In zwölf Zutaten präsentiert Drew Smith eine Geschichte des Columbian Exchange. Der Austausch von Nutzpflanzen und -tieren zwischen der Neuen und der Alten Welt hat nicht nur den Speiseplan geändert.
Drew Smith: Das Festmahl der Eroberer Eine Geschichte der Entdeckungen in zwölf Zutaten Aus dem Englischen von Alan Tepper und Andreas Schiffmann. 224 S., 28 Euro. Darmstadt 2021. ISBN 978-3-8062-4029-0
Als Christoph Columbus und seine Mannen im März 1493 von der Amerika-Entdeckung nach Europa zurückkehrten, begann das, was als Columbian Exchange bezeichnet wird: der Austausch von Nutztieren und -pflanzen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Vom kolumbischen Austausch handelt »Das Festmahl der Entdecker« von Drew Smith. Der britische Publizist, Gastronomiekritiker und begeisterte Koch beschränkt sich dabei nicht auf Amerika und Europa, sondern bezieht Asien und Afrika ein. Denn der Columbian Exchange war von Beginn an ein globales Phänomen, in dem die europäischen Entdecker, Eroberer und Händler eine Vermittlerrolle einnahmen. Denn sie brachten die Produkte von einem Ende der Welt zum anderen.
In zwölf Kapiteln liefert Smith zu ausgewählten Nahrungs- und Genussmitteln – vom Zuckerrohr über Tomaten und Kartoffeln bis zu Schokolade und Schweinefleisch – interessante, zum Teil abseitige historische Fakten und Anekdoten. Der Leser erfährt zum Beispiel, dass das Verfahren, Gewürze zu mischten und damit Fleisch einzureiben, in Mesoamerika entwickelt wurde, oder auf wen das in den USA und Großbritannien so beliebte Thanksgiving-Dinner zurückgeht. Er geht auf sozioökonomische Zusammenhänge ein, denn es haben sich durch den Columbian Exchange nicht nur die Speisepläne grundlegend geändert, sondern auch die Lebensumstände ganzer Kontinente. Wie sähen wohl Deutschland ohne Kartoffeln, Italien ohne Tomaten, Ungarn ohne Paprika oder Texas ohne Rindfleisch aus? Es gäbe keine Bananenrepubliken, keinen Rum und keine Schokoladenweihnachtsmänner. Smith macht deutlich, wie sehr der kolumbische Austausch die Welt verändert hat, und nicht unbedingt immer zum Guten.
Das Buch enthält ein paar Fehler und Ungenauigkeiten. Einige davon dürften auf die Übersetzer zurückgehen. So wird an einer Stelle Pfeffer genannt, wo es wohl Paprika (red pepper) heißen soll. Überprüfen lässt sich das nicht ohne Weiteres. Denn das englische Original des Buches (»The Conquerers’ Feast«; Elwin Street Productions Ltd.) ist wegen der Covid-19-Pandemie noch nicht erschienen. Die Veröffentlichung ist für kommendes Jahr geplant.
Falsches Datum für Amerika-Entdeckung
Ein kapitaler Fehler steht auf Seite 14. Dort heißt es: »Am Weihnachtsabend 1492 füllten die leichte Winde endlich die Segel der Karacke [Santa Maria] und offenbarten den Europäern erstmalig die Küstenlinie der heutigen Bahamas.« Die Bahamas erreichte Columbus’ kleine Flotte von drei Schiffen – im Buch wird der Eindruck erweckt, Columbus sei nur mit einem Schiff und 40 Mann Besatzung gefahren – bereits am 12. Oktober 1492 (und über zu wenig Wind mussten sich die Spanier zu dem Zeitpunkt auch nicht beklagen; laut Columbus’ Bordbuch fuhr sein Schiff, bevor Land gesichtet wurde, mit zwölf Seemeilen pro Stunde). Am Weihnachtsabend 1492 lief die Santa Maria, das Flaggschiff, an der Nordküste der Insel Hispaniola auf eine Sandbank und wurde abgewrackt.
