Rückkehr über den Atlantik

Mittwoch, den 16. Januar

Drei Stunden vor Sonnenaufgang verließ ich jene Bucht, der ich den Namen „Bucht der Pfeile“ gegeben hatte, wobei ich zuerst mit Landwind, später mit Westwind in Richtung Ost-zu-Nord fuhr, um die Insel Carib zu erreichen, wo jene Wilden hausten, die alle Bewohner der erforschten Inseln so sehr mit Angst und Bangnis erfüllten, weil die Mär ging, daß sie mit ihren unzähligen Kanoes diese Gewässer heimsuchten und alle Menschen, deren sie habhaft werden konnten, verspeisten.

Die einzuschlagende Kursrichtung habe ich von einem jener vier Indianer erfahren, die ich tags zuvor in der „Pfeil-Bucht“ eingefangen hatte. Nach einer Fahrt von 64 Seemeilen versicherten mir die Indianer, daß die gesuchte Insel im Südosten liege, weshalb ich die entsprechende Kursänderung vornehmen ließ. Doch nach weiteren acht Seemeilen erhob sich ein starker, frischer, zur Rückfahrt nach Spanien sehr günstiger Wind. Da ich zudem wahrgenommen hatte, daß meine Mannschaften sich betrübt zeigten, als sie gewahr wurden, daß die Schiffe von der heimatlichen Fahrtrichtung abwichen, und da ferner die beiden Karavellen immer mehr Wasser machten, und keine andere Hilfe als Gottes Beistand uns zu Gebote stand, mußte ich die Kursrichtung aufgeben, die, meiner Meinung nach, nach der Insel der Caribi führte. So hielt ich Kurs auf Spanien in Richtung Nordost-zu-Ost und legte bis zum Sonnenuntergang 48 Seemeilen zurück.

Da erklärten die Indianer, daß man auf diesem Wege zur Insel Matinino gelangen würde, wo nur Frauen ansässig sind. Ich hätte jene Insel sehr gerne aufgesucht, um dem König und der Königin fünf oder sechs dieser weiblichen Wilden vorzuführen. Doch befürchtete ich, daß die Indianer die Fahrtrichtung nicht genau kannten und wollte wegen der leckgewordenen Schiffe die Heimreise nicht länger aufschieben.

Doch war ich davon überzeugt, daß diese Fraueninsel tatsächlich bestehe und die Männer von Carib zu bestimmten Jahreszeiten sie mit ihrem Besuch beehrten. Falls ein junge das Licht der Welt erblickte, wurde er nach der Männerinsel geschickt, während die Frauen die neugeborenen Mädchen bei sich behielten. Die beiden Inseln waren meiner Meinung nach etwa 40 oder 48 Seemeilen voneinander entfernt, wobei ihre Entfernung von der „Pfeil-Bucht“ nach Südosten an die 60 bis 80 Seemeilen beträgt, folglich mußten die Indianer sich in ihren Angaben geirrt haben.

Als das Kap der Spanischen Insel, das ich San Teramo benannt hatte , außer Sicht kam, fuhr ich bei strahlendem Wetter 148 Seemeilen in Richtung Ost-zu-Nord.

Donnerstag, den 17.Januar

Gestern, nach Sonnenuntergang, ließ der Wind etwas nach. Mit einer Stundengeschwindigkeit von vier Seemeilen legten die Schiffe 28 Seemeilen zurück. Später als der Wind wieder anzog, kamen sie um acht Seemeilen in der Stunde vorwärts, so daß sie insgesamt 84 Seemeilen in Richtung Nordost-zu-Ost hinter sich brachten. Ich sichtete viel von jenem Grase, das man im Ozean antrifft.

Freitag, den 18. Januar

Während der Nacht fuhren wir mit mäßigem Winde in ost-südöstlicher Richtung um 40 Seemeilen weiter; bis zum Sonnenaufgang legten wir 30 Seemeilen in Richtung Südost-zu-Ost zurück.

