Der Zug hält doch

Neermoor in Ostfriesland hat wieder einen Bahnanschluss | Zur Premiere sorgte die Deutsche Bahn für Irritation

Der Regionalexpress RE 15 von Emden nach Münster fährt in Neermoor ein.

Für die Ortschaft Neermoor in Ostfriesland hat ein neues Kapitel Bahngeschichte begonnen. Seit dem 1. Mai 2026 halten wieder Personen- bzw. Nahverkehrszüge der Westfalenbahn auf der Strecke Münster-Emden stündlich an einem neu errichteten Haltepunkt. Der alte Bahnhof, der ein Stück weiter südlich liegt, wurde 1979 stillgelegt und später verkauft.

Die Premiere, die ohne offizielles Tamtam erfolgte, war von einer bösen Panne im Auskunftssysem der Deutschen Bahn überschattet. Wer bei der Bahn nach einer Verbindung nach oder von Neermoor suchte, las: Halt entfällt! oder Verbindung fällt aus! Auch die Anzeigetafel auf dem Leeraner Bahnhof wies – etwas kryptisch durch ein kleines schwarzes „H-“ auf weißem Grund – darauf hin. So mancher Bahnreisender und 1.-Mai-Ausflügler hat wohl deshalb umgeplant.

Die Bahn verbreitet falsche Informationen.

Die App der Westfalenbahn sagte etwas anderes. Tatsächlich hielten die Züge dort, und im Zug wurde „Nächste Station: Neermoor“ angezeigt und angesagt.

Ich habe die neue Verbindung am Nachmittag ausprobiert. Die Züge zwischen Leer und Emden fahren so, dass man in Neermoor einige Minuten Zeit hat, bis der Gegenzug aus Emden kommt und man wieder zurückfahren kann (sonst muss man eine Stunde in Neermoor Langeweile schieben). Wenn alles gut läuft. Wenn der Zug aus Leer allerdings nur ein, zwei Minuten Verspätung hat und der aus Emden pünktlich ist, wird es ein Wettlauf gegen die Zeit. Die beiden Bahnsteige liegen versetzt an der Kirchstraße, die man überqueren muss, bevor wegen des Gegenzugs die Schranken runtergehen. Dann halten die Züge auch noch in Fahrtrichung am Ende der sehr langen Bahnsteige (225 Meter gegenüber 150 Meter Zuglänge).

Ich hatte jedenfalls kaum Zeit, ein gescheites Foto zu machen, und musste mich dann auch noch sputen, um den Zug nicht zu verpassen.

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Erinnerung ans Dampfzeitalter

Vor dem Bahnhof Emden steht seit mehr als 40 Jahren eine Dampflok. Sie beförderte 1977 den letzten planmäßigen mit Dampf gezogenen Zug der Bundesbahn.

Die Lok, mit der die Dampflok-Ära der Deutschen Bundesbahn zu Ende ging, steht vor dem Emder Bahnhof. Im Hintergrund ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wie in vielen anderen Städten ist auf dem Vorplatz des Emder Bahnhofs eine alte Dampflok ausgestellt. Sie seht dort seit mehr als 40 Jahren. Es handelt sich um eine schwere Güterzug-Lokomotive der DB-Baureihe 043 mit der Nummer 903-4. Mit ihr wird an die letzte planmäßige Fahrt einer Dampflok der Deutschen Bundesbahn erinnert. Am 26. Oktober 1977 überführte die 043 903-4 (Baujahr 1943) einen Hilfszugwagen vom wenige Kilometer entfernten Bahnhof Oldersum nach Emden. Exakt um 16.04 Uhr an diesem Tag endete die Dampflok-Ära der Deutschen Bundesbahn auf einem Abstellgleis des DB-Betriebswerks Emden.

Die sogenannte Emslandstrecke zwischen Rheine und Emden war die letzte Strecke der Deutschen Bundesbahn, die regulär mit Dampfloks befahren wurde. Der letzte Personenzug mit Dampfantrieb war am 23. Oktober ein Sonderzug bei einer Abschiedsfahrt zwischen Emden und Rheine. Nach einem mehrjährigen Dampflokverbot, das die Deutsche Bundesbahn für ihre Strecken erlassen hatte, werden einige alte Dampfrösser heute wieder für Sonderfahrten eingesetzt.

Mehr Infos zur Emder Denkmallok gibt es hier.