Dann ist da der Fall Strickland, eigentlich eine Lappalie. Aber hier zeigt sich wieder einmal, dass vermeintliche Tatsachen oft ungeprüft in Sachtexten übernommen und weiterverbreitet werden, selbst wenn sie offensichtlich falsch sind. Smith schreibt, dass ein gewisser William Strickland, ein Adliger aus Nordostengland, als junger Mann den Entdecker Sebastian Cabot auf einer seiner Amerikafahrten begleitete und 1521 den Truthahn in England eingeführte. So steht es auf zahlreichen Internetseiten, unter anderem in der englischen Wikipedia (Link). Dort ist Stricklands Todestag genannt: 15. Dezember 1598. Er wird wohl kaum 77 Jahre vorher den Truthahn nach England gebracht haben, geschweige denn 1508/09 mit Cabot unterwegs gewesen sein.
Auf schön illustrierten Doppelseiten werden zum Kapitelthema passende Original-Rezepte vorgestellt. Nicht alle treffen wie dieses für Pfannenmaisbrot den heutigen Geschmack.
Alles in allem ist »Das Festmahl der Entdecker« ein sehr lesenswertes Buch. Angereichert werden Fakten und Anekdoten mit einer ganzen Reihe von historischen Rezepten, aus denen Leserinnen und Leser sich Anregungen für die eigene Küche holen können. Am Ende führen zwei Tabellen auf, was an Tieren und Pflanzen zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgetauscht wurde. Einen Extrastern gibt es für die exzellente Auswahl an Illustrationen.
In »Kolumbus, der entsorgte Entdecker« geht es um den unfreiwilligen Jamaika-Aufenthalt des Seefahrers. Dabei spielt eine Mondfinsternis eine Rolle.
Wolfgang Wissler: Kolumbus, der entsorgte Entdecker. Das Desaster des legendären Seefahrers. Gebunden, 192 Seiten, 22 Euro ISBN 978-3-7776-2916-2 S. Hirzel Verlag, Stuttgart
Einen Roman über ein bedeutendes historisches Ereignis wie die Entdeckung Amerikas zu schreiben ist immer eine Gratwanderung. Der Leser weiß meistens zumindest grob, was passiert ist und kann nicht wirklich überrascht werden, und häufig fehlt den Dingen, die sich im wirklichen Leben abspielen, das, was einen Roman ausmacht: Spannung. Da hilft nur Fiktionalisierung, der Autor muss etwas erfinden. Wer nah an der historischen Wirklichkeit bleiben will, beschränkt sich auf Dialoge, andere dramatisieren vorhandene Konflikte, und manchmal werden Personen und Ereignisse komplett erfunden oder weggelassen. Dem Konstanzer Journalisten und Schriftsteller Wolfgang Wissler ist in seinem als literarisches Sachbuch bezeichneten Roman »Kolumbus, der entsorgte Entdecker« eine gute Mischung gelungen, an der es nur wenig auszusetzen gibt.
Wissler erzählt nicht die Geschichte der Entdeckung. Er widmet sich einem der letzten Kapitel im Leben des Entdeckers. Ende Juni 1503 strandete Kolumbus mit 116 Männern auf Jamaika. Seine letzten verbliebenen zwei von elf Schiffen, die Capitana und die Santiago de Palos, waren vom Schiffsbohrwurm zerfressen und nicht mehr seetüchtig. Er schickte mehrere Besatzungsmitglieder unter Führung von Diego Méndez in zwei Indianerkanus los, um aus der Kolonie auf der Insel Hispaniola Hilfe zu holen, was Gouverneur Nicolás de Ovando monatelang hinauszögerte. Die Spanier auf Jamaika waren in dieser Zeit auf die Unterstützung der Eingeborenen angewiesen, was zu Spannungen führte. Ein Teil der Besatzung meuterte Anfang 1504 unter der Führung von Francisco de Porras und dessen Bruder Diego und zog marodierend über die Insel, nachdem es ihnen wegen schlechten Wetters nicht gelungen war, Hispaniola in Kanus zu erreichen. Erst Ende Juni 1504 kann Méndez ein Schiff organisieren, um seine Kameraden abzuholen.
