Das Loch im Kirchendach

Ein Meteor schlägt in Marthas Leben ein . Eine Kurzgeschichte zu einem aktuellen Anlass.

Bild: C1superstar

Ein rotes Auto kam langsam die Straße hinaufgefahren. Martha sah es durch das Dachfenster der alten Kirche. Es gab sonst wenig Abwechslung in diesem Kaff. Seit die Umgehungsstraße fertiggeworden war, kam kaum noch ein Fremder hierher. Die Einheimischen und deren Autos kannte sie alle.

Martha hatte schon am frühen Morgen damit begonnen, die schadhaften Dachziegel abzuheben und durch neue zu ersetzen. Irgendetwas hatte ein Loch in die Pfannen geschlagen. Der Pfarrer vermutete, dass es ein großes Hagelkorn beim letzten Unwetter vor ein paar Tagen war. Aber Martha hielt das für unwahrscheinlich. Das Hagelkorn hätte so groß wie ein Fußball sein müssen, um ein solches Loch zu hinterlassen.

Der Wagen musste kurz stoppen, weil eine Elster auf der Straße gelandet war. Martha konnte nicht erkennen, was den Vogel so sehr faszinierte, dass er vor dem herannahenden Wagen nicht aufgeschreckt wurde. Vermutlich war es etwas Fressbares, vielleicht eine Maus, die am Morgen von einem der Traktoren, die mit ihren Anhängern unterwegs zu den Rübenfeldern gewesen waren, überfahren worden war.

Schließlich flog die Elster mit einem empörten Krächzen davon. Der Wagen fuhr weiter und kam schließlich auf dem kleinen Parkplatz neben der Kirche zum Stehen. Martha hörte, wie der Motor ausgestellt und eine Tür geöffnet wurde. Sie musste sich weit vorbeugen, um etwas erkennen zu können. Aber die Person, die ausstieg, vermutlich ein Mann, trug einen breitkrempigen Hut, so dass sein Gesicht nicht zu sehen war. Er machte ein paar Schritte auf die Kirche zu und verschwand aus Marthas Blickfeld.

Wenig später hörte sie Stimmen, die von unten heraufdrangen. Zwei Männer unterhielten sich. Das eine war der Pfarrer. Martha erkannte es am starken Lispeln. Die andere Stimme war tief und wohlklingend. Sie war sicher, dieser Person noch nie begegnet zu sein. Vermutlich der Besucher mit dem roten Auto.

Es dauerte ein paar Minuten, dann tauchte der Kopf des Pfarrers in der Bodenluke auf. »Hallo, Martha«, sagte er nur. Für die Reparaturarbeiten am Dachstuhl, die sie fast abgeschlossen hatte, hatte er nur einen kurzen Blick. Stattdessen musterte er die Bretter, die als Decke ins Kirchenschiff eingezogen worden waren. Auf ihrer Unterseite waren sie aufwändig bemalt, aber von oben sahen sie wie ganz normale Bretter aus. Martha fragte sich schon, wonach der Pfarrer suchen mochte, als er sich nach unten beugte und »Hier ist nichts zu sehen« hinunterrief.

Ah, dachte Martha, das ist bestimmt jemand von der Versicherung. Die wollen wissen, ob noch mehr als ein paar Dachpfannen beschädigt sind.

»Lassen Sie mich mal«, hörte Martha den Mann mit einem wohlklingenden Bariton rufen. Der Pfarrer verschwand nach unten. Stattdessen tauchte wenig später der Hut auf, und schließlich stand der unbekanne Besucher auf dem Dachboden.

Er war noch jung, kaum älter als Martha, und trug einen blauen Overall. Er hatte ein hübsches Gesicht und strahlte Martha an. Er gefiel ihr auf Anhieb.

»Moin, junge Frau. Ich möchte mich hier ein wenig umsehen.«

»Nur zu.«

Martha machte eine einladende Handbewegung. Der Mann kam auf sie zu und musterte die neu eingesetzten Pfannen.

»Wo war das Loch genau, und wie groß war es?«, wollte er wissen.