Science-Fiction-Autor auf stählernen Abwegen

Schriftsteller George R. R. Martin hat in Santa Fe eine Eisenbahnstrecke gekauft. Mit SF wie Science-Fiction hat das nichts zu tun, auch wenn es um die SFSR geht.

1879 erreichte die Eisenbahn den kleinen Ort Lamy in Neumexiko. Das Gemälde von Willard Andrews ist aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Science-Fiction und Eisenbahnromantik, passt das zusammen? Schon für Jules Verne, unbestritten der Pionier der technisch orientierten SF, gehörten Dampfloks und Zugfahrten zum Alltag und hatten nichts Phantastisches an sich. Die Beziehung zwischen SF und Eisenbahn besteht vielmehr auf der persönlichen Ebene. Ich kenne in der SF-Szene einige, die sich für große und kleine Loks begeistern können, mich eingeschlossen. Prominentester Fan dieser Sorte dürfte George R. R. Martin sein.

Martin, der mit »A Song of Ice and Fire« die Vorlage für die weltweit erfolgreiche Fernsehserie »Game of Thrones« schrieb, hat im Sommer 2020 zusammen mit zwei Partnern eine ganze Eisenbahnlinie gekauft – die Santa Fe Southern Railroad (SFSR). Ihr Ziel: Den 2012 zwischen Santa Fe, der Hauptstadt des US-Bundesstaats New Mexico, und der Ortschaft Lamy  eingestellten Zugverkehr zu reaktivieren und vor allem Erlebnistouren anzubieten.

Bis es soweit ist, müssen die neuen Eigentümer noch eine Menge Geld ausgeben. Dazu gibt es ein schönes Video auf der Homepage von George R. R. Martin. Fernseh-Junkies könnten die SFSR kennen. In der 51. Folge »Tödliche Fracht« der Serie »Breaking Bad« überfällt Walter White mit seinen Leuten einen Zug der Linie, um an eine Chemikalie zur Drogenherstellung zu kommen.

Als die Eisenbahn nach Neumexiko kam

Die Tatsache, dass Martin jetzt Eisenbahner ist, wäre an mir Eisenbahnerkind wohl vorbeigegangen, wenn ich nicht wegen eines Fotos recherchiert hätte, das mir vor ein paar Tagen in die Hände gefallen ist. Ich habe es 2013 in Santa Fe gemacht. Es ist die Aufnahme eines  Gemäldes von Willard Andrews (1899-1989), einem Historien- und Landschaftsmaler. Das Bild ist als »The Coming Of The Railway« bekannt und soll die Ankunft des ersten Zuges der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad in Lamy zeigen. Das war 1879. Das Gemälde selbst stammt aus den 1950er Jahren und ist im Parlamentsgebäude in Santa Fe ausgestellt.

Bisher ist es mir nicht gelungen, die Lok zu identifizieren. Dazu ist zu wenig zu erkennen. Sie ist eine »American Type«-Lok mit dem charakteristischen großen, trichterförmigen Schornstein und dem Kuhfänger, wie man sie etwa aus dem Film »The General« mit Buster Keaton aus dem Jahr 1926 kennt. Dieser Lok-Typ wurde von mehreren Firmen gebaut und speziell für die jeweilige Eisenbahngesellschaft ausgestattet.

Ein Gemälde des Bahnhofs von Santa Fe hing dort in meinem Hotelzimmer.

Santa Fe – ein Sehnsuchtsort

Santa Fe war für mich eine Art Sehnsuchtsort. Als Zwölf-, 13-Jähriger habe ich im Fernsehen die Westernserie »Westlich von Santa Fe« (Originaltitel »The Rifleman«) geschaut. Auch in anderen Western kam die Stadt vor, denn dort endete eine wichtige inneramerikanische Handelsroute, der Santa Fe Trail.

Am meistern aber war ich von den gelb-rot-silbernen amerikanischen Dieselloks, die mit etwas Glück zu Weihnachten auf der Modellbahnanlage im Spielwarenladen ihre Runden drehten, fasziniert. Die Züge sahen so ganz anders aus, als das, was auf unseren Schienen fuhr. Ganz groß prangte auf der Stirnseite mit den beiden bulligen Scheinwerfern der Name »Santa Fe«. Aus dem Märklin-Katalog erfuhr ich, dass die Loks für die Bahngesellschaft AT&SF – Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad – fuhren. Leisten konnte ich sie mir damals von meinem Taschengeld nicht. Das reichte gerade mal für Science-Fiction-Hefte.