Krank, einsam, desillusioniert
Von den Ereignissen erfährt der Leser abwechselnd aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten, die davon betroffen sind, oft in längeren inneren Monologen. Allen voran ist das natürlich Kolumbus. Der von Krankheit gezeichnete, einsame und desillusionierte Entdecker ist die meiste Zeit damit beschäftigt, die Besatzungsmitglieder unter vier Augen in »Mitarbeitergesprächen« bei der Stange zu halten. Dass der Admiral so jovial auftrat, ist wenig glaubwürdig. Ein Mann, vor dem sich das Königspaar nach seiner ersten Reise erhoben hatte, wird sich nicht mit dem Fußvolk abgegeben haben. Dazu hatte er seine Offiziere. Deshalb nehme ich an, dass Wissler das ironisch meint.
Der Kazike Ameyro, das Oberhaupt der Eingeborenen, weiß nicht so richtig, wie er mit der Situation umgehen soll. Er sucht einerseits den friedlichen Kontakt mit den Spaniern und versorgt sie mit Lebensmitteln, andererseits fürchtet er sie und gerät wegen seiner Wankelmütigkeit bei seinen eigenen Leute in Schwierigkeiten.
Der Meuterer Francisco de Porras erkennt nach und nach, dass seine Lage aussichtslos ist, als seine Gefolgschaft in Scharmützeln mit den Indios schrumpft. Schließlich überfallen er und seine Leute die columbustreuen Spanier. Sie wollen sie umbringen, um für den Fall, dass Rettung kommt, als einzige Überlebende dazustehen. Der Überfall scheitert. Im Roman ist Columbus gnädig mit de Porras. In Wirklichkeit hat er ihn in Ketten gelegt.
Spanier kämpfen gegen Spanier: Die Meuterei von Francisco de Porras wurde von Theodor de Bry in seinem monumentalen Werk über die »West-Indischen Reisen« (1590-1618) verewigt.
Der Venezianer Amerigo Vespucci, nach dem Amerika benannt wurde, kommt nach Hispaniola und versucht, sich bei Gouverneur Ovando einzuschleimen. Beide haben ein Interesse daran, dass Kolumbus nicht zurückkehrt und auf Jamaika verreckt. Ovando weiß, dass Columbus ihm die Führung der Kolonie streitig machen würde, und Vespucci möchte gerne als der eigentliche Entdecker der Neuen Welt zu ewigem Ruhm gelangen.
Wissler tut Vespucci Unrecht, indem er ihm fast schon krankhaften Neid auf Kolumbus unterstellt. Die beiden Italiener waren seit 1492 zeitweise Geschäftspartner und tauschten sich über ihre Amerikareisen aus. Kolumbus hielt große Stücke auf ihn. »Er hat immer den Wunsch, mir Freude zu machen. Er ist ein sehr anständiger Mann«, schrieb er Anfang 1505 an seinen Sohn Diego. Vespucci war 1504 nicht auf Hispaniola, sondern nahm (möglicherweise) an einer portugiesischen Expedition teil, die die Küste Brasiliens erkundete. Zutreffend ist, das er zu Übertreibungen neigte. Geschäftstüchtig sorgte er dafür, dass sein Ruhm als Entdecker sich verbreitete, während Columbus damit beschäftigt war, seine vom spanischen Königshaus gewährten großzügigen Privilegien nicht zu verlieren.
Die Geschichte auf den Kopf gestellt
Schließlich ist da der Unberührbare, der in Ameyros Stamm lebt. Dieser nach einem Unfall querschnittgelähmte Europäer ist die einzige erfundene Hauptfigur in Wisslers Roman. Er heißt Gabriel und ist ein alter Freund von Kolumbus. Beide haben 1476 mit einem kleinen Schiff den Atlantik überquert und die Neue Welt entdeckt. Während Gabriel dort blieb, kehrte Kolumbus allein (!) zurück, um ganz offiziell auf Entdeckungsfahrt gehen zu können, weil ihm sonst niemand geglaubt hätte. Damit stellt Wissler die Historie auf den Kopf. Interessanter Ansatz. Das Schicksal des Unberührbaren, einziger Zeuge dieses »Betrugs«, bleibt in der Geschichte offen.