Martha zeigte ihm die Stelle im Dach und zeichnete mit dem rechten Zeigefinger die Umrisse des Lochs nach.

»Ich habe Fotos gemacht. Wenn Sie sie sehen wollen.…«

»Vielleicht später.«

Der Mann holte ein Stück Papier, ein Mobiltelefon und einen silberfarbenen, fingerdicken Stift aus seiner Brusttasche. Den Stift zog er mit einer schnellen Handbewegung zur mehrfachen Länge aus. Er tippte ein paar Mal auf das Handy, hielt es mit dem Stift zusammen gegen die von Martha bezeichnete Stelle am Dach, sah auf den Zettel, und drehte alles ein paar Mal hin und her, bis er offenbar die richtige Stellung gefunden hatte.

»Sehen Sie mal dort nach, an der Stelle, auf die der Stift zeigt«, forderte der Mann Martha auf.

Martha sah ihn verwirrt an. Was wollte der von ihr?

»Nun machen Sie schon. Einfach mal nachsehen. Ist nicht gefährlich.«

Martha richtete ihren Blick auf die Stelle, auf die der Stab zeigte. Dort quoll etwas von der Glaswolle, mit der die Kirche offenbar isoliert worden war, zwischen dem Abschluss der Balken und der Außenmauer hervor. Sie konnte nichts erkennen. Sie nahm ihre Taschenlampe, die sie auf den Boden gelegt hatte, denn es war hier oben hell genug zum Arbeiten, und leuchtete die Stelle an. Jetzt sah sie etwas Dunkles schimmern, das in die Glaswolle eingedrungen zu sein schien.

»Da ist was!«

Mit zwei Schritten war der Mann neben ihr, bückte sich und nahm das dunkle Etwas zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Es war etwa so groß wie eine Kastanie.

»Wusste ich’s doch«, sagte er triumphierend und richtete sich auf. Er strahlte übers ganze Gesicht und sah richtig glücklich aus. Das gefiel Martha.

»Was ist das?«, fragte sie und trat so nah an ihn heran, dass sie ihn fasst berührte.

Der Mann setzte ein spitzbübischen Grinsen auf.

»Das, meine Liebe, hat das Loch in euer Kirchendach geschlagen. Ein Meteorit. Vor ein paar Tagen ist hier in der Gegend ein kosmisches Brocken beim Flug durch die Atmosphäre auseinandergebrochen.«

Davon hatte Martha gehört.

»Wie damals in Russland?«

»Genau, Tscheljabinsk, 2013.«

Der Mann wandte sich wieder der Luke zu, als wollte er gehen. Schnell streckte Martha die Hand aus.

»Darf ich?«

Der Mann legte den Stein vorsichtig in ihre Hand. Sie ließ ihn ein paarmal durch die Finger kreisen. Der Meteorit erwies sich als kühl und viel schwerer, als Martha erwartet hatte. Seine Oberfläche war glatt, fast glasartig.

»Was passiert damit?« Sie gab ihm den Stein zurück.

Der Besucher verstaute ihn in einer seiner vielen Taschen und machte sich an den Abstieg.

»Wir untersuchen ihn, und dann kommt er vielleicht in die Ausstellung.«

Martha sah ihn fragend an.

»In der Sternwarte in der Kreisstadt, ich arbeite da.«

Der Mann war schon wieder bis zur Brust in der Dachluke verschwunden.

»Kommen Sie doch einfach mal vorbei, ich zeige Ihnen dann alles. Fragen Sie nach Erik«, sagte er, lächelte und lupfte zum Abschied seinen Hut.

»Das werde ich machen«, erwiderte Martha. Dabei war ihr der Meteorit eigentlich schnuppe.


Anfang März 2026 durchschlug ein Meteorit in Koblenz das Dach eines Wohnhauses (Link). Als ich diese Nachricht hörte, fiel mir eine Kurzgeschichte ein, die schon einige Zeit auf der Festplatte »verstaubte«. Sie war Ergebnis einer täglichen Schreibaufgabe. Diese lautete: Schreibe eine Kurzgeschichte von mindestens 300 Wörtern, in denen diese vier Begriffe – Vogel, Meteorit, Dachstuhl, vorbeugen – in verschiedenen Sätzen vorkommen. Du hast eine halbe Stunde Zeit. Für die Veröffentlichung habe ich sie leicht nachbearbeitet.


