.

Bald darauf trafen einige Kanoes mit Eingeborenen ein, die mich im Namen irgendeines Indianerhäuptlings des Landesinnern baten, vor meiner Abfahrt noch dessen Siedlung aufzusuchen. Da diese, auf einer Landspitze gelegen, sich auf dem Wege, den ich einzuschlagen gedachte, befand und der genannte Häuptling mich an der Spitze seines Volkes erwartete, so beschloß ich, der Aufforderung Folge zu leisten. Ehe ich mich jedoch auf den Weg dahin machte, versammelte sich eine erstaunlich große Menschenmenge auf dem Strande, und alle – Männer, Frauen und Kinder – riefen mir zu, nicht fortzugehen und bei ihnen zu bleiben. Die Sendboten jenes Häuptlings, der mich zu sich gebeten hatte, harrten geduldig in ihren Kanoes, darauf bedacht, daß ich nicht fortfahre, ohne vorher ihren Herrn und Gebieter besucht zu haben.

Tatsächlich suchte ich diesen Häuptling auf, der mich an Ort und Stelle erwartete und inzwischen auch eine Menge Eßwaren hergerichtet hatte. Kaum wurde ihm meine Ankunft gemeldet, ließ der Häuptling all seine Leute sich niedersetzen und ordnete an, die Eßwaren zu den Booten hinzutragen, mit denen ich ans Ufer gekommen war. Als sie merkten, daß ich alles Dargebotene mit Freuden annahm, liefen fast alle Indianer nach ihrer Siedlung zurück, die nicht allzu weit entfernt sein mußte, um noch andere Lebensmittel, Papageie und sonstige Gegenstände ihres Besitzes herbeizuschaffen; sie taten dies mit solcher Bereitwilligkeit und Herzensgüte, daß es kaum faßlich war. Ich beschenkte sie meinerseits mit Glasperlen, Messingringen und Metallglöckchen, nicht etwa weil die Indianer etwas als Gegengabe von mir gefordert hätten, sondern weil ich es für angebracht und zweckmäßig hielt, vor allem schon deshalb, weil ich sie bereits als Christen und allen anderen ebenbürtigen Untertanen der Beherrscher Kastiliens betrachtete. Man braucht nur noch ihre Sprache zu verstehen, um ihnen Anordnungen zu geben, denen sie ohne Murren nachkommen würden.

Schließlich entschloß ich mich, zu meinen Schiffen zurückzukehren. Dabei riefen mir alle Indianer, gleich ob Mann, Weib oder Kind, im Chore nach, nicht von ihnen fortzugehen und in ihrer Mitte zu verweilen. Als ich aufbrach, folgten mir einige dicht besetzte Kanoes bis zu meinem Schiffe nach, wo ich deren Insassen auf das freundlichste empfangen und bewirten ließ, nicht ohne ihnen verschiedene Gegenstände zu schenken, die ihnen große Freude bereiteten.

Während meiner Abwesenheit war an Bord meines Schiffes ein anderer Häuptling aus den westlichen Gegenden erschienen. Obzwar das Schiff fast zwei Seemeilen weit vom Ufer vor Anker lag, kamen viele Eingeborene ans Schiff heran geschwommen. Da dieser Häuptling bei meiner Rückkunft bereits wieder abgezogen war, so schickte ich einige meiner Leute zu ihm, um Erkundigungen über diese Insel einzuziehen. Jener Häuptling empfing meine Boten auf das herzlichste, geleitete sie zu seinem Dorf und schenkte ihnen einige Goldstücke. Am Ufer eines breiten Flußlaufes angelangt schwammen die Eingeborenen zum andern Ufer hinüber, während meine Leute stehen blieben und kehrt machten, da sie ihn nicht durchwaten konnten.

Allüberall in dieser Gegend ragen waldbedeckte, hohe Berge empor, daß man meinen könnte, sie berührten mit ihren Zinnen den Himmel. Mit ihnen verglichen treten Schönheit und Höhe der Berge Teneriffas ganz in den Hintergrund. Liebliche, fruchtbare Täler trennen die Berge voneinander. Am südlichen Ende der Bucht breitet sich eine ausgedehnte Ebene aus, deren Grenzen unabsehbar sind. Sie erstreckt sich über 60 bis 80 Seemeilen weit und wird in ihrer ganzen Länge von einem Fluß durchzogen; sie ist reich besiedelt und bebaut und bietet in dieser Jahreszeit einen frischen, grünen Anblick, als befände man sich im Monat Mai oder Juni in Kastilien, obzwar die Nächte ganze 14 Stunden dauern und die Gegend gänzlich dem Norden zugekehrt ist.