Interessant ist auch, welche Figuren Wissler in seinem Roman nicht auftreten lässt. Auf der vierten Reise wurde Columbus von seinem Bruder Bartolomeo und seinem 13 Jahre alten Sohn Fernando begleitet. Bartolomeo war dabei eine wichtige Stütze seines Bruders, während Fernando die Ereignisse später für die Nachwelt festhielt.
Das Buch ist sehr unterhaltsam und locker geschrieben, stellenweise sogar etwas flapsig. Da heißt es an einer Stelle: »[M]an gönnt den anderen nicht die Ananasscheibe auf dem Brot« (S. 21) und an anderer (S. 56): »Selbstverständlich braucht Amerigo Vespucci kein Gespräch mit irgendeinem Kanusportler, um sich eine Meinung zu bilden.« (S. 56). Aber der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass die Europäer den Menschen in der Neuen Welt mit kaum zu überbietenden Selbstgefälligkeit und Grausamkeit ihren Willen aufgezwungen haben. Columbus und seine Kumpane sind keine glorreichen Entdecker, sondern gewissenlose, egoistische Eroberer. Nur ein Beispiel für die von Wissler historisch korrekt geschilderten Grausamkeiten: Indios, die versuchten, in ein von Spaniern besetztes Kanus zu gelangen, um nicht im Meer zu ertrinken, wurden die Hände abgehackt.
Von Holzwürmern und einer Finsternis
Einige sachliche Fehler trüben den positiven Gesamteindruck. Harmlos ist noch, dass Wissler offenbar den Unterschied zwischen Schiffsbohrwurm und Holzwurm nicht kennt. Er schreibt ständig Holzwurm. So wird die Larve des Gemeinen Nagekäfers (Anobium punctatum) genannt, die Gänge in totes Holz, gerne in Möbel, bohrt. Die Schiffe der Spanier wurden jedoch von der Schiffbohrmuschel Teredo navalis, die auch Schiffsbohrwurm genannt wird, befallen.
Peinlich ist Wisslers Darstellung der berühmten Mondfinsternis-Episode. Columbus, der die für die Seeleute seiner Zeit wichtige Ephimeriden-Tafeln des Regiomontanus mitführte, wusste, dass in der Nacht zum 1. März 1504 eine totale Mondfinsternis stattfinden würde. Weil die Eingeborenen sich weigerten, die Spanier weiter mit Lebensmitteln zu versorgen, kündigte Columbus den Eingeborenen an, dass sein Gott den Mond in dieser Nacht zur Strafe »im Zorn entflammen« und sein Licht verblassen lassen würde. Bei einer Mondfinsternis fällt der Erdschatten auf die hell leuchtende Scheibe des Vollmonds. Die Scheibe wird dunkler und schimmert am Ende in dunklem Rot, weil in der Erdatmosphäre gestreutes Licht dorthin reflektiert wird. Die Mondscheibe bleibt während der ganzen Finsternis sichtbar.
Die Mondfinsternis in einer Darstellung des 19. Jahrhunderts (aus: Astronomie Populaire von Camille Flammarion, 1879)
Als das tatsächlich passierte, drehten die Eingeborenen durch und erfüllten die Wünsche der Spanier. Dieses Ereignis wurde von Kolumbus‘ Sohn Fernando überliefert. Und was schreibt Wissler? Er lässt den Kaziken Ameyro zu Wort kommen: »Es war, als schöbe sich sich eine schwarze Scheibe vor sein geliebtes Angesicht. Größer und größer wurde die Scheibe, immer kleiner wurde der Mond und immer schwächer sein Licht.« Nur bei einer Sonnenfinsternis wäre eine schwarze Scheibe sichtbar, könnte man mit bloßem Auge hinsehen. Es handelt sich dabei um den Neumond, der sich zwischen Erde und Sonne schiebt.