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Sie bewundern einen Stern

Der Teppich von Bayeux ist ein fantastisches Werk spätmittelalterlichen Kunsthandwerks. Er erzählt in gestickten Bildern von einem historischen Ereignisse.

1066 war der Halleysche Komet zu sehen. Die Darstellung auf dem Teppich von Bayeux ist die älteste bekannte Abbildung des Kometen.

Der Teppich von Bayeux ist ein Meisterwerk des spätmittelalterlichen Kunsthandwerks. Auf einer Länge von fast 70 Metern erzählt er in einer grandiosen Bildergeschichte von der Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066. Diese spektakuläre Sehenswürdigkeit war ein Grund für die Auswahl unseres diesjährigen Urlaubs.

Der Teppich ist allerdings kein Teppich, denn er wurde nicht geknüpft oder gewebt, sondern es ist eine Stickerei auf einem Leinentuch. Was für eine Arbeit! Auch von Eroberung kann eigentlich nicht die Rede sein. Mit dem Sieg des Normannenherzogs Wilhelm über den Angelsachsen Harold Godwinson, den Earl of Wessex, am 14. Oktober 1066 in der Schlacht bei Hastings endete der Streit über die englische Thronfolge und begann die endgültige Normannisierung Englands, die bereits unter King Edward begonnen hatte. Wilhelm legte sich den Beinamen »der Eroberer« zu, die unterlegenen Angelsachsen nannten ihn »William the Bastard«.

Die Ereignisse in den Jahren 1064 bis 1066 rund um den Tod des englischen Königs Edward, seinen Schwager und Nachfolger Harold und den Normannenherzog, einem Verwandten Edwards zweiten oder dritten Grades, werden auf dem Teppich wie in einem Ur-Comic in 58 gestickten »Panels« lebendig und mit erstaunlicher Dynamik erzählt. Dank schriftlicher Quellen und der lateinischen Beschriftung ist ziemlich genau bekannt, was und wer dargestellt ist. Ober- und unterhalb dieses Hauptfrieses verlaufen zwei Randborten, die zum Teil dekorativen Charakter haben, zum Teil Bezug zum Hauptfries nehmen oder Alltagsszenen zeigen, bei denen unwahrscheinlich ist, dass ein Zusammenhang mit den dargestellten Ereignissen besteht. Die Abbildungen von Waffen, Trachten, Werkzeugen, Schiffen, Alltagsszenen etc. sind eine wichtige Quelle für Wissenschaftler.

Rakete und Komet

Als jemand, der an Science-Fiction interessiert ist, habe ich bei einem Besuch in Bayeux besonders auf phantastische Elemente geachtet – und in Szene 14 eine Rakete entdeckt! Raumfahrt im Mittelalter, so ein Unsinn, höre ich euch sagen, und natürlich ist das Abgebildete ein Gebäude, dem Text nach zu urteilen, ein Wachturm vor dem Palast von Wilhelm in der normannischen Hauptstadt Rouen. Aber die Ähnlichkeit mit einer Ariane-5-Rakete mit den beiden seitlichen Bustern ist doch nicht zu leugnen.

Das Design ähnelt sich: links ein Turm, rechts die Ariane 5.

Assoziationen ins fantastische Genre weckt auch das Panel 18. Es zeigt den Angriff der Normannen auf die bretonische Stadt Dol. Wir sehen einen Mann, der sich offenbar von einem Gebäude abseilt. Der Text erläutert das Geschehen: ET VENERUNT AD DOL ET CONAN FVGA VERTIT REDNES (und sie kamen nach Dol und Conan floh nach Rennes). Conan II. war von 1040 bis1066 Herzog der Bretagne, aber nicht Namensgeber von Conan dem Barbar, dem von Robert E. Howard 1931 erfundenen Urtyp des »Sword and Sorcery«-Helden. Conan ist ein alter gälischer Männername und bedeutet »kleiner Wolf«.