Von Tagesanbruch an ging die Fahrt den ganzen Tag über mit schwankendem, mäßigem Winde weiter, wobei ich bald gegen Norden, bald gegen Nordosten steuerte; insgesamt schätze ich, eine Entfernung von 60 Seemeilen zuückgelegt zu haben. Hie und da sichtete ich wieder treibendes Gras. Tags zuvor wimmelte es im Ozean von Thunfischen; ich glaube, daß diese Fische von hier aus zur Thunfischfangbucht des Herzogs von Conil und Cadiz gelangten.

Da in diesen Gewässern ein Fregattenvogel auftauchte , der die „Niña“ umflog, um dann in südöstlicher Richtung davonzufliegen, war ich der Ansicht, daß nicht allzu weit von hier einige Inseln liegen mußten. Und zwar müßten ost-südöstlich von der Spanischen Insel die Inseln von Carib, Matinino und noch viele andere liegen.

Samstag, den 19. Januar

Im Laufe der Nacht legte ich 56 Seemeilen in Richtung Nord-zu-Ost und 64 Seemeilen Nordost-zu-Nord zurück. Bei Tagesanbruch fuhr ich mit starkem Ost-Südost in nördlicher Richtung, wobei ich 84 Seemeilen zurücklegte. Das Meer war von kleinen Thunfischen bedeckt; Pelikane und Fregattenvögel umflogen die Schiffe.

Sonntag, den 20. Januar

Während der Nacht ließ der Wind nach, um dann plötzlich mit starken Böen wieder einzusetzen. Die Schiffe durchliefen in nordöstlicher Richtung 20 Seemeilen. Nach der Morgendämmerung legten sie weitere 11 Seemeilen nach Südosten und später 36 Seemeilen nach Nord-Nordosten zurück.

Die Luft war mild und weich, wie in Sevilla in den Monaten April und Mai, während das Meer Gott sei Lob und Dank stets ruhig blieb. Zahlreiche Fregatten- und Sturmvögel und andere Vogelarten kamen in Sehweite.

Montag, den 21. Januar

Gestern nach Sonnenuntergang steuerte ich unter Ost- und Nordostwind gegen Nord-zu-Ost. Bis gegen Mitternacht liefen die beiden Karavellen mit einer Stundengeschwindigkeit von acht Seemeilen, wobei sie 56 Seemeilen zurücklegten. Später setzen sie ihre Fahrt in nordnordöstlicher Richtung fort, so daß sie bei einer Stundengeschwindigkeit von acht Seemeilen im Verlauf der ganzen Nacht 104 Seemeilen in nordöstlicher Richtung vorrückten.

Nach Sonnenaufgang fuhren sie mit östlichem Winde gegen Nord-Nordosten weiter; mithin legten sie im Verlaufe von elf Tagesstunden 88 Seemeilen zurück, abzüglich einer Meile, die ich dadurch verlor, daß ich die Karavelle „Pinta“ ansteuerte, um mich mit Martin Alonso Pinzón besprechen zu können.

Ich fand die Temperaturen niedriger als in den vergangenen Tagen und meinte daher, daß sie mehr und mehr fallen würde, je mehr wir gegen Norden vorrückten; dies hing auch damit zusammen, daß infolge der Verengung des Erdglobus gegen die beiden Pole zu die Nächte immer länger wurden.

Dienstag, den 22. Januar

Gestern nach Sonnenuntergang fuhr ich mit östlichem Wind gegen Nord-Nordosten, wobei der Wind manchmal nach Südosten umsprang. Im Verlauf der Nachtstunden legte ich 72 Seemeilen auf meiner Fahrt zurück. Bei wechselnder Stundengeschwindigkeit und mit geringen Kursänderungen legten die beiden Karavellen bis gegen 11 Uhr vormittags andere 32 Seemeilen in ost-nordöstlicher Richtung zurück. Da der Wind dann plötzlich abbrach, kamen wir an diesem Tage nicht mehr weiter vorwärts. Die Indianer sprangen ins Meer, um zu schwimmen. Zahlreiche Vögel umflogen die Schiffe; die Meeresoberfläche war von jenem bekannten Grase bedeckt.

Mittwoch, den 23.Januar

In der vergangenen Nacht hatten wir sehr unter schwankenden Windverhältnissen zu leiden. Da ich alles wohl überlegt und die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, die ein guter Seemann stets im Auge zu haben verpflichtet ist, ließ ich die beiden Schiffe nach ihrem Gutdünken laufen. So setzten wir unsere Fahrt gegen Nordost-zu-Nord auf einer Strecke von 84 Seemeilen weiter fort.