Dieser Ankerplatz bietet einen sicheren Schutz gegen alle Winde, da er ganz abgeschlossen und tief genug ist. Um ihn herum ist eine friedliebende, sanftmütige Bevölkerung angesiedelt, die über keinerlei Waffen verfügt. Jedes darin befindliche Schiff kann sich vor dem nächtlichten Angriff eines feindlichen Schiffes sicher fühlen, denn trotz der acht Seemeilen breiten Einfahrt wird diese durch die vorgelagerte Klippenkette, die fast bis an die Wasseroberfläche reicht, stark eingeengt, wodurch nur eine schmale Durchfahrtsstelle übrigbleibt, so daß der Eindruck erweckt wird, als ob Menschenhände gerade nur soviel Zwischenraum freigelassen hätten, um ein Schiff hindurchzulassen.

Hier ist das Meer sieben Faden tief, bis zum Rande einer kleinen Insel, deren Ufer teilweise von Pflanzen bewachsen ist. Die Einfahrt liegt gegen Westen zu; jedes Schiff kann ohne Bedenken bis zu den Klippen heranfahren. Im Nordwesten liegen vier Seemeilen vom Ende der Bucht entfernt drei kleine Inseln und ein großer Flußlauf.

Ich wiederhole, daß es der beste Hafenplatz der Welt ist. Ich benannte ihn „Puerto del Mar di San Tommaso“, da der heutige Tag der Festtag dieses Heiligen ist und seine Ausgedehntheit die Bezeichnung „Meer rechtfertigt.

Samstag, den 22. Dezember

Bei Tagesanbruch ließ ich alle Segel setzen, um meine Reise auf der Suche nach jenen Inseln fortzusetzen, die nach Aussage der Indianer so Goldregen sein sollen, daß einige von ihnen mehr aus Gold als aus Erde bestehen. Allein da das Wetter ungünstig war, mußte ich wieder in den Hafen zurückkehren. Daraufhin schickte ich das Boot zum Fischfang mit Netzen aus.

Der Herrscher dieser Gegend, der in der Nachbarschaft eine Siedlung hatte, entsandte ein großes, dicht besetztes Kanoe zu mir, worin sich auch einer seiner vornehmsten Untergebenen befand, um mich aufzufordern, mit meinen Schiffen seinen Wohnort aufzusuchen, und mir gleichzeitig zu bedeuten, daß er mir seine ganze Habe geben wolle. Durch diesen Sendboten ließ er mir einen Gürtel überreichen, der an Stelle einer Tasche eine Maske trug, die zwei große, in Gold gehämmerte Ohren, eine Zunge und eine Nase hatte. Da es herzensgute Leute sind, die alles, worum man sie bittet, bereitwilligst hergeben, und es scheinbar als eine Auszeichnung ansehen, wenn man sie um etwas bittet, so näherten sie sich dem Boote, übergaben den Gürtel einem Schiffsjungen und legten dann mit ihrem Kanoe an meinem Schiff bei, um ihre Botschaft auszurichten.

Ehe ich ihr Begehren noch recht verstehen konnte, verging ein gut Teil des Tages, da auch meine Indianer ihre Not hatten, jene Inselbewohner zu verstehen, weil sie einige Dinge mit anderen Ausdrücken bezeichneten. Schließlich und endlich aber gelang es mir, ihrer wilden Gebärdensprache soviel wie eine Einladung zu entnehmen.

Mithin beschloß ich, am Sonntag in See zu gehen, trotzdem ich für gewöhnlich an heiligen Festtagen nicht die Segel setzte, nicht etwa aus Aberglauben, sondern aus tiefempfundener Frömmigkeit. Ich tat dies ja auch deshalb, weil ich hoffte, daß die Bewohner gute Christen und Untertanen der Herrscher Kastiliens würden, zeigten sie doch die besten Ansätze dazu, so daß ich sie schon jetzt als solche ansah. Konnte ich mich also der Hoffnung hingeben, daß sie dem König und der Königin in Liebe dienen würden, so zeigte ich mich ihnen meinerseits gewogen und trachtete, sie in allem zufriedenzustellen.