Nicht meiner Phantasie entsprungen ist dagegen die Darstellung eines Kometen in Bild 32. Mehrere Männer, die gerade noch dem neuen König Harold zugejubelt haben, stehen vor einem Gebäude und zeigen mit den Finger auf einen Stern mit einem gezackten Ende. ISTI MIRANT STELLA lautet die Textzeile, »Sie bewundern einen Stern.« Es handelt sich um den später zu Ehren des britischen Astronomen Edmond Halley (1656–1742) so genannten Halleyschen Kometen. Er ist etwa alle 75 Jahren in Erdnähe und war im Frühjahr 1066 in der Normandie und in England zu sehen. Bevor ihre wahre Natur bekannt wurde, galten Kometen als böses Omen. Die Darstellung auf dem Teppich von Bayeux ist die älteste bekannte Abbildung des Kometen.

Auf den beiden Randborten sind einige Fabelwesen zu finden. In Panel 2 stehen sich zwei geflügelte Zentauren, Mischwesen aus Mensch und Pferd, gegenüber (in der Regel treten Tiere auf den Randborten paarweise auf), in Szene 10 oben sogar eine Zentaurin, erkennbar an den langen Haaren. Auf vielen Panels sind Greife, mystische Mischwesen aus Löwe und Vogel, abgebildet, und im Übergang von Szene 12 und 13 und in Szene 39 feuerspeiende Drachen. Solche Fabelwesen gehören zur Bildwelt des Mittelalters. Man findet sie als sogenannte Konsolfiguren in Kirchen. Der Drache symbolisiert den Teufel. Der Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen (Offb 12,7 EU) ist ein beliebtes Motiv in der religiösen bildenden Kunst.

Jagdszenen und Erotik

Viele Elemente der beiden Randborten stellen Alltagsszenen dar. Man sieht Bauern beim Pflügen, Eggen und bei der Saat (Szene 9), Nutztiere wie Schafe sind abgebildet. In Szene 10 macht ein Landmann Jagd auf Vögel, und in Panel 11 greift ein Ritter mit Schwert und Schild einen an einen Baum gebundenen Bären an.

Dass das Mittelalter alles andere als prüde war – immerhin wurde der Teppich zu besonderen Anlässen in der Kathedrale von Bayeux aufgehängt – zeigen einige erotische Szenen. In Panel 13 ist ein nackter Mann mit erigiertem Penis zu sehen, der beide Arme einer nackten Frau entgegenstreckt. Zwei ähnliche Szene zeigt Panel 48. Welchen Zweck diese Abbildungen hatten, muss offen bleiben. Spekuliert wird unter anderem, dass sie ein Verhalten im Hauptfries abgebildeten Personen kommentieren

Zum Ende der Bildergeschichte, ab Szene 51, ändert sich die Bebilderung des unteren Nebenfries. Dort sind jetzt außer vorrückenden normannischen Bogenschützen durch Lanzen, Pfeile oder Schwerthiebe Gefallene der Schlacht von Hastings zu sehen, zum Teil mit abgeschlagenen Köpfen und Körperteilen. In einigen Fällen werden ihnen die Kettenhemden ausgezogen, und sie bleiben nackt liegen.

Sich selbst ein Bild machen

Datiert wird der Teppich von Bayeux in die späten 1070er Jahre. Auftraggeber war vermutlich Wilhelms Bruder Odo, damals Bischof von Bayeux. Wer mehr über den Teppich wissen will, kann sich bei Wikipedia schlau machen. Das Museum in Bayeux bietet online ein hochauflösendes Digitalisat des Teppichs an, so dass man sich selbst ein Bild machen und die Feinheiten studieren kann.