Von Zeit zu Zeit sah ich mich genötigt, auf die „Pinta“ zu warten, die nur langsam vorwärts kam, weil sie ihre Besansegel nur wenig ausnützen konnte, da der Besanmast sich in schlechtem Zustand befand. Wenn ihr Kapitän Alonso Pinzón während seines Aufenthaltes auf den indischen Inseln mit ebensoviel Eifer für einen neuen Mast gesorgt hätte, wie er darauf verwendet hatte, sich von mir zu trennen, in der Hoffnung, sein Schiff mit Gold zu füllen, so hätte diesem Mißstand leicht Abhilfe geschaffen werden können.

Der Himmel war die letzten Tage über stets getrübt, ohne daß es regnete, während die See still und ruhig blieb wie ein Fluß. Als die Sonne aufging, fuhren wir einen Teil des Tages in rascher Fahrt um 30 Seemeilen nach Nordosten, den Rest des Tages kamen wir um weitere 30 Seemeilen in nord-nordöstlicher Richtung vorwärts.

Donnerstag, den 24. Januar

Im Verlauf dieser ganzen letzten Nacht legten wir infolge schwankender Windverhältnisse nur 44 Seemeilen gegen Nordosten zurück. Nach Sonnenaufgang kamen wir um 50 Seemeilen gegen Osten vorwärts.

Freitag, den 25. Januar

Ich fuhr mit meinen Schiffen einen Teil der Nacht in ostnordöstlicher Richtung um 38 Seemeilen weiter, später legte ich sechs Seemeilen in nord-nordöstlicher Richtung zurück. Bei Sonnenuntergang stellte ich fest, daß ich im Verlauf des ganzen Tages wegen des mäßig starken Windes nur 27 Seemeilen zurückgelegt hatte.

Meine Matrosen erlegten einen Thunfisch und einen großen Hai, die beide sehr gelegen kamen, da wir an Bord der Schiffe keine anderen Eßvorräte mehr hatten als Schiffszwieback, Wein und indische „ajes“.

Samstag, den 26. Januar

In der letzten Nacht rückten die beiden Karavellen in Richtung Ost-zu-Süd um weitere 56 Seemeilen vor. Als der Tag anbrach, verlegten wir unseren Kurs nach Ost-Südosten, dann nach Südosten. Bis 11 Uhr morgens hatten wir insgesamt 40 Seemeilen zurückgelegt. Später ließ ich die Schiffe beidrehen und braßte auf den Wind, wobei ich bis zum Einbruch der Nacht 24 Seemeilen gegen Norden zurücklegte.

Sonntag, den 27. Januar bis Samstag, den 2. Februar

Im Laufe dieser Woche fuhren die Karavellen, ihre Kursrichtung je nach den Windverhältnissen entsprechend ändernd, ohne daß besondere Zwischenfälle eintraten, der Heimat entgegen. Sie legten dabei insgesamt 729 Seemeilen zurück. Das Meer blieb die ganze Zeit über ruhig. Der Himmel war heiter und die Luft so mild wie im Monat April in Kastilien. Oft war das Meer so dicht von jenem Grase bedeckt, daß man hätte annehmen können, eine Untiefe zu überfahren, hätte man nicht gewußt, um was es sich eigentlich handelte.

Sonntag, den 3. Februar

In dieser Nacht legten wir 116 Seemeilen mit Rückenwind und bei spiegelglatter See zurück. Mir wollte es so scheinen, als ob der Polarstern so hoch am Horizont liege wie beim Kap San Vincenzo in Portugal. Ich konnte die Sonnenhöhe weder mit dem Astrolabium noch mit dem Quadranten messen, da der inzwischen eingetretene Wellengang mich daran hinderte. Im Laufe des Tages setzte ich meine Fahrt in ost-nordöstlicher Richtung mit einer Stundengeschwindigkeit von 10 Seemeilen weiter fort, wobei wir in 11 Sunden 108 Seemeilen zurücklegten.