Doch vor meiner Abfahrt entsandte ich sechs meiner Männer in ein großes Dorf, das 12 Seemeilen weit nach Westen zu entfernt war, da der „cacico“ des Ortes tags zuvor bei mir vorgesprochen und mir mitgeteilt hatte, einige Goldstücke zu besitzen. Als meine Leute dort eintrafen, reichte der Häuptling dem Notar, der sich unter den Abgesandten befand, die Hand. Letzterer war von mir beauftragt Worden, zu verhindern daß seine Gefährten sich zu einer bösen Tat den Eingeborenen gegenüber hinreißen ließen. Denn diese waren gutherzig und freigebig, während die Gier meiner Fahrtgenossen nicht zu stillen war. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, gegen ein Stück Band oder Glas, für eine Tonscherbe oder irgendein anderes wertloses Ding alles das zu erhalten, wonach ihr Herz stand, sondern wollten die Indianer all ihrer Habe berauben, trotzdem ich es strengstens untersagt hatte. Und obgleich mit Ausnahme des Goldes die Inselbewohner nur Gegenstände von geringem Wert abtreten konnten, so hatte ich in Anbetracht ihrer Gutherzigkeit und der Tatsache, daß sie für sechs Glasperlen ein Goldstück hergaben, angeordnet, daß nichts von ihnen in Empfang genommen werden dürfe, ohne ihnen als Gegengabe etwas dafür zu überlassen.

Derart geleitete also der Häuptling den Notar, gefolgt von einer zahlreichen Menschenmenge, zu seiner Behausung, wo er den Christen etwas auftischen ließ, während die Indianer ihnen allerhand Baumwollgewebe und Knäuel gesponnener Wolle überreichten. Des Abends,

beim Abschied, schenkte der Häuptling den Spaniern drei fette Gänse und einige Goldstücke. Zahlreiche Eingeborene gaben ihnen das Geleit auf dem Rückwege, wobei sie die dargebotenen Gaben auf ihren Schultern trugen. Nicht genug damit, wollten sie sogar die Christen auf ihren Rücken tragen, was sie auch tatsächlich taten, als es hieß, einige Wasserläufe und sumpfige Gegenden zu überschreiten.

Ich gebot, dem Häuptling etwas zu geben, worüber er und sein ganzer Volksstamm hoch erfreut waren. Alle waren von der Tatsache überzeugt, daß wir vom Himmel herabgestiegen seien, weshalb sie sich glücklich schätzten, uns von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.

An diesem einen Tage waren mehr als 120 vollbesetzte Kanoes zu den Schiffen herangefahren gekommen. Jedes von ihnen brachte etwas für uns Fremde, vor allem Brot, Fische, Steinkrüge mit Wasser, verschiedene Samengattungen. Von diesen taten sie ein Körnchen in eine Schüssel voll Wasser, die sie dann austranken, was nach Aussage meiner Indianer eine äußerst heilige Handlung sein soll.

Sonntag, den 23. Dezember

Wegen Windstille war ich nicht in der Lage, nach dem Lande jenes Häuptlings in See zu gehen, der mich um meinen Besuch gebeten hatte. Statt dessen ließ ich die drei Indianer-Sendboten, die mir als Führer hätten dienen sollen, von einigen Booten heimwärts geleiten, in denen mehrere Seeleute und der Notar der Expedition Platz genommen hatten. Während sich diese auf den Weg machten, entsandte ich zwei meiner Indianer nach den in der Nähe des Ankerplatzes gelegenen Siedlungen. Diese kehrten bald darauf in Begleitung eines andern Häuptlings zurück, der beteuerte, daß die Spanische Insel sehr reich an Goldvorkommen sei und man auch aus anderen Gegenden hierher komme, um Gold zu erwerben, so daß ich davon so viel finden könne, als ich nur wolle. Unterdessen hatten sich noch weitere Eingeborene hinzugesellt, die jene Kunde vollauf bestätigten und überdies auch zu verraten wußten, wie man das Gold sammle. Ich hatte meine Not, ihre Aussagen zu verstehen, immerhin war ich davon überzeugt, daß dort viel Gold vorhanden sein müsse und daß ich, falls es mir gelänge, den Ort seiner Gewinnung zu ermitteln, eine Unmenge dieses kostbaren Edelmetalls zu billigem Preise oder gar umsonst werde erstehen können. Während meines dreitägigen Aufenthaltes habe ich in der Umgegend schöne Stücke Goldes sammeln können und kann daher nicht gut glauben, daß man es von anderswoher eingeführt habe. Der Allmächtige, in dessen Händen alles gelegen ist, möge mir beistehen und das zukommen lassen, was er für gut hält.