Begegnet ist uns Wilhelm der Eroberer noch einmal, in Caen. In der von ihm dort gestifteten Klosterkirche Saint-Étienne wurde er 1087 beigesetzt. Das Grab wurde allerdings Mitte des 16. Jahrhunderts durch Calvinisten und später während der Französischen Revolution gestört. Es enthält heute angeblich nur noch einen Beinknochen. Das Grab vor dem Hauptaltar ist durch eine Marmorplatte gekennzeichnet. Sie trägt die lateinischen Inschrift HIC SEPULTUS EST | INVICTISSIMUS | GUILLELMUS | CONQUESTOR | NORMANNIÆ DUX | ET ANGLIÆ REX | HUJUS CE DOMUS | CONDITOR | QUI OBBIT ANNO | MLXXXVII (Hier ist der unbesiegbare Wilhelm begraben, Eroberer, Herzog der Normandie und König von England, der Gründer dieses Hauses. Er starb im Jahr 1087“.

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Nicht mehr als ein winziger Punkt

Caspar David Friedrich hat eines seiner Gemälde »Der Abendstern« genannt. Man muss aber genau hinsehen, um die Venus zu entdeckt.

»Der Abendstern« von Caspar David Friedrich

Das Gemälde »Der Abendstern« von Caspar David Friedrich ist nicht so bekannt wie »Kreidefelsen auf Rügen«, »Das Eismeer« oder »Der Wanderer über dem Nebelmeer«. Es hängt im Goethe-Museum in Frankfurt und zeigt eine Abendstimmung mit drei Personen, die auf einem Hügel gehen und im Hintergrund die Silhouetten mehrerer Gebäude und Bäume. Es handelt sich dabei unter anderem um die Frauenkirche in Dresden und den Schlossturm. Das Gemälde entstand Anfang der 1830er Jahre. Die drei Personen auf dem Bild sind Friedrichs Frau Caroline und zwei seiner drei Kinder.

Caspar David Friedrich wurde 1774 in Greifswald geboren. Er gilt als bedeutendster Mal der Romantik in Deutschland. Nach dem Kunststudium in Kopenhagen und Dresden ließ er sich 1798 in Dresden als freischaffender Maler nieder und lebte dort bis zu seinem Tod 1840.

Aber warum heißt das Gemälde »Der Abendstern«? Nun, man muss schon genau hinsehen und wissen, wonach man suchen muss. Denn der Abendstern – das ist die Venus – ist nur ein winziger weißer Punkt gleich oberhalb des breiten Wolkenbandes ungefähr in der Mitte zwischen der zentralen Figur und dem Turm der Kreuzkirche links davon (ich habe das mal mit diesem etwas albernen GIF illustriert).

Ausschnitt mit Pfeil: Die Venus ist nur ein kleiner weißer Punkt, der selbst im Original kaum zu sehen ist.

Dem normalen Betrachter wird der Punkt wahrscheinlich nicht auffallen. Auf den Abbildungen der Reproduktionen, die im Internet verfügbar sind, ist er oft nicht zu erkennen. Die Venus als Abendstern wird hier übrigens als Verkünder des nahenden Todes interpretiert, genauso wie die Pappelgruppen am linken und rechten Bildrand.

Ich war im September im Goethe-Museum und habe dort das Bild eher zufällig entdeckt. Vielleicht hätte ich die Venus gar nicht gesucht, sondern mich nur über den Titel des Gemäldes gewundert, wenn ich nicht im Frühjahr ein Foto vom Abendstern gemacht hätte. Auch auf meiner Aufnahme ist die Venus nicht mehr als ein Pixel am oberen Bildrand. Andere Bildelemente, wie das Abendrot hinter den Baumsilhouetten und die Mondsichel, sind viel auffälliger – obwohl selbst der Mond in unserer Wahrnehmung viel größer erscheint, als er tatsächlich ist.

Venus und zunehmender Mond über Leer, aufgenommen am Abend des 26. März 2020.

Das von mir aufgenommene Foto vom Mond und der Venus am westlichen Abendhimmel von Leer entstand Ende März 2020. In dieser Zeit erreichte die Venus ihre größte östliche Elongation (der von der Erde aus gesehen größte Abstand von der Sonne) und die Dichotomie (die Halbphase, in der genau eine Hälfte des Planeten beleuchtet ist). Der Planet war über mehrere Monate gut am Abendhimmel zu sehen.