Montag, den 4. Februar

Die Nacht über fuhren wir gegen Ost-zu-Nord. Insgesamt legten wir dabei 130 Seemeilen zurück. Das Wetter war trübe und regnerisch. Die Temperatur sank um einige Grade, woraus ich schloß, daß wir uns noch nicht in der Nähe der Azoren befanden. Nach Sonnenuntergang nahm ich einen Kurswechsel vor und fuhr gegen Osten. Im Laufe des Tages legen wir 77 Seemeilen zurück.

Dienstag, den 5. Februar

Auch in dieser Nacht verharrte ich auf meiner östlichen Fahrtrichtung, wobei ich insgesamt 55 Seemeilen zurücklegte. Im Laufe des Tages fuhren wir mit einer Stundengeschwindigkeit von 10 Seemeilen, so daß wir binnen 11 Stunden 110 Seemeilen hinter uns brachten. Wir sichteten zahlreiche Sturmvögel und einige schwimmende Holzstäbe, was auf Landnähe hindeutete.

Mittwoch, den 6. Februar

Im Laufe der Nacht rückten wir um 143 Seemeilen in östlicher Richtung vor. Während des Tages liefen die Schiffe mit einer Stundengeschwindigkeit von 14 Seemeilen, so daß sie im Laufe des ganzen Tages 154 Seemeilen zurücklegten.

Vicente Yañez Pinzón stellte fest, daß im Laufe des heutigen Morgens die Insel Flores nördlich und die Insel Madeira östlich von seinem Schiffe zu liegen kam. Roldán behauptete, daß die Insel von Fayal oder San Gregorio in nordöstlicher Richtung und Porto Santo nach Osten zu gelegen seien.

Donnerstag, den 7. Februar

Ich fuhr die Nacht über weiter gegen Osten. Da die beiden Karavellen mit einer Stundengeschwindigkeit von 10 Seemeilen dahinsegelten, so legten sie in 13 Stunden 130 Seemeilen zurück. Tagsüber kamen sie um weitere 88 Seemeilen vorwärts. Nach meinen Berechnungen befanden sich die Schiffe am heutigen Tage 300 Seemeilen südlich der Insel Flores. Der Pilot Pero Alonso war der Meinung, daß man bei Einhaltung des nördlichen Kurses zwischen den Inseln Terzera und Santa Maria hindurchfahren würde, während man mit östlichem Kurs die Insel Madeira, 48 Seemeilen von ihrer nördlichen Küste entfernt, auf Luvseite passieren würde.

Die Matrosen sichteten eine Grasart, die von der auf der Herfahrt beobachteten verschieden war; sie glich jenem Grase, das in den Gewässern im Umkreis der Azoren reichlich vorkam. Später jedoch entdeckten sie wieder das gleiche Gras, dem sie auf der Herfahrt begegnet waren.

Freitag, den 8. Februar

Im Laufe dieser Nacht legten wir 48 Seemeilen in östlicher Richtung zurück. Nach Sonnenaufgang durchliefen die Schiffe bis zur Mittagszeit27 Seemeilen; bis zum Sonnenuntergang legten sie die gleiche Anzahl Meilen zurück, also insgesamt 54 Seemeilen in süd-südöstlicher Richtung.

Samstag, den 9. Februar und Sonntag, den 10. Februar

Im Laufe des Samstag und in der Nacht auf den Sonntag legten die Schiffe in östlicher Richtung eine Entfernung von 198 Seemeilen zurück. Nach Tagesanbruch des Sonntag legten die Schiffe bei einer Stundengeschwindigkeit von 9 Seemeilen innerhalb von 11 Stunden 99 Seemeilen zurück.

Auf meiner Karavelle setzten Vicente Yañez Pinzón, Sancho Ruiz, Pero Alonso Niño und Bartolomeo Roldán den Schiffsort auf der Karte ab. Alle diese vier Kapitäne vertraten die Ansicht, daß sich die Schiffe sehr weit östlich der Azoren und südlich der Insel Santa Maria, die die letzte dieses Inselarchipels ist, befanden; ja sie behaupteten sogar, sich um 20 Seemeilen von der Insel Santa Maria entfernt zu haben und sich in der Nähe der Insel Madeira vor Porto Santo zu befinden. Ich hingegen war mir darüber klar, nicht so weit vorwärts gekommen zu sein, sondern viel weiter rückwärts zu liegen, als meine Kapitäne wahrhaben wollten.