Die charakteristische Farbgestaltung der Santa-Fe-Loks wird „Kriegsbemalung“ (warbonnet) genannt. Foto: Roger Puta/gemeinfrei

Viele Jahre habe ich nicht mehr an Santa Fe und die AT&SF gedacht, bis ich 2013 die Gelegenheit hatte, die Stadt zu besuchen. Vielleicht, war meine Hoffnung, würde ich dort auf eine Spur der bulligen Loks (Es handelt sich um die zwischen 1949 und 1953 gebaute F7 der General Motors Electro-Motive Division) stoßen. Schon die erste Internet-Recherche sorgte für Enttäuschung: Diese Loks und die Fernzüge der AT&SF sind nie nach Santa Fe gefahren. Die transkontinentale  Strecke, die Kansas mit dem wilden Westen verbinden sollte, wurde wegen der schwierigen Geländeverhältnisse südlich an der Stadt vorbei nach Albuquerque und weiter in Richtung Pazifikküste geführt.

Die AT&SF baute 1880 lediglich eine knapp 30 Kilometer lange, von der Stadt Santa Fe bezahlte kurvenreiche Nebenstrecke, die am kleinen Bahnhof Lamy abzweigt. Sie wurde 1992 von der Santa Fe Southern Railroad übernommen, die dort 20 Jahre lang vor allem Güter transportierte und touristische Fahrten anbot. Eine weiter westlich verlaufende Strecke verbindet Santa Fe seit 2006 mit Albuquerque, der größten Stadt Neumexikos. Endstation ist Belen. Dort verkehrt der New Mexican Rail Runner Express, ein Nahverkehrszug. Der nördliche Teil der Strecke wurde dafür neu gebaut. Beide Strecken sind einspurig und wie die meisten in den USA nicht elektrifiziert.

Diesellok-Parade am Bahnhof Santa Fe:  Die EMD GP 15 der Santa Fe Southerrn Railway steht neben zwei Motive Power 36PH-3C-Loks des New Mexico Road Runner.

Eine Anekdote über den Bahnhof Lamy vermittelt zumindest ein bisschen Science-Fiction-Flair. Als die Wissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs an der Entwicklung der US-Atombombe im »Manhattan Project« beteiligt waren, mit ihren Familien aus dem ganzen Land mit dem Zug nach Neumexiko kamen, mussten sie in Lamy »in the middle of nowhere« aussteigen. Von dort wurden sie zuerst nach Santa Fe und dann an ihre Arbeitsplätze im National Laboratory in Los Alamos, eine gute Autostunde von Santa Fe entfernt, gebracht.

Ein unscheinbarer Bahnhof und ein Kino

Der Kopfbahnhof von Santa Fe, immerhin die Hauptstadt eines US-Bundesstaats, ist seiner früheren und heutigen Bedeutung entsprechend enttäuschend klein. Er hat nur einen Bahnsteig und insgesamt vier kurze Gleise. Dort kann man nicht nur die modernen Doppelstockzüge des Rail Runners, gezogen von  Motive Power 36PH-3C-Loks, sehen, sondern auch die seinerzeit einzige fahrbereite Lok der Santa Fe Southern Railroad. Es handelt sich dabei um eine EMD GP 15 der General Motors Electro-Motive Division, die in den 1980er Jahren gebaut wurde. Inzwischen ist eine zweite Lok dieses Typs mit einem neuen Motor ausgestattet worden, meldete George R. R. Martin in seinem Blog. Auch ein paar historisch anmutende Personenwagen der Linie stehen dort herum – und tatsächlich einer der Aussichtswagen der AT&SF-Fernzüge aus Aluminium, auf dem die Aufschrift »Santa Fe« prangt.

Der Bahnhof von Santa Fe hat nur einen Bahnsteig.

Gleich hinterm Bahnhof liegt das Jean Cocteau Cinema. Das kleine Kino war zu der Zeit, als ich in Santa Fe war, gerade von Martin gekauft worden. An das Gebäude kann ich mich wegen einer mit blauen Glasplättchen umhüllten Säule am Eingang gut erinnern; das Kino war damals geschlossenen. Leider habe ich davon  kein Foto gemacht. Dort gibt es inzwischen einen Phantastik-Buchladen, in dem unter anderem ein Modell der schwebenden Kampfmaschinen aus dem Film »The War of the Worlds« von 1953 von der Decke hängt. Zumindest bei George R. R. Martin gehören Science-Fiction und Eisenbahn zusammen.