Bis zu dem Zeitpunkte, da ich dies niederschrieb, sind mehr als tausend Personen, die alle etwas mit sich brachten, an Bord meines Schiffes gekommen. Waren die Eingeborenen eine Armbrustschußlänge vom Schiff entfernt, so stellten sie sich in ihren Kanoes aufrecht hin, hielten ihre Gaben mit den Händen in die Höhe und riefen dabei: „Nehmt, nehmt!“. Mindestens 500 Indianer hatten die Schiffe schwimmend erreicht, da sie nicht über genug Kanoes verfügten; dabei lagen sie vier Seemeilen weit vom Ufer vor Anker.

Unter diesen Besuchern haben sich auch fünf Häuptlinge oder deren Söhne, samt ihrem ganzen Familienanhang, befunden. Ich ließ sie alle reichlich beschenken, da dies seine Zinsen tragen wird. Gott helfe mir in seiner Barmherzigkeit, dieses Gold oder besser jene Goldminen zu finden, da hier viele sie zu kennen behaupten.

Im Laufe der Nacht rückten die Boote wieder ein, die am Morgen ausgelaufen waren. Die Insassen wußten zu berichten, einen langen Weg zurückgelegt und beim Berg Caribatán zahllose Kanoes angetroffen zu haben, deren Insassen die Christen dort aufsuchen wollten, wohin die Boote meiner Leute fuhren. Ich war davon überzeugt, daß die gesamte Bevölkerung der Insel, die größer als England sein muß, mich besuchen würde, falls ich jenen Hafen zum Weihnachtsfest erreichen könnte. Die Eingeborenenkanoes gaben den Booten bis zur Indianersiedlung das Geleite, die nach Angabe der Matrosen weitaus die größte und bestbebauteste aller bisher angetroffenen Siedlungen sei und 12 Seemeilen südöstlich von der „Punta Santa“ liege.

Da die Eingeborenen, in ihren Kanoes rudernd, sehr rasch vorwärtskamen, so waren sie den Booten zuvorgekommen, um dem „cacico“ die Ankunft der Christen zu melden. Bislang hatte ich noch nicht herausgebracht, ob der Ausdruck „cacico“ soviel wie König oder Statthalter heiße. Um einen „grande“ zu bezeichnen, gebrauchen die Indianer auch das Wort „nitayno“, wobei ich aber nicht recht wußte, ob damit ein König, Statthalter oder Richter gemeint sei.

Schließlich war der „cacico“ den Christen entgegengegangen, während sich mehr als zweitausend Ortsbewohner auf dem Dorfplatze, der recht sauber aussah, versammelt hatten. Dieser König hatte den Schiffsinsassen einen sehr herzlichen Empfang bereitet, und jeder Dorfbewohner hatte ihnen etwas zu trinken oder zu essen angeboten. Anschließend hatte der König jedem von ihnen Baumwollgewebe, mit denen sich die Frauen kleideten, Papageie und einige Goldstücke für mich geschenkt. Auch die Dorfbewohner hatten den Seeleuten gleichartige Gewebe und anderen Hausrat überreicht, wobei sie jede noch so bescheidene Gegengabe freudigst entgegennahmen, als handle es sich um eine Reliquie.

Als meine Leute sich am späten Abend zur Rückfahrt anschicken wollten, bat sie der König, einen Tag länger bei ihm zu verweilen. Sobald die Indianer merkten, daß sie sich nicht dazu bewegen ließen, geleiteten sie sie ein Stück Weges, wobei sie alles, was der „cacico“ und die anderen den Christen geschenkt hatten, auf ihren Schultern zu den Booten schleppten, die am Eingang des Flusses zurückgeblieben waren.