Meinen Berechnungen zufolge ließen wir die Insel Flores im Norden zurück und fuhren gegen Osten mit Kurs auf Nafe an der afrikanischen Küste, wobei wir die Nordküste der Insel Madeira auf Luvseite passierten. Meine Kapitäne hatten also angenommen, daß wir uns um 600 Seemeilen näher bei Kastilien befänden als ich es berechnet hatte. Wenn einmal Land in Sicht gekommen sein wird, läßt es sich feststellen, wessen Berechnungen zutreffender sind. Auf der Herfahrt haben wir jenes Gras erst in einer Entfernung von 1052 Seemeilen von der Insel Ferro gesichtet.

Montag, den 11. Februar

Während der Nacht legten die Schiffe mit einer Stundengeschwindigkeit von 12 Meilen 156 Seemeilen zurück, im Laufe des Tages kamen sie um weitere 66 Seemeilen vorwärts. Wir sichteten viele Vögel, weshalb wir annehmen zu können glaubten, uns in Landnähe zu befinden.

Dienstag, den 12. Februar

Bis zum Morgengrauen fuhren wir in östlicher Richtung um 73 Seemeilen weiter. Dann begann die See hochzugehen und ein regelrechter Sturm brach los. Wäre die Karavelle nicht so seefest und wäre sie nicht so gut wieder instandgesetzt worden, so müßte ich Schlimmstes befürchten. Den ganzen Tag über legten wir mit Müh und Not an die 48 Seemeilen zurück.

Mittwoch, den 13. Februar

Von Sonnenuntergang bis zum Anbruch des Tages waren wir heftigen Windböen ausgesetzt, während die See rollte und ein Sturm losbrach. Dreimal blitzte es im Nord-Nordosten auf, was meiner Ansicht nach ein Anzeichen dafür war, daß von dort aus oder nach dieser Richtung hin ein Gewitter im Anzuge war. Die ganze Nacht liefen die Schiffe ohne Segel, später ließ ich die Segel teilweise setzen und legte so 52 Seemeilen zurück.

Im Laufe des Tages ließ der Wind an Stärke etwas nach, um aber gleich wieder mit erneuter Heftigkeit einzusetzen. Das Meer schäumte wild auf, hohe Brecher, die sich übereinander türmten, fielen über die Schiffe her. Trotzdem kamen die Schiffe um 55 Seemeilen vorwärts.

Donnerstag, den 14. Februar

Im Laufe der Nacht ging ein Sturmwind los, die Wogenberge nahmen eine erschreckende Größe an; sie kamen von allen Seiten, stürzten aufeinander und bedrängten das Schiff so sehr, daß es weder vorwärtskommen noch auch nur aus dem entfesselten Hexenkessel sich zu befreien vermochte, um dann an den Bordwänden der „Niña“ zu zerschellen. Ich gab Befehl, das Segel des Mittelmastes ganz tief zu setzen, gerade genug, um das Schiff vor den anstürmenden Wogen etwas zurückzuhalten. Auf diese Weise legten wir in dreistündiger Fahrt 20 Seemeilen zurück.

Da aber Meer und Wind immer toller wurden und die Gefahr immer bedrohlichere Ausmaße annahm, so ließ ich den Gewalten des Sturmes freien Lauf, gab es doch keine andere Rettung mehr.

Nun ließ sich auch die unter dem Kommando Martin Alonso Pinzóns stehende „Pinta“ vom Winde hertreiben und verschwand vor meinem Blick, trotzdem ich die ganze Nacht hindurch mit der Bordlaterne Leuchtsignale gab, die die „Pinta“ solange beantwortete, als der Sturm es ihr zuließ. Dann aber kam sie allzu sehr aus meiner Kursrichtung. Ich selber fuhr die Nacht über nach Nordostzu-Ost über eine Entfernung von 54 Seemeilen.