Die Eingeborenen werden sich vermutlich gar nicht wegen der Verdunklung gefürchtet haben. Mondfinsternisse sind keine Seltenheit. Aber sie kannten die Ursache nicht und glaubten, dass Kolumbus seinen Gott dazu bewegen konnte, ihnen dieses Zeichen zu geben. Das machte ihnen Angst.
In der Terra-X-Dokumentation »Kolumbus und die wahren Entdecker Amerikas« des ZDF wimmelt es von Behauptungen und haltlosen Spekulationen. Es werden sogar alte rassistische Mythen aufgewärmt.
Die Reihe »Terra X« im ZDF befasst sich mit den angeblichen »wahren Entdeckern« Amerikas.
Beim Stöbern in der ZDF-Mediathek bin ich mal wieder auf einen Beitrag über Christoph Kolumbus und die Entdeckung Amerikas gestoßen, ein Thema, mit dem ich mich seit Jahren intensiv beschäftige. Titel: »Kolumbus und die wahren Entdecker Amerikas« (Link). Wie viele Terra-X-Dokus wurde er von Peter Prestel und Gisela Graichen produziert. Dass solche Geschichtsdokus nicht immer ganz genau mit de Fakten umgehen, ist nichts Neues. Zuspitzung und Dramatisierung gehören zum Geschäft. Aber in diesem Fall werden doch eine Menge zum Teil haltlose Behauptungen und Spekulationen als Tatsachen hingestellt. Das ärgert mich.
Schon der Anfang ist Bullshit: »Viele sehen in ihm [Kolumbus] noch immer den Entdecker Amerikas. Doch er ist nicht der Erste. Und er weiß es.« Nein, er wusste es nicht. Kolumbus wollte über den Atlantik nach Asien segeln, nach Indien, Cathai (China) und Cipango (Japan). Er folgte nicht den Spuren der »geheimen Entdecker Amerikas«, und die Neue Welt war der Alten auch nicht »durch Karten und Berichte […] längst bekannt«.
Hier alles im Detail darzulegen würde zu weit führen. Ich will nur in paar Beispiele nennen. So wird in dem Beitrag behauptet, Kolumbus habe 1477 in Thule (vermutlich Island) von den Fahrten der Wikinger nach Vinland gehört, wie sie in den isländischen Sagas erzählt wurden. Um das Jahr 1000 hatten grönländische Wikinger eine kurzlebige Siedlung im Norden von Neufundland, das heute zu Kanada gehört, gegründet (Sie wurde 1961 entdeckt). In den zeitgenössischen Dokumenten findet sich kein Hinweis darauf, dass Kolumbus etwas über die Entdeckungen der Wikinger wusste oder dass diese allgemein bekannt war.
Es ist ebenso reine Spekulation, dass er bei einem Aufenthalt in Bristol in England von der legendäre Reise des St. Brendan gehört hat. Dieser irische Mönch soll im sechsten Jahrhundert eine Seereise unternommen haben. Einzelheiten dieser im Mittelalter weit verbreiteten Legende könnten als Entdeckungen im Nordatlantik gedeutet werden. Es wird auch auf Einträge in Kolumbus‘ Bordbuch verwiesen, die es gar nicht gibt.
Eine erfundene Legende
Dies sind allerdings nur Kleinigkeiten im Vergleich mit den Ausführungen zum walisischen Prinz Madoc. In dem Beitrag wird – nach einem kurzen Hinweis darauf, dass »die bisherige Forschung« die Geschichte als »reines Wunschdenken der Waliser« ansieht – lang und breit behauptet, dass Madoc, Sohn eines walisischen Fürsten, 1170 in See gestochen, in Mobile/Alabama am Golf von Mexiko an Land gegangen und mit seinen Leuten den Mobile River bis nach Tennessee hinaufgefahren ist. Dort soll er eine Burg gebaut und friedlichen Kontakt mit den einheimischen Mandan-Indianer gehabt haben. Quellen werden nicht genannt, es kommen zwei Waliser zu Wort, und es wird auf »Wissenschaftler« verwiesen.
So stellen sich die Filmemacher das Treffen von Walisern und Mandan vor.