Montag, den 24. Dezember

Noch vor Sonnenaufgang ließ ich die Anker lichten und ging unter Landwind in See. Unter den zahlreichen Indianern, die tags zuvor an Bord meines Schiffes gekommen waren und verschiedene Örtlichkeiten, wo das Gold gewonnen wurde, namhaft gemacht hatten, hatte ich einen Mann bemerkt, der entweder klüger und uns zugetaner, oder aber ein gefälligerer Redner als die andern zu sein schien. Diesem ließ ich größte Aufmerksamkeit angedeihen, forderte ihn auf, an Bord meines Schiffes zu bleiben und mich zu den Goldminen zu geleiten, was dieser auch bereitwilligst zu tun versprach. Überdies wußte dieser Indianer einen seiner Genossen oder Verwandten dahin zu bringen, sich ihm dabei anzuschließen. Unter den anderen Örtlichkeiten, die nach ihren Angaben als Goldfundorte in Frage kämen, nannten beide Cipango, das sie mit dem Ausdruck „Cybao“ bezeichneten, wo ihren Versicherungen nach dieses Edelmetall in großen Mengen vorhanden sei; der dortige „cacico“ soll ganze Fahnen aus gehämmertem Gold besitzen, seine Residenz liege sehr weit gegen Osten zu.

Eure Hoheiten mögen mir gütigst glauben, daß es weit und breit keine besseren und fügsameren Menschen, als es diese hier sind, geben kann. Euer Hoheiten haben allen Grund, sich darüber herzlich zu freuen, da man diese Indianer bald zu guten Christen machen und sie in die Sitten und Gebräuche des Königreiches einführen kann, da es nirgendwo eine bessere Bevölkerung und schönere Gegenden geben kann. Ich habe mich über die Bevölkerung und das Gebiet der Insel Juana, die sie Kuba nennen, in überschwenglichen Worten geäußert. Allein zwischen dieser Spanischen Insel und jener anderen liegt ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Ich glaube kaum, daß jemand anderer, der dies alles gesehen hat, sich darüber anders äußern würde als ich es getan habe.

Tatsache bleibt, daß die Ländereien und Siedlungen dieser Spanischen Insel, die die Eingeborenen Bohío nennen, einfach wundervoll sind. Die Bewohner tragen ein ganz besonders liebenswertes Wesen zur Schau und haben eine gefällige Redeweise, sehr zum Unterschied von jener der Eingeborenen der anderen Inseln, deren Ausdrucksweise lauter Drohungen zu beinhalten scheint. Männer sowohl als Frauen sind gut gewachsen und haben eine dunkle Hautfarbe. Doch bemalen sie alle ihren Körper, sei es mit schwarzer oder einer anderen Farbe, am allermeisten mit roter; mir wurde bedeutet, daß sie dies zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen taten. Siedlungen und Behausungen sind hübsch und sauber, an ihrer Spitze stehen Häuptlinge oder Richter, denen sie in bewundernswerter Weise gehorchen. Diese Anführer sind wortkarg und sittenstreng; oft drücken sie einen Befehl mit einem Wink der Hand aus, den das ganze Volk erstaunlich rasch begreift.

Wer in die Bucht von San Tommaso einfahren will, muß auf die Höhe einer kleinen, flachen Insel zusteuern, gute vier Seemeilen von der Einfahrt entfernt. Diese in der Mitte befindliche Insel erhielt den Namen „Amiga“ (Freundin). Einen Steinwurf von dieser entfernt muß man sich nach Westen wenden, die Insel im Osten zurücklassend, und dann erst auf sie zuhalten. Man muß darauf bedacht sein, diese Kursrichtung einzuhalten, da sich auf der andern Seite eine von Osten kommende Klippenbank und seewärts überdies drei seichte Stellen erstrecken. Diese Klippenbank reicht fast um die Länge eines Bombardenschusses an die kleine Insel heran; man ist genötigt, durch diesen engen Zwischenraum hindurchzufahren, wo das Meer bei sandigem Grunde eine Tiefe von sieben Faden erreicht. Im Innern wird man einen Ankerplatz vorfinden, der leicht alle Schiffe der Welt zu beherbergen vermag. Auch zu Füßen des Berges Caribotán befindet sich gegen Westen zu eine schöne, große Reede.