Nach Sonnenaufgang nahm die Heftigkeit des Sturmwindes nur noch zu, während die See in ihrer Bewegtheit keine Grenzen kannte. Mein Schiff fuhr nur noch mit dem zur Hälfte hochgezogenen Segel des Mittelmastes, um ein Versinken des Schiffes unter den Wogenmassen zu verhindern. Es lief in ost-nordöstlicher Richtung, drehte dann gegen Nordosten bei; es legte so innerhalb von 6 Stunden 30 Seemeilen zurück.

Da gebot ich, durch das Los zu bestimmen, welcher von den Seefahrern zum Wallfahrtsort der Santa Maria von Guadalupe pilgern und dieser wundertätigen Muttergottes eine Kerze, die fünf Pfund wog, darbringen sollte. Zu diesem Zwecke ließ ich soviel Kichererbsen sammeln, als Menschen an Bord waren, in eine von ihnen ein Kreuz einritzen, worauf sie in eine Mütze getan und fest durcheinandergeschüttelt wurden. Als erster griff ich hinein und zog die mit dem Kreuz versehene Erbse heraus. So war also das Los auf mich gefallen, weshalb ich mich denn auch von jetzt ab als Pilger betrachtete, der sein Gelöbnis einzulösen hatte.

Und noch ein zweites Mal wurde das Los gezogen, um einen anderen Pilgrim nach Santa Maria di Loreto zu entsenden, jenem Wallfahrtsort, der in der Mark von Ancona im Kirchenstaat liegt, woselbst die Heilige Mutter Gottes viele große Wunder gewirkt hat und noch heute wirkt. Das Los fiel auf einen Seemann aus Puerto di Santa Maria mit Namen Pedro de Villa, dem ich die Reiseauslagen zu vergüten versprach. Ein dritter Pilgersmann sollte in der Kirche der Santa Clara di Moguer eine Nachtwache halten und eine Messe dort verlesen lassen. Das gezogene Los ersah auch hierfür mich selbst.

Hierauf legten ich selbst und alle meine Gefährten das feierliche Gelöbnis ab, in dem Lande, wo wir Rettung finden würden, nur mit einem Hemde bekleidet in einer Prozession zu einer Kirche ZU ziehen, die der Heiligen Mutter Gottes geweiht war, um dort zu beten.

Neben diesen allgemeinen Gelöbnissen legte jeder einzelne noch ein besonderes Gelübde ab, da keiner diesem Sturme zu entrinnen vermeinte, der alles zu verschlingen drohte. Die Gefahr wurde dadurch noch verschlimmert, daß die Karavelle keinen Ballast hatte, da die aufgezehrten Lebensmittel und das verbrauchte Wasser die Schiffsladung erheblich vermindert hatten. Die Zuversicht, daß das Schönwetter, welches während unseres Aufenthaltes auf den Inseln geherrscht hatte, von Dauer sein würde, hatte mich davon abgehalten, mein Schiff mit dem nötigen Ballast zu versehen; allerdings hatte ich mir vorgenommen, das Schiff beim Anlaufen auf der Fraueninsel entsprechend zu belasten. Diesem Mißstand suchte ich dadurch Abhilfe zu schaffen, daß ich, sobald es ausführbar war, alle leeren Wasser- und Weinfässer mit Meerwasser füllen ließ. (Im folgenden zählt der Admiral die Gründe auf, die ihm jede Furcht nahmen, daß der Herrgott seinen Untergang zulassen könnte, und ihn in der Hoffnung bestärkten, daß der Allmächtige ihn erretten würde, auf daß die Botschaft die er den Herrschern Spaniens zu überbringen hatte, nicht mit ihm zunichte werde.)

Ich hätte dies Ungemach mit größerem Gleichmut ertragen, wenn es sich dabei nur um meine Person gehandelt hätte. Denn ich bin mir wohl bewußt, mein Leben dem Erhabenen Schöpfer zu verdanken, hatte ich mich doch schon zu anderen Malen dem Tode so nahe befunden, daß nur ein einziger Schritt mich von den Toren der Ewigkeit trennte. Was mich aber mit unsäglichem Schmerze erfüllte, war der Gedanke, daß der Allmächtige Herrgott in seiner Gnade mir unerschütterlichen Glauben an mein Unternehmen eingegeben und zum Siege verholfen habe, um jetzt, wo alle unsere Widersacher verstummen müßten und Eure Hoheiten durch meine Tat an Ruhm und Staatsmacht bereichert werden sollten, dies alles durch meinen Tod zuschanden werden zu lassen.