Das hört sich nach einem spannenden Kapitel der Entdeckungsgeschichte an. Sie hat nur einen Nachteil: Nichts daran stimmt. Ich will das erläutern:
Es gibt keinen Beleg dafür, dass es überhaupt einen walisischen Prinz Madoc gegeben hat. Der Name ist nur durch ein Gedicht aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts überliefert, in dem es aber nicht um Entdeckungsfahrten, sondern um Fischerei geht. Der früheste Beleg für die Behauptung, dass Madoc über den Atlantik segelte und das von ihm entdeckte Land im Westen Amerika war, findet sich in der Cronica Walliae von Humphrey Llwyd, einem walisischen Kartografen und Parlamentsabgeordneten des 16. Jahrhunderts. Dieses Geschichtswerk aus dem Jahr 1559 ist zwar bis 2002 unveröffentlicht geblieben, Llwyds Behauptung dürfte aber seinen Zeitgenossen bekannt gewesen sein. Denn die Legende von Madoc wurde in weiteren Werken jener Zeit aufgegriffen und findet sich etwa im 1576 verfassten Manuskript Brytannici Imperii Limites von John Dee, einem wichtigen Berater der englischen Königin Elisabeth, und lag 1583 in dem Werk A True Reporte Of the late discoveries and possessions taken in the right of the Crowne of Englande, of the Newfound Landes: etc. von George Peckham erstmals gedruckt vor. Weitere Werke, etwa die Principall Navigations von Richard Hakluyt aus dem Jahr 1589, griffen die Legende auf und schmückten sie aus. So »überlieferten« sie, dass die walisischen Siedler sich in Florida niederließen.
Dee, Hakluyt und anderen Gelehrten des späten 16. Jahrhunderts befassten sich mit Madoc nicht aus wissenschaftlichem Interesse. Es ging um Politik. Sie wollten Ansprüche der englischen Krone auf die im Westen gerade entdeckten Gebiete durchsetzen, indem sie sich auf angeblich ältere Rechte beriefen – nach dem Motto: Seht her, einer von uns war schon viel früher dort als ihr. England stritt mit dem Königreich Spanien um die Vorherrschaft in Nordamerika.
Der Mythos wuchert
Nachdem die Saat erst einmal gesät war, wucherte der Madoc-Mythos und breitete sich aus. Als im 18. und 19. Jahrhundert immer mehr Waliser und Engländer nach Amerika kamen, erreichte er die Neue Welt. In Amerika, so wurde die Legende weiter gesponnen, ließen sich die von Prinz Madoc angeworbenen Siedler aus Wales zunächst an der Küste nieder. Später zogen sie ins Landesinnere und vermischten sich schließlich mit den Einheimischen. Obwohl die ursprüngliche »Überlieferung« in den Texten des 16. Jahrhunderts ausdrücklich berichtete, dass von den walisischen Siedlern, die Madoc in den Westen gefolgt waren, nie eine Nachricht zurückkam, ist die Literatur voller Berichte über ihr Schicksal und Orte, an denen sich die Waliser zunächst niedergelassen haben sollen.
Als Favorit für den Ort der Landung in Amerika schälte sich nach und nach die Bucht von Mobile am Golf von Mexiko heraus. Dort ließen die Daughters of the American Revolution (DAR), eine patriotische Frauen-Organisation, deshalb im Jahr 1953 eine Gedenktafel anbringen. Deren Inschrift lautet: »In memory of Prince Madoc a Welsh explorer who landed on the shores of Mobile Bay in 1170 and left behind with the Indians the Welsh language.« (Zur Erinnerung an Prinz Madoc, einem walisischen Entdecker, der 1170 an den Ufern der Bucht von Mobile landete und den Indianern die walisische Sprache hinterließ). Die Plakette wurde 2008 von der Nationalparkverwaltung von Alabama angeblich vor dem Sturm Ike in Sicherheit gebracht. Sehr zum Verdruss einiger patriotischer Alabamer. Sie forderten in einer Online-Petition von der Nationaparkverwaltung, die Gedenktafel wieder an ihrem ursprünglichen Standort aufzustellen und prangerten die »offensichtlichen Vorurteile gegen Prinz Madoc und die Waliser« an. Inzwischen wurde die Plakette im Garten des Richards DAR House Museum in Mobile aufgestellt.