Allein auch dies wäre noch ertragbar, wenn mein Untergang nicht auch den Untergang all meiner Leute nachsichziehen würde, denen ich einen ertragreichen Erfolg in Aussicht gestellt habe. In ihrer Bedrängnis fluchten sie nicht nur ihrem Schicksal, das sie zu diesem Unternehmen veranlaßt hatte, sondern verübelten es mir auf das schwerste, ihrem Entschlusse, umzukehren, nicht nachgegeben zu haben.

Unsägliche Betrübnis bereitete mir vor allem der Gedanke an meine zwei Kinder, die ich ohne jede Unterstützung in der Fremde in Cordova zurückgelassen hatte, wobei ich mich nicht einmal rühmen kann, daß meine Euren Hoheiten erwiesenen Dienste als solche erkannt werden konnten, weshalb sich Eure Hoheiten veranlaßt sehen könnten, ihnen beizustehen. Obzwar mich einerseits der Glaube aufrechterhielt, daß unser Herrgott es niemals zulassen könne, daß ein Unternehmen, weiches zur Ehre seiner Kirche gereichte und das ich nach so viel überstandenen Mühen und Widerwärtigkeiten zu gutem Ende geführt hatte, unvollkommen bleiben und ich selber dabei zugrundegehen sollte, so glaubte ich doch Annehmen zu müssen, daß der Allmächtige wegen meines Unverdienstes oder in der Absicht, mir auf Erden nicht einen so großen Ruhm zuteil werden zu lassen, mein Unternehmen an diesem Punkte abbrechen wollte. Und so gedachte ich in meiner Bestürzung Eurer Hoheiten, die, falls ich umkommen sollte und die Schiffe untergingen, dennoch der Erlebnisse dieses siegreichen Unternehmens nicht verlustig gehen sollten. Es mußte einen Weg geben, Euren Hoheiten Nachricht über den erfolgreichen Ausgang meiner Reise zukommen zu lassen.

In dieser Absicht schrieb ich auf Pergamentblätter in der Kürze der mir zu Gebote stehenden Zeit alles nieder, was sich auf die Entdeckung jener Länder bezog, die ich zu vollführen versprochen hatte. Ich gab darin die benötigte Zeit, die Wege, die ich eingeschlagen, die Güte der entdeckten Länder und die Eigenschaften ihrer Bewohner an, die innerhalb all dessen, wovon ich im Namen Eurer Hoheiten Besitz ergriffen hatte, zu Ihren ergebenen Untertanen geworden waren. Dieses wohlversiegelte Schreiben richtete ich an Eure Hoheiten und versprach demjenigen, der es verschlossen und unversehrt überbringen würde, tausend Dukaten, damit, falls es in fremde Hände fallen sollte, jene Belohnung den Finder davon abhalte, sich seinen Inhalt zunutze zu machen. Dann ließ ich mir ein großes Faß bringen. Ich wickelte das Schreiben in ein Stück Wachsleinwand ein, steckte es in einen Wachskuchen und legte alles zusammen in das Faß, das ich dann, dicht abgeschlossen, ins Meer warf. Alle hielten dies für eine fromme Handlung. In weiser Voraussicht, daß jenes Faß seinen Bestimmungsort nicht erreichen könnte, die Schiffe aber immerhin noch gegen Kastilien fuhren, so verfertigte ich noch eine zweite, in gleicher Weise verwahrte Botschaft und verstaute sie am Hinterschiff, damit, falls das Schiff untergehen sollte, das Faß an der Oberfläche auf gut Glück weiterschwimme. (Bald darauf traten Sturzböen und Wolkenbrüche ein, der Wind sprang nach Westen um, so daß er Admiral mit Rückenwind fünf Stunden lang nur mit dem Focksegel weiterfuhr, trotzdem das Meer noch in ziemlichem Aufruhr war. So legte er 10 Seemeilen in nordöstlicher Richtung zurück.)