Rechtfertigung für Unterdrückung
Ohne jeglichen Beleg werden in der Doku imposante Steinsetzungen in Tennessee und Ohio zu Resten walisischer Festungen erklärt. Tatsächlich handelt es sich bei Madocs angebliche Burgen zum Teil um natürliche Formationen wie den Devil’s Backbone am Ohio und zum Teil um indianische Kultplätze wie dem Old Stone Fort am Duck River in Tennessee. Das wird in dem Beitrag nicht einmal erwähnt. Stattdessen werden rassistische Vorurteile verbreitet.
Ein paar behauene Steinblöcke im Wald präsentiert die Doku als Reste einer möglichen Madoc-Burg. Wo in Amerika diese Aufnahme entstand, wird nicht gesagt.
Dass die »primitiven« Eingeborenen solche Anlagen, auf die die Einwanderer immer wieder stießen, nicht gebaut haben konnten, war im 18. und 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Meinung bei den weißen Europäern. Mit dem Mythos von den wilden, unkultivierten Ureinwohner rechtfertigten sie deren Unterdrückung und die Zerstörung der indigenen Kulturen. Im 21. Jahrhundert sollten Autoren von Geschichtsdokus das wissen, zumal sie durch eine einfache Internetrecherche hätten herausfinden können, um was es sich bei diesen Formationen handelt.
Über die Mandan wird die Behauptung wiedergegeben, dass sie auffällig hellhäutig waren, zum Teil blaue Augen hatten und Walisisch klingende Wörter benutzten. Dass das Siedlungsgebiet der Mandan schon im 12. Jahrhundert nicht in Alabama oder Tennessee, sondern mehr als 1300 Kilometer nordwestlich in Dakota lag, wird in der Doku verschwiegen.
Auch über die Wikinger, deren Anwesenheit in Nordamerika 500 Jahre vor Kolumbus zweifelsfrei feststeht, werden in dem Beitrag haltlose Spekulationen aufgestellt. Es wird von kanadischen Wissenschaftlern berichtet, die die Herkunft von Feuersteinen, die in der Wikingersiedlung auf Neufundland ausgegraben wurden, ermitteln. Sie erhoffen sich dadurch Hinweise darauf, wohin die Nordmänner bei ihren Erkundungsfahrten in Nordamerika kamen und wo sie Kontakt zu Einheimischen hatten, um an diesen Stellen gezielt nach Wikinger-Spuren zu suchen. In der Doku wird daraus die Behauptung, dass die Wikinger vorhatten, »in der Neuen Welt weitverzweigte Kolonien aufzubauen«.
Der Beitrag von 2019 ist nicht durchgehend schlecht und mit seinen zahlreichen szenischen Einschüben, die Kolumbus in Bristol, Madoc bei den Mandan oder die angebliche Expeditionsflotte des malischen Königs Abukabari II. zeigen, sehr unterhaltsam. Es wird eine ganze Reihe interessanter Aspekte angesprochen, aber die weitgehend unreflektierte Mischung aus wissenschaftlich erwiesenen Fakten und reinen Spekulationen ergibt insgesamt ein falsches Bild, das der Verbreitung pseudohistorischer Mythen Vorschub leistet. Erst ganz am Ende des Beitrags, in den letzten ein, zwei Minuten werden die zuvor aufgestellten Behauptungen relativiert, es wird plötzlich von Vermutungen gesprochen und das Kolumbus von möglichen früheren Fahrten nach Westen gewusst haben könnte. Das hört sich doch ganz anders an als das „Er weiß es!“ vom Anfang.
Die wahren »wahren Entdecker«
Im Übrigen – die wahren Entdecker Amerikas waren die namenlosen Männer und Frauen, die von Asien kamen und den Kontinent als erste Menschen vor mehr als 16.000 Jahren im heutigen Alaska